Archiv für Juli 1996

Hochzeitstorte per Internet

Mittwoch, 24. Juli 1996

Online-Shopping per Internet kommt langsam auch bei uns in die Gange. Und siehe da, es sind vor allem die Tante-Emma-Läden und nicht die gro§en Handelsketten, die mutig voranschreiten. Jedenfalls rief mich kürzlich einer von Aldi an und wollte wissen, wie man eigentlich eine Internet-Adresse reservieren lässt.

Er sollte lieber den Bäckermeister Rainer Guist aus Düsseldorf fragen. Der ist mit seiner Konditorei Oehme schon online. Für den kleinen Hunger gibt es dort Käsebrötchen, Leberwurstschnittchen oder Baguette für je 2,60 Mark, zum Schlemmen die Cremetorte mit Schokoplättchen zu 41 Mark oder einen Partykorb mit deftigen Sachen ab 25 Mark. Sogar die Hochzeitstorte können Flitterpaare per Computer ordern: bis zu siebenstöckig für 500 Mark.

Schnäppchen finden neuerdings auch Investoren per PC: Die elektronische Ausgabe von “Focus” baut eine Online-Datenbank auf mit Häusern, die zur Zwangsversteigerung ausgeschrieben sind. München macht den Anfang, die anderen Großstädte sollen bald folgen. Chefredakteur Jörg Bueroße von Focus-online: “Bei Versteigerungen kommen Immobilien zum Verkehrswert oder noch günstiger unter den Hammer. Nur weiß man in der Regel nicht, wann und wo.”

Einem noch dringenderen Bedürfnis vieler Leute heute im Zeitalter knapper Arbeitsplätze kommt Gitta Welter-Cröpin aus Oberursel nach: Sie vermittelt Führungskräfte. “Manager OnLine” nennt sich die elektronische Jobbörse für Leitende – entpuppt sich aber bei näherem Hinsehen ein bisschen als Mogelpackung: Die persönlichen Daten, die gegen einen Beitrag von 295 Mark gespeichert werden, sollen gar nicht “online”, sondern auf einer CD-ROM abgespeichert werden. Diese schickt die findige Vermittlerin dann den Personalchefs der grossen Unternehmen. Die, so vermutet sie wohl, hätten vielleicht einen PC mit CD-Laufwerk, aber wahrscheinlich noch keinen Internetanschluss.

Und das Schlimme ist: Sie hat vermutlich sogar recht…

 

David Netscape lehrt Goliath Microsoft das Fürchten

Montag, 15. Juli 1996

Die kleine Firma Netscape lehrt den Branchenriesen Microsoft schon seit geraumer Zeit das Fürchten. Der Internet-Browser “Netscape Navigator” ist jetzt die meitverwendete Software der Welt, denn er wird heute von mehr als 38 Millionen  Menschen benutzt – und hat damit den bisherigen Spitzenreiter, die Tabellenkalkulation “Excel” von Microsoft (30 Millionen) auf Platz zwei der Bestsellerliste verwiesen.

Die Einweihung der neuen Deutschlandzentrale in Hallbergmoos, zwei Kilometer vom Flughafen München II entfernt, geriet denn auch zum Branchenereignis. Am meisten aber strahlte an diesem Abend der Herr Bürgermeister, als nämlich der Deutschlandchef von Netscape, Klar Klarmann, plötzlich ein Loblied auf seinen Heimatort anstimmte: Seitdem Netscape seinen deutschen Webserver dort stehen hat, wo sich jeder eine kostenlose Probeversion der Navigator-Software herunterladen kann, sei Hallbergmoos inzwischen die meistbesuchte Gemeinde Deutschlands geworden.

Gibt es bald eine Internet-Blase?

Sonntag, 14. Juli 1996

Wie bewertet man eine Firma, die Produkte für das Internet macht? Diese Frage stellt sich in den letzten Wochen immer wieder, weil viele junge Hightech-Unternehmen an die Börse drängen, ausgestattet mit viel Begeisterung und guten Ideen, aber leider ohne Geld.

Netscape machte vor einem halben Jahr den Anfang, bot seine Aktien für 24 Dollar an und erlebte, wie sich der Kurs innerhalb von vier  Stunden verdreifachte. Damals habe ich nicht gekauft und bereue es bitterlich. Nun frage ich mich, ob ich bei “Wired” zuschlagen soll, der Kult- und Szene-Zeitschrift aus San Francisco, die inzwischen mehr als 300.000 Hefte im Monat verkauft und eine tolle Web-Seite unterhält .

Mich machen nur ein paar Zahlen aus dem Prospekt zum Börsengang stutzig: Bei einem Ausgabekurs von zwölf Dollar wäre der gesamte Aktienbestand 495 Millionen Dollar wert – 18mal mehr als der derzeitige Jahresumsatz. Nein, ich glaube nicht, dass ich zu dem Preis einsteige. So hoch wachsen nicht einmal im Internet die Bäume in den Himmel.

 

USA aufs Kreuz gelegt

Donnerstag, 11. Juli 1996

Die deutschen Banken haben lange zögernd am Beckenrand gestanden. Jetzt trauen sich die ersten zum Sprung ins kalte Wasser des Internet-Banking. Die Landesgirokasse Stuttgart plant dem Vernehmen nach ebenso wie drei andere Kreditinstitute einen Test mit Homebanking-Software der schwäbischen Firma Brokat Informationssysteme.

Die kleine Softwareschmiede aus Böblingen hat es geschafft, das US-Verteidigungsministerium aufs Kreuz zu legen: Die verbietet nämlich den Export wirklich sicherer Codierschlüssel, die in Amerika entwickelt worden sind, aus Gründen der “nationalen Sicherheit”: Datenverschlüsselung sei eine Kriegswaffe. Also hat man in Böblingen einfach einen eigenen Code geschrieben, der in der Funktion der angeblich unknackbaren, bei uns aber nicht erhältlichen US-Version von Netscapes “Secure Socket Layer” entspricht.

Dr. Boris Anderer von Brokat, mit dem ich kürzlich darüber sprach, meinte ganz unschwäbisch: “Damit sind wir wohl in Deutschland fahrend in Sachen Softwarelösungen für Datensicherheit auf dem Internet.”

 

Bild dir eine Meinung im Internet

Freitag, 05. Juli 1996

Na endlich: “BILD” ist online. Mit stündlich neuer News, Klatsch und Tratsch, Sportberichte und natürlich auch dem leichtgeschürzten “Mädchen des Tages”. Man kann sogar Kreuzworträtsel ausfüllen (Tagespreis: 10.000 Mark), “Bingo” spielen oder auf eine virtuelle Torwand schießen (“Torminator”).

Verlagsgeschäftsführer Christian Delbrück ist mächtig stolz auf  das, was seine Mannen hinbekommen haben: “Mit der starken Betonung von Spa§  und Unterhaltung  zahlt Bild Online zu den interessantesten Adressen im Internet.” Zu den teuersten sowieso: Ich habe einen Blick in die Medienunterlagen geworfen: 30.000 Mark im Monat sollen Anzeigenkunden für einen anklickbaren Hyperlink auf der elektronischen Titelseite bezahlen. Der Kommerz zieht ein im Cyberspace.