Archiv für Oktober 1996

Der Mensch als Firewall

Mittwoch, 16. Oktober 1996

Darauf warten viele Online-Nutzer: echtes Home Banking per Internet. Doch da tun sich das deutsche Bankgewerbe zur Zeit noch etwas schwer, Sicherheitsbedenken und so.

Alle bis auf eine: Die Stadtsparkasse Dortmund ist vor ein paar Wochen vorgeprescht und bietet ihren Kunden die Möglichkeit, per Internet Konten zu eröffnen, Kontostände abzufragen und sogar †Überweisungen zu tätigen.

“Keine Angst vor Hacker?”, fragte ich Frank Kloose, der für die EDV-Anbindung des Hauses zuständig ist.

“Nee”, lachte er – und verriet mir sein Geheimnis: Die Verbindung zwischen Bankcomputer und Internet ist – ein Mensch, nämlich ein Mitarbeiter in der S-Direkt-Abteilung, der zufällig neben dem Internet-Server sitzt und alle einkommenden Aufträge händisch in den Bankenrechner eintippt. Und wenn ihm etwas komisch vorkommt, ruft er vorsichtshalber beim Kunden an – sozusagen eine “human firewall”.

Die selbstgestrickte Internet-Lösung funktioniert in der Praxis prima – und vor allem todsicher!

 

Nur Fliegen ist schöner

Dienstag, 15. Oktober 1996

Die neue Web-Seite der Deutschen Lufthansa (www.lufthansa.com) ist mit das Beste, was es zur Zeit aus deutschen Landen im Internet gibt. Man kann per Mausklick durch einen “virtual Airport” schlendern, am Fahrkartenschalter stehenbleiben und ein Ticket reservieren oder im Flughafen-Café mit anderen Cyber-Reisenden per Chat plaudern. Die 3D-Abbildungen werden übrigens zunächst als einfache Strichgrafik übertragen, um Ladezeit zu sparen; erst wenn das Liniengerüst steht, werden die Bilddaten nachgeschoben. Wer nicht verweilen will, kann den Ladevorgang also jederzeit abbrechen und weitersurfen. Nur fliegen ist schöner!

3D ist ohnehin das Stickwort der Saison. Eine neue Technik namens VRML (“wermell” ausgesprochen) soll das bislang eher statische Web in eine plastische Welt verwandeln, die von blinkenden, ruckelnden und zuckenden Multimedia-Animationen durchzogen werden. Bei einem Seminar in München packte Kai Büchsenmann vom Axel Springer Verlag in Hamburg eine ganze Trickkiste aus voller 3D-Welten, zum Beispiel einen Internet-Zeitungskiosk, in dem der User per Maussteuerung an den Regalwänden entlang fliegt wie weiland Peter Pan. Büchsenmann selbst hatte aber noch ein bisschen Probleme mit der Steuerung: Er knallte immer mit dem Kopf durch die virtuelle Wand, landete draußen in den unendlichen Weiten des Cyberspace und musste immer wieder der “Reset”-Knopf drücken, um zurück in den heimischen Kiosk zu kommen.

Auf dem gleichen Seminar stellte Franz Buchenberger von der kleinen Münchner Techno-Schmiede Black Sun Interactive seine Version einer Software vor, die dreidimensionale Online-Läden erzeugt. “3D Online Communities werden zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor werden”, behauptete er. Die Rechnung scheint aufzugehen – jedenfalls für ihn. Sein kleiner Laden (40 Mitarbeiter) hat kürzlich eine Filiale in San Francisco eröffnet und plant in Amerika den Gang an die Börse. Hightech aus Germany hat also offenbar auch im Zeitalter des Internet noch Stellenwert.