Archiv für Juli 1997

Gott ist online

Samstag, 12. Juli 1997

Hat Gott einen Anschluß im Internet? Diese Frage bildete die Überschrift über einen Artikel in der Augsburger Allgemeinen über einen „virtuellen Friedhof“ im Cyberspace, der mich zum Nachdenken brachte.

Und wie das so ist, wenn man jederzeit Zugang hat zum Internet, machte ich mich gleich auf die Suche. Tatsächlich: Religion ist ein Riesenthema im Net. Natürlich ist der Papst online; man kann in der Bibel blätern, in verschiedenen Sprachen und Versionen, je nach Konfession.

Ich habe bei dieser Gelegenheit einen engagierten Online-Pfarrer kennengelernt, Martin Weber von der katholischen Kirchengemeinde St- Ludwig in Ibbenbüren, der sich selber das Programmieren beigebracht hat und seine eigenen Webseiten schreibt, auf denen er die Gottesdienstordnung bekanntgibt, die Jugend- und altenarbeit koordiniert, die Protokolle der Kirchengemeinderatssitzungen veröffentlicht und sogar die Glocken läuten läßt – mit Hilfe einer 193 KB großen Sound-Datei.

Ach ja, der Weg zur Hölle führt ebenfalls übers Internet: „Hell – Online Guide to Satanism“.

Samstag, 12. Juli 1997

Zum ersten Mal in der Online-Geschichte strahlten die Verkehrssender Stauwarnungen für Benutzer der Infobahn aus. Der Grund: Ein ebenso findiger wie skrupelloser Sex-Anbieter hatte übers Wochende insgesmat 3,4 Millionen E-Mails an Teilnehmer des Teekom-Dienstes T-Online abgeschickt.

Genauer: Er hatte mehrere Millionen Telefonnummern abtippen lassen und angemailt (bei T-Online ist die Telefonnummer meist zugleich die E-Mail-Adresse). Da aber nur eine von rund 30 Millionen Telefonbesitzer auch T-Online nutzt, erzeugte das System mehrere Millionen Fehlermeldungen („Empfänger unbekannt“) – und diese verstopften die Leitungen der Telekom bis zum Zusammenbruch.

Ich habe mit dem unheimlichen Masse-Mailer, Peter Kurz aus Pforzheim, gesprochen und ihn gefragt, ob er noch nie etwas von Netiquette gehört habe. Nee, meinte er, und außerdem gebe ihm der Erfolg doch recht: 200.000 Mark Gewinn habe er mit seiner elektronischen Postwurfsendung gemacht, bevor ihm die Telekom die Leitung kappte.

Der Datenstau bei T-Online wird aller Voraussicht nach einmalig bleiben. „Wir werden in Zukunft solche Massen-Mails abblocken“, sagte mir Erich Danke, Geschäftsführer der Telekom-Betreiberttochter Online Pro Dienste in Darmstadt. Wer entweder auffällig viele Sendungen in kürzester Zeit verschickt oder in der „Durchschlag an:“-Zeile zu viele Mitempfänger auflistet (bis zu 600 pro Mail sind möglich), dessen Post wird automatisch auf einen eigenen Großrechner umgeleitet und dort einzeln von Telekom-Mitarbeitern überprüft.Wenn die sogenannte ungerichtete Werbesendungen – das elektronische Gegenstück zur Postwurfsendung – finden, wird der Datenmüll gelöscht.

T-Online befindet sich da übrigens in guter Gesellschaft: Auch die Wettbewerber AOL und CompuServe haben in letzter Zeit Filtersoftware eingeführt, mit denen sich Online-User vor Werbebriefen schützen können. Das ist so, als ob man sich ein Schloß an den Briefkasten machen würde, den nur der Briefträger von der Post aufmachen kann, aber nicht die Jungs von der Werbekolonne.