Archiv für Juli 2007

Zensur in Potterland

Freitag, 20. Juli 2007

Harry Potter stirbt nicht im letzten Band – dafür aber ein Stück Pressefreiheit schon.

Man muss es der Potter-Industrie schon lassen: Sie haben den Start des (hoffentlich) letzten Bands des siebenteiligen Mammutwerks zu einem Medienspektakel sonder Gleichen hochstilisiert. Schließlich ist Joanne K. Rowling noch nicht die reichste Frau der Welt, sondern lediglich von Großbritannien (immerhin hat sie die Queen in Sachen Privatvermögen inzwischen überholt).

Damit sie es doch werden kann, muss „Harry Potter and the Deathly Hallows“ alles bisher da gewesene in den Schatten stellen. Dazu muss die Spannung bis zum letzten Moment, nämlich 00:01 Uhr am morgigen Samstag, aufrecht erhalten werden. Das heißt vor allem: Niemand darf etwas verraten! Deshalb wurden alle am Entstehungsprozess Beteiligten – Setzer, Drucker, Distributoren, Händler – unter Androhung von Todesflüchen sowie substanzieller Schadensersatzforderungen zum Stillschweigen verpflichtet. 1,5 Millionen Dollar, so wird gemunkelt, sollen alleine für die Sicherungsverwahrung der bereits fertiggestellten Bände in einem Hochsicherheitslager aufgewendet worden sein.

Und da schlage ich doch am Freitagmorgen die „International Herald Tribune“ auf – und lese dort auf Seite eins die Ankündigung: „Buchbesprechung: Harry Potters episches Ende“.

Wie denn das? Hat man etwa doch Vorabexemplare an die Rezensenten verteilt?

Nein, Kollegin Michiko Kakutani von der „New York Times“ (die Mutterzeitung der IHT) ganz regulär bei einem Buchhändler gekauft. Dass sie offenbar vorher bereits einen Kurs im Schnelllesen gemacht hat die sie in die Lage versetzte, den 759 Seiten umfassenden Wälzer noch am Donnerstag zu lesen und rechtzeitig für die Freitagausgabe eine Besprechung 200 Zeilen lange Besprechung zu schreiben, ist fast noch erstaunlicher. Dass sie überhaupt das Buch in die Hand bekommen hat ist dagegen wohl auf  ganz normales menschliches Versagen beim Großhändler zurückzuführen.

Dass Rowlands Verleger, die Firma Scholastic, gleich eine Klage angekündigt hat, war natürlich zu erwarten. Nicht aber die Reaktion der Medien.

Das beginnt schon bei der ersten und einzigen Buchbesprechung selber: Zwar ergeht sich Frau Kakutani in schier endlosen Elegien über „Harrys endgültige Einführung in die Komplexität und Traurigkeit des Erwachsenwerdens“. Nur die einzige wirklich spannende Frage beantwortet sie nicht: Wer stirbt?

Dabei wissen das schon eine ganze Menge Leute, darunter auch Journalisten, denn seit ein paar Tagen tauchen immer wieder – offenbar hastig abfotografierte – Raubkopien des Buchs als PDF-Dateien im Internet auf. So seriöse Presseorgane wie „Die Zeit“ oder die „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ berichten in ihren Online-Ausgaben auch darüber. Aber keiner von ihnen traut sich, die Katze aus dem Sack zu lassen.

Was ist das nun? Angst davor, als Spaßverderber dazustehen – oder freiwillige Selbstzensur?

In Wirklichkeit zeigt der ganze Potter-Wahnsinn nur, wie leicht sich die Medien einspannen lassen in die Marketing-Maschinerie. Indem sie sich freiwillig einen kollektiven Maulkorb auferlegt haben, spielen sie das Spielchen der Buchverleger.

Scholastic hat sich übrigens inzwischen melodramatisch an diejenigen gewandt, die schon Bescheid wissen: „Wir appellieren direkt an Harry Potter-Fans, die ihr Buch bei Deep-Discount bestellt haben und womöglich frühzeitig eine Ausgabe bekommen, dass sie die Pakete bis zum 21. Juli Mitternacht versteckt halten.“

Wetten, die meisten werden sich auch brav daran halten?

Wie heißen die Amerikaner wirklich?

Freitag, 06. Juli 2007

Ich dachte immer, ich sei Amerikaner. Aber heute weiß ich nicht mehr so recht. Vielleicht bin ich auch Usano.

Normalerweise leitet sich die Bezeichnung für einen Bewohner von dem Namen des Landes ab, dessen Staatsbürger er ist. Jemand aus Deutschland ist ein Deutscher, einer aus Frankreich ist ein Franzose. Bei den Bürgern Großbritanniens ist es etwas schwieriger, da er ja zwei Seelen, ach, in seiner Brust herumträgt: Er ist wahlweise Brite und/oder Engländer, Schotte, oder Waliser.

Ich selbst bin, wie etwa 290 Millionen andere, Bürger eines Landes, das sich offiziell “United States of America” nennt. Bislang hielt ich mich deshalb für einen “Amerikaner”, was in Deutschland gelegentlich zu lustigen Wortspielen führt, in denen es um ein meist etwa handtellergroßes, stumpf-kegelförmiges Gebäckstück aus Weizenmehl mit Zucker- oder Schokoladenguss. Der Name Amerikaner ist eine Vereinfachung des ursprünglichen Namens „Ammoniumhydrogencarbonatikaner“, später auch „Ammoniakaner“, den das Gebäck aufgrund des verwendeten ammoniumhaltigen Backpulvers Ammonium-Hydrogencarbonat (Hirschhornsalz) trug. Danke übrigens an Wikipedia für diese Definition.

Aber jetzt mal ernsthaft: Für einen Amerikaner ist es ganz klar, dass nur jemand aus Nordamerika, genauer aus den Vereinigten Staaten von Amerika”, wirklich ein Amerikaner ist. Dass es viele Millionen Menschen anderer Nationalität gibt, die ebenfalls in Amerika leben, übersehen sie dabei geflissentlich. Jemand aus Kanada ist für einen Amerikaner kein Amerikaner, sondern ein Kanadier, obwohl er genauso auf dem nordamerikanischen Kontinent zu Hause ist wie er. Und ab dem Rio Grande heißen für ihn alle Einwohner “Latinos”, obwohl ihre Heimat Mittel- oder Südamerika ist.

Wenn ich so darüber nachdenke, kommt mir das alles reichlich unverschämt vor. Nicht, dass es mich wundert: Wir Amerikaner tragen schließlich jedes Jahr eine Weltmeisterschaft aus in einer populären Sportart (Baseball), an der ausschließlich Mannschaften aus den USA teilnehmen. Aber wenn ich ein Kanadier, ein Mexikaner, Peruaner, Brasilianer oder Kubaner wäre, dann würde es mich ganz schön wurmen zu sehen, wie ein einziges Land den Namen zweier kompletten Kontinente an sich reißt und daraus seine nationale Identität zimmert.

Fast noch interessanter ist aber, dass die ganze Welt das offenbar in Ordnung findet. In Deutschland stört sich keiner daran, die US-Bewohner als Amerikaner zu bezeichnen. Und nur sehr gelegentlich verwenden die Medien die einschränkende Formulierung “Vereinigte Staaten von Nordamerika”, um das Land und seine Bewohner wenigstens von den Staaten des Südkontinents abzugrenzen. Die Kanadier können ja sehen, wo sie bleiben.

In Frankreich ist jetzt wenigstens ein kleiner Streit über diesen Sprachgebrauch entbrannt. Martine Rousseau und Oliver Houdart, zwei Redakteure der Online-Ausgabe der Tageszeitung “Le Monde”, haben in ihrem Sprach-Blog die Frage gestellt, warum der gemeine Franzose nach wie vor dem “les Américains” (großgeschrieben) spricht, wenn sie einen US-Bürger meinen, aber nicht von “les américains” (kleingeschrieben), wenn sie alle Bewohner der beiden Kontinente bezeichnen wollen.

Die beiden wollten keine große politische Diskussion vom Zaum brechen, sondern lediglich eine zwar weitverbreitete, aber unpräzise Sprachgewohnheit geißeln. Wenn sich die Bezeichnung eines Staatsbürgers von dem Staatsnamen ableitet, schreiben sie, dann müsste ein Bewohner der “Ètats-Unis”, wie die Vereinigten Staaten auf Französisch heißen, doch eigentlich “Ètats-Unien” heißen.

Die Reaktion der verehrten Leserschaft hat die beiden Autoren ziemlich überrascht. Sie wurden nämlich von Zuschriften überschwemmt, in denen sie der antiamerikanischen Hetzpropaganda bezichtigt wurden. Selbst gemäßigtere Leser fanden die Bezeichnung “Ètats-Unien” unappetitlich, unmusikalisch, snobistisch, sarkastisch oder schlicht unschön. Dass die althergebrachte Bezeichnung “Américain” unpräzise sei, scheint niemanden zu stören. “Obwohl wir uns freuen würden, als die Erfinder eines neuen linguistischen Mandats zu gelten, müssen wir feststellen, dass Américain offenbar eine historische Legitimation besitzt, während États-Unien als Herausforderer eine lexikalische Lücke schließt – ja, eigentlich ergänzen sie sich, und wir sollten sie kohabitieren lassen.”

Im übrigen haben mehrere Leser von “Le Monde” eine einfache und sinnfällige Lösung des Problems vorgeschlagen: Man könnte die Bürger der USA ja “Usanos” nennen. Sie leiten das Wort übrigens aus dem Griechischen ab (was wiederum allerdings die Griechen und einige Altphilologen bei uns verwirren dürfte, denn die Initialen “U”, “S” und “A” heißen “Ypsilon, “Sigma” und “Alpha” auf Griechisch).

Ich bin mir nicht sicher, ob ich damit glücklich werden könnte, mich in Zukunft als Usano bezeichnen zu lassen. Irgendwie klingt das wie der Bewohner eines bislang noch unentdeckten Planeten. Aber vielleicht ist es ja gerade deshalb besonders passend.