Archiv für Januar 2008

Die Waffen einer Frau

Donnerstag, 10. Januar 2008

Hatten Sie neulich auch beim Anblick einer mit den Tränen kämpfenden Hillary Clinton plötzlich einen Kloß im Hals? Guter Trick, gell?

Die Bilder gingen um die Welt: Eine in Iowa geschlagene Hilary, wie sie mit erstickter Stimme und sichtlich um Fassung ringend die Frage einer Anhängerin beantwortet, wie sie das denn alles nur schaffe, der ganze Wahlkampf, die vielen Auftritte, die bösen Gegner, die noch viel bösere Presse. „Es ist nicht leicht, es ist nicht leicht“, seufzte sie, und kämpfte gegen die Tränen. Millionen von Fernsehzuschauern hätten ihr in diesem Moment gerne ein Taschentuch gereicht. Allerdings brauchten viele von ihnen ja selber eines: Endlich hat die eiserne Lady gezeigt, dass auch sie Gefühle hat und kein von Beratern programmierter Wahlkampf-Roboter ist.

Die politischen Kommentatoren waren sich heute Morgen auch alle einig: Mit der Tränen-Nummer hat Hilary ihre Kampagne gerettet, die gerade im Begriff war, sich mit einer Immelmannrolle zu verabschieden. Was sollte sie, die fleischgewordene Symbolfigur des verkrusteten politischen Establishments, sozusagen die Verkörperung des „alten“ Washington, auch einer kennedyhaften Lichtgestalt wie Barack Obama entgegensetzen.

Jeder Ehemann weiß: Wenn eine Frau mal weint, hat sie gewonnen. Es gibt einfach nichts, was ein Mann in dieser Situation tun kann, um noch halbwegs gut auszusehen. Ihm bleibt nicht anderes übrig, als den Kopf schuldbewusst zu senken und abzuwarten, bis sich das emotionale Gewitter wieder verzogen hat.

In sofern war es eigentlich ganz klar, dass Hilary früher oder später die endgültige Waffe einer Frau einsetzen würde. Mich überrascht nur, dass sie es so früh getan hat. New Hampshire ist doch nur ein Vorgeplänkel. Was will Sie denn tun, wenn es an Super Tuesday Anfang Februar schlecht für sie läuft? Sich vor laufender Kamera ins Fensterkreuz stellen und drohen, hinunteWashingtonr zu springen?

Die Tränennummer war die Waffe der Verzweiflung. Aber sie funktioniert leider nur ein Mal. Ja, sie hat damit ihren Kopf diesmal tatsächlich aus der Schlinge gezogen. Sie hätte sich den Trick besser aufgehoben, denn zum Wahltag im November ist es noch ein langer und steiniger Weg.

Darf man per E-Mail trauern?

Mittwoch, 02. Januar 2008

Die Todesnachricht lag in meiner Mailbox, und ich habe darauf geantwortet. Hätte ich das tun dürfen?

Hartmut Dirks ist nicht alt geworden. Mit 53 Jahren ist er in einem Krankenhaus in seiner Heimatstadt Emden gestorben. Das hat mir seine Frau Alice heute per E-Mail-Rundschreiben an alle Freunde und Verwandte mitgeteilt.

Hartmut war über die Jahre mein Streit- und Saufkumpan, ein Schwätzer vor dem Herren, vor dem ich – selber kein übler Schwätzer – neidlos den Hut ziehen musste. Klar, dass so einer – wie ich – die Journalistenlaufbahn einschlagen musste. Sprüche von ihm wie “ohne ‘n Korn ist ‘n Bier ja so trocken” werden mich mein Leben lang begleiten.

Warum er gestorben ist, weiß ich nicht, nur dass es wohl “plötzlich und unerwartet”, aber auch “schmerzlos” gewesen sein muss, wie mir seine Witwe schrieb. Die erste Mail im Neuen Jahr, und dann so was.

Ich war jedenfalls ziemlich fassungslos, als ich frühmorgens, noch ein bisschen verkatert und im Morgenmantel am Computer saß und die Mail las. Und ich habe das getan, was ich normalerweise bei Mails, die mich interessieren oder berühren, tue: Ich habe sofort geantwortet. Das gehört sich so im Internet-Zeitalter. Menschen, die endlos lange brauchen, bis sie antworten (oder die gar nicht antworten) mag ich eigentlich nicht.

Doch dann sind mir plötzlich Zweifel gekommen. War das richtig? Ist E-Mail das richtige Medium, um so persönliche und intime Inhalte zu kommunizieren wie Beileid, Bestürzung, Trauer? Was bist du doch für ein grober Klotz, dass du glaubst, einer armen Witwe gegenüber deine Pflicht und Schuldigkeit getan zu haben, indem du mal eben auf “senden” drückst? Wie weit sind wir gekommen in dieser kalten Welt des Browsers und des Mailers?

Gut, ich kannte die Dame ja nicht. Hardy hat sie erst geheiratet, als wir uns schon ein bisschen aus den Augen verloren hatten. Unser Kontakt bestand über die Jahre nur aus spontanen, aber meist sehr langen Telefongesprächen, in denen es um Gott und die Welt, um alles von Computerspiele bis zur Gesundheitsreform, um berufliche Erfolge und Misserfolge, um Hardys spätes Zweitstudium und unsere mit dem Alter zunehmende Unfähigkeit ging, wie früher bis zum Morgengrauen Jever und Korn zu kippen und trotzdem am nächsten Morgen noch wie Tiere zu arbeiten.

Natürlich habe ich mir inzwischen eine Rationalisierung zu Recht gelegt, die mir hilft, meine tief sitzende Unlust zu rechtfertigen, eine wildfremde Witwe anzurufen und persönlich die üblichen Trostformeln zu sprechen. Immerhin hat sie mir ein Rundschreiben geschickt. Wie unpersönlich kann man werden? Und außerdem ist es halt so: Wir leben nun mal in der Welt, in der wir leben, und E-Mail ist für Menschen wie mich inzwischen sogar zu der absolut wichtigsten Kommunikationsform überhaupt geworden. Wenn ich schätzen müsste, würde ich sagen, dass die Verteilung bei mir in etwa so aussieht: Telefonieren 20 Prozent, F2F (also mit anderen Menschen von Angesicht zu Angesicht sprechen) 30 Prozent, E-Mail 50 Prozent.

Ein Beileidsbrief per E-Mail ist also absolut in Ordnung, weil zeitgemäß und zeitnah. Alice Dirks wird das genauso zur Kenntnis nehmen wie eine Karte oder ein paar gestammelte Worte von einem Unbekannten am Telefon. Ob es ihr mehr oder weniger weiterhilft als eine andere Form der Beileidsbezeugung, oder ob es ihr überhaupt hilft, weiß ich nicht.

Aber irgendwo ganz tief unten in meinem verborgenen Bewusstsein nagt noch immer so ein kleiner Zweifel. Vielleicht gibt es doch Dinge, die nicht in eine Mail gehören.