Archiv für September 2008

Joggen auf Indisch

Dienstag, 30. September 2008

Um sieben Uhr morgens ist die Luft hier in Südostindien, 20 Kilometer vom Golf von Bengalen, heiß und stickig wie bei uns manchmal im August um die Mittagszeit. Die Asphaltstrasse vor der Training Station der Byrraju Foundeation, unserem Gastgeber auf dieser Pressereise ans Ende der Welt, ist bald zu Ende, es geht zuerst auf einem unbefstigten feldweg weiter, der sich aber schnell in einen ausgetretenen Büffelpfad verwandelt.

Der Weg ist von Reisfeldrn gesäumt, auf denen schon gebückte Männer und Frauen arbeiten, wahrscheinlich schon lange, denn sie wissen im Gegensatz zu mir wie schnell es heiß wird, wenn hier erst mal die Sonne aufgeht. Ab und zu begegne ich jemandem, und langsam wird mir die heimische Begrüßungsgeste – rechts Hand übers Herz, dazu lächeln und “Namaste!” sagen – zur gedankenlosen Gewohnheit.

Ansonsten ist es so wie daheim: Ab und zu fliegen Vögel auf, nur sind es hier keine Krähen wie im Englischen Garten sondern schneeweiße Ibise oder knallgrüne Papageien. Von einem Telefondraht mustert mich ein Fischreiher kritisch, schwirrt dann rasch davon und sein türkisfarbes Rückenkleid glänzt in der Sonne.

Zwei Buben kommen mir auf klapprigen Fahrrädern entgegen, auf denen sie mannshoh Büschel frischgerupften Grases balancieren. Ein anderer fodert mich zum Stehen auf und reicht mir eine Lotosblüte, von denen er einen Armvoll nach Hause trägt. Zwei seiner Freunde kommen hinzu. Ich biete an, sie im Gegenzug zu fotografieren. Ihre Zähne strahlen weiß aus ihren dunkelbraunen Gesichtern unter dem pechschwarzen Haar.

Es ist halb acht. Ich schnaufe wie eine alte Dampflok. Die luft scheint übrhaupt keine Sauerstoff zu besitzen. Ich erwische mich dabei, wie ich anfange, mir Ausreden fürs Aufhören zurecht zu legen, so wie beim Marathon nach 30, 35 Kilometern. Mein Kopf mag zwar schon in Indien sein, aber Herz und Lunge sind noich irgendwo unterwegs. Wie heißt eigentlich “Jetlag” auf Indisch?

Nach 45 Minuten stehe ich wieder am Tor des Training Center, fix und fertig, total erschöpft. Der Schweiß rennt runter, als stünde ich unter der Dusche. Und ich schwöre mir: Ich werde in Indien noch vieles erleben und tun – aber bitte schön langsam…

Ein Taxi kommt von nirgendwo

Montag, 29. September 2008

Anschluss an die Zukunf

Ein Taxi kommt von nirgendwo

Ein verarmtes indisches Dorf erlebt eine neue Blüte – dank Internet.

Jallikakinara ist ein indisches Dorf, wie man ihn sich vorstellt. Ein paar Hütten mit Grasdächern, eine staubige, ungeteerte  Dorfstraße, auf der  auf der Männer mannshohe Bündeln von Palmenstrünken auf dem Kopf tragen und spindeldürre Buben in Schuluniformen auf viel zu großen Fahrrädern balancieren. Im Dorfteich badet ein älterer Mann im dunkelbraunen Wasser, nebenan suhlt sich ein Wasserbüffel im Morast.

Um sich eine Vorstellung davon zu machen, wie fernab von unserer Zivilisation Jallikakinara wirklich liegt, muss man zuerst mit dem Flieger nach Hyderabad in Südindien fliegen, einer aufstrebenden, aber für einen Europäer völlig chaotisch wirkenden Stadt mit irgendwo zwischen offiziellen vier und inoffiziellen elf bis zwölf Millionen Einwohnern, das als die IT-Hochburg Indiens gilt. Dann muss man sich abends um acht in den Expresszug setzen und elf Stunden lang durch die Nacht fahren, zu sechst in einem Schlafabteil, das aus herunterklappbaren Holzpritischen mit dünnem Polsterbezug besteht und durch das zwischen drei und vier Uhr morgens eine Ratte frech hindurch marschiert, als gehöre ihr der Laden. Man muss die Sonne über endlose palmenbestandene Reisfelder aufgehen sehen und am Ende in einem gottverlassenen Nest namens Bhimavaram aussteigen. Dann muss man eine Stunde lang über Straßen und Feldwege fahren mit Schlaglöchern so groß wie ein Omnibus, muss Hühnern, Kleinkindern, suizidverdächtigen Motorradfahrern und geisteskranken Autorikschahfahrern ausweichen und am Ende im Schatten eines Drachenbaumes neben dem Gebäude aussteigen, auf dessen Stirnseite stolz das Schild mit der Aufschrift “GramIT” prangt.

Das unscheinbare, einstöckige Gebäude von GramIT ist weiß getüncht. Davor stehen vielleicht zwanzig Mopeds und ein paar Dutzend Fahrräder. Auf den Stufen, die zur Eingangstür hinaus führen, liegen haufenweise Schuhe und Sandalen. Betreten mit Schuhwerk verboten, signalisiert dieses Bild. Vielleicht irgendeine religiöse Einrichtung?

Fehlanzeige. “Gram” heißt Dorf auf Hindi, und IT heißt auf der ganzen Welt eben IT; Information Technology – Computer, Netzwerke, Bildschirme, Printer, Switsches, Router, schlaue Software und noch viel schlauere Menschen, die mit diesen Dingen umgehen können. Hightech, eben. Aber was sucht das alles hier in Jallikakinara?

Im Innern des Gebäudes sitzen 30 bis 40 Inder und Inderinnen vor PCs, die durch Sichtblenden etwas voneinander abgetrennt sind, und arbeiten. Man muss einem Inder bei der Arbeit zugeschaut haben um zu begreifen, was Konzentration ist. Sie starren gebannt auf die Bildschirme, tippen selbstverloren auf den Tastaturen oder telefonieren auf Hochtouren. Untereinander tauschen sie nur ein paar offensichtlich dienstlich motivierte Bemerkungen aus. Hier wird nicht gelacht oder sich entspannt zurückgelehnt. Hier trifft man sich nicht im Flur oder in der Kaffeeküche, um Bürotratsch auszuteilen. Hier wird gearbeitet. Kein Wunder, dass ihre Nachbarn die Indern oft nicht nur bewundernd als die “Preußen Asiens” bezeichnen.

Über den Arbeitstischen hängen Schilder, di seltsame Aufschriften tragen. “B Channel”, “Virtue Follow-up”, “CORCC”, “DRMG”. Über einer Gruppe hängt das Schild “Bad Bill Verification”, über einer anderen “Cab Booking”. Soll das vielleicht eine Taxizentrale sein? Aber wo sind hier die Taxis im zurückgebliebenen Kirshnadelta, wo die Zeit stehen geblieben zu sein scheint und die Armut selbst für indische Verhältnisse übermächtig ist?

“Die Taxis fahren in Hyderabad oder Delhi, in Mumbai oder Bangalore”, lacht Mr. K.R.M. Srinivs, der Chef von GramIT in Jallikakinara. Sein kleiner Laden mit seinen rund 110 Mitarbeitern irgendwo im Nirgendwo ist ein perfektes Beispiel, wie Entwicklungshilfe heute funktionieren muss – nämlich als echte Hilfe zu Selbsthilfe. “Wir haben das Dorf ins 21ste Jahrhundert geholt und ihm neues Leben gegeben”, sagt er, und es ist ihm irgendwie ein bisschen peinlich, so etwas Pathetisches sagen zu müssen, wo er doch nur seinen Job tut, so wie seine Kollegen auch.

Ihr Job besteht darin, das so genannte “executive help desk system” eines Weltkonzerns, der IT Service Company Satyam mit ihrem Hauptquartier in Hyderabad und 40 mehr als 60.000 Ingenieure in aller Welt zu betreiben, jedenfalls einen Teil davon. Wenn in einem der sechs größten indischen Städte ein Satyam-Mitarbeiter eine Dienstreise machen muss oder ein Taxi rufen will, landet diese Anfrage in Jallikakinara. Dafür sorgt ein ausgeklügelter Workflow-Prozess, der seine Existenz dem globalen Internet verdankt. Die Anforderung geht vom Mitarbeiter zu dessen Vorgesetzten und dann in die Personalabteilung, wo sie digital abgezeichnet und genehmigt wird. Dann landet sie in der elektronischen Warteschlange eines Mitarbeiters von GramIT. Der ruft das Taxiunternehmen in der betreffenden Stadt an, mit dem Satyam eine entsprechende Vereinbarung hat, und bestellt ein Fahrzeug um die gewünschte Zeit an den verabredeten Ort. Die Rechnung des Taxifahrers landet, ebenfalls in digitaler Form, ein paar Tage später bei einem anderen Mitarbeiter in Jallikakinara, der sie prüft und zur Zahlung freigibt.

Srinivasa Raju ist noch nie in einem richtigen vierrädrigen Taxi gefahren, allenfalls in einem der dreirädrigen Motorrikschahs, liebevoll “WORT” genannt, die es gelegentlich sogar bis nach Jallikakinara schaffen. Er gibt am Tag aber einem guten Dutzend Taxifahrern in den Metropolen irgendwo weit im Westen Anweisungen. Er hat zehn Jahre Grund- und Hauptschule besucht, hat dann sogar noch fünf Jahre College in einer kleinen Stadt 20 Kilometer von zu Hause drangehängt, weil er “weiterkommen” will, wie er sagt. Aber wie? Von der kleinen Landparzelle seiner Familie, auf der er Reis anbaut, kann er nicht mit seiner jungen Frau und den zwei Töchtern leben. Er hat sich deshalb für einen freiwerden Jobs im GramIT beworben. 500 andere aus dem Dorf sind zum Bewerbungstest erschienen, er hat es geschafft. Heute verdient er 6.000 Rupies im Monat und arbeitet von zwei Uhr nachmittags bis zehn Uhr am Abend in einem Büro mit Klimaanlage. Das ist zehnmal so viel wie ein Bauer, der den ganzen Tag in der glutheißen Sonne schuftet. Und er kann Abends mit dem Mofa zu seiner Familie heimfahren, wo seine Frau mit dem Essen wartet.

“Ich könnte inzwischen auch nach Hyderabad gehen und würde vielleicht 15.000 Rupien verdienen”, sagt er, und man merkt, dass er lange über diese Frage nachgedacht hat. Er hat sich fürs Bleiben entschieden, denn er lebt gerne auf dem Dorf, es ist seine Heimat, seine Art zu leben. Die Stadt ist weit weg, ist voller Lärm und Abgase und er würde seine Familie nur noch alle paar Wochen sehen.

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Gedankenflug von Dubai nach Kiel

Sonntag, 28. September 2008

Es ist zwei Uhr morgens in Dubai, aber die Lichter im Flughafenterminal gehen niemals aus. Mir gegenüber in der Lounge übt eine junge Asiaten offenbar eine selbstersonnene Version von Tai Chi, die man im Sitzen ausführen kann. Im Food Court gibt es McDonald’s, Fast Food à la francais, arabische Pizza und Murg Massala. Die Kassiererinnen im Duty Free Shop stammen aus Korea, der Kellner im Restaurant ist Indonesier. Durch das weite Dach der Abfertigungshalle schwirren deutsche, englische, russische, japanische, chinesische und arabische Sprachfetzen.

Dies ist der erste einer losen Folge von Blog-Einträgen von einer Reise, die mich in ein indisches Dorf, in ein Dachgartenlokal mit Blick auf den Taj Mahal, ins Herz eines der größten IT Service-Unternehmen des Subkontinents und an die Stufen führen wird, die in Varanassi (das frühere Benares) zum Ganges hinunter führt und wo der Geruch verbrannter Leichen so allgtegenwärtig ist wie der von gebrannten Mandeln auf dem gerade stattfindenden Oktoberfest daheim in München.

Bevor ich abflog, hatte ich am Freitag noch etwas in Kiel zu erledigen: Dort feierte der Fachbereich Medienproduktion der Fachhochschule Zehnjähriges, und man veranstaltete zur Feier des Tages ein Symposium zum Thema “Hirn aus – Internet an?”. Ich habe dort über die unsägliche Titelgeschichte des “Spiegel” (“Macht das Internet doof?”) geredet und über den digitalen Generationenkonflikt. Marshall McLuhan sagt ja, die Medien, die wir konsumieren, prägen unser Medienverhalten; wer sich von Sendern berieseln lässt, wir zeitlebens ein passiver Konsument bleiben, wer mit Interaktion, Dialogmedien und Mitmach-Internet aufwächst, der macht auch sonst eher mit als das Leben einfach über sich ergehen zu lassen.

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Unified Communications Joins The Firm

Donnerstag, 25. September 2008

Managers today have two powerful communications tools at their disposal – the telephone and the computer. Unfortunately, for practical purposes, these two remain worlds apart, at least until now. But that is slowly changing and the benefits promise to be enormous. Unified Communications, or UC, actually has the potential to alter the way we work in the 21st century in the way PCs did in the last two decades of the 20th.

Imagine a system that knows where you are and what you’re doing and can figure out the best way to contact you, depending on how important the message is and what kind of device you have at your disposal to receive and answer it.

A call is routed to your laptop where it leaves a text message for you to read at your leisure.  An important e-mail is read to you as you drive to work, leaving both hands free for the wheel.  Or say you need certain information for an important bid, and you need it now! UC can locate and reach the expert you need even if he or she happens to be in a meeting or at home mowing the lawn. You can not only reach that person, but you can do it in the way that will be least disruptive. Maybe he or she is online. Then you can just drag and drop information into the call so it pops up on the screen of that person’s PC, Blackberry or Portable Internet Device.

Now, instead of two powerful tools, you have many – and many new ways to get in touch whenever you need to.

Businesses today are still trying to cope with an inefficient mix of voice and data systems. As communication moves between the two worlds, vital information often gets lost in transition.

Just think: besides real-time voice (phone), real-time data (Instant Messaging, or IM), asynchronous data (e-mail), electronic written communication (fax) and multimedia (video) businesspeople increasingly rely on collaborative media such as wikis, portals or whiteboards in everyday communication with colleagues and business partners.

How they use their communications mix depends to a large degree on where they are at the moment. Location is becoming a crucial factor and must be figured into any good UC strategy.

Finally, the range of devices that must be part of that strategy stretches from fixed-line phones through mobiles, SmartPhones, videophones, PCs,  laptops, handhelds and an ever-evolving list of more and more specialized digital devices.

UC should provide a context-sensitive, location-aware communications system that offers a full choice between all these types of communication in a way that is both seamless and offers the most convenience to the user.

IP – Internet Protocol – is the key to true Unified Communication. As long as voice and data are carried over different networks using different technologies, there always was a gap. Thanks to VoIP (Voice over IP) telephony, calls can be handled like any other kind of digital data. They can be stored, manipulated, translated into text and back again and delivered in any desired format to a wide range of communications device, along with just about every other kind of digital data.

Sounds complicated, but it isn’t, really. Today’s VoIP-enabled communication architectures like those supplied by Siemens free you from the old world of voice and data silos to provide fully transparent and versatile communications systems. And since everybody understands IP, it’s easy to integrate these systems into existing communications architectures or to build a UC environment using components from various vendors.

However, experts agree that a UC system developed separately and cobbled together can cause your system administrators sleepless nights. Siemens’ offering covers the complete UC value chain and provides intelligent migration concepts to ensure that you aren’t left with a jumble of disjointed components which may prove difficult and expensive to implement, manage and upgrade. All this, of course, at very reasonable total cost of ownership.

Unified Communications is one of hottest topics going right now, and it is bound to get even hotter. Commfusion, a consultancy, expects total revenues for UC components to grow worldwide from $9.52 billion in 2007 to $15.9 billion in 2012, a compounded annual growth of 51.5%!

Wireless and mobility are the two keys to this truly astonishing increase.  As hot spots proliferate and new technologies such as 3G wireless networks or WiMax pick up steam, business professionals will change the way they communicate. Today, the typical road warrior carries a collection of adapters, chargers, gadgets and devices for each separate mode of communication with him on the road. Convergence and increased availability will allow him to shed most of this load, opting instead for small, simple, light-weight intelligent devices that connect to whatever kind of communication network they encounter in any given environment. This, according to the Economist, will eventually produce a new generation of “techno-Bedouins” who travel the globe like an Arab rides his camel through the desert – without the need to carry his water with him because he knows where he will find the next well or oasis.

Real mobility will be achieved when it allows us to fully communicate with whatever device we happen to have handy. It will give us a new degree of freedom and increase not only our accessibility but our ability to find the people we need quickly and easily.

Ultimately, Unified Communications will combine with video which enriches communications by engaging an additional important sense – sight. Until now, video conferencing is a complicated, high-maintenance tool that remains tied to special rooms or stationary systems. While the use of video communications is proliferating rapidly, it will not become a part full-fledged of UC until it is more widely adopted in the corporate world.

Video allows us to meet and interact on a more personal level than simple voice or data communications.  In order to make this vision become reality, we will need new technologies providing support for a range of resolutions, low latency and greater tolerance for network disruptions and dips in speed.

As video telephony and UC converge and come of age, they will change the way managers do business, cutting down on travel time and freeing them up to do what they are best at – namely their business.

As Unified Communications joins the firm, look out for intense, more personal and more productive communications unburdened by the restraints of space and time.  Also, expect new and innovative technologies to crop up in the near future to further expand the wealth of possibilities Unified Communications will bring. In the famous words of Al Jolson in “The Jazz Singer”, the world’s first “talking movie”: Boy, you ain’t seen nothing yet!

Die Gedanken waren mal frei

Donnerstag, 18. September 2008

George Orwell verdanken wir den Begriff der „Gedankenpolizei“. Nur, dass seine verdeckt arbeitenden Psycho-Büttel  Im Roman 1984 auf Dinge wie angewandte Psychologie bei Befragungen und natürlich auf allgegenwärtige Überwachung angewiesen waren, um die Mitglieder der Gesellschaft zu finden, die dazu fähig sind, Kritik an der offiziellen Doktrin zu üben. In Zukunft werden sie es wesentlich leichter haben. Ein „brain scan“ genügt bereits heute, um einen Tatverdächtigen rechtskräftig wegen Mordes zu verurteilen, wie das Beispiel eines Gerichts im indischen Bundesstaat Maharashtra beweist.

Der Fall lässt zumindest mir die Nackenhaare zu Berge stehen: Eine gewisse Aditi Sharma stand unter dem Verdacht, ihren Verlobten, Udit Bharati, in einem McDonald’s-Restaurant in Pune vergiftet zu haben. Die 24 Jahre alte Sharma erklärte sich damit einverstanden, sich einem Test namens „Brain Electrical Oscillations Signature“ (BEOS) zu unterziehen, das vom indischen Neuroforscher Champadi Raman Mukundan, einem früheren Mitarbeiter des National Institute of Mental Health and Neuro Sciences in Bangalore, entwickelt wurde.

Der Test beginnt zunächst mit einem Elektroenzephalogramm oder EEG, bei dem die elektrischen Aktivitäten des Gehirns aufgezeichnet werden. Nachdem sie 32 Elektroden an ihrem Kopf angebracht hatten, lasen die Ankläger Frau Sharma mehrer Sätze vor, die bewußt in der ersten Person verfasst waren (“ich kaufte Arsen“, „ich traf Udit bei McDonalds“). Zur Kontrolle wurden ihr auch neutrale Sätze vorgelesen wir „der Himmel ist blau“.

Der Richter, ein gewisser S. S. Phansalkar-Joshi, verurteilte die Frau, die hartnäckig jede Beteiligung an der Tat leugnete, zu lebenslanger Haft und schrieb in seiner Urteilsbegründung, der BEOS-Test habe überzeugend nachgewiesen, dass sie „selbst erlebtes Wissen“ über die Tat besitze, also Details, die sie nicht nur vom Hörensagen her kennen könne.

Einem Bericht der “International Herald Tribune” zufolge setzen bereits zwei indische Staaten, Maharashtra and Gujarat, BEOS in Gerichtsverfahren ein. Alleine in Maharashtra, sollen rund 75 Tatverdächtige bis heute mit dieser Methode elektronisch “verhört” worden sein. Der Fall Sharma sei allerdings das erste Mal gewesen, dass es ausschließlich aufgrund der Aufwertungsergebnisse zu einer Verurteilung gekommen sei.

Fast noch beunruhigender ist ein Nebensatz in dem Beitrag der IHT, in dem es heißt, die US-Regierung investiere seit den Terroristenangrrifen vom 11. September 2001 ungenannte Summen in die Entwicklung von „gehirnwellen-basierten Lügendetektoren“. Dazu sollen Systeme zählen, die den Kopf des Delinquenten mit Infrarotstrahlen durchleuchten oder Scanner, um winzige Bewegungen der Augen beim Verhör aufzuzeichnen. Das Blatt nennt keine Quellen für diese Erkenntnisse, die ja vermutlich der amtlichen Zensur in den USA unterliegen, weist aber auf Veröffentlichungen amerikanischer Wissenschaftler wie Emanuel Donchin, Lawrence Farwell und J. Peter Rosenfeld hin.

Wir müssen also davon ausgehen, dass die USA bereits über solche Verfahren verfügt – ich meine, wenn man in Bangalore schon so weit ist, was wird das NSA in seiner Trickkiste haben?

Übrigens: Orwell bekam seine Idee von der Gedankenpolizei aus Japan, wo 1936 ein “Gesetz zum Schutz und zur Überwachung von Gedankenverbrechern” verabschiedet wurde. Bereits 1911 war dort die “Spezielle Höhere Polizei” (Tokubetsu kōtō keisatsu, auch kurz „Tokko“ genannt) gegründet worden, die wegen ihrer Aufgabe, “gefährliche Gedanken” wie z.B. den Marxismus zu bekämpfen, unter dem Namen  “Gedankenpolizei” bekannt war. Sie durfte “Gedankenverbrecher” allein aufgrund einer vermuteten regimefeindlichen Einstellung präventiv in Haft zu nehmen.

Das alles wirft für mich eine Reihe von sehr, sehr ernsten Fragen auf. Hier ein paar davon:

  • Können sich Schäuble & Co. die ganze Online- und Telefonüberwachung in Zukunft schenken?
  • Kann es überhaupt den perfekten Lügendetektor geben, oder ist die anzunehmende Fehlerquote nicht viel zu groß, als dass ein deutsches Gericht je dem indischen Vorbild folgen wird?
  • Ist das endgültig das Ende der Privatsphäre?
  • Wenn ja: Ist das mit der durch Artikel eins des Grundgesetzes geschützten Menschenwürde vereinbar?

Der IHT zufolge ist das BEOS-Verfahren von Mukundan im Westen noch nie einem ordentlichen Peer-Review unterzogen worden. Offenbar möchte der Mann damit reich werden und rückt deshalb nur ungerne mit Details über seine Forschungsabreit heraus. Das zumindest sollte aufhören: Forscher hierzulande sollten sich möglichst schnell an einer internationalen Überprüfung der aufgestellten Behauptungen über den Wirklungsgrad von BEOS beteiligen – und sei es auch nur, damit wir überzeugende Argumente parat haben, wenn – was meines Erachtens unweigerlich kommen wird – die Hardliner in Polizei und Regierung in unserem Lande dahinter kommen, dass sowas machbar ist und ganz schnell ein entsprechendes Gesetz nachschieben. Selbstverständlich ohne große öffentliche Debatte.

Erinnern Sie sich an Tom Cruise in Steven Spielbergs „Minority Report“ http://de.wikipedia.org/wiki/Minority_Report? Von wegen Science Fiction: Orwell lässt grüßen!