Archiv für Oktober 2009

40 Jahre und ein bisschen weise

Donnerstag, 29. Oktober 2009

Hat sie, oder hat sie nicht? Die Blogosphere ist heute voll von Posts zum Thema „40 Jahre Internet“.  Am 29. Oktober 1969 vernetzten US-Forscher erstmals zwei Computer per Fernverbindung über Modem und Telefonstandleitung. Damit war das Arpanet geboren – „der direkte Vorläufer des Internet, wie silicon.de vermeldete.

Ich möchte ja niemandem das Fest verderben, aber so richtig nach Feiern ist mir irgendwie auch nicht zumute. Erstens gab es vorher schon Verbindungen zwischen Computern. Lawrence G. Roberts und Thomas Merrill haben bereits 1965 den legendären TX-2 am MIT in Boston per Telefonleitung mit dem Q-32 am UCLA in Kalifornien verbunden (siehe ISOCs „History of the Internet“.

Als eigentliche zumindest theoretische Geburtsstunde des Internet finde ich ohnehin den August 1962 geeigneter. Damals hat MIT-Forscher J.C.R. Licklider, der  später der erste Chef von DARPA wurde, mehrere Memos verfasst, in denen er das Konzept eines „Galactic Network“ beschrieb, ein soziales Netzwerk, das die meisten Eigenschaften des heutigen Internets vorwegnahm. Man könnte sogar noch ein Jahr weiter zurückgehen bis zum 1. Juli 1961, als Leonard Kleinrock am MIT die erste wissenschaftliche Arbeit über die so genannte Paketvermittlung veröffentlichte. „Packet switching“ ist das eigentliche Herz des Internets. Allerdings dauerte es bis 1973, ehe Vinton Cerf und Bob Kahn das entsprechende Protokoll, TCP/IP, erfanden und damit den entscheidenden Startschuss zur globalen Vernetzung und der daraus sich ergebenden totalen Veränderung von Wirtschaft und Alltag gaben.

Dass diese Veränderung danach geradezu zwangsläufig war, hat mir Cerf vor ein paar Jahren einmal am Rande der CeBIT zu erklären versucht, und er hat dazu ein ganz einfaches Beispiel verwendet. „Stell dir einen Kühlschrank mit Internet-Anschluss vor“, sagte er, und er beeilte sich zu sagen, dass es solche Kühlschränke auch damals schon längst gibt. Sie werden etwa seit dem Jahr 2000 von Firmen wie LG in Korea oder Samsung in Japan gebaut, und sie verfügen über einen kleinen eingebauten Computer, einen Web-Server und einem Scanner, mit dem er die Barcodes an den Lebensmittelpackungen lesen kann um beispielsweise festzustellen, ob die Milch schon sauer ist. Der Besitzer kann seinen Kühlschrank programmieren und ihm sagen, was er alles gerne vorfinden möchte, wenn er abends heimkommt. Der Kühlschrank kann die gewünschten Dinge per Internet beim Supermarkt um die Ecke bestellen. Und in Ländern, in denen die Servicekultur etwas ausgeprägter ist als hier bei uns, da werden die Waren ins Haus geliefert und sogar, wenn das gewünscht wird, in den Kühlschrank geräumt.

So weit, so gut. Das ist keine Science Fiction, sondern längst Realität, auch wenn die wenigsten unter den geneigten Lesern vermutlich schon einen solchen Kühlschrank in der Küche stehen haben. Aber was wäre, fragte Cerf, wenn es eine Personenwaage mit Internetanschluss gäbe. Vorstellbar wäre sowas ja: Krankhaft übergewichtige Menschen könnten sich morgens drauf stellen, und die Waage würde das Gewicht an den behandelnden Arzt übermitteln, der daraufhin die Medikamentierung entsprechend einstellen oder den Patienten in die Praxis bestellen könnte.

Was aber, wenn der Internet-Kühlschrank auf einmal anfangen würde, mit der Internet-Waage zu kommunizieren? Was käme dabei heraus? Schwer zu sagen. Vielleicht fände der Besitzer abends lauter Diätkost im Kühlschrank vor, oder vielleicht ließe sich die Kühlschranktür eine Zeitlang nicht mehr öffnen, weil die beiden das so beschlossen haben. Sicher ist nur: Es wäre nicht mehr alles so wie früher. „Und warum?“, fragte Cerf und lächelte triumphierend. „Weil die Vernetzung automatisch immer auch Veränderung bedeutet. Egal was Sie vernetzen oder wie sie das tun. Es kommt am Ende etwas anderes heraus, etwas Unvorhergesehenes, etwas Überraschendes!“

Wenn man bedenkt, dass wir seit Jahrzehnten dabei sind, die Wirtschaft zu vernetzen, darf es eigentlich niemanden überraschen, wenn dadurch ständig massive Veränderungen in den Unternehmen, in den Behörden, in den Schulen und Wohnzimmern der Welt in ausgelöst werden. Ungelöst ist für mich dagegen nach wie vor die Frage, wann das alles anfing – und wann wir deshalb die Champagnerkorken knallen lassen sollten. Heute jedenfalls – leider – nicht.

Das goldene Gras von Augusta

Mittwoch, 28. Oktober 2009

Das Gras von Augusta macht ein ganz besonderes Geräusch, wenn man darauf läuft. Sam Snead, der 2002 verstorbene wahrscheinlich beste Golfer aller Zeiten (egal was man über Tiger Woods sagt), hat den Klang des Rasens beim Masters einmal so beschrieben: „Es ist so, als würdest du über Kartoffelchips laufen.“

Die Grüns von Augusta sind schnell, fast schon mörderisch schnell. Arnold Palmer, der hier 50 mal in seinem Leben antrat und viermal gewann, sagte einmal vom neunten Grün in Augusta, das sei so, als ob du auf einer Marmortreppe den Ball mit dem Putter so schlagen müsstest, dass er auf halbem Weg liegen bleibt.

Die Fairways von Augusta sehen aus wie ein grüner Teppich, nur glatter und sauberer. Eine der vielen Legenden von Augusta erzählt von einem Gast, der mit dem Greenkeeper um 100 Dollar wettete, dass er irgendwo ein Unkraut finden würde. Er kam nach einer Stunde mit leeren Händen zurück und bezahlte wortlos.

Als Bobby Jones, selbst eine Golf-Legende, der einzige Golfer, der je den Grand Slam schaffte (Siege bei allen vier Majors im selben Jahr), 1930 nach Augusta kam, war er begeistert. „Perfekt!“, soll er ausgerufen haben: „Stell dir nur vor, dieses Fleckchen Erde liegt hier die ganze Zeit schon rum und wartet nur darauf, dass jemand darauf einen Golfplatz baut.“

Ursprünglich war das Gelände eine Indigo-Plantage, von einem reichen Farmer im 18. Jahrhundert angelegt, um den purpurnen Farbstoff zu gewinnen, der damals Gramm für Gramm fast genauso viel kostete wie Gold. Im amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) zogen die Truppen der Nordstaaten plündernd durch Georgia und hinterließen nur ausgebrannte Ruinen. Der reiche belgische Baron und Hobbygärtner Louis Mathieu Edouard Berckmans richtete hier eine Blumenzucht ein, die später als „Fruitlands Nurseries“ in eine Firma umgewandelt wurde und die bald in der ganzen Gegend berühmt war für ihre Azaleen, Kamelien und Magnolien. 1918 gingen die Betreiber jedoch pleite, und die Anlage verfiel, bis Jones kam und daraus den besten Golfplatz der Welt machte.

Die Blumen sind geblieben, und sie geben den Löchern auf der Anlage des Augusta National Golf Club auch ihre Namen: „Gelber Jasmine“ (Loch acht), „Carolina Cherry“ (Loch neun), „Camelia“ (Loch zehn). Loch drei ist benannt nach der „Duftblüte“ (Osmathus frangrans), Loch zwölf nach der „Golden Bell“, die bei uns auf den Namen Forsythie hört.

„Augusta ist nicht nur der anspruchsvollste, es ist auch der gepflegteste Golfplatz der Welt,“ sagt Jamie Lillywhite, Botaniker und Golf-Redakteur des britischen Fernsehsenders BBC. Er durfte einmal mit seinem Kamerateam einen seltenen Blick hinter die Kulissen von Augusta werfen und war begeistert: „Es ist hier wirklich alles perfekt, das sanft gewellte Grün der Fairways, die bunten Farbtupfer der Blumen, die majestätischen Tannen, das Blau der Teiche.“

Manches ist allerdings zu perfekt, um wahr zu sein. So hat Lillywhite schon erlebt, wie die Landschaftspfleger vor dem Turnier im April blauen Farbstoff in die Teiche und Tümpel kippen. Allerdings enthält die Mixtur auch Mittel gegen übermäßigen Algenbewuchs, was ihnen die Möglichkeit gibt, die Farb-Korrektur als Umweltmaßnahme hinzustellen.

Dass allerdings auch an anderer Stelle Mutter Natur kräftig nachgeholfen wird, ist in Augusta ein offenes Geheimnis. Beispielsweise dann, wenn in einem zu milden Frühling die Azaleen vorzeitig zu blühen drohen – eine mittlere Katastrophe für die Fernsehkameras, die Bilder von roter Blütenpracht in alle Welt ausstrahlen sollen. Für diesen Fall haben die Gärtner von Augusta vorgesorgt – da werden Hunderttausende von Eiswürfeln um die Wurzeln der Büsche gepackt, was die Wachstumssignale im Innern der Pflanzen stoppt.

Nichts darf dem Zufall überlassen werden, wenn es in Augusta um die begehrten grünen Jacken geht, die der Turniersieger seit 1949 als sichtbares Zeichen seiner Meisterwürde verliehen wird. Dafür sorgt schon Brad Owen, der als „Superintendant“ Chef von mehr als 40 Greenkeepern und 20 Gärtnern ist, die zum permanenten Stab des Masters-Platzes gehören. In den Monaten vor dem großen Turnier arbeiten sie im Wortsinn rund um die Uhr, doch kein Fernsehzuschauer sieht wie viel Schweiß und Mühe sie in das grüne Gold von Augusta investieren. Sie besteht übrigens hauptsächlich aus robustem Bentgrass, das einige Monate vor dem Turnier mit einer supersteifen Rasensorte, dem so genannten Ryegrass nachgesät wird, damit die Fairways rechtzeitig zum großen Event in Hochglanz erstrahlen können.

Owen herrscht über die vermutlich aufwändigste Rasenpflegeanstalt der Welt, ein supermoderner Zweckbau mit eigenem Labor für Bodenanalysen, einer eigenen Wetterstation sowie Konferenz- und Trainingsräume, in denen Jahr für Jahr rund 100 Praktikanten, die meisten von ihnen selbst erfahrene Greenkeeper aus aller Welt, in die letzten Geheimnisse der standesgemäßen Rasenpflege eingeweiht werden. Pünktlich zum Turnier rücken viele von ihnen an, um als Freiwillige das platzeigene Profi-Team in ihrer schwersten Stunde zu unterstützen.

„Wenn einer sagen kann, er hat mal in Augusta gearbeitet, dann bekommt er überall auf der Welt anstandslos einen Job“, glaubt Wendy Brien, die als Azubi Gelegenheit bekam, als Praktikantin in Augusta zu arbeiten und jedes Jahr im April wieder dahin zurückkehrt. Ihr Arbeitstag hat zehn bis zwölf Stunden, aber das ist ihr egal: „Ich möchte hier keine einzige Sekunde vermissen!“

Nur das Allerheiligste blieb ihr bislang stets verwehrt: die Greens. Jedes der 18 glattgeschorenen Puttflächen hat einen eigenen Greenkeeper, der ausschließlich dafür verantwortlich ist, dass kein Laubblatt, keine Tannennadel, kein Wurmloch oder Fußabdruck die Bahn der weißen Kugel auch nur einen Millimeter von dem Weg ablenkt, den die Golf-Götter und das Können des Spielers ihm vorbestimmt haben.

Und am Ende wartet das vielleicht schönste Geräusch, dass ein Golferohr vernehmen kann: Das satte Plumpsen des Balls, wenn es ins Loch fällt – und im gleichen Augenblick der donnernde Applaus der Menge, der die atemlose Stille sprengt. Das ist die Musik, die Jahr für Jahr in Augusta den einzigen, den wahren Master des Golfsports empfängt.

Was der “Economist” richtig macht

Freitag, 02. Oktober 2009

Was machen die richtig, was andere falsch machen?

In unserer Reihe zum Thema Qualitäts-, bzw. Print-Journalismus wollen wir uns heute wieder unserer Haus- und Hof-Tageszeitung, der “Süddeutschen”, zuwenden, die zwar manchmal Dubletten produziert (siehe “Quadratur des Qualitätsjournalismus: Die SZ-GDAZ”), manchmal aber auch richtig gute Einblicke in die Aufs und Abs der Medienlandschaft. Christine Brinck hat sich heute Lorbeeren verdient mit ihrer Analyse (“Homer Simpsons Wendepunkt”) des “Economist”, dem weltweit einzigen bedeutenden, wöchentlich erscheinenden Nachrichtenmagazin, das sich erfolgreich gegen den allgemeinen Anzeigen- und Leserschwund der letzten Jahre behauptet hat. Klartext: Während beispielsweise die Auflage von “Focus” von 800.0p00 auf gerade mal 656.000 geschrumpft ist und “Businessweek” angesichts einer Halbierung der Leserzahl gerade ganz aktuell den Rückzug aus dem Nachrichten-Business verkündet hat, steigt und steigt die Auflage des “Economist” (auf 1,7 Millionen), und auch die Anzeigeneinnahmen sind im vergangenen (Krisen-)Jahr um 25 Prozent gestiegen.

“Was macht der Economist richtig?”, fragt die Autorin, und liefert eine absolut korrekte Erklärung nach: Qualität! Während andere die Zahl der Korrespondentenbüros reduziert und den Schwerpunkt in Richtung Häppchenjournalismus und seichtem “Tittitainment” verlagert, bleiben die Macher der ältesten Wirtschafts-Wochenzeitung der Welt (erscheint seit 1843) stur bei ihren Leisten, nämlich einer Mischung aus bestechender Analytik, eine manchmal ans Esotherische grenzende Themenauswahl einem Tiefgang, der durch verspielten Witz geschickt getarnt bleibt. Ach ja, dann sind da diese seitenlangen Texte! Die wenigen mehr oder weniger willkürlich zwischengestreuten Bildchen sind mit Unterzeilen versehen, die mehr den Charakter von Suchrätseln haben (Beispiel aus der neuen Ausgabe, unter einem Foto von Erwin Schrödinger: “But what about the other eight lives?), und fast jede Headline löst beim Betrachter ein inneres Lächeln aus, wie “The end is nigh (again)” zu einem Artikel über die Zukunft der Aktienkurse.

Gut, die Kollegen vom “Economist” haben einen unschätzbaren Vorteil: Sie schreiben in Englisch, ein Klavier, das der Sprache mehr und virtuosere Zwischentöne entlocken kann als irgendeine andere (Deutsch wirkt dagegen eine semantische Ziehharmonika). Außerdem sind die Redakteure fast ausnahmslos Produkte der Eliteuniversitäten von Oxford und Cambridge, wo Studenten, wie Frau Brinck sehr richtig beschreibt, “lernen, vor allem brillant zu argumentieren, ironisch zu sein, Wichtigtuerei zu vermeiden und einen intelligenten Snob-Appeal zu pflegen.”

Welches andere Wirtschaftsmagazin kann von sich behaupten, dass ihre Leser ein Jahr lang der nächsten Weihnachtsausgabe entgegenfiebern, wo die Redaktion sich ausdrücklich den Luxus leisten, Themen aufzugreifen, weil sie selber Spaß daran haben (und nicht, weil irgendwelche Marktforscher in endlosen Fokusgruppen herausgefunden haben, dass 0,7 Prozent der männlichen Linkshänder das Heft deswegen häufiger kaufen würden). Das Resultat sind beispielsweise Untersuchungen über die volkswirtschaftliche Bedeutung von Weihnachtsmännern (“Is Santa a deadweight loss?”), über die evolutionsgeschichtliche Bedeutung des Musizierens (“Why music?”) oder über den urfranzösischen Comichelden Tintin (“A very European hero”). Und welches Blatt besitzt heute noch ein Redaktionsteam, das so sehr vom “esprit de corps” durchdrungen ist, dass sie auf jedweden Autorennachweis verzichtet, getreu dem Motto ihres langjährigen Chefredakteurs Geoffrey Crowther (der von 1938 bis 1956 amtierte): “What is written is more important than who writes it.”

Anders ausgedrückt: Der “Economist” ist das altmodischste Magazin der Welt – und gerade deshalb das erfolgreichste.

Woraus wir lernen: Jedes Medium hat seine Stärken, und bei denen sollte es möglichst bleiben. Der Versuch, durch Hochglanzdruck, Farbfotos und journalistische Selbstgefälligkeit Stilelemente von Konkurrenten wie Fernsehen oder das Internet zu übernehmen, bewirkt das Gegenteil. Zeitung ist Zeitung, Blog ist Blog, und Qualitätsjournalismus ist Qualitätsjournalismus, ob sie sich auf toten Bäumen oder auf dem Bildschirm präsentiert.

In sofern stimme ich Frau Brinck vollinhaltlich zu, die am Ende ihres Aufsatzes resümiert: “Analog geht. Es muss nicht alles digital sein, um vom Leser verschlungen zu werden.” Hoffentlich haben das viele Verleger und so genannte Medienprofis gelesen.