Archiv für November 2009

Verbietet die Kirchtürme!

Montag, 30. November 2009

Das einzige, was gefährlicher ist als Religion ist Religion, die sich als Nationalismus tarnt. So gesehen ist das Ergebnis der Volksabstimmung in der Schweiz über das Minarettenverbot eine echte Katastrophe. Nicht nur, weil es mit tödlicher (sic!) Sicherheit eine Welle der Repressalien in den islamischen Ländern auslösen wird, sondern weil es zeigt, wie dünn das Furnier der Aufklärung in unseren eigenen Breitengraden in Wahrheit ist.

Natürlich sind 57 Prozent der Schweizer Wähler Idioten! Aber das hat man aber eigentlich schon vorher gewusst. Die viel wichtigere Frage ist: Wie viel Prozent sind es bei uns? Was wäre, wenn Politiker wie Schäuble oder von der Layen nur ein bisschen skrupelloser wären und so offen den Fremdenhass und die religiöse Intoleranz predigen würden wie die Neonazis der Schweizer „Volkspartei“ SVP?

In den „New York Times“ berichtet Thomas Friedman heute von einem Gespräch, das er mit einem jungen Mann geführt hat, der in Jordanien geboren wurde und inzwischen in Amerika als Terroristenabwehrexperte arbeitet. Er erzählte ihm von „The Narative“, einer von Jihad-Websites, Mullahs, arabischen Intellektuellen, Nachrichtensendern und Büchern verbreitet wird und von den meisten mit den USA „befreundeten“ Regierungen stillschweigend geduldet wird, nämlich dass es einen christlich-jüdischen Komplott auf Regierungsbene gibt, die mehr oder weniger heimlich Krieg führt gegen den Islam und dafür sorgt, dass die Länder mit überwiegend islamischer Bevölkerung wirtschaftlich keinen Fuß auf den Boden bekommen. Diese Verschwörungstheorie sei so allgegenwärtig und werde von so vielen Menschen islamischen Glaubens als wahr akzeptiert, dass sie alle Versuche der Vereinigten Staaten, die „hearts and minds“ im Nahen Osten zu erobern, von vorne herein hoffnungslos machen.

„So ein Blödsinn!“, wäre normalerweise meine erste Reaktion bei Lesen gewesen. Nur habe ich zwei Minuten zuvor die Schlagzeile auf der Seite eins gelesen über die Schweizer und ihren Volksentscheid. Und da wurde ich auf einmal unsicher. Nicht, dass ich glaube, dass es irgendeine zionistische Kabale gibt, die sich heimlich trifft und nach bester „Illuminati“-Manier den nächsten Kreuzzug plant. Aber ja, es gibt in der breiten Bevölkerung durchaus eine Geisteshaltung, die von einem immer schärfer werdenden Konflikt zwischen der christlichen geprägten Kultur des Westens und dem Islam an sich ausgeht. Ich dachte nur, diese Leute seien eine Minderheit. In der Schweiz zumindest sind sie in der Mehrheit! Und das macht mir richtig Angst.

Es gibt nur eine Möglichkeit, diesen ganzen Schlamassel wieder zu entschärfen: Die Schweizer sollen ein zweites Referendum abhalten und ab sofort den Bau von Kirchtürmen verbieten. Das hätte mehrere Vorteile. Man könnte es als Friedensgeste gegenüber den Nachbarn im Süden und Osten verkaufen. Und es wäre das Ende der Kirchturmpolitik – etwas, auf das sich nicht nur die Schweizer gut verstehen.

Schöne Bescherung!

Samstag, 28. November 2009

Manche Probleme lösen sich von ganz alleine. Ursula von der Layen, beispielsweise, ist nicht mehr Familienministerin, sondern zuständig für Arbeit & Soziales. Und ihre Schnapsidee, nämlich die Sperre von Internetseiten mit kinderpornographischen Inhalten ist vorerst auch vom Tisch.

Dafür gibt es jetzt “White IT”. Nein, das ist kein Versuch, im Internet die Rassentrennung einzuführen (”whites only!”), sondern ein Gemeinschaftsportal von Politik, Verbände und Technologie-Firmen, die versuchen will, das Problem anderweitig zu lösen. Sie sagen auch , wie, nämlich erst mal, indem man der Sache auf den Grund geht (”Analyse der rechtlichen Rahmenbedingungen, insbesondere im Verfassungs-, Datenschutz- und Telekommunikationsrecht”).

Das ist schon mal ein wohltuender Kontrast zu der aus der Hüfte schießenden Zensursula. Und überhaupt hat man das Gefühl, dass die Leute von der White IT-Initiative den Augenblick abgewartet haben, bis Frau von der Layen ihren Schreibtisch räumte, bevor sie zuschlugen. Oder wie ist denn dieses perfekte Timing sonst zu erklären?

Natürlich hackt auch im Internet keine Krähe einer anderen das Auge aus. CDU-Mann Uwe Schünemann, im Hauptberuf Niedersachsens Innenminister (ist Kinderporno seit der Föderalismusreform jetzt eigentlich Ländersache?) kann sich in seiner “Problemanalyse” nicht zu einer Generalkritik an der Ex-Familienminsterin aufraffen. Er geht aber ganz schön weit mit seiner Behauptung: “Der Vorstoß der Bundesregierung zur Sperrung hat gezeigt, dass ‘Alleingänge’ oft nur punktuell wirken und insbesondere rein technische Maßnahmen bestenfalls am Rande zur Problemlösung beitragen.” Das ist Politikerdeutsch und bedeutet: Tschuldige, aber die in Berlin haben Mist gebaut!

Also, bloß keine Alleingänge mehr, sondern Business as usual. Unter “Lösungsvorschläge” findet sich eine lange Liste von politically mehr oder weniger correcten Dingen wie “Entwicklung geeigneter Schutzmaßnahmen, welche die Verbreitung von kinderpornographischen Inhalten erschweren” und “weitere Verbesserung der Ausstattung der Strafverfolgungsbehörden mit Informationstechnik”. Kann man ja nix gegen sagen, stellen wir mehr PCs in die Polizeireviere, dann können auch die Streifenbeamten in der Arbeitspause Pornos gucken.

Auch der Vorschlag, geeignete forensische Werkzeuge zu entwickeln zur Überwachung von Tauschbörsen klingt ganz nett. Die reden in der IT doch dauern von Automatisierung. Vielleicht können ja in Zukunft Software-Roboter die Päderasten jagen. Die Fachbeamten in den Landeskriminalämtern, die heute tagaus, tagein den ganzen Schweinkram anschauen  und sich mühsam per Chatboard und E-Mail bei den Porno-Anbietern ein schleimen müssen, um ihr Vertrauen zu gewinnen, damit man endlich zur Sache kommen kann, nämlich die Vermittlung der abgebildeten Minderjährigen zwecks ganz und gar nicht virtuellem sexuellen Missbrauchs, die werden dann vermutlich wieder zur normalen Verkehrsregelung abgestellt. Kommissar Computer, übernehmen Sie!

Und auch, dass sich das Bündnis, dem immerhin so namhafte Verbände wie Bitkom und Eco angehören, so ehrbaren Thema “Prävention und Opferschutz” verschrieben hat, ist tendenziell zu begrüßen. Endlich haben welche kapiert, dass es um die Kinder geht und nicht um die Erwachsenen, die daran gehindert werden sollen, etwas zu sehen, was sie nicht sehen sollen.

Aber allzu tief sitzt die Erkenntnis wohl doch nicht, denn nach wie vor geistert das Märchen von dem Milliardenmarkt für Kinderporno durch die Seiten der Weiß-ITler (”…ein Medium, welches sich Pädokriminelle zu Nutze machen, um kinderpornographische Inhalte feinzubieten, zu tauschen oder gewinnbringend zu veräußern”). Wie oft muss man es noch sagen? Es geht nicht um die Bilder, es geht um das organisierte Angebot von Kinderprostitution. Die Bilder sind Werbematerial, da zahlt keiner was für! Warum fragt Herr Schünemann nicht seine LKA-Beamten? Die wissen es doch!

Nein, stattdessen werden weiterhin in einem Atemzug Äpfel mit Birnen verglichen. “Noch immer gibt es keine effektive Bekämpfung von Kinderpornographie im Internet. Noch immer werden Kinder für die Herstellung von kinderpornographischem Material schwer missbraucht.” Das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun! Ich bin ja sofort dabei, wenn wir ernsthaft versuchen wollen, die Verbrecher zu fangen, ihnen die Kinder abzunehmen, sie zu betreuen und zu therapieren. Gut so! Aber darum geht es hier bedauerlicherweise doch nur wieder am Rande.

In erster Linie ist die White IT doch nichts anderes als wieder so ‘ne “Aktion sauberes Internet”. Sie geben es sogar selbst ganz offen zu: “In Anlehnung an die aktuelle Diskussion um Green IT … könnte das Bündnis unter der Bezeichnung ‘White IT’ … als Synonym für ein sauberes, weil kinderpornographiefreies Internet gegründet werden.”

Zensurusla mag jetzt für das Erstellen von Arbeitsmarktstatistiken und die betriebliche Altersversorgung zuständig sein, aber ihr Geist ist immer noch quicklebendig. Auch die Initiative White IT will uns den Saubermann machen und mündigen Menschen vorschreiben, was sie tun dürfen und was nicht. Und nach wie vor sollen die Internet-Provider die Hilfssheriffs spielen, indem sie geeignete “Unterdrückungs-, Überwachungs- und Sperrmaßnahmen” einsetzen. Diesmal aber bitteschön “freiwillig”.

Da ist er schon wieder, der alte Geist von Bevormundung und Zensur, der sich in Deutschland immer wieder Bahn bricht, wenn über das Internet diskutiert wird. Und den müssen wir mit allen Kräften bekämpfen!

Das heißt: So richtig anstrengen müssen wir uns ja gar nicht. Ich habe es oft gesagt, aber ich sage es gerne immer wieder: Das Internet ist so gebaut, dass es Informationen auch bei Ausfall von Teilen des Netzes zum Empfänger leitet. Zensur wird vom TCP/IP-Protokoll wie eine Störung behandelt – es leitet die Daten einfach drum herum.

Drum lasst uns alle einstimmen und mit Bing Crosby singen: “I’m dreaming of a White IT”. Möge sie ein Traum bleiben – und kein Albtraum…asst uns alle einstimmen und mit Bing Crosby singen: “I’m dreaming of a White IT”. Möge sie ein Traum bleiben – und kein Albtraum…

Schirrmachers Dolchstoß

Donnerstag, 26. November 2009

Nichts ist langweiliger, als die Pointe eines Witzes erklären zu müssen. Aber da mein Satz über Dolchstoßlegenden und Judenlügen, der auf Frank Schirrmacher und sein schreckliches Buch “Payback” gemünzt war, offenbar doch bei einer beträchtlichen Anzahl von vorwiegend deutschen Menschen auf Unverständnis gestoßen ist, werde ich es doch tun. Obwohl es eigentlich kein Witz war, sondern mein bitterer Ernst.

Also: Als historisch Denkender bin ich stets bemüht, wiederkehrende Muster im Ablauf des großen Schauspiels namens Menschheitsgeschichte zu erkennen. Und es ist nun mal Fakt, dass der Aufbau von Feindbildern in der Vergangenheit immer wieder ein probates Mittel gewesen ist, vom eigentlichen Thema abzulenken und den “gesunden Volkszorn” gegen Unschuldige zu richten.

Ich habe in “Warum Frank Schirrmacher nicht mehr mitkommt” zwei Beispiele genannt. Die erste ist die unsägliche “Dolchstoßlegende”, die von wertkonservativen Nationalisten dazu verwendet wurde, von der Kriegsschuld Deutschlands 1914 abzulenken und den Widerstand breiter Bevölkerungskreise gegen das Dekret von Versailles zu kanalisieren. Ganz bestimmt haben diese Leute nicht beabsichtigt, Hitler zur Macht zu verhelfen, aber sie haben es leider doch getan.

Etwas anders liegt der Fall bei der Judenverfolgung, als unter dem Schlachtruf “die Juden sind unser Verderben” Tausende von ansonsten unbescholtenen Normalbürgern billigend in Kauf nahmen, dass zunächst Synagogen niedergebrannt, jüdische Läden boykottiert, ihre Mitbürger mosaischen Glaubens zum Tragen eines gelben Davidsterns genötigt wurden und ebendiese Menschen, bis dato ihre friedlichen Nachbarn, nachts abgeholt und “irgendwohin” gebracht wurden. Nein, die große Mehrheit hätte den Genozid vermutlich abgelehnt, weshalb sich die Nazis auch um Geheimhaltung über den wahren Zweck der Vernichtungslager bemühten, die wie in Dachau teilweise am Rande friedlicher deutscher Kleinstädte errichtet wurden. Was dort vorging, wollte man am besten gar nicht wissen. So mächtig ist Propaganda.

Man könnte die Beispiele fortspinnen. Die Verteufelung ist in der Politik stets ein wirksames Werkzeug  gewesen. Nur richtete sie sich in der Vergangenheit in der Regel gegen anderen Menschen, Menschengruppen (insbesondere Minderheiten), Völkern, Staaten oder Ideologien. Es gibt aber auch Beispiele dafür, wie Technologie zum Feindbild aufgebaut wurde, etwa die Anhänger von Ned Ludd, die englische Arbeiter Anfang des 19. Jahrhunderts gegen die Bedrohung der Verelendung durch die einsetzende Industrialisierung aufwiegelten. Auch in Deutschland kam es zwischen 1830 und 1847 zu Maschinenstürmen, allerdings (wie der entsprechende Wikipedia-Eintrag richtig feststellt) in geringerem Umfang, “so dass hier besser von ‘Maschinenprotest’ als Maschinensturm zu sprechen ist.”

Der Mechanismus, nach dem Feindbilder funktionieren, besteht darin, die wahrgenommene Welt als zweigeteilt darzustellen und die “andere Seite” mit grundsätzlich negativen Vorstellungen, Einstellungen und Gefühlen zu verbinden. Dies ist die Methode, die Frank Schirrmacher zur wahren Meisterschaft geführt hat, sei es im “Methusalem-Komplott” (Alt gegen Jung), sei es in “Minimum” (Gemeinschaft gegen Individualisten) oder eben auch in “Payback” (Internet gegen Mensch).

So, um nun die Pointe meiner gar nicht witzig gemeinten Bemerkung zu erklären: Ich behaupte nicht, dass Schirrmacher ein Nazi ist. Er ist auch kein Monarchist, Idealist, Fundamentalist oder Terrorist. Aber er verwendet Methoden, die in der Vergangenheit von den Anhängern solcher Extrembewegungen gerne aufgegriffen und verwendet wurden, um ihre fragwürdigen Ziele zu erreichen. Man kann ihm also geringsten falls vorwerfen, sich zum Handlanger zu machen. Journalisten sind dafür besonders anfällig, weil sie gelernt haben, zu verknappen, zu verdichten und dann damit zu polarisieren.

Das ist der von mir beschriebene Boulevardjournalist in Schirrmacher – eine Beschreibung, die komischerweise bisher keinen Kommentator dieses Blogs gestört hat, obwohl es für einen Mann wie Schirrmacher, dessen “FAZ” ja als Eisbergspitze des Qualitätsjournalismus in Deutschland gilt, vermutlich noch ehrenrühriger ist als Vorwurf des Propagandamachens. Aber – und da hat Mike Godwin  natürlich vollkommen recht – der Nazivergleich wird gerade in Deutschland fast reflexartig abgelehnt , weil damit angeblich irgendeine moralische Grenze überschritten wird.

Ich sehe das anders. Der Aufstieg des Nationalsozialismus war zu allererst und vor allem eine Meisterleistung der Meinungsmacherei. Sauberes Handwerk, könnte man als Medienprofi sagen. Nur darf man das nicht, weil man das in Deutschland nicht darf.

Nun, als Amerikaner habe ich ohnehin ein etwas anderes Verständnis von Meinungsfreiheit. Und als studierter Historiker sehe ich im historischen Vergleich ein unverzichtbares Mittel, um Klarheit zu schaffen und Warnungen zu formulieren. Wie sagte es doch George Santayana: “Wer sich der Geschichte nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.”

Schirrmachers Dolchstoß

Donnerstag, 26. November 2009

Historische Vergleiche sind manchmal unangenehm. Aber sind sie deshalb tabu?

Nichts ist langweiliger, als die Pointe eines Witzes erklären zu müssen. Aber da mein Satz, “In einem anderen Zeitalter haben Leute wie er Dolchstoßlegenden erfunden oder Juden als die Ursache allen Übels ausgemacht”, der auf Frank Schirrmacher und sein schreckliches Buch “Payback” gemünzt war, offenbar doch bei einer beträchtlichen Anzahl von vorwiegend deutschen Menschen auf Unverständnis gestoßen ist, werde ich es doch tun. Obwohl es eigentlich kein Witz war, sondern mein bitterer Ernst.

Also: Als historisch Denkender bin ich stets bemüht, wiederkehrende Muster im Ablauf des großen Schauspiels namens Menschheitsgeschichte zu erkennen. Und es ist nun mal Fakt, dass der Aufbau von Feindbildern in der Vergangenheit immer wieder ein probates Mittel gewesen ist, vom eigentlichen Thema abzulenken und den “gesunden Volkszorn” gegen Unschuldige zu richten.

Ich habe in “Warum Frank Schirrmacher nicht mehr mitkommt” zwei Beispiele genannt. Die erste ist die unsägliche “Dolchstoßlegende”, die von wertkonservativen Nationalisten dazu verwendet wurde, von der Kriegsschuld Deutschlands 1914 abzulenken und den Widerstand breiter Bevölkerungskreise gegen das Dekret von Versailles zu kanalisieren. Ganz bestimmt haben diese Leute nicht beabsichtigt, Hitler zur Macht zu verhelfen, aber sie haben es leider doch getan.

Etwas anders liegt der Fall bei der Judenverfolgung, als unter dem Schlachtruf “die Juden sind unser Verderben” Tausende von ansonsten unbescholtenen Normalbürgern billigend in Kauf nahmen, dass zunächst Synagogen niedergebrannt, jüdische Läden boykottiert, ihre Mitbürger mosaischen Glaubens zum Tragen eines gelben Davidsterns genötigt wurden und ebendiese Menschen, bis dato ihre friedlichen Nachbarn, nachts abgeholt und “irgendwohin” gebracht wurden. Nein, die große Mehrheit hätte den Genozid vermutlich abgelehnt, weshalb sich die Nazis auch um Geheimhaltung über den wahren Zweck der Vernichtungslager bemühten, die wie in Dachau teilweise am Rande friedlicher deutscher Kleinstädte errichtet wurden. Was dort vorging, wollte man am besten gar nicht wissen. So mächtig ist Propaganda.

Man könnte die Beispiele fortspinnen. Die Verteufelung ist in der Politik stets ein wirksames Werkzeug  gewesen. Nur richtete sie sich in der Vergangenheit in der Regel gegen anderen Menschen, Menschengruppen (insbesondere Minderheiten), Völkern, Staaten oder Ideologien. Es gibt aber auch Beispiele dafür, wie Technologie zum Feindbild aufgebaut wurde, etwa die Anhänger von Ned Ludd, die englische Arbeiter Anfang des 19. Jahrhunderts gegen die Bedrohung der Verelendung durch die einsetzende Industrialisierung aufwiegelten. Auch in Deutschland kam es zwischen 1830 und 1847 zu Maschinenstürmen, allerdings (wie der entsprechende Wikipedia-Eintrag richtig feststellt) in geringerem Umfang, “so dass hier besser von ‘Maschinenprotest’ als Maschinensturm zu sprechen ist.”

Der Mechanismus, nach dem Feindbilder funktionieren, besteht darin, die wahrgenommene Welt als zweigeteilt darzustellen und die “andere Seite” mit grundsätzlich negativen Vorstellungen, Einstellungen und Gefühlen zu verbinden. Dies ist die Methode, die Frank Schirrmacher zur wahren Meisterschaft geführt hat, sei es im “Methusalem-Komplott” (Alt gegen Jung), sei es in “Minimum” (Gemeinschaft gegen Individualisten) oder eben auch in “Payback” (Internet gegen Mensch).

So, um nun die Pointe meiner gar nicht witzig gemeinten Bemerkung zu erklären: Ich behaupte nicht, dass Schirrmacher ein Nazi ist. Er ist auch kein Monarchist, Idealist, Fundamentalist oder Terrorist. Aber er verwendet Methoden, die in der Vergangenheit von den Anhängern solcher Extrembewegungen gerne aufgegriffen und verwendet wurden, um ihre fragwürdigen Ziele zu erreichen. Man kann ihm also geringsten falls vorwerfen, sich zum Handlanger zu machen. Journalisten sind dafür besonders anfällig, weil sie gelernt haben, zu verknappen, zu verdichten und dann damit zu polarisieren.

Das ist der von mir beschriebene Boulevardjournalist in Schirrmacher – eine Beschreibung, die komischerweise bisher keinen Kommentator dieses Blogs gestört hat, obwohl es für einen Mann wie Schirrmacher, dessen “FAZ” ja als Eisbergspitze des Qualitätsjournalismus in Deutschland gilt, vermutlich noch ehrenrühriger ist als Vorwurf des Propagandamachens. Aber – und da hat Mike Godwinhttp://i.ixnp.com/images/v6.16/t.gif natürlich vollkommen recht – der Nazivergleich wird gerade in Deutschland fast reflexartig abgelehnt , weil damit angeblich irgendeine moralische Grenze überschritten wird.

Ich sehe das anders. Der Aufstieg des Nationalsozialismus war zu allererst und vor allem eine Meisterleistung der Meinungsmacherei. Sauberes Handwerk, könnte man als Medienprofi sagen. Nur darf man das nicht, weil man das in Deutschland nicht darf.

Nun, als Amerikaner habe ich ohnehin ein etwas anderes Verständnis von Meinungsfreiheit. Und als studierter Historiker sehe ich im historischen Vergleich ein unverzichtbares Mittel, um Klarheit zu schaffen und Warnungen zu formulieren. Wie sagte es doch George Santayana: “Wer sich der Geschichte nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.”

 

Willkommen im Club!

Freitag, 20. November 2009

Vom Filmkomiker Groucho Marx ist der schöne Spruch überliefert: „Ich möchte keinem einem Club angehören, das Leute wie mich als Mitglieder aufnimmt.“  Damit begründete er seinen Austritt aus dem legendären „Friar’s Club of Beverly Hills“ – wo er allerdings in durchaus guter Gesellschaft war: Frank Sinatra, Dean Martin, Jerry Lewis, Sammy Davis, Jr. und Bing Crosby verkehrten dort. „Jeder, der wer ist in Hollywood, geht zu Friar’s“, soll Sam Goldwyn einmal gesagt haben.

Aber vielleicht war es Marx dort einfach zu überlaufen. Exklusivität zeichnet die besten Clubs aus – im Gegensatz zu Facebook, Xing oder LinkedIn, wo jeder Dahergelaufene inzwischen Mitglied sein darf. Vom US-Senat sagt man gerne, er sei mit 100 Mitgliedern der exklusivste Verein der Welt.  Noch feiner ist der Kreis jener 40 „Unsterblichen“, die der 1635 von Kardinal Richelieu gegründeten „Académie française“ in Paris auf Lebzeiten angehören dürfen.

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Tödliches Twittern

Sonntag, 08. November 2009

“Twittern beim Autofahren! Jetzt kann man sogar mündlich zwitschern!” Das teilte ein guter Freund neulich der staunenden Umwelt in seinem Blog mit. Ich habe ihn daraufhin gefragt, ob er denn noch ganz bei Trost sei. „Du hattest gleich zweimal Glück mit deinem Auto-Tweet. Erstens, dass du keinen Unfall gebaut hast und zweitens, dass du nicht in Großbritannien bist“, habe ich ihm gesagt. Er hat den Zusammenhang aber nicht sofort verstanden.

Es geht um das Thema „Smsen und Twittern am Steuer“. Tatsächlich beobachte ich immer mehr Leute im Straßenverkehr, die entweder an der Ampel oder – schlimmer noch! – beim Fahren versuchen, empfangene Kurznachrichten auf dem Minibildschirm ihrer Mobiltelefone zu entziffern oder sogar Texte über die winzige Handy-Tastatur einzugeben.

In den angelsächsischen Ländern ist das Thema “texting while driving” in der öffentlichen Diskussion etwa auf die gleiche emotionale Ebene angelangt wie “drinking and driving”. Erst kürzlich wurde eine 22jährige Frau zu 21 Monaten Gefängnis verurteilt, weil sie während der Fahrt auf der Autobahn A40 eine SMS geschrieben und dabei ein liegengebliebenes Fahrzeug übersehen hatte. Das Ergebnis war eine Tote und mehrere total demolierte Autos. Die Staatsanwaltschaft hielt das Urteil übrigens für viel zu mild und kündigte Berufung an. Sie will die Texterin für  5 bis 7 Jahre hinter Gitter bringen.

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Im Internet gibt’s was zu erben!

Montag, 02. November 2009

Das Internet kommt ja langsam in die Jahre. Im Herbst 2009 feierten die Medien das Jubiläum der ersten Verbindung zwischen zwei Computern, die über eine einfache Telefonleitung zustande kam, bereits unter der Headline „Das Internet feiert 40sten Geburtstag.“ Und das heißt: Die ersten Net-Nutzer der ersten Stunde nähern sich langsam dem Ablaufdatum. Und da stellt sich eine durchaus wichtige, aber eigentlich noch gar nicht geklärte Frage: Wer erbt das Ganze?

Nun mag die Homepage von Onkel Franz ja keinen wirklich bleibenden Wert darstellen. Aber was, wenn Onkel Franz darauf einen gutgehenden Blog betrieben hat? „A-Blogger“ Robert Basic hat ja seinen Online-Tagebuch „Basic Thinking“ auf eBay für fast 47.000 Euro versteigert. In Amerika gehen bekannte Blogs für siebenstellige Summen weg. Der Blog von Onkel Franz könnte am Ende echt was bringen!

Wenn aber ein Blog einen Teil des immateriellen Vermögens darstellt, was ist mit meiner Facebook-Seite? Dort haben sich mit den Jahren auch eine ganze Menge Dinge angesammelt, die vielleicht für die Hinterbliebenen einen zumindest ideellen Wert darstellen könnten. Leider schreiben die Allgemeinen Geschäftsbedingungen der meisten Social Networks aber vor, dass die persönliche Seite nach dem Ableben des Besitzers gelöscht wird, und zwar entschädigungslos! Das ist ungefähr so, wie wenn die Post nach Ihrem ableben einen Beamten vorbeischicken würde, der ihre über die Jahre angesammelten Briefe verbrennt.

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