Archiv für Februar 2010

Digitales Fasten

Mittwoch, 24. Februar 2010

Ich weiß nicht, warum ich nicht schon längst darauf gekommen bin. Die Lösung des Problems der digitalen Völlerei ist doch ganz einfach: digitales Fasten! Verzichten wir auf Surfen, Blogs und E-Mail, zumindest für ein paar Wochen im Jahr. Kein Twitter, kein Facebook. Stattdessen mal wieder ein richtiges Buch lesen. Und schon: Bingo! Keine Kognitivkrise mehr, keine Ich-Entfremdung. Das zermanschte Gehirn kann sich regenerieren, die verlorene Denkfähigkeit kehrt zurück und sogar Frank Schirrmachers Kopf kommt wieder mit. Einfach genial!

Gut, es gibt ein paar Probleme. Die Arbeit bleibt liegen, die Freunde sind verärgert, weil sie keine Antwort mehr auf ihre Mails bekommen, die Kunden beschweren sich beim Chef, weil die Bestellung liegen geblieben ist. Aber vielleicht liegt das Problem in der Wahl des religiösen Vorbilds! Überzeugte Katholiken fasten ja durchgehen von Aschermittwoch bis Ostern, verzichten sieben Wochen lang auf Fleischspeisen sowie auf Tanzveranstaltungen und gedenken damit des 40-tägigen Fastens Ihres Vorbilds Jesus, mit der er sich laut Matthäus und Lukas auf sein öffentliches Wirken vorbereitete.

Das ist hart – zu hart, wie ich finde. Da lobe ich mir die Muslims, die während des Ramadan lediglich tagsüber auf Fleisch oder sogar auf jeden fleischlichen Genuss. Abends ist dann Sause angesagt! Sobald in Kairo die Kanone offiziell den Sonnenuntergang verkündet, bleiben die Autofahrer mitten auf der Straße stehen und eilen in die umliegenden Kneipen, um den ersten Heißhunger zu stillen. Nachts werden dann Schafe am Spieß gebraten und auch sonst ganz schön über die Stränge geschlagen. Das könnten wir doch auch übernehmen: Tagsüber am besten im Bett bleiben, dafür abends surfen, bis der Arzt kommt!

(weiterlesen …)

Demenz-Erfahrung

Sonntag, 14. Februar 2010

Der nächste wird ein Runder, und es wird eine „6“ davor stehen. Vielleicht liegt es daran, dass meine Gedanken immer wieder um meine Gedanken kreisen, beziehungsweise um meine Fähigkeit, sie zu speichern. Altersdemenz ist wie ein Damoklesschwert, der eigentlich schon lange über einem hängt, nur ist es einem nicht so bewusst gewesen. Der Bruder meines Freundes Fritz ist 51 und ein Pflegefall: Alzheimer im fortgeschrittenen Stadium.  Und was ist mit mir? Diese bange Frage stelle ich mir in letzte Zeit immer häufiger. Es hilft auch nicht, dass meine Frau jede kleinste Nachlässigkeit, jeden vergessenen Handschuh oder überkochenden Topf mit Bemerkungen kommentiert wie: „Also Schatz, du wirst wirklich langsam alt.“ Alt = dement, natürlich.

Und dann Tage wie dieser. Bin in Eile, muss um 16 Uhr nach Barcelona auf die GSMA Mobile World fliegen, muss aber vorher in der Flugwerft in Oberschließheim vorbeischauen, weil dort in der Luftfahrtabteilung des Deutschen Museums ein Kongress der Flugsimulatoren-Fans aus ganz Deutschland stattfindet. Ich soll darüber für die „Süddeutsche“ schreiben, aber es wird eng, fliegermäßig. Meine Frau ist so lieb und fährt mich raus. Wir verabschieden uns, sie fährt heim, ich ziehe den schweren Koffer durch den Schnee zum Haupteingang – und wundere mich schon, denn es ist alles so ruhig hier.

Die Dame an der Kasse schaut mich auch ganz erstaunt an, als sie nach den Simulatorenfliegern frage. „Nee, wir haben hier nur richtige Flugzeuge“, sagt sie. Ein zweiter Museumsangestellter kommt vorbei, rätselt ebenfalls ein bisschen, holt dann einen Leitzordner raus und blättert darin. „Sie sind einen Monat zu früh, junger Mann, das ist am 13. März!“ Für den „jungen Mann“ könnte ich ihn küssen, denn ich fühle mich auf einmal sehr, sehr alt…

Also: Handy raus, meine Frau anrufen. Sie ist zum Glück noch nicht sehr weit gekommen, kehrt um, holt mich am Museum ab, wir fahren Richtung Airport. „Ich hätte Hunger“, sagt sie, „lass uns doch zu dem netten Asiaten im Flughafen essen. Du weißt doch, der mit den komischen Telefonen, die klingeln, wenn das Essen fertig ist.“ Ich schweige, denke nach. Asiate? Flughafen? Telefon? Bahnhof! „Es gibt keinen Asiaten im Flughafen“, sage ich, „höchstens das Mandarin in Terminal 2, aber da waren wir noch nie.“ „Doch“, sagt sie, „da waren wir mit unserer Maus, und es hat ganz toll geschmeckt.“

In meinem Kopf ist es auf einmal wie in einer alten leergeräumten Scheune. Es ist still und staubig, ein paar Spinnweben im Wind. Schemenhaft huschen an den Wänden Bilder entlang von Restaurants, die ich mal kannte, Asiaten, Inder, Griechen, bayrische Bierkneipen, französische Gourmettempel, eine Garküche in Kanton, Stayspieße, die  neben einem Tempel auf Bali über Holzkohle grillen. Aber ein Asiate am Münchner Flughafen? Im hintersten Winkel meines Bewusstseins scheint der Schatten einer Erinnerung vergeblich zu versuchen, sich nach vorn zu drängen und wahrgenommen zu werden. Und dann dränt sich immer stärker die dumpfe, depressive Ahnung in den Vordergrund: Ja, fängt es an. Du denkst, dass du denkst, dass du weißt, dass du was weißt, aber es ist weg, weg, weg! Und wie weiter? Wirst du dieses Gefühl der Hilflosigkeit bald dauern haben. Der Bruder von Fritz kann noch eine Uhr lesen, aber er weiß nichts mehr mit Uhrzeiten anzufangen.

Inzwischen sind wir im Flughafen. Wir irren durch die haupthalle, weit und breit kein asiate. Eine junge Dame in blauer Uniformjacke geht vorbei. Ich halte sie an: „Sagen Sie, kennen Sie hier irgendwo einen Asiaten“.

„Oh ja“, sagt sie, und strahlt mich an. „Drüben am Flugsteig C. Der ist ganz toll. Ich hole mir da auch ab und zu was.“

„Du wirst sehen, wir waren da schon“, sagt meine Lebensgefährtin. In meinem Kopf sieht es noch immer aus wie in einem Freibad im Februar: Endlose, eisige Leere. Wir laufen los, kommen die Treppe hoch. „Da ist er“ flötet meine Holde fröhlich. Wir stehen vor einem Asia-Imbiss, an den Wänden bunte Bilder aus Bangkok, Bündel mit Reisnudeln und Südfrüchten auf dem Tresen, kleine, dunkeläugige Thai-Schönheiten, die in der Küche umeinander wuseln. „Na, siehst du. Wir waren hier schon“, sagt sie.

Und bei mir breitet sich unendlich Erleichterung aus. Ich bin doch nicht völlig dement! Ich war in meinem ganzen Leben noch nie in diesem Laden. Da bin ich mir ganz, ganz sicher. „Ach, dann war ich vielleicht mit der Maus alleine hier, als sie damals nach Arizona geflogen ist“, meint die Meine. Bestellt, isst, trink und genießt, als ob es kein Morgen gäbe. Ich aber werde weiter auf der Hut sein und mich fragen: Weißt du wirklich, dass nur noch weißt, was du weißt – und so weiter.

Im deutschen Internet gehen die Uhren anders

Samstag, 13. Februar 2010

Die endlose Sitcom, die sich „deutsche Medienpolitik“ nennt, wird gerade heimlich um eine wunderbar komische Episode bereichert. Heimlich deshalb, weil der bereits fertige Entwurf eines neuen Jugendschutzgesetzes dieser Tage von den Staatskanzleien der Länder ohne öffentliche Diskussion durch gewunken wird und in ein paar Wochen; der Segen der Landesparlamente gilt als ausgemachte Sache. Die »Novellierung des Staatsvertrages über den Schutz der Menschenwürde und den Jugendschutz in Rundfunk und Telemedien« enthält viele Änderungen, „gegen die die geplanten Stopp-Schilder mit geheimer BKA-Liste fast harmlos erscheinen“, wie der bloggende Jurist Georg Wieselsberger auf gamestar.de spöttelt.

Medienrecht ist nun mal Ländersache in unserer  Flickerlteppich-Republik, und es ist schon lange eine Lachnummer. Aber jetzt übertreffen sich die Akteure, Jürgen Rüttgers, CDU (Spitzname: „Robin Hood“), und Kurt Beck, SPD (Spitzname: „Mecki“), die zusammen das Papier ausgeheckt haben. Sie wollen – kein Witz! – „Sendezeiten“ für das Internet einführen. Vor 22 Uhr kein Schweinekram mehr im Netz!

So, wenn Sie sich jetzt bitte wieder beruhigen würden und weiterlesen: Es kommt noch dicker! Inhalte im Internet sollen ein „Label“ erhalten, aus dem ersichtlich wird, für welches Alter die Seiten geeignet sind. „Frei ab 12 Jahren“, zum Beispiel. Ach so, und bevor ich’s vergesse: Provider sollen auch für die erreichbaren in- und ausländische Seiten verantwortlich gemacht werden, was auch die Pflicht zur Sperrung von ausländischen Seiten beinhaltet, die nicht deutschen Gesetzen entsprechen.

Das Problem liegt zwar auf der Hand: Wenn es bei uns 22 Uhr, wie viel Uhr ist es dann in, sagen wir, San Francisco? Oder Schanghai? Oder Novosibirsk? Irgendwo ist immer 22 Uhr, Gute Nacht, Deutschland!

Nun, in Düsseldorf und Mainz wie es singt und lacht ist immer gleichzeitig 22 Uhr, und zwar immer zur gleichen Zeit. Aber Komödiantenstadel ist dort eigentlich rund um die Uhr. Aber sei’s drum, spinnen wir die Idee doch weiter. Hier ein paar Verbesserungsvorschläge:

Nachrichten gibt’s im Internet künftig um 20 Uhr (das heißt, Mainz wird auch da wahrscheinlich wieder ausscheren und schon um 19 Uhr die Katzen aus den Säcken lassen.

Bundesligaergebnisse dürfen am Samstag erst ab 18:30 Uhr ins Netz gestellt werden. YouTube darf  nur Ausschnitte zeigen.

Deutsche Online-Läden müssen am Sonntag grundsätzlich geschlossen bleiben.

Soll ich weitermachen? Nee, lieber nicht. Ich schließe mich lieber Jörg Tauss an, dem einzigen Mann im deutschen Bundestag, der offenbar überhaupt eine Ahnung hat, wie das Internet funktioniert. Halt, ich korrigiere mich: Er sitzt ja leider nicht mehr im Bundestag, sondern zuhause und wartet auf seinen Prozess wegen Kinderpornobesitz. Dafür schreibt er fleißig in seinem Blog, wo er daran erinnert, dass sich die Internet- Enquetekommission schon 1996 mit der Schnapsidee einer Sendezeitbegrenzung rumgeschlagen hat, bis es denen auffiel, dass es rund um die Welt versetzte Zeitzonen gibt.

Ich durfte übrigens auch mal als „Fachexperte“ vor der Enquetekommission aussagen. Leider war Jörg Tauss an dem Tag nicht da, warum auch immer. Ich weiß nicht mehr, wie viel Uhr es war, aber ich hatte damals schon das Gefühl, die Uhren gingen dort anders. Bis heute.

Glücksspiel mit der Privatsphäre

Montag, 08. Februar 2010

Wer schützt uns vor unseren Beschützern? Der Europa-Abgeordnete Marco Cappato hat Stoff zum Nachdenken geliefert. Er warnt vor dem Entstehen von “E-Diktaturen” – und zwar auch bei uns.

In Griechenland machen Polizisten neuerdings Jagd auf Internet-Cafés, weil die Besucher ja zumindest theoretisch in der Lage wären, ein Online-Spielkasino anzuklicken und dort zu zocken. Das verstößt aber gegen ein neues Gesetz, das jede Form von maschinellem Glückspiel in Hellas verbietet.

Ein Treppenwitz zwar, aber einer mit bedrohlichem Potenzial, sagt Marco Cappato, parteiloser Abgeordneter im Europarlament. Und er hat leider recht: Rund um den Globus nutzen immer mehr Regierungen die (verständliche) Angst ihrer Bevölkerungen dazu, um den Gebrauch von Informationstechnik unter Bewachung zu stellen. Diese Cyber-Kontrollen, meist als Ausnahmegesetze durch die Volksvertretungen gepeitscht oder gleich als Notverordnungen erlassen, bilden die vielleicht größte Bedrohung der Menschenrechte, insbesondere des Rechts auf Privatsphäre, die unsere modere Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten erlebt hat.

Die undemokratischen Regierungen in China, Iran, Vietnam und Tunesien bemühen solche Gesetze, um die Proteste ihrer Dissidenten gegen Behördenwillkür und Staatsterror zu unterdrücken. Cappato bezeichnet solche Regimes mit einigem Recht als “E-Diktaturen”, ihre Arbeitsmethoden als “E-Zensur” und “E-Repression”.

Die USA haben mit dem so genannten “Patriot Act” sozusagen das Ende des Privaten in der elektronischen Kommunikation eingeläutet. Menschenrechtler und Liberale wie der Romanschriftsteller Norman Mailer vor dem Entstehen faschistischer Strukturen und ein Absinken in den Überwachungsstaat.

In Europa und insbesondere in Deutschland findet eine breite politische Diskussion zu diesen Themen nicht statt. Dabei ist klar zu sehen, dass fast alle westlichen Regierungen nach dem gleichen Strickmuster auf die Ereignisse des 11. September 2001 reagiern: mehr Überwachung nach innen und Abschottung nach außen. Und das heißt vor allem: immer mehr Daten sammeln, Daten abgleichen, den Bürger immer besser informatorisch in den Griff bekommen, ohne dass dieser etwas davon bemerkt.

?Quis custodiet ipsos custodies?”, sagten die alten Römer ? wer beschützt uns vor unseren Beschützern?”
Der gläserne Bürger, nicht der gläserne Verbraucher, ist das wahre Schreckgespenst des 21sten Jahrhunderts: Wenn nämlich die Staatsorgane ohne ausreichende Kontrolle das Recht des freien Bürgers auf informationelle Selbstbestimmung oft sogar ganz legal aushebeln.

Na und, fragt so mancher aus der Betonkopf-Lobby. Schließlich dient das alles der inneren Sicherheit.
Aber Sicherheit und Privatheit sind Gegenpole. Sie auszubalancieren ist eines der höchsten Aufgaben des demokratischen Staatswesens. Die holländische Philosophiedozentin Beate Rössler schrieb kürzlich in der Süddeutschen Zeitung: “Je mehr andere über mich wissen und je mehr Daten die staatliche Exekutive über mich gesammelt hat, desto mehr unterliege ich notgedrungen dem Bewusstsein, dass ich beobachtet, gefilmt, belauscht, gesteuert werde. Ein selbstbestimmtes Verhalten wird hier untergraben: Es ist ein Verhalten unter fremder Kontrolle, ein Verhalten für andere.” Wer sich beobachtet und kontrolliert fühlen muss, “kann in seiner Freiheit wesentlich gehemmt werden, aus eigener Selbstbestimmung zu planen und zu entscheiden”, sagte schon das Bundesverfassungsgericht 1983 in einem Grundsatzurteil zum Volkszählungsgesetz.

Identitätsmanagement könnte ein Weg sein, den Schutz des Einzelnen vor staatlichem Ausspähwahn wirksam zu schützen. Voraussetzung ist, dass ich jederzeit in der Lage bin, mir einen Überblick darüber zu verschaffen, welche Informationen über mich gespeichert werden. Alle heute in der Privatwirtschaft verfolgten Ansätze und Standardisierungsbemühungen beinhalten entsprechende Monitoring-Funktionen, unter anderen, weil sie von Staatswegen gefordert sind. Es wird Zeit, dass sich die Staaten an ihren eigenen Maßstäben messen lassen.  Sonst wird das, was in Athen noch wie ein Kinderspiel anmutet, nicht nur bei uns einmal bitterer Ernst.

Digitales Wa

Montag, 08. Februar 2010

„Mein Kopf kommt nicht mehr mit“, klagt Deutschlands bekanntester Kulturpessimist, FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in seinem populistischen Bestseller „Payback“, wo er das Gespenst der endgültigen Fremdbestimmung des Menschen durch das beschwört, was er unter dem Begriff „Algorithmus“ versteht: Computercode, Handlungsvorschrift, Turingmaschine, Determinismus . So mischt er sich munter ein mechanistisches Weltbild zusammen aus Versatzstücken der Psychologie, der Frankfurter Schule und des Science Fiction, Und er macht vor allem eines: Angst! Hat sich Google schon meiner Gedanken bemächtigt? Ist Microsoft dabei, meine neuronalen Kanäle umzuprogrammieren? Bin ich überhaupt noch ich, oder bin ich das, was die Digitaltechnik aus mir macht? „Produziert digitales Lesen digitale Gehirne?“, fragt mein Freund Norbert Bolz in seinem Einleitungsbeitrag zu dieser Diskussion – bleibt die eindeutige Antwort aber seltsamerweise schuldig, was sonst so gar nicht seine Art ist.

Man kann die Diskussion über Flow Control, also über das Behalten oder die Wiedererlangung der Selbstkontrolle im Digitalzeitalter, natürlich auf der theoretischen, kulturkritischen Ebene führen. Ich selbst ziehe eine eher kulturempiristische Vorgehensweise vor, nämlich durch Beobachtung und Erfahrung die Erkenntnis suchen. Locke statt Descartes, Hume statt Habermas. Was mich sofort als Internalisten entlarvt; als einen, der glaubt, dass sich Denkprozesse nicht externalisieren lassen, sondern im abgeschlossenen System des menschlichen Gehirns abspielen, dem fons et origo aller Erkenntnis und damit der Selbstbestimmung.

(weiterlesen …)

Der wildgewordene Algorithmiker

Montag, 08. Februar 2010

Frank Schirrmacher ist ein Sensibelchen, aber er wird es mir sicher nicht übel nehmen wenn ich sage, dass er kein Informatiker ist (eher das Gegenteil). Er verwendet den Begriff “Algorithmus” deshalb nicht wie ein Computertheoretiker, also im Sinne einer Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems, sondern im philosophischen Sinn (das hat er schließlich gelernt) als ein Wortverwandter des Determinismus.

Der Mensch ist in seiner Vorstellungswelt ein fremdgesteuertes Wesen, das sich mehr oder weniger beliebig durch Außeneinflüsse manipulieren lässt. Dies ist eine zutiefst menschenverachtende Sichtweise, eine elitäre Überheblichkeit, die er in der Frankfurter Schule aufgeschnappt hat (“durch rationales Handeln die Kontrolle über Gesellschaft und Geschichte zurückzugewinnen”). Aber er hätte bei Habermas genauer hinhören sollen, der dem Einzelnen durchaus eine verantwortliche Urheberschaft für mentale Verursachung zuordnete.

Der größte Vorwurf, den man ihm machen kann, ist das er offenbar die Evolution nicht verstanden hat. Der Mensch hat sich von Anfang an stets einer sich verändernden Kommunikations- und Informationsumgebung anpassen müssen. Das gelingt ihm auch immer wieder erstaunlich gut. Schirrmachers Vorstellung von einer durch Informationsüberflutung ausgelösten Rückbildung des Gehirns. Je nachdem, vor welchem Publikum er gerade spricht, drückt er das mehr oder weniger vornehm aus, spricht wahlweise von der “kognitiven Krise” oder sagt: “unsere Gehirne werden zermanscht”.

Das ist blanker Unsinn! Das Gehirn bildet sich nicht zurück, es bildet sich weiter. Die Evolution kennt kein Ziel, also kennt es weder Fort- noch Rückschritt. Die Mythen, die Schirrmacher bedient, wie dass Multitasking Körperverletzung sei oder der Computer kein Medium, sondern ein Akteur, gebiert sich anders als Adorno und Horkheimer nicht als Apostel der Aufklärung, sondern als ihr Totengräber, wie mein Freund Michael Kausch (ebenfalls ein Produkt der Frankfurter Schule) auf czyslansky.net so treffend formulierte.

Ich selbst halte es eher mit David Gelernter, auf den sich Schirrmacher fälschlicherweise beruft, der sagte:  “Everything is up for grabs. Everything will change. There is a magnificent sweep of intellectual landscape right in front of us.” Gelernter ist Optimist (obwohl ihm eine Briefbombe die Hand zerfetzte) und er ist ein kluger Mann, auch wenn ich mit seiner “lifestream of cyberspace”-Vorstellung auch so meine Probleme habe.

Schirrmacher dagegen bohrt, an ihm gemessen, nur dünne Bretter.

Abschied eines Bloggers

Sonntag, 07. Februar 2010


Streitbar bis zum Schluss: Hans im Hospiz

Unserem Freund Hans Pfitzinger geht es nicht gut. Der Krebs, der ihn in den letzten Monaten quält, die er im Sterbehospiz der Barmherzigen Brüder in Nymphenburg verbringt, hat ihn lange in Ruhe gelassen, jetzt regt er sich wieder. Hans ist müde und etwas in sich gekehrt. Aber er mustert seine Umwelt immer noch aus hellwachen Augen hinter den dicken Brillengläsern, und er erzählt noch immer gerne und viel.

Er hat auch viel zu erzählen in diesen Tagen, die wahrscheinlich seine letzten sind. Denn bei Hans ist gerade sehr viel los. Er, der jahrelang ein eher zurückgezogenes Leben führte, steht plötzlich scheinbar überall im Mittelpunkt. Sein Roman, “Delfina Paradise – Eine Liebe in München “, ist vom Verleger Vito von Eichborn  für eine Sonderedition ausgewählt worden. Eine Übersetzung, die jahrelang in der Schublade eines großen deutschen Verlagshauses schlummerte, ist wieder aufgetaucht und soll jetzt rasch veröffentlicht werden. Es wird schnell gehen müssen, wenn Hans es noch erleben soll. Und das würde er gerne, denn irgendwie scheint ihm die späte Anerkennung gut zu tun.

Und dann war da noch diese Dame von der “taz”, die neulich bei ihm zu Besuch war. Hans hat sie in seinem “tazblog” einmal als “Hohlspießerin” und “Dünkelkolumnistin” beschimpft. Sie hat sich revanchiert – mit einem ganzseitigen Artikel in der aktuellen “sonntaz” unter der Überschrift “Der lauteste Leser “.

Ja, Pfitzinger habe die Redaktion bis aufs Blut gereizt mit seiner Kritik. “Bitteres und Galle” habe er regelmäßig “ins Netz gekotzt”. Er sei der Mann gewesen, der “gern und ausgiebtig die taz geschmäht hat, der dabei so fies sein konnte, dass sich taz-Redakteure immer wieder persönlich attakiert fühlten.” Sie ist also ehrlich. Aber sie hat ein einfühlsames und für Menschen wie uns, die Hans kennen und lieben, sogar herzzerreißendes Portrait eines Sterbenden geschrieben, vor dem sich selbst alte Feinde verneigen.

“Natürlich hat er nicht nur unrecht mit dem, was er da herausbellt”, gibt sie leicht grollend zu:  “Es gibt halbgare Berichte, unaktuelle Reportagen, drückerbergerische Kommentare.” Die hat Hans jahrelang schonungslos gegeißelt.

Dass Hans seinen tazblog eingestellt hat, dass er ihn in “Hansblog” umgetauft hat, wo er über die letzten Tage eines Krebskranken berichtet, das erzählt die Schreiberin nüchtern, aber feinsinnig. “Wenn jemand wissen möchte, wie ein Krebspartient sich fühlt, was er durchmacht, und hofft und wie in diesem Land das Gesundheitswesen funktioniert, dann gehört dieser Blog zum Lesenswertesten, was es zu diesem Thema gibt”, schreibt sie.

Am Ende scheinen Hans und Anna Maier (so heißt die Redakteurin) ihren Frieden miteinander gefunden zu haben. Ich würde sagen: Hut ab. Und zwar vor beiden.

Mit gleichen Waffen

Samstag, 06. Februar 2010

Das Rechtsprinzip der Waffengleichheit ist eine große zivilisatorische Errungenschaft, die wir wie so vieles (vielleicht von der Küchenkunst abgesehen) den Engländern verdanken, wo sie im Mittelalter Einzug fand in das “Common Law”. Sie findet sich heute wieder in Artikel 6 der Europäischen Menschenrechtskonvention, wo sie den Schutz des einfachen Bürgers vor dem mächtigen Hohheitsapparat garantiert und ihm damit die Möglichkeit gibt, erfolgreich gegen staatlich Übergriffe zu klagen.

Waffengleichheit bedeutet aber natürlich auch, dass die Gegenseite zurückschlagen kann, mit den gleichen Waffen, eben. Und das kann ganz schön weh tun, wie jeder weiß, der je einem Händler bei eBay eine schlechte Note verpasst hat. Egal, ob gerechtfertigt oder nicht (und bei den eBay-Händler gibt es jede Menge Gauner, Betrüger und Deppen, glauben Sie mir!): Der Angepinkelte konnte zurückpinkeln, ob zu recht oder nicht.

Ist ja auch klar: Wenn eine Seite bei einer Transaktion unzufrieden ist, ist es die andere wahrscheinlich auch. Um zu beweisen, wer von beiden recht hat, wäre aber eine aufwändiges Schiedsverfahren nötig. Und den Schuh zieht sich eBay verständlicherweise nicht an. Wieso auch – Pandora ließe grüßen! Sollen die Streithähne die Sache unter sich ausmachen.

Nun ist das Bewertungssystem von eBay eine feine Sache, denn sie gibt anderen potenziellen Kunden die Gelegenheit, etwas über den Ruf des Händlers zu erfahren. Wenn einer reihenweise rote Punkte hat, dann lässt man lieber die Finger weg. Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit, ordentliches Geschäftsgebaren und zügige Abwicklung hingegen belohnen die meisten Kunden durch gute Noten, und die sind am Ende bares Geld wert. Ich jedenfalls bin ziemlich stolz darauf, dass alle 84 Käufer, die bei mir im Laufe der letzten Jahre irgendwas ersteigert haben, mich positiv bewertet haben.  Das ist sozusagen ein digitaler Leumund, der jedem, der vorbeikommt sagt: “Cole ist ein ordentlicher Mensch, mit dem kannst du Geschäfte machen.”

Wo genau die Grenze zwischen ordentlicher Mensch und Stinkstiefel verläuft, ist Ermessenssache. Ich habe mich mal furchtbar über einen echten Stinkstiefel aus Österreich geärgert, der mich monatelang hinhielt und mit überhöhten Portogebühren auch noch übers Ohr haute. Er hatte eine Durchschnittsbewertung von 94 Prozent Positiv. Nicht schlecht, dachte ich, bis ich mich auf dem Käuferforum von eBay erkundigte und von einem alten eBay-Hasen die lapidare Antwort erhielt: “Wenn du bei einem, der nur 94 Prozent hast, etwas kaufst, bist du ein Trottel.”

Andererseits hat in der Vergangenheit oft schon die Drohung mit einer schlechten Note genügt, um Streitereien mit einem Verkäufer wie von Zauberhand hinweg zu wischen. Klar: Wenn das mit den 94 Prozent stimmt, dann ist schon eine einzige Niete genug, um den guten Ruf zu ruinieren, und deshalb fürchten die meisten Händler die Negativnote wie der Teufel das Weihwasser.

Was uns aber wieder zum Prinzip der Waffengleichheit zurückführt, denn was ich kann, kann der andere ja auch: Gebe ich einem Verkäufer eine schlechte Note, kann er sich umgehend revanchieren und mir auch eine reinwürgen. Es gibt zwar ein – wie gesagt, sehr aufwändiges – Verfahren bei eBay, um solche oft im Effekt ausgetauschten Minuspunkte wieder zu entschärfen. Nur: Ganz zurücknehmen konnte man sie nicht. Sie zählten zwar nicht mit bei der Durchschnittsnote, aber wer sich die Mühe machte, das Bewertungskonto eines Händlers oder Käufers durchzunudeln, der fand sie dort, mit einem lapidaren Kommentar versehen, die Gegenseiten hätten vereinbart, die Bewertungen wieder zurückzunehmen. Das schwarze Auge blieb aber sichtbar.

Doch das soll jetzt nun vorbei sein. Ebay hat etwas getan, was an sich sehr gefährlich ist: Sie hat Änderungen an einem an sich recht erfolgreichen Modell vorgenommen. „Never change a running system“, sagen die IT-Profis aus leidvoller Erfahrung, denn meistens funktioniert es nicht mehr so wie vorher.

Jedenfalls soll es künftig Verkäufern nicht mehr möglich sein, ihre Kunden schlecht zu bewerten. Das ist ungefähr so wie mit den Arbeitszeugnissen, in die der Arbeitsgeber auch nicht mehr reinschreiben darf, dass Müller-Schulz jeden Morgen besoffen in die Firma kam oder Fräulein Krause mehr Zeit in der Kantine als am Schreibtisch verbracht hat.

Laut eBay besteht die Gefahr, dass es zu ungerechtfertigten schlechten Bewertungen seitens der Verkäufer komme, wenn diese zuvor von ihren Produkt-Abnehmern negativ kommentiert wurden. Um derlei “Racheakten” vorzubeugen, sollen jene, die Artikel anbieten, künftig keine unvorteilhaften oder neutralen Bewertungen über die Käufer mehr abgeben dürfen. “Bewertungen sollen vor allem Käufern ein objektives Bild über die Seriosität und die Qualitätsstandards eines Händlers geben. Aus diesem Grund haben wir in der Vergangenheit bereits einige Änderungen am Bewertungssystem vorgenommen und zum Beispiel die detaillierte Verkäufer-Bewertung eingeführt”, zitiert der Nachrichtendienst „Pressetext“ Jörg Bartussek, den Sicherheitsverantwortlichen bei eBay. Man fürchte, dass viele Käufer sich nicht trauen würden, negative Kommentare abzugeben, weil sie Angst vor der Retourkutsche der Verkäufer hätten. Infolge entstehe auch kein wahrheitsgetreues Bild über die tatsächlichen Abläufe zwischen den beiden Parteien.

Ist ja alles wahr und richtig, aber andererseits auch nicht. Gerade ich habe großen Respekt vor der neuen Macht des Kunden (ich habe schließlich ein ganzes Buch, „Das Kunden-Kartell“, darüber geschrieben). Aber das geht mir dann doch ein Schritt zu weit.

Wie gesagt: Das Prinzip der Waffengleichheit ist ein hohes, hart umstrittenes Rechtsgut. Es ohne Not aufzugeben will wohl überlegt sein.

Mir scheint aber, dass man bei eBay wieder mal (siehe der voreilige Kauf von Skype) eine wichtige Entscheidung mit einer allzu heißen Nadel gestrickt hat. Klar, der neue CEO John Donahoe muss zeigen, dass er es anders, vor allem aber besser kann als seine glücklose Vorgängerin Meg Whitman. Aber da gibt es für ihn andere Baustellen, die wichtiger wären. Zum Beispiel das immer noch ausufernde Angebot an Festpreis-Produkten auf einer Plattform, die ihre Daseinsberechtigung – und ihren Charme – immer aus der Spannung gezogen hat, die nur beim Steigern entsteht: Drei, zwei, eins – meins!

Bye bye Blogger

Donnerstag, 04. Februar 2010

Bloggen ist inzwischen das Uncoolste, was man im Internet machen kann. Das behauptet jedenfalls Nick Carr, der Mann, dem wie die legendäre Frage verdanken: „Does IT matter?“ Er beruft sich auf eine Studie von Pew Internet, wonach die Zahl der Jugendlichen Blogger seit 2006 dramatisch abgestürzt ist. Damals gaben 28 Prozent der Teenager und jungen Erwachsenen noch an, Blogs zu schreiben. Heute sind es nur noch 14 Prozent. Sie kommentieren auch die Blogs von anderen viel seltener als früher. Vor vier Jahren hinterließen noch 76 Prozent der jüngeren Internet-Nutzer Anmerkungen unter dem, was andere online abgesondert haben. Heute sind es nur noch 52 Prozent.

Nicht, dass die Kids dem Internet den Rücken kehren würden – im Gegenteil! 73 Prozent der amerikanischen Teens geben an, regelmäßig in sozialen Netzwerken unterwegs zu sein. Im November 2006 waren es nur 55 Prozent. Aber die Beliebtheit bestimmter Features von Facebook & Co. hat sich verändert. Und sie sind offenbar auch unkommunikativer geworden.

(weiterlesen …)

Aufbruchstimmung

Mittwoch, 03. Februar 2010

Gestern brachte der Briefträger das frischgedruckte Buch von Gunter Dueck, “Aufbrechen! – Warum wir eine Exzellenzgesellschaft werden müssen” das letzte Woche bei Eichborn erschienen ist. Ich habe erst zwei Kapitel gelesen, aber wenn ich noch Haare hätte würden sie jetzt zu Berge stehen! Dueck sagt nicht mehr und nicht weniger als das Ende der Dienstleistungsgesellschaft voraus. Und dabei dachte ich, wir wären in Deutschland noch gar nicht so weit und wollten da erst noch hin! Nein, sagt Dueck, Service wird sich in Zukunft genauso automatisieren lassen wie in der Vergangenheit die Produktion.

Dienstleistung, zum Beispiel das Abschließen von Versicherungen, bestehen aus nichts anderem als dem Erfassen und Eintippen von Daten aus einem System in ein anderes. “Manuelle Datenverarbeitung mit einem Lächeln dazu”, wie Dueck spottet.

Er spottet eigentlich immer, aber nur ganz leicht und sehr, sehr hintersinnig. Das macht ihn als Vortragsredner so sympathisch, und es macht ihn als Buchschreiber so lesbar. Aber das, was er sagt, ist erschütternd. Viele Service-Berufe werden durch das Internet virtualisiert, bis hin zum Lastwagenfahrer, der in Zukunft zu Hause sitzen und seinen Brummi per Internet fernsteuern kann, so wie die Militärflieger es heute mit den Drohnen in Afghanistan tun.

Seine Antwort auf die aufgeworfenen Fragen ist genauso radikal: Jeder muss studieren! Fast jeder, jedenfalls. So wie das heute in Finnland und Schweden heute schon der Fall ist, wo beispielsweise in Schweden immer zwei Lehrer auf eine (kleine” Schulklasse kommen. Ja, es sei schwer, die Forderung nach Hochbildung in einem Land zu stellen, in dem von uns Älteren noch nicht so viele das Abitur haben, aber es gibt seiner Meinung nach keinen anderen Weg. Sein Argument: Andere Länder (China, Indien) werden auf absehbare Zeit Häuser, Autos und Infrastrakturen benötigen. Sie werden sie selber bauen, aber wir könnten ihnen sagen, wie das geht. “Ein Land wie Deutschland kann komplett von der Entwicklung und Produktion der Spezialerkzeuge und High-End-Produkte für die aufstrebenden Länder leben”, ist er überzeugt.

Dienstleistungen sind es jedenfalls nicht, an der wir den immer maroder werdenden Standort Deutschland am eigenen Zopf aus dem Sumpf ziehen können. Er fordert Exzellenz auf allen Ebenen. Und er fordert ein Ende des Lamentieren: “Hören wir also auf, verzagt ‘Was wird dann aus mir?’ zu fragen und dabei nach links und rechts auf andere Verzagte zu schauen, Der Blick muss doch nach vorne gerichtet sein!”

Ich kann mich nur anschließen. Aber ein bisschen bange ist mir doch. Trotzdem werde ich das Buch zu Ende lesen. Ihr solltet das auch tun!