Archiv für Juni 2010

Alice darf nicht sterben!

Donnerstag, 24. Juni 2010

…und nun geht sie doch dahin.

Sie ist das Pinup-Girl der deutschen IT, die schöne Fee mit den blonden Locken und dem kurzen Kleidchen, die so aufreizend unbekümmert barfuß durch die virtuellen Lande hüpft, stets von einem wallenden roten Band umschwebt, der digital Darling, die Traumfrau aller Nerds – aben Alice, das Mädchen aus der DSL-Werbung von Hansanet. Der Hamburger Provider hat sie von der Stunde Null an als Werbeträger eingesetzt, hat die Großflächen in den Innenstädten mit ihr vollgekleistert und sie zum optischen Blickpunkt unzähliger Spots und Anzeigen gemacht. Eine Welt ohne Alice – man mag sie sich eigentlich gar nicht vorstellen.

Und doch: Alice muss jetzt sterben! Finstere Hidalgos aus Iberien können mit diesem Abbild nordischer Schönheit und Anmut (vergessen wir mal, dass die schöne Vanesse Hessler eigentlich Italienerin ist…) nichts anfangen und wolllen sie einfach verschwinden lassen.

(weiterlesen …)

Die Haushälterin der Nation

Mittwoch, 23. Juni 2010

Nur sooo wenig wird noch ausgegeben!

eutschland spart. Andere Länder tun das auch, Griechenland, zum Beispiel, aber auch  Großbritannien, wo man gerade den Staatshaushalt um 25 Prozent zusammengestrichen hat. Das tut weh, aber die Politiker glauben, jetzt sei eine günstige Gelegenheit, ihren Wählern Schmerzen zuzufügen, weil die auch durch die Wirtschaftskrise verunsichert sind, und was tut der Mensch, wenn er unsicher ist? Er spart. Man bringt sein Geld auf die Bank oder verschiebt größere Anschaffungen, streicht die Auslandsreise und macht Urlaub auf Balkonien. Man schaut im Supermarkt ganz genau auf das Preisschild und beschließt, die alte Sommerbluse noch eine Saison zu tragen.

Für den Bürger heißt sparen vor allem Konsumverzicht und vorsorgen. Doch leider wird dadurch die Sache nur noch schlimmer. Das Geld wird dem Wirtschaftskreislauf entzogen, die Firmen bleiben auf ihren Waren sitzen, der gerade mühsam wieder  angelaufene Konjunkturmotor stottert und bleibt stehen, es werden noch mehr Leute entlassen, die Pleiten häufen sich, und schon haben wir tatsächlich Weltwirtschaftskrise 2.0.

Liest eigentlich niemand in Berlin Zeitung? Zum Beispiel die Kolumnen von Paul Krugman, Wirtschaftsnobelpreisträger und der Mann, der schon vor Jahren korrekt das Platzen der Immobilenblase in den USA vorausgesagt hat, dem wir das ganze gegenwärtige Malheur zu verdanken haben? „Spend now, save later“ lautet die Überschrift seines neuesten, zunehmend verzweifelter klingenden Aufrufs, die Lehren der Vergangenheit und insbesondere von 1932 nicht zu widerholen, als blindwütige Politiker viel zu früh auf die Sparbremse traten und so aus dem schlimmen örsenkrach von 1989 erst eine richtige Katastrophe, nämlich die „Great Depression“ machten.

Die Regierungen müssen mehr Geld ausgeben, nicht weniger, wenn sie nicht den Aufschwung abwürgen und uns in die nächste Krise stürzen wollen. Aber so denkt der kleine Mann leider nicht. Und leider haben wir an der Spitze des deutschen Staates gerade lauter kleine Männer und Frauen, allen voran Angela Merkel, die sich gerade als die Haushälterin der Nation aufführt. Das Problem ist: Wir brauchen im Augenblick keine ordentliche Haushälterin, die weiß, wie man billig einkauft und sein Geld beisammen hält. Wir brauchen mutige Politiker, die das Steuer fest in die Hand nehmen und das lecke Schiff der deutschen Volkswirtschaft sicher aus dem Sturmtief lenken kann. Das heißt: Nicht kleckern, sondern klotzen! Wachstumsimpulse setzen,

 

Digitaler Jungbrunnen

Freitag, 18. Juni 2010

Eine Uni zum Abheben

Der Mensch lebt schon immer in Symbiose mit seinen Werkzeugen. Indem er immer intelligentere Werkzeuge ersinnt und einsetzt, verändert er sich. Das ist ein natürlicher Vorgang, und er ist wertfrei. Der Fehler, den auch Schirrmacher begeht, besteht darin, diesem Vorgang ein Attribut zu geben. Ein typisches Beispiel ist die Vorstellung von “Fortschritt” (als ob der Mensch seit Anbeginn seiner Geschichte auf dem Weg zu einem klar definierten Endziel voran schreitet). Ein anderes ist die von durch Technik induzierte Degeneration, Frank Schirrmachers “vermanschtes” Gehirn.

Der Amerikaner Ray Kurzweil gehört zu den Vordenkern der digitalen Zukunft. Er ist erfolgreicher Serien-Firmengründer und hat deshalb genug Geld um sich leisten zu können, hauptberuflich darüber nachzudenken, wohin die Reise geht.

Kurzweil gehört zu den Begründer der so genannten Singularity-Bewegung. Die will nicht mehr und nicht weniger als den uralten Menschheitstraum vom Jungbrunnen Wirklichkeit werden lassen. Singularity beschreibt eine Welt, in der die Verschmelzung des Menschen mit seiner Technik eine überlegene Form von Intelligenz schafft, die unser Leben dominieren wird.
Kurzweil spielt ungefähr seit 1980 mit dem Gedanken an Singularität, seitdem er erstmals mit dem Moore‘schen Gesetz konfrontiert wurde. Der Mitbegründer von Intel, Gordon Moore, postulierte schon in den 60ern, dass sich die Komplexität integrierter Schaltkreise, also so genannter Computer-Chips, etwa alle zwei Jahre verdoppelt.
Verdopplung, wie jeder Roulettspieler weiß, führt zu einer ungeheuren Beschleunigung. Bei linearem Wachstum haben Sie nach 30 Stufen 30 Mal mehr als am Anfang. Bei so genanntem exponentiellen Wachstum, also 30 Verdopplungsstufen, haben Sie eine Milliarde Mal mehr als am Anfang.

Kurzweil und die Anhänger der Singularität gehen davon aus, dass wir etwa um das Jahr 2030 so weit sein werden, den Inhalt unserer Gehirne auf computerartigen Geräten speichern zu können, also sozusagen ein Backup unseres Geistes zu machen, womit wir de facto unsterblich würden. Künstliche Zellen im Nanoformat werden Reparaturen an abgenutzten Körperteilen vornehmen können, so dass der Alterungsprozess gestoppt werden kann. Kurzweil schreibt: „Wenn die nichtbiologische Intelligenz erst einmal Eingang in unsere Gehirne gefunden hat (was sich heute schon durch neuronale Implantate abzeichnet), wird die künstliche Intelligenz unsere natürliche Intelligenz zu exponentiellem Wachstum verhelfen. Unsere Denkfähigkeit wird sich dann jedes Jahr mindestens verdoppeln.“

(weiterlesen …)

KaDeWe ist abgebrannt

Dienstag, 01. Juni 2010

Alltag in Bangkok

Die ausgebrannte Ruine des „CentralWorld“, des einst größten und üppigsten der vielen Kaufhäuser in Bangkok, klafft wie das zahnlose Maul eines verendeten Raubtiers mitten im Stadtbild von Bangkok. Das Bild ging inzwischen um die Welt, denn hier standen sich wochenlang Rothemden und Armee erst offenbar recht friedlich, dann zunehmend feindlich gegenüber, die schließlich die Verhandlungen über Neuwahlen und die Wiedereinführung von Demokratie in Thailand scheiterten und die Staatsorgane den Angriffsbefehl gaben.

Man kann nur ergriffen sein vom Anblick des ausgeglühten, von Rauchschwaden geschwärzten Baukörpers sein, den viele in Europa für das Fanal gehalten haben, das den Volksaufstand auslösen und die Strukturen in diesem als friedliebend geltenden Land krachend zum Einsturz bringen würde. Doch Bangkok ist erstaunlich ruhig in diesen Tagen. Und man muss nur wenige Meter weiter gehen zum Siam-Platz, um zu sehen, wie das Leben weitergeht.

Dort steht das „Siam Paragon“, die große Konkurrenz des CentralWorld-Kaufhauses. An diesem Sonntagmorgen läuft im Paragon der Laden auf Hochtouren. Vor allem junge Thais strömen in diesen vor Glas und Marmor strotzenden Tempel des Privatkonsums, decken sich in den oberen Etagen mit teurem Designerfummel ein, obwohl sie ein paar Meter weiter auf dem Chinesenmarkt die gleichen Sachen, gefälscht natürlich, zu einem Bruchteil des Preises kaufen könnten. Sie flanieren durch die breiten Korridore und über das sechs Stockwerke hohe Foyer, sitzen in den eleganten Restaurants im Erdgeschoß oder schieben hoch aufgetürmte Einkaufswagen mit den teuersten Lebensmitteln der Welt durch den „Food Court“, eine Feinkostabteilung, gegen die die Lebensmitteletage im KaDeWe in Berlin wie eine Tengelmann-Filiale aussieht.

Ich bin alt genug, um mich um die Stimmung zu erinnern, die bei uns zu den Zeiten der 68er Revolte herrschte, als die Polizei nur mit Wasserwerfern und nicht mit durchgeladenen Maschinenpistolen auf Demonstranten losgingen. Doch so bedrückt wie damals ist hier in Bangkok des Jahres 2010 niemand. Gut, die Rothemden sind zurück in ihre Dörfer, aber mein Taxifahrer hat sein Hemd nur in den Kofferraum gelegt, wie er mir erzählt. Man muss vorsichtig sein, mit wem man redet in Bangkok, denn Polizeispitzel lauern angeblich überall, und ein falsches Wort bringt selbst einen ausländischen Journalisten ins Gefängnis. Dass Menschen hier nachts verschwinden, darüber spricht mein Fahrer ganz offen: „Was meinen Sie, warum es die ganze Zeit hier die Ausgangssperre gab, zum Schluss nur noch von elf bis fünf. Weil nachts die Rothemden aus ihren Löchern kriechen und wieder etwas anzünden? Nein, weil man da die Leute besser verschwinden lassen kann.“

In Thailand wird die Demokratie von einer Obrigkeit mit Füssen getreten, die längst den Kontakt zum Volk verloren hat, die ohnehin nur durch fragwürdige Schiebereien und durch das Absetzen des gewählten Präsidenten an die Macht gekommen ist. Aber das sieht man den Gesichtern der jungen Leute nicht an, die an diesem Sonntagmorgen offenbar zum Marathon-Shoppen angetreten sind. Es kann dafür eigentlich nur zwei Erklärungen geben: Entweder ist Einkaufen eine Ersatzhandlung, die Stress abbaut und Wut unterdrückt, oder es ist ihnen tatsächlich ziemlich egal, was in diesem Land vorgeht – Hauptsache, das Räderwerk des Staates läuft irgendwie weiter und die Regale sind gefüllt. Das muss nicht unbedingt etwas mit Zynismus zu tun haben: Fast überall in Asien sind Regierungen an der Macht, deren gebaren nichts mit unserem westlichen Demokratieverständnis zu tun haben. Und immer wieder höre ich in Gesprächen mit Einheimischen, dass sie das auch gut finden. Ein „benelovent dictator“, ein gutmeinender Despot, sei allemal besser als das Chaos der Herrschaft des Mobs.

Und deshalb nehme ich Kun, mit dem ich mich in einer kleinen Garküche am „Democracy Monument“  im Stadtteil Khao San unterhalte, es auch ab, wenn er mir zwischen Reisnudeln und Garnelen sagt, die Rothemden seien gar keine Sozialrevolutionäre, sondern gedungene Helfershelfer des flüchtigen abgesetzten Präsidenten Taksin. Kun kommt aus Chang Bai, einer Provinzhauptstadt im Norden an der Grenze zu Birma, und er behauptet, mit eigenen Augen gesehen zu haben, wie die Schergen der Oppositionspartei den Bauern Geld angeboten haben, wenn sie in die Hauptstadt fahren und demonstrieren. Dass die Regierungspartei ihnen Geld geboten haben soll, wenn sie daheim bleiben, hat er nicht gesehen, aber gehört. Politik sei ein schmutziges Geschäft, sagt Kun, und taucht seine Essstäbchen ein, damit wolle er am liebsten gar nichts zu tun haben. Er will das Studium beenden und einen gutbezahlten Job in einer Unternehmensberatung bekommen. Dazu lernt er Englisch, verdient sich Geld durch Nachhilfeunterricht in Mandarin, das er fließend spricht, weil seine Mutter aus China kommt.

Abends auf dem Dach des State Tower, das früher für kurze Zeit mal das höchste Gebäude der Welt war, treffe ich mich mit zwei Deutschen, die in Bangkok leben. Der eine ist Anwalt, wohnt seit 15 Jahren hier mit seiner Frau, einer Thailänderin. Er will hier nicht mehr weg, hält die Lage für stabil. Der Barkeeper mixt uns Cocktails, der Wind weht die Servietten von der Theke. Unten geht das Leben ohne Unterbrechung weiter in der Millionenstadt mit ihren wuselnden Menschenmassen, ihren Märkten, die niemals schließen, dem unbeschreiblich bunten Treiben einer dynamischen Metropole, die ganz offen mit dem Westen um Wachstum und Wohlstand und damit auf Wirtschaftsmacht konkurriert, und zwar Tag und Nacht.

Nein, Bangkok werde ruhig bleiben, sagt der Anwalt. Die Thais finden immer einen Kompromiss, das liege in ihrem Wesen. Ohnehin werde in den deutschen Medien nur ein sehr verzerrtes Bild gemalt von den Verhältnissen im Land. Auf die simple Formell „Arm gegen Reich“ lasse sich die Situation ohnehin nicht reduzieren. In Thailand sei keiner wirklich arm, im Vergleich zu anderen Ländern klage man hier auf recht hohem Niveau. Die Vorstellung, die Landbevölkerung werde sich erheben und in die Stadt marschieren, um dort ein Blutbad anzurichten, hält er für absurd: „Das ist ungefähr so wahrscheinlich, wie dass sich bei uns 100.000 Harz IVler mit den Autonomen verbünden und nach Berlin marschieren, um mehr soziale Gerechtigkeit zu fordern.“.  Und für Unternehmen ändere sich sowieso kaum etwas: „Alle haben eine Interesse daran, dass die Wirtschaft weiterläuft.“

Vielleicht hat er sogar recht. Das Schlimmste für viele Thais, die gesehen habe, wäre wohl, wenn die Regale im Paragon nicht mehr nachgefüllt werden würden. Nicht auszudenken, was dann hier los wäre…