#7: Evolution in Echtzeit

Die beliebtesten Posts aus 22 Jahren Cole-Blog, hier nochmal zum Nachlesen. Heute: Nummer 8, erstmals am 12. Januar 2015 veröffentlicht und seitdem mehr als 6500x abgerufen.

...so what's next?

…und was kommt als Nächstes?

Dieser Text entstammt meinem Buch „Digitale Aufklärung„, das ich gemeinsam mit meinem Freund Ossi Urchs geschrieben habe.

Der Mensch lebte schon immer in Symbiose mit seinen Werkzeugen. Indem er immer intelligentere Werkzeuge ersann und einsetzte, veränderte er sich. Das ist ein natürlicher Vorgang, und er ist nicht zu bewerten. Der Fehler, den die Propheten der digitalen Apokalypse begehen, besteht darin, über diesen Vorgang zu urteilen. Ein typisches Beispiel ist die Vorstellung von “Fortschritt” (als ob der Mensch seit Anbeginn seiner Geschichte auf dem Weg zu einem klar definierten Endziel voran schreitet, was Unsinn ist). Ein anderes ist die durch Technik induzierte Degeneration, Frank Schirrmachers eigenes „vermanschtes Gehirn“, von dem er in einem Interview der BILD Zeitung[1] sprach.

Der Amerikaner Ray Kurzweil gehört zu den Vordenkern der digitalen Zukunft. Er ist erfolgreicher Serien-Firmengründer und hat deshalb genug Geld, um es sich leisten zu können, hauptberuflich darüber nachzudenken, wohin die Reise geht. Kurzweil gehört zu den Begründern der so genannten Singularity-Bewegung. Die will nicht mehr und nicht weniger als den uralten Menschheitstraum vom Jungbrunnen Wirklichkeit werden lassen. Singularity beschreibt eine Welt, in der die Verschmelzung des Menschen mit digitaler Technologie eine überlegene Form von Intelligenz schafft, die unser Leben dominieren wird.

Kurzweil spielt seit etwa 1980 mit dem Gedanken an Singularität, seitdem er erstmals mit dem Moore‘schen Gesetz konfrontiert wurde. Moore geht bekanntlich von einer Verdopplung der Leistungsfähigkeit digitaler Schaltkreise alle 16 bis 18 Monate aus. Verdopplung, wie jeder Roulettespieler weiß, führt aber unweigerlich zu einer ungeheuren Beschleunigung. Diese nennt man auch „exponentielles Wachstum.“

Die wohl berühmteste Geschichte über diese auf Dopplung basierende Exponentialfunktion stammt übrigens aus Indien und sie geht so: Der Erfinder des Schachspiels bekam vom König zur Belohnung einen Wunsch frei. Er soll sich so viel Reiskörner gewünscht haben, wie auf ein Schachbrett passen, wenn auf das erste Feld ein Korn gelegt würde, auf das zweite zwei, auf das dritte vier, und so weiter. Es sollten also immer doppelt so viele Reiskörner sein wie auf dem vorangehenden Feld. Der König fand den Wunsch solange ziemlich bescheiden, bis ihm seine Hofmathematiker vorrechneten, dass für das letzte, dem 64sten Feld, 18.446.744.073.709.551.615, oder rund 1,84·1019 Körner fällig wären.

Ob der König Wort gehalten und bezahlt hat, darüber gibt es verschiedene Überlieferungen. Vermutlich wäre es für ihn einfacher und billiger gewesen, dem frechen Erfinder schlicht den Kopf abzuhauen…

Kurzweil und die Anhänger der Singularität gehen davon aus, dass wir etwa um das Jahr 2030 so weit sein werden, den Inhalt unserer Gehirne und damit unser Bewußtsein auf computerartigen Geräten speichern zu können, also sozusagen ein Backup unseres Geistes zu machen, womit wir de facto unsterblich würden. Künstliche Zellen im Nanoformat werden Reparaturen an abgenutzten Körperteilen vornehmen können, so dass der Alterungsprozess gestoppt werden kann. Kurzweil schreibt in seinem Buch „Homo S@piens[2]“: „Wenn die nichtbiologische Intelligenz erst einmal Eingang in unsere Gehirne gefunden hat (was sich heute schon durch neuronale Implantate abzeichnet), wird die künstliche Intelligenz unserer natürlichen Intelligenz zu exponentiellem Wachstum verhelfen. Unsere Denkfähigkeit wird sich dann jedes Jahr mindestens verdoppeln.“

Wenn Ihnen das alles wie pure Science Fiction vorkommt, empfehlen wir einen Besuch im Ames Hanger, einem riesigen ehemaligen Luftschiff-Schuppen, der von der NASA umgebaut wurde, und in dem heute unter anderem die Singularity University zu Hause ist.

Singularity ist ein Forschungsgebiet, das sich mit den Folgen exponentiellen Wachstums auf die menschliche Intelligenz beschäftigt. Es geht von der Annahme aus, dass die Vorstellungen von Kurzweil und anderen in den nächsten Jahren Realität werden, und dass die so entstehende überlegene Form von Intelligenz unser Leben bestimmen wird. Die Anhänger der Singularität glauben also, dass Menschen und Maschinen eines Tages sich völlig mühe- und nahtlos vereinigen werden, und dass damit Unbeliebtes wie Krankheit, Altern und Tod der Vergangenheit angehören werden.

Die Singularity University wurde von Larry Page ins Leben gerufen, einem der Gründer von Google und Autor des nach ihm benannten „Page Rank“ Algorithmus. Es wird durch großzügige Spenden namhafter, erfolgreicher Unternehmer und Investoren aus dem Silicon Valley finanziert. Die Hochschule nimmt nur 80 Studenten auf, und die Plätze sind heiß begehrt. Für 25.000 Dollar können Manager an so genannten Executive Programs teilnehmen, bei denen sie Vorträge von führenden Wissenschaftlern aus den Bereichen der Nanotechnik, der Biotechnik, der Künstlichen Intelligenz, Robotik und IT lauschen und an Workshops teilnehmen können.

Der sechste Kondratieff

Die Teilnehmer erhoffen sich Hinweise darauf, was das „next big thing“ sein könnte, also die nächste Raketenstufe, die das Leben der Menschen und natürlich auch die Wirtschaft zu neuen Höhenflügen antreiben wird. Der sowjetrussische Ökonom Nikolai Kondratieff, der 1938 auf Geheiß von Stalin ermordet wurde, gilt als der Erfinder der zyklischen Konjunkturtheorie, die deshalb auch „Kondratieff-Zyklen“ heißen. Die Wirtschaft, so Kondratieff, entwickelt sich in so genannten „Langwellen“ von ungefähr 40 bis 60 Jahren Dauer, die jeweils von einer „Basisinnovation“ angetrieben werden, zum Beispiel der Dampfmaschine, die zu Beginn des 19ten Jahrhunderts zum Aufstieg der Textilindustrie führte, oder des Autos, dem wir die individuelle Mobilität verdanken.

Gegenwärtig befinden wir uns nach dieser Theorie am Ende des „Fünften Kondratieff“, der von der Informationstechnik angetrieben wurde, dem aber jetzt langsam der Dampf ausgeht. Ganze Heerscharen von Kondratieff-Anhängern beschäftigen sich heute mit der spannenden Frage: Was wird die Basisinnovation für den „Sechsten Kondratieff“ sein? Heißer Kandidat ist die Biotechnologie, die uns eine Ära von Gesundheit und Wohlbefinden bescheren soll.

Wenn das stimmt, dann liegt Kurzweil mit seiner Singularität, die einen technologischen Jungbrunnen verspricht, ja vielleicht gar nicht so daneben.

Des einen Utopia ist des anderen Albtraum. Theodore J. Kaczyinksi, der als „Unabomber“ ganz Amerika mit Briefbomben in Atem hielt und dabei drei Menschen tötete, forderte in seinem „Manifest“ die Menschen auf, die Technisierung unserer Gesellschaft zu überwinden, bevor wir zu Sklaven unserer Maschinen werden. Womit er eigentlich nur die uralten Ängste wiederspiegelte, die schon Mary Shelley 1818 in ihrem Roman „Frankenstein“ beschwor, in dem sie die Geschichte des jungen Schweizers Viktor Frankenstein erzählte, der an der Universität Ingolstadt einen künstlichen Menschen – aber leider auch ein Monster – erschafft.

In den USA ist zur Zeit die Fernsehserie „Fringe“ äußerst populär, in der es um verrückte Wissenschaftler geht, die Computerprogramme schreiben, die Gehirne zum Schmelzen bringen können, und die Roboter bauen, die ganze Mordserien verüben.

Wie weit wir tatsächlich schon auf dem Weg in die Singularität sind, demonstriert Dr. Christopher deCharmes, Chef der Firma Omneuron in Menlo Park, Kalifornien, einem Unternehmen, das sich auf Maschinen zum Auslesen von neuronalen Impulsen spezialisiert hat. Gedankenlesen heißt das in der Volkssprache. Seine Geräte werden zur Bekämpfung von Depressionen und zum Messen von Schmerzpegeln verwendet, und sie zeigen deutlich, wohin die Reise geht. „Wir sind heute schon in der Lage, Informationen aus dem menschlichen Gehirn auszulesen“, sagt deCharmes. Womöglich wird er eines Tages in der Lage sein, umgekehrt das Gehirn zu programmieren. Für Optimisten eröffnen sich damit Vorstellungen von einer Art computerisiertem Nürnberger Trichter. Ängstliche Seelen fürchten sich schon vor Legionen von roboterhaft ferngesteuerten Arbeitssklaven, die blind dem Willen der Computer oder ihren menschlichen Herrschern folgen.

Kurzweil und Konsorten sehen das natürlich nicht so dramatisch. „Technologische Evolution ist die Fortsetzung der biologischen Evolution“, sagt Kurzweil, also ein durchaus natürlicher Prozess.

Wir sind dem Ganzen ohnehin vielleicht näher, als wir glauben. Forscher um Craig Venter, dem Pionier des menschlichen Genom-Projekts, haben 2011 erstmals Leben im Labor geschaffen. Experten gehen davon aus, dass in ein paar Jahren Studenten künstliche Bakterien mal eben im Biologieseminar produzieren werden. Die US-Regierung will zwei Milliarden Dollar in das Projekt „Brain Map“ investieren um endgültig herauszufinden, wie das menschliche Gehirn funktioniert. Bis heute wissen wir es nämlich nicht. Wüssten wir es, wären wir vielleicht tatsächlich bald in der Lage, künstliche Gehirnzellen zu bauen und uns einzupflanzen.

Natürlich werden solche Zellen erst einmal zur Behandlung krankhafter Degenerationskrankheiten wie Alzheimer genutzt. Aber wer will uns daran hindern, auch gesunden Menschen zusätzliche Gehirnmasse und damit womöglich eine Art von „Superintelligenz“ zu erzeugen. Das wirft eine Reihe von ebenso spannenden wie gesellschaftlich relevanten Fragen auf, wie zum Beispiel diese: Bekommt man solche Zellen auch auf Krankenschein, oder können sich nur Reiche so was leisten? Wird die Gesellschaft eines Tages zerfallen in „Superinteligence-haves“ und „Superintelligence-have-nots“?

Zur Digitalen Aufklärung im Sinne dieses Buches gehört also die eigentlich längst überfällige Diskussion um Regeln und Moral im Zeitalter digitaler Veränderung und Beschleunigung, denn in einer solchen Entwicklung steckt natürlich auch ein hohes zerstörerisches Potenzial. Wenn wir es soweit kommen lassen, dann sind wir wirklich digitale Deppen, keine Frage.

[1] Frank Schirrmacher: „Das Internet vermanscht unser Hirn“, BILD Zeitung vom 20.11.2009

[2] Ray Kurzweil: Homo s@piens, Kiepenheuer & Witsch (2000)

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