« Vater Staat bezahlt den PC | Archiv | Von guten und von schlechten Passwörtern »
26.01.07
von Tim Cole um 11:29
Wiedergeburt der schlanken Schönheit
|
Sie gilt lange als Synonym von Luxus und Genuss, doch dann folgten für die Zigarre schwere Jahre. Gerade die deutsche Zigarrenindustrie traf den Abstieg von stolzem Wirtschaftszweig zur Pleitebranche besonders hart. Mit Unternehmermut und hoher Qualität versucht heute eine Handvoll junger Hersteller, den alten Weltruf der deutschen Zigarre wieder herzustellen. Unzählige Hommagen künden vom Mythos der handgemachten Zigarre. Eine der schönsten stammt von Zino Davidoff, dem legendären Zigarren-Papst aus Genf, der neben feine Tabakwaren nichts so sehr liebte wie weibliche Schönheit und der es schaffte, seine beiden Vorlieben elegant in einem unvergesslichen Satz zu vereinen: „Eine gute Zigarre ist wie eine schöne Frau – wenn man sich nicht um sie kümmert, geht sie aus.“ Natürlich denkt der Genießer dabei zunächst an eine glutäugige Lateinamerikanerin, womöglich an eine leichtbeschürzte Habanera, die in einer Wellblechhalle Coronas auf ihrem nackten Oberschenkel rollt. Schließlich waren es ja die spanischen Conquistadoren, die den Tabakgenuss Mitte des 16. Jahrhunderts von der Karibik nach Europa brachten. Doch bekanntlich kommt weibliche Schönheit in vielen Formen und Farben vor, und so könnte der eine oder andere auch an eine blonde Westfälin oder eine brünette Badenerin denken, denn auch dort blickt die Zigarrenkultur auf eine jahrhundertalte Tradition zurück. 1788 wurde in Hamburg die erste deutsche Zigarrenfabrik gegründet. Der Fabrikant Hans Hinrich Schlottmann hatte im spanischen Sevilla das Zigarrenmachen gelernt. Um sein Produkt schnell populär zu machen, verschickte er Gratisproben an die vornehmen hanseatischen Kaufleute, die damals Tabak in geschnupfter oder gekauter Form bevorzugten. Die neue Mode breitete sich schnell aus, und in ihrer Hochblüte im 19. Jahrhundert gehörte Deutschland zu den führenden Zigarrennationen der Erde. Hauptstadt der deutschen Zigarrenindustrie war das westfälische Städtchen Bünde, wo 1864 mehr als 100 Millionen Zigarren im damaligen Wert von einer Million Talern produziert wurden. Schließlich gedeiht die Tabakpflanze keineswegs nur in tropischen Ländern, sondern im Grunde überall, wo Wein und Wintergetreide gedeiht. Die badische Rheinebene sowie flachen Felder der Voreifel bei Aachen oder des Giessener Beckens in Mittelhessen sowie das sächsische Vogtland wurden mit der Zeit zu Zentren des Tabakanbaus, und viele Zigarrenmanufakturen siedelten sich hier. Allerdings wurden noch bis ins 20. Jahrhundert hinein die meisten deutschen Zigarren von kleinen lokalen Betrieben oder von den Tabakbauern selber hergestellt. 1901 waren von den 18.121 registrierten Zigarrenmachern alleine in den Landkreisen Herford, Minden und Lübbecke laut Chronik 8.078 Heimarbeiter, etwa 40 Prozent davon Frauen. Um diese wichtige Form des Nebenerwerbs zu schützen, erließ die deutsche Regierung in den 30er Jahren das so genannte „Maschinenverbot“ und sorgte so dafür, dass Zigarren bis lange nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland ausschließlich von Hand gedreht werden durften. Doch die Produktionskosten und damit die Preise der Zigarre konnten deshalb schon bald nicht mehr mit der sehr viel billigeren Zigarette konkurrieren, und aus einem Volk von Zigarrenrauchern (Prokopf-Konsum 1911: 127 Stück im Jahr!) wurden Zigaretten-Kettenraucher. Wer Zigarre rauchte, galt außerdem zunehmend als hoffnungslos altmodisch. In den 70er und 80ern kam es deshalb zum Massensterben der großen deutschen Zigarrenhäuser wie Rinn & Cloos in Gießen oder August Neuhaus in Schwetzingen, deren Handelsmarken wie „Brazil Trüllerie“ oder „Montan-Union“ einst fast jedem deutschen Konsumenten ein Begriff waren. Fast sah es schon so aus, als ob ein ruhmreiches Kapitel deutscher Wirtschafts- und Genussgeschichte sang- und klanglos zu Ende gehen würde – da startete die Zigarre Ende der 90er Jahre eine neue Karriere als trendiges Accessoire vornehmlich junger Genussmenschen, für die Handgerollte beinah über Nacht zum Statussymbol wurden. Es war die Zeit des ungebremsten Konsums, die aufkeimende Internet-Euphorie ließ die Stimmung steigen, es gab immer was zu Feiern, und als Krönung zündeten sich Jungunternehmer und solche, die es werden wollten, nach dem Vorbild ihres Armaniträger-Kanzlers die dickste Havanna an, derer sie habhaft werden konnte. Doch musste dabei mancher hoffnungsfrohe Zigarren-Jüngling die Erfahrung machen, dass eine mächtige Zigarre oftmals auch eine ebensolche Statur erfordert: Schwere Havannas können gerade bei Ungeübten Magen und Kreislauf durcheinanderwirbeln. Außerdem schlugen mit der plötzlich stark steigenden Nachfrage nach Original-Kubanern die Gesetzes des Marktes erbarmungslos zu: Binnen weniger Jahre stiegen die ohnehin nicht gerade bescheidenen Havanna-Preise ins Astronomische. Das war die Stunde der Deutschen. Ausgestattet mit jahrhundertealter unternehmerischer Tradition und jede Menge Tabakerfahrung schafften es eine Handvoll Betriebe den Wiederaufstieg als moderne Edelmarken. Ein typischer Vertreter der neuen Zunft ist Steffen Rinn, der Anfang der 90er Jahre gezwungen gewesen war, den 1895 gegründeten Familienbetrieb Rinn & Cloos in Heuchelheim bei Gießen an ausländische Investoren zu verkaufen. Der wegen seines südländischen Flairs von Freunden und Kollegen gelegentlich „Don Stefano“ genannte Nachkomme des einst größten deutschen Zigarrenmachers machte seinen Spitznamen zur Marke und produziert heute mit einem kleinen Team von Spezialisten hochwertige Qualitätszigarren in Handarbeit aus erlesenen Tabakblättern, die er aus Kuba, Sumatra und Brasil importiert. Ob er sich als ein Relikt früherer Zeit sieht? Eine solche Einschätzung ist ihm fremd: „Ich erstehe das als ein Neuanfang mit dem wertvollen Know-how der alten guten Tradition und der zeitgerechten Konzeption, marktentsprechend Produkte in einer hochwertigen Marktnische herzustellen.“ Seine im gedrungenen „Robusto“-Format hergestellte „Don Stefano Planet“ enthält ausschließlich hochwertige Tabake der kubanischen Provinz Pinar del Rio, die mit einem Deckblatt aus den Distrikten Bezuki und Vorstenlanden von der indonesischen Insel Java umwickelt sind. Das Ergebnis ist eine im Vergleich zu den Original-Kubanern eine Zigarre, die angenehm mild im Geschmack bleibt und dennoch das volle Aromareichtum der Karibik bietet. „Eine Zigarre, die für Anfänger und Kenner gleichermaßen befriedigend ist“, wie Rinn meint. Einen ähnlich erfolgreichen Turnaround haben auch die beiden Brüder Manfred und Philipp Schuster aus dem westfälischen Bünde. Eigentlich hatte Vater Dr. Hans Schuster vor, den 1909 gegründeten Betrieb mit seiner Pensionierung zu schließen, so wie Dutzende anderer Fabriken in der einstigen Zigarren-Hochburg nördlich von Bielefeld es bereits Ende der 70er Jahre vorexerziert hatten. Doch der gelernte Pädagoge Manfred und der studierte Jurist Philipp wollten weitermachen. „Wir waren infiziert von dem ‚braunen Gold’ Tabak“, behauptet Philipp, der Reisende in Sachen Tabak, während sein Bruder sich um den Betrieb kümmert. Heute beschäftigt die Firma August Schuster 45 Mitarbeiter und produziert jährlich sechs Millionen Zigarren, darunter die brasilianischen und Sumatra-Beststeller der Marke „Lepanto“, die „so manche Havanna in den Schatten stellt“, wie das Fachmagazin „Pipe & Cigar“ kürzlich schrieb. Daneben haben sich die Schuster-Brüder auf die Produktion hochwertiger Brasil-Zigarren konzentriert, zum Beispiel einen der weltweit nur selten erhältlichen echten „Puros“ mit einer Kombination zwischen aromenreicher Würze und Brasil-Süße. "Die Brasil nimmt ebenso wie die Havanna eine besondere Stellung innerhalb der Zigarrenwelt ein“, sagt Philip Schuster über seine „Regalia“, mit der er auch schon auf Kuba bei Ausstellungen für Aufsehen gesorgt hat. Viel zur Renaissance der deutschen Rauchkultur beigetragen haben auch eine kleine Schar von hochwertigen Fachgeschäften, die junge Raucher behutsam an das schwierige Thema Zigarre heranführen und erfahrene Zigarrenfreunden auf die deutschen Alternativen zu den etablierten Kariben hinführen. „Keine zwei Raucher sind gleich,“ behauptet Georg Huber vom gleichnamigen Traditionsgeschäft in München. „Der eine schwört auf seine Havanna und raucht nichts anderes. Der andere probiert auch gerne mal etwas Neues aus. Gerade wer mit einer schweren karibischen Zigarre seien Probleme hat, für den sind deutsche Qualitätszigarren oft eine milde, bekömmliche Alternative.“ Das sei auch deshalb wichtig, weil sonst unter Umständen der Zigarren-Nachwuchs abgeschreckt und die zarte Wiedergeburt der schlanken Schönheiten hierzulande wieder ins Stocken geraten könnte. Davon ist allerdings derzeit nichts zu spüren, wenn man dem Bundesverband der Zigarrenindustrie glauben darf. Der hat schon vor einigen Jahren ein Ende der Talsohle festgestellt. Heute ist der Trend eher ausgeglichen. „Wenn man auf die letzten Jahrzehnte zurückblickt ist ein gleichbleibender Absatz ja schon ein großer Erfolg", sagt Geschäftsführer Hans-Conrad Ostermeyer. Er geht davon aus, dass rund 1,2 Milliarden Zigarren und Zigarillos in diesem Jahr verkauft werden. "Damit haben wir jetzt bereits seit vielen Jahren einen durchweg stabilen Absatz." Dabei ist der Anteil der in Deutschland gefertigten Zigarren mit Abstand der größte. Im vergangenen Jahr legten die Produkte aus deutscher Fertigung sogar um fünf Millionen auf 725,5 Millionen Stück zu. Der Anteil der importierten Ware war dagegen mit 3,1 Prozent rückläufig. "Eine sehr positive Entwicklung, denn damit werden unsere Hersteller gestärkt", behauptet Ostermeyer. Zigarrenfreunde können sich also getrost zurücklehnen und den blauen Schwaden nachschauen. Denn sicher ist, Zigarren sind und bleiben Kult, egal welcher Provenience sie sein mögen. Vielleicht liegt es ja auch an ihrer Vergänglichkeit, die ein brasilianisches Sprichwort wunderbar beschreibt: „Alle Zigarren enden in Rauch.“ |