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07.03.07

von Tim Cole um 16:08
Hasta la Vista, Baby!

Das hier ist der vermutlich letzte Text, den ich in nächster Zeit auf Vista schreiben werde.

Na ja, genau genommen ist Vista ein Betriebssystem, damit schreibt man natürlich nicht, sondern mit einem Textprogramm, der auf dem Betriebssystem läuft, in diesem Fall also Microsoft Word 7.0. Was ich meine ist: Ich werde gleich, wenn ich diesen Text geschrieben habe, das frisch installierte neue Betriebssystem Vista runter schmeißen und das gute, alte Windows XP auf meinen Thinkpad laden.

Nicht, dass Vista nicht eine tolle Sache wäre. Ich war ja auch auf der Einführungs-Party von Microsoft im HVB-Forum in München, wo mir Georg Kofler von Premiere höchstpersönlich vorführte, wie man Fernsehbilder auf einem Vista-PC gestochen scharf anschauen kann. Nebenan erklärte mir ein Microsoft-Mann, wie sogar ich mit Hilfe der eingebauten Video-Schnittsoftware kinderleicht wirklich sehr professionell wirkende Kurzfilme zusammenstückeln und vertonen kann. Überhaupt hatte man an dem Abend zwischen all den Filmstars, Fußballspielern und sonstigen Promis eigentlich eher das Gefühl, auf einer Kinopremiere als bei dem Launch einer neuen Computersoftware zu sein.

Mein Problem ist aber: Ich muss mit dem Computer arbeiten. Und nach drei Tagen voller Frust und Ärger habe ich das Gefühl, dass mich Vista dabei mehr behindert als mir hilft.

Ich schreibe das auch deshalb ungern, weil ich die Kollegen von Microsoft mag und ich ihre von mir als echt empfundene Begeisterung über ihr neues Betriebssystem nicht dämpfen möchte. Und ich möchte diese Zeilen auch als ein ganz persönliches Eingeständnis des Versagens verstanden wissen, nicht als Produktschelte: Ich komme mit Vista nicht zurecht. Vielleicht wird sich das eines Tages legen, und ich werde das alte XP wieder runter schmeißen und die schöne, neue „Premium“-Version von Vista, die ich als Journalist nach dem Abend in München geschenkt bekommen habe, wieder drauf laden. Aber da wird sich zuerst noch einiges ändern müssen – bei Vista und bei mir.

Ich will mal versuchen zu erklären, was mich stört. Vorausschicken muss ich aber, dass ich zwar seit mehr als 20 Jahren im IT-Umfeld journalistisch tätig, aber nie wirklich ein IT-Journalist gewesen bin. Dazu verstehe ich zu wenig von Computern.

Na gut, ich arbeite schon seit Ende der 70er Jahre mit ihnen (mein erster PC war ein Kaypro, der mit dem Betriebssystem CPM arbeitete, denn damals tüftelte Bill Gates wahrscheinlich noch in seiner Garage an seinem ersten MD-DOS). Ich habe sie damals alle gekannt, die Commodore 64er, die IBM ATs und XTs, die Ataris, Amstrads („Joyce“) und TI-99s. Ich war sogar mal Geschäftsführer der „MSX-Arbeitsgemeinschaft Deutschland“, einer Vereinigung von Unterhaltungselektronik-Herstellern, die meisten von ihnen aus Japan, die den ersten Heimcomputer in den Markt bringen wollten und daran furchtbar gescheitertt sind.

Damals habe ich übrigens Bill Gates persönlich zu einem Entwicklerforum nach München eingeladen, denn Microsoft hatte das Betriebssystem „MSX-DOS“ geliefert. Er wohnte drei Tage völlig unerkannt im „Bayerischen Hof“, fachsimpelte stundenlang mit den Spieleprogrammierern und telefonierte ziemlich viel mit seiner Mutter (die Telefonrechnung musste die MSX-Arbeitsgemeinschaft bezahlen). Als ich ihn anschließend zum Flughafen brachte und dann in die Zeitung guckte, stand da, das Aktienpaket von Bill Gates sei erstmals auf einen Wert von über einer Milliarde Dollar gestiegen…

Was ich sagen will ist: Ja, ich habe viel Erfahrung mit Computern, aber es war immer nur eine Arbeitsbeziehung. Computer haben mir sehr viel Zeit gespart, und ich habe mit ihnen relativ viel Geld verdient als Schreiber und als Redner (wo wären wir ohne PowerPoint?). Und gerade deshalb werde ich bei Vista jetzt erst mal passen.

Hier ein paar Gründe. Sie sind mehr oder weniger wahllos zusammengeworfen und vielleicht für jemand anderen auch nicht besonders relevant. Für mich aber schon.

Das fängt beim Hochfahren an. Ich habe extra einen nagelneuen Laptop mit „Centrino Duo“-Chipsatz gekauft. Der Hersteller hatte wohl eine kleine Vorahnung, denn auf einem Aufkleber steht („Designed for Windows XP“ und ganz klein drunter „Windows Vista enabled“. Ja, er kann Vista, aber nicht besonders schnell. Meiner braucht jedenfalls sage und schreibe drei Minuten, bis die kleine Eieruhr aufhört zu drehen und ich damit arbeiten kann.

Halt, stimmt nicht: Die kleine Eieruhr ist weg! Wie oft habe ich über sie geflucht, und jetzt fehlt sie mir. Sie mahnte mich immer an die Flüchtigkeit des Seins und forderte von mir Demut und Geduld. Jetzt musste sie einem seltsamen kleinen blauen Heiligenschein weichen, der sich um und um herum im Kreise dreht, als wie am Bratenspieß ein Huhn, wie Ringelnatz mal so nett schrieb. Das ist wohl Fortschritt. Ich empfinde ihn als Verlust.

Vista führt mir außerdem meine eigene Vergänglichkeit vor Augen, jedenfalls mein fortschreitendes Alter. Die Entwickler von Vista müssen alles junge Kerle mit Adlerblick sein. Jedenfalls haben sie die Schriften und Bildchen auf ein solches Mindestmaß reduziert, dass ich sie nur mit Mühe und mit Hilfe meiner Lesebrille überhaupt entziffern kann. Die Fußleiste von Vista ist gefühlsmäßig nur halb so groß wie bei XP und außerdem in schattiertem Schwarz gehalten. Ein blaurotes Logo wie das von meinem „HotSync“-Programm ist auf diesem Hintergrund fast gar nicht zu sehen, die anderen oft nur aufgrund der Farbe (das leuchtendgrüne Anwesenheitssymbol von „Skype“ zum Beispiel sticht sofort ins Auge). Ich weiß, ich weiß: Dadurch ist mehr Platz auf dem Bildschirm frei, aber was nützt es mir, wenn ich nichts erkennen kann?

Meine Enttäuschung über Vista hat auch viel mit gebrochenen Versprechen zu tun. Als ich zum ersten Mal damit herumspielte, kam mir vieles vertraut vor, was mich freute. Doch mit der Zeit entdeckte ich eine ganze Reihe von subtilen kleinen Veränderungen, die mich verunsichert haben. Das Menü „Systemsteuerung“ heißt immer noch so, aber es ist einiges dazu gekommen. Aber wenigstens haben die Entwickler – wohl in weiser Vorausahnung, dass es noch mehr solche Typen geben wird wie mich – die Möglichkeit geschaffen, mit einem Klick auf „klassische Ansicht“ eine vertraute Benutzerführung anzuzeigen. Aber warum suche ich vergeblich nach dem vertrauten Menüpunkt „Software“? Erst nach einem Telefongespräch mit meinem Freund, dem „echten“ IT-Journalisten Martin Kuppinger, der natürlich alles über Vista weiß (aber seltsamerweise auf seinem Arbeits-PC angeblich auch noch Windows XP laufen hat) entdeckte ich die gesuchten Aufgaben unter „Programme und Funktionen“.

Ähnlich geht es mir mit dem „Windows Explorer“, den ich aus irgendwelchen Gründen dauern verwende, um mich in meinem PC zu Recht zu finden. Vielleicht ist das ein Überbleibsel aus meinem kurzen, traumatischen Ausflug in die Apple-Welt, wo ich mich daran gewöhnt habe, mir den Inhalt eines Computers als hierarchische Anordnung von Aktenordnern vorzustellen. Der neue Windows Explorer (nicht zu verwechseln mit dem Online-Browser „Internet Explorer“, obwohl sie bei Vista praktisch zusammengewachsen sind) weigert sich beharrlich, mir das anzuzeigen, was ich sehen will. Stattdessen wechselt es aus unerfindlichen Gründen immer wieder in die Ansicht „Dokumente“ (was früher bei XP noch „eigene Dateien“ hieß. Wenn ich mich mühsam bis zu „Computer“ durchklicke und endlich den Inhalt meiner Festplatte sehe, wechselt es beim nächsten Klick gleich wieder zurück. Vielleicht gibt es eine ganz einfache Lösung dieses Problems. Ich finde nur, das Leben ist zu kurz, um danach zu suchen.

Das mag eine Marotte von mir sein. Richtig ärgern tue ich mich aber darüber, das Vista ganz offenbar noch ein „work in progress“ ist, denn es gibt für keines der drei (3!) Drucker, die bei mir herumstehen, einen funktionierenden Treiber. Dabei sind zwei von ihnen (beide von HP) ziemlich neu. Einen habe ich sogar erst jetzt gekauft, aber laut HP-Homepage wird der Vista-Treiber des LaserJet 1020 erst „wahrscheinlich im Juli“ verfügbar sein. Der Treiber für mein „Photosmart 3300“ fand ich endlich im Internet, aber die mitgelieferte Software lässt sich leider unter Vista nicht installieren. Da ich den Drucker aber drahtlos über mein WiFi-Netz betreibe, kann ich mich nicht mit ihm verbinden, sondern muss zum Drucken runter in den ersten Stock und einen USB-Kabel anschließen.

Dieses Problem werden vermutlich die meisten Vista-Neulinge nicht so erleben wie ich, denn ich bin ja gleich mit meinem neuen Rechner in die neue 64-Bit-Klasse aufgestiegen, und da hat Microsoft etwas eigentlich sehr vernünftiges getan: Sie haben die Unsitte unterbunden, dass jeder dahergelaufene Treiber-Entwickler (und Hacker) sich Zugriff zum „Kernel“, also sozusagen auf das Allerheiligste des Betriebssystems verschaffen kann.

Dieses Prinzip der signierten Treiber ist ein echter Fortschritt aus Sicht der Stabilität, und Microsoft musste lange genug Prügel einstecken, weil die PCs angeblich ständig abgestürzt sind. Microsoft und der Rest der PC-Welt haben sich da immer den Schwarzen Peter hin und her geschoben, aber damit ist – zumindest in der 64-Bit-Version – jetzt Schluss. Prima – aber bis für alle Geräte, oder zumindest für meine, zertifizierte Treiber verfügbar sind, kann es noch dauern. Ich muss aber inzwischen Geld verdienen, und dazu brauche ich unter anderem einen Drucker. Ähnliche Probleme gibt es aber auch mit anderen Zusatzgeräten, was insgesamt die Leistungsfähigkeit einschränkt.

Das mag für einen Mitarbeiter in einem Unternehmen, das eine IT-Abteilung hat, die er im Notfall anrufen kann, vielleicht gar kein Problem sein. Für mich als Einzelkämpfer kostet das Herumbasteln, das Ausprobieren und immer wieder enttäuscht werden, einfach zu viel Zeit und Nerven. Ich mag nicht mehr!

Die meisten dieser Probleme werden sich mit der Zeit legen. Eine Eigenschaft von Vista, die ich als störend empfinde, wird aber bleiben, denn sie ist Teil der Philosophie.

Vista kümmert sich um mich, und zwar wie eine gluckenhafte Großtante um ein nicht sonderlich helles Kleinkind. Laufend poppen irgendwelche Screens hoch mit nützlichen und hilfreichen Tipps, mahnenden Warnungen oder Vorschlägen, wie man etwas besser machen kann. Vorbei die Zeiten, als Microsoft die User im Regen stehen ließ oder mit barschem Kasernenhofton abfertigte („fatal error!“). „Möchten Sie diese Datei ausführen?“ fragt mich Tanta Vista ständig, als ob die bloße Tatsache, dass ich per Mausklick gerade eine eindeutige Anweisung gegeben habe, ein Zeichen von Unreife und jugendlichem Leichtsinn wäre. Natürlich weiß ich, dass ein guter Entwickler Rücksicht nehmen muss auf den DAU (den „dümmsten anzunehmenden User“). Aber muss er mir ständig das Gefühl geben, selbst der DAU zu sein?

Oder vielleicht hat er ja recht. Wie dem auch sei: Ich werde jetzt erst mal mit diesen Zeilen das Vista-Kapitel meines Lebens beenden und reumütig in die blökende Herde der XP-User zurückkehren. Ab und zu schaue ich wieder rein, und vielleicht wage ich später mal einen zweiten Versuch. Ich fürchte aber, dass sich dazu erst noch eine Menge ändern muss – bei Vista und bei mir.



Kommentare

Hallo Herr Cole,

ich [Lars Sterchi, Junkerngasse 15, 3011 CH-Bern: info@webfirm.ch] bin soeben auf Ihren Beitrag gestossen.

Gerade jetzt, während ich Ihnen zu schreiben versuche, poppen da auf meinem neu erworbenen Notebook mit Microsoft VISTA andauernd irgendwelche Dummy-User-Infos aus der Fussleiste.

Soeben wurde mir mitgeteilt, dass sich mein Norton-Anti-Virus Programm aktualisieren möchte.

Leider poppte diese Mitteilung über die gesamte CGI-TEXTAREA-Form Ihres Kommentarfensters cole.de/archives/2007/03/hasta_la_vista.html, so dass ich meinen Eintrag soben zu unterbrechen hatte; und natürlich ist damit auch der ganze Gedankenfluss dahin. Das stimmt ärgerlich, denn:

Selbst Gates würde wohl wütend werden, wenn er alle paar Sekunden gestört würde durch etwelche SekretärInnen seiner unterschiedlichsten Abteilungen; genauso verhält sich VISTA im Verhältnis zu seinen AnwenderInnen.

Die Flut an vermeintlichen Informationshilfen überfordern hierbei gerade diejenige Microsoft-VISTA-AnwenderInnen, für welche die Dummy-User-Infos angeblich bestimmt sind. Bei eingehender Betrachtung handelt es sich indessen um eine geradezu juristisch anmutende Klausulatur an PopUp-Informationen unter dem Betriebssystem VISTA von Microsoft.

So wird den Microsoft-VISTA-lizenzberechtigten AnwenderInnen bei nahezu jeder Installation renomierter Anbieter von Peripheriegeräten bei der Installation der Software mitgeteilt, dass die Installation durch Microsoft nicht gewährleistet, eine werkseitige Haftung nicht gegeben ist, die Installation also auf eigenes Risiko erfolgt.

Die Zeit wird zeigen, ob virtuelle Warnhinweise über PopUp-Fenster weltweit eine Werkhaftung für Betriebssoftware wegbedingen können.

Mein Ericson-Handy beispielsweise liess sich nicht installieren. Denn bei der Installation der Betriebssoftware teil mir Microsoft mit, dass es sich bei Ericson-Anwendungen um keine gesicherte bzw. vertrauenswürde Quelle handelt.

Wäre ich der Chef von Ericson Inc., ich würde Microsoft B. Gates unverzüglich infolge übler Nachrede verklagen. Dasselbe bei HP und etc..

Anstatt jedoch zur - wie Sie schreiben - blöckenden Herde der XP-Users zurück zu kehren, empfehle ich Ihnen UBUNTU mit OpenOffice. In der Zwischenzeit verbleibe ich

nach etlichen Pop-Up-Dummy-Infos (c) VISTA
Microsoft, mit besten Grüssen: Lars Sterchi
CH-Bern


Posted by: Lars Sterchi, CH-Bern at 27.07.07 14:04

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