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31.03.07

von Tim Cole um 18:14
MSX - ein verspäteter Nachruf

Manchmal holt einen die eigene Vergangenheit ein. Mir passierte das gerade, als aus heiterem Himmel ein netter Mensch anrief und fragte, ob ich nicht mal Chef der "MSX-Arbeitsgemeinschaft" war. Da half kein leugnen - ich war's nämlich wirklich...

Es war das Jahr 1982. Ich hatte mich damals gerade selbständig gemacht, nachdem ich zunächst zur Gründungsmannschaft von „Audio“ gehörte und dann als Geschäftsführender Redakteur die deutsche Ausgabe von „stereoplay“ ins Leben gerufen hatte.

Natürlich kannte ich damals alle Pressesprecher der Branche, und eines Tages kam Peter Hoenisch, damals Pressechef von Sony Deutschland (später von RTL) zu mir und fragte, ob ich ihnen nicht helfen wollte. Sony und einige andere UE-Hersteller hätten vor, einen Spielecomputer auf den Markt zu bringen, der gegen die damals vorherrschenden Ataris, Commodores, TIs, Tandys und Sinclairs antreten sollte.

Der PC war zu diesem Zeitpunkt gerade erst erfunden worden: IBM hatte den 5150 ja erst 1981 vorgestellt. Er kostete, wenn ich mich recht erinnere, weit über 10.000 DMark. Die ersten MSX-Rechner dagegen sollten zwischen 3000 und 4000 Mark kosten. Als allerdings die Preise für „richtige“ PCs relativ schnell auf unter 2000 Mark fielen, setzte der große Preiskampf ein, und die Hersteller zogen sich mit der Zeit einer nach dem anderen aus dem Markt zurück.

Der „harte Kern“ der MSX Arbeitsgemeinschaft waren immer Sony, Panasonic und Phillips. Toshiba, Sanyo, Pioneer und Goldstar waren auch mehr oder weniger aktiv.

Wir haben in erster Linie das System auf Messe wie CeBIT und Systems mit Gemeinschaftsständen zu präsentieren versucht. Da gab es dann immer Geldprobleme, denn viele der Hersteller waren ja ohnehin auf den Messen vertreten und wollten kein separates Budget bezahlen. Ich musste ständig dem versprochenen Geld hinterherlaufen, was die Motivation mit der Zeit natürlich gegen Null sinken ließ.

Wir haben zweitens versucht, die Programmierer in Deutschland davon zu überzeugen, dass es sich für sie lohnen würde, Software für das Format zu schreiben, was schwierig war, denn aufgrund der geringen verkauften Stückzahlen lohnte es sich für die kaum. Sie haben lieber für die Marktführer wie Atari und Commordore, später für MS-DOS geschrieben. In diese Bemühungen fällt auch jene legendäre Software-Workshop im Lenbachpalais in München, zu dem Bill Gates als unser „Dienstleister“ persönlich anreiste und das Betriebssystem vor ca. 40-50 Entwicklern erklärte. Er brachte auch die erste in Deutschland existierende Systemdokumentation im Koffer mit aus Redmond.

Das war überhaupt unser größtes Problem, und wurde nie richtig gelöst: Da kein Hersteller sich für das System an sich zuständig fühlte, sondern nur als einer von mehreren Wettbewerbern Produkte in den Markt drücken wollte, gab es so gut wie kein System-Support. Microsoft hat sich – außer mit der Entsendung von Gates – auch nie wirklich darum gekümmert, denn sie hatten ja ihre Arbeit getan und das OS abgeliefert. Wahrscheinlich waren sie auch schon mit der Entwicklung von Windows beschäftigt und hatten deshalb andere Dinge im Kopf.

Zum Schluss begannen die Hersteller, einzeln aus der AG auszutreten, bis nur noch die „Big Three“ übrigblieben. Irgendwann sagten sie sich, das könnten sie auch über ihre eigenen Pressestellen machen, und die AG löste sich auf. Mir bleibt die Erinnerung an 2 oder 3 wahnsinnig arbeits- und frustreiche Jahre.

Eigentlich dachte ich, das Thema wäre abgehakt. Aber nein, meinte Wolfgang Borrrmann aus Kochel am See, MSX lebt! Er selbst besitzt angeblich verschiedene MSX-Computer der beiden ersten Generationen (MSX1 und MSX2) sowie eine umfangreiche Sammlung von Software, Hardware, Manuals usw.

Nun möchte er gerne eine Website aufbauen, auf der neben einer Tauschbörse auch historische Infos stehen sollen. Eigentlich muss er sich die Mühe gar nicht machen, denn es gibt (wie für fast alles) bereits eine Wikipedia-Seite zum Thema ebenso wie eine Fan-Seite namens MSX Resource Center. Allerdings fehlt offenbar noch eine deutschprachige Site, also kann ich ihm nur alles Gute wünschen. Sehr viel beitragen kann ich aber nicht: Alle digitalen Unterlagen aus dieser Zeit habe ich damals auf einem KayPro IV geschrieben, das mit dem Betrierbssystem CPM arbeitete. Selbst wenn ich die Floppies von damals aufgehoben hätte, wie sollte ich sie heute entziffern?

So bleibt es bei ein paar alten, staubigen Erinnerungen, und ich komme mir vor wie die Stalingradkämpfer, die auch langsam aussterben. Aber MSX lebt weiter - ein kleiner Trost, wenigstens.




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