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30.08.07
von Tim Cole um 16:23
Biometrie ist kein Allheilmittel
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Von Wolfgang Schäubles Gedankenspielen abgesehen dürfte kaum ein Thema die Menschen in Deutschland so stark polarisieren wie der Einsatz biometrischer Systeme – zu unrecht. Wie ist es nun mit der Biometrie? Löst sie mit einem Schlag die ganzen Probleme rund um Zugangskontrolle, Rechtemanagement und informationelle Selbstbestimmung? Oder sieht die Welt am Ende aus wie im Film „Minority Report“, als Tom Cruise mit einer Plastiktüte voll glitschiger Augäpfel herumläuft, mit denen er die allgegenwärtigen Irisscanner austrickst? Egal, ob uns bei dem Gedanken die Nackenhaare sträuben: Biometrie ist inzwischen ein Riesengeschäft geworden – und damit wohl kaum zu stoppen. Laut einer Prognose der International Biometrics Group wird der Umsatz der Branche von heute drei Milliarden auf 7,4 Milliarden Dollar im Jahre 2012 steigen. In den USA stattet man bereits die Ausleihkarten von Büchereien damit aus. Angeblich planen erste Autohersteller schon, den Zündschlüssel durch einen entsprechenden Sensor zu ersetzen. Auch mein nagelneuer Laptop verfügt, wie viele andere heutzutage, über einen integrierten Fingerabdruck-Scanner. Leider funktioniert er nicht immer, was daran liegen könnte, dass ich langsam in die Jahre komme. Die geriffelten Spiralen an unseren Fingerkuppen, ohne die uns glatte oder schlüpfrige Gegenstände noch häufiger aus der Hand fallen würden, schwächen sich im Alter ab und können sogar ganz verschwinden. Manche Menschen haben ohnehin keine, wenn sie nämlich an der (zugegeben äußerst seltenen) Hautkrankheit „Dermatophathia pigmentosa reticularis leiden“. Ohnehin ist der Wert des Fingerabdrucks als Identitätsnachweis eher fraglich. Dazu lässt er sich zu leicht fälschen. Wissenschaftler an der amerikanischen Clarckson-Universität haben. Sie haben 66 verschiedene „fake fingers“ („falsche Finger“) ausprobiert und damit mehr als 90 Prozent aller biometrischen Zugangssysteme erfolgreich überlistet. Die primitivsten waren aus „Play-Doh“, einem synthetischen Ton, das in Amerika als Kinderspielzeug sehr beliebt ist. Aber so viel Aufwand war in den meisten Fällen gar nicht nötig: Auch eine Fotografie des Fingerabdrucks der berechtigten Person genügte bei einigen Systemen, um sich Zugang zu vertraulichen Inhalten zu verschaffen. Man muss also gar nicht – der Pate lässt grüßen – dem Opfer gleich die Hand abhacken. Für Sicherheitssysteme sind biometrische Verfahren also höchst umstritten. Aber warum muss es dabei immer nur um Sicherheit gehen? Haben wir womöglich aufs falsche Pferd gesetzt? Neulich lernte ich Dr. Walter Eigenstetter kennen, seines Zeichens „Solution Architect“ bei T-Systems, der behauptet, Biometrie lässt sich am besten über Bedienungskomfort verkaufen. Eine kontroverse These, an der aber etwas dran sein kann. Man muss nur nach Japan schauen, wo sich heute mehr als zwei Millionen Bankkunden per Handflächen-Scanner am Geldautomaten ausweisen. Und in Amerika ist das Zahlungssystem Pay By Touch sehr erfolgreich. Kunden können damit an der Kasse per Fingerabdruck und einer siebenstelligen PIN-Nummer bezahlen – die Plastikkarte hätte damit ausgedient. Nach Angaben des Herstellers machen schon mehr als drei Millionen registrierte Benutzer mit. Es muss auch nicht immer nur der Fingerabdruck sein. Der niederländische Bankenkonzern ABN-AMRO hat Pläne bekannt gegeben, ein neues System für Telefon-Banking namens „Voice Vault“ des britischen Herstellers Biometrics Security auszurollen, das die Identität des Benutzers über die Analyse seiner Stimme feststellen soll. Dem Vernehmen nach soll auch die Deutsche Telekom an einer ähnlichen Lösung arbeiten. Andere wie die Firma Biopassword setzen auf so genannte „Keystroke Dynamics“, die den Benutzer an der Art und Weise erkennen soll, wie er einen Text über die Tastatur eintippt Man kann sich streiten, ob in solchen Fällen die Sicherheit oder die Bequemlichkeit aus Kundensicht wichtiger ist. Aber da über Biometrie sowieso gestritten wird, macht das auch nichts aus. Sicher ist, dass die breite Akzeptanz biometrischer Systeme in der Bevölkerung letztlich nur dann zu erwarten ist, wenn sie einen klaren Vorteil verspricht. Erfahrungen aus der Vergangenheit lassen eher darauf schließen, dass sich Sicherheit alleine nicht verkaufen lässt. Es muss schon etwas mehr sein. |