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24.09.07
von Tim Cole um 08:48
Kartoffelbrei im Internet
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Normalerweise verderben viele Köche ja den Brei. Im Internet ist das ganz anders. Die Kunst, einen guten Kartoffelbrei - wir Amerikaner sagen dazu "mashed potatoes" - zu kochen, ist nicht jedem gegeben. Mehlige Kartoffeln schön weich kochen, Butter drüber schmelzen lassen, etwas Salz, Milch und Muskatnuss dazu geben und dann mit dem Schneebesen cremig rühren - eigentlich ganz einfach. Trotzdem scheuen viele Hausfrauen davor zurück, greifen lieber zur Packung aus dem Supermarkt. Schmeckt dann halt wie Plastik... Eine andere Art von Mansche macht offenbar vielen Leuten auch Probleme. Ich denke an so genannte "Mashups", also das was herauskommt, wenn man eine bestehende Internet-Anwendung wie beispielsweise Google Maps nimmt, selber etwas dazu gibt, alles kurz umrührt und es dann als Eigenkreation auftischt. Theoretisch wissen viele meiner Kollegen und Freunde, mit denen ich darüber geredet habe, was damit gemeint ist, oder jedenfalls wissen sie, dass es irgendwas mit dem seltsamen Phänomen des "Web 2.0" zu tun hat. Irgendwas zum Mitmachen, halt. Nur selber mitgemacht hat da noch keiner von ihnen. Ich, ehrlich gesagt, auch nicht. Bis ich auf eine Website namens "mapmyrun.com" stieß. Das ist ein typischer Mashup: Einer hatte die Idee, Hobbyläufern die Möglichkeit zu geben, eine einmal zurückgelegte oder geplante Laufstrecke per Browser und Mausklick auf einem Google Map aufzuzeichnen und abzuspeichern, entweder um sie nochmal anzusehen, oder um sie mit anderen auszutauschen ("Mein Liebling-Lauf an der Isar"). Ich benutze das seit einigen Monaten für mein Marathon-Training, weil ich auf diese Weise bis auf den Meter genau herauskriegen kann, wie weit ich heute gerannt bin. Eigentlich ganz nett - aber unter "Mitmachen" habe ich mir eigentlich etwas (inter-)aktiveres vorgestellt. Im Grunde nutze ich ja nur etwas, was ein anderer "gemasht" hat. Nun renne ich nur, ich versuche auch Golf zu spielen, mit wechselndem Erfolg, aber mit viel Begeisterung. Und ich bin Mitglied in einem kleinen Verein, der sich "Presse Golf Club" nennt. Mein Freund Egon Stengl, Chefredakteur und Herausgeber des Online-Magazinportals infocomma, ist PGC-Vorsitzender, und er reist ständig durch die Lande und überzeugt die Geschäftsführer von Golfclubs, dass es für seinen Club doch ganz gut wäre, wenn Journalisten ab und zu dort spielen würden. Dann kämen sie vielleicht in die Zeitung oder ins Fernsehen, und das müsste ihnen doch auch etwas wert sein. Am Ende unterzeichnen die meisten von ihnen eine Vereinbarung, wonach ordentliche Mitglieder des PGC unter der Woche zum halben Greenfee spielen dürfen. Mittlerweile ist die Liste der so genannten PGC-Partnerclubs auf gut zwei Dutzend angewachsen. Ursprünglich waren sie alle in Bayern, weil Egon ein Münchner ist, aber inzwischen haben wir auch Partner im Badischen, in der Mark Brandenburg und an der Ostsee. Als PGC-Mitglied plant man seine Reisen deshalb inzwischen so, dass man möglichst an irgendeinem Partnerclub vorbeikommt, dann kann man relativ unkompliziert und preiswert eine Runde zwischendurch spielen. Nur ist es mit der Planung ein bisschen schwierig, denn die Golfclubs haben meist sehr fantasievolle, aber wenig aussagekräftige Namen wie "Jura-Golfpark" oder "Die Wutzschleife" - nur: Wo liegt denn die Wutz? Welches Jura ist gemeint - das in der Schweiz oder das in der Oberpfalz? Was schön wäre, dachte ich, wäre eine Landkarte, auf der sämtliche Partnerclubs auf einen Blick zu sehen sind. Früher wäre das sehr aufwändig und teuer gewesen, weil man einen Grafiker gebraucht hätte, der über die richtigen Software-Tools verfügt und damit auch umgehen kann. Und da fiel mir plötzlich der Kartoffelbrei ein: das wäre doch ein Fall für den Mashup! Ein kurzer Blick in Google genügte, und schon fand ich mich auf der Website von "mapbuilder.net" wieder, wo ich sofort und intuitiv verstanden habe, was zu tun ist: Adresse des Golfclubs in die Suchzeile eingeben, dann einfach auf die entsprechende Stelle in der Google-Landkarte klicken und auf "add" klicken, um einen neuen Club hinzu zu fügen. Eine Stunde später war sie fertig, die schöne bunte PGC-Landkarte, zu bewundern unter http://www.mapbuilder.net/users/TC1066/51099. Das Ganze ist für mich ein weiterer Beweis dafür, dass Web 2.0 überhaupt nichts Neues ist, sondern lediglich das Ergebnis eines Reifeprozesses. Mitmachen konnte man ja schon vom ersten Tag an, nur war es schwierig, für den Laien oft unmöglich, weil ihm die Werkzeuge sowie das nötige Spezialwissen fehlten. Inzwischen ist es so einfach geworden, einen Blog zu schreiben oder eine Landkarte mit Golfplätzen zu bauen, dass es jeder Depp kann - sogar ich. Das ist eine echtes Stück Demokratisierung des Internet und somit auch ein ganz wichtiger Schritt in die Zukunft. Aber dass es gleich eine völlig neue Evolutionsstufe sein soll, da habe ich meine Zweifel. Wir haben den Kartoffelbrei nicht neu erfunden - es ist nur einfacher geworden, ihn zuzubereiten. Und jeder darf sein eigener Koch sein... |