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19.09.07
von Tim Cole um 12:27
Wir haben uns auseinandergelebt
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Europa hat sich geistig im Sinne der Aufklärung weiterentwickelt – Amerika ist stehen geblieben. Was bleibt da noch an Gemeinsamkeit? Nicht mehr genug. Der Begriff von der transatlantischen Völkerfamilie wird immer wieder beschworen. In Wirklichkeit gibt es ihn längst nicht mehr: Wir haben sich auseinander gelebt. In der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung nehmen die Gründungsväter für sich in Anspruch, die Bande, die sie mit ihren bisherigen Herrschern verbunden haben, zu lösen. Heute müssen sich Deutsche und andere Europäer ernsthaft fragen, ob sie nicht zur Schere greifen müssen, um sich von einer allzu engen Verbindung zu befreien, bevor sie zur Fessel wird. Die geistigen Bande, die Europa über Jahrhunderte mit den Amerikanern verbunden haben, tragen heute nicht mehr. Historisch, das ist nicht zu leugnen, sind die Vereinigten Staaten größtenteils das Ergebnis einer Landflucht, die vor rund 400 Jahren in Europa begann. Ist das genug, um Gemeinschaft abzuleiten? Schließlich sind die europäischen Immigrationsströme von immer neuen Wellen aus ganz anderen Kulturkreisen überlagert worden, allen voran aus Lateinamerika und Asien. Aber selbst wenn man den Archetypen des WASP („white anglo-saxon protestant“) als kulturelle Dominante akzeptiert: Reicht er als Kristallisationskern einer gemeinsamen kulturellen Identität noch aus? Was hat es noch zu sagen, dass sich die Urgroßväter vieler Amerikaner irgendwann einmal aus Wirtschaftsnot oder aus politischer oder religiöser Verfolgung in die Neue Welt gerettet haben? Singen sie deshalb immer noch aus dem gleichen Gesangbuch? Oder ist die Harmonie dauerhaft gestört? Taugt eine genetisch zweifelhafte transatlantische Brüderschaft in Europa noch als Leitlinie für das eigene Denken und Handeln? Oder anders gefragt: Gibt es noch eine ausreichend große kulturelle Übereinstimmung zwischen Europa und Amerika, die jene besondere Beziehung rechtfertigt, die nicht nur Tony Blair für Großbritannien, sondern auch Festlandspolitiker hierzulande gebetsmühlenhaft beschwören? Die Antwort lautet: nein. Europa hat heute mit Amerika kaum mehr gemein als mit Russland oder China. Auf keinen Fall dürfen die Europäer deshalb den Fehler machen, weiterhin ihr Selbstverständnis an Amerika ausrichten. Das hat nichts mit dem Kulturchauvinismus á la francaise oder mit dumpfem Antimamerikanismus zu tun. Es ist lediglich die schmerzliche Feststellung, dass Amerika jenes soziale und philosophische Grundgerüst verlassen hat, auf das die Europäer zu Recht am meisten stolz sind: das Erbe der Aufklärung. In einem Aufsatz für die „New York Times“ hat der Soziologe Prof. Vladimir Shlapentokh von der Michigan State University soeben eine nur scheinbar gewagte Parallele gezeichnet zwischen zwei gänzlich unterschiedlichen Beispielen für geistige Engstirnigkeit in den USA. Er hat den Punkt genau getroffen. So rügt er die offenbar institutionalisierte Intoleranz der amerikanischen Linken, indem er auf das laufende öffentliche Verfahren gegen Lawrence Summers verweist, dem Präsidenten der weltberühmten Harvard-Universität. Der hatte (auf einer „privaten Veranstaltung“, wie Kommentatoren unterstreichen) laut darüber nachgedacht, dass nur Diskriminierung und Erziehung womöglich nicht die einzigen Ursachen für den unbestreitbaren Mangel an Frauen mathematisch-naturwissenschaftlichen Spitzenpositionen an den Hochschulen gibt. Ist es möglich, fragte der Wissenschaftler Summers sein aus Wissenschaftlern bestehendes Publikum, dass Frauen anders denken als Männer? Immerhin ist ebenfalls unbestritten, dass Frauen im Durchschnitt weniger Gehirnmasse in Relation zur Körpergröße haben, dass die Verteilung von weißer und grauer Materie anders ist, und dass gewisse Gehirnfunktionen messbar anders ablaufen. Summer hat nicht gesagt, dass Frauen dümmer sind. Er hat nicht gesagt, dass Frauen nicht großartige Naturwissenschaftlerinnen werden können. Er hat nicht gesagt, dass junge Frauen besser einen anderen Karrierepfad einschlagen sollen. Im Gegenteil: Er hat sogar ausdrücklich festgestellt, dass Frauen mit Talent und Fleiß bis an die Spitze des akademischen Olymps gelangen können. Dennoch wird er zur Zeit ans Kreuz genagelt. Eine die europäische Vorstellungskraft sprengende Hexenjagd gegen ihn ist noch im Gange, Natürlich, wir sind ja in Amerika, ist sie mit Todesdrohungen verbunden, vor allem aber mit der Forderung von Summers Fakultätskollegen, ihn schnellstens aus dem Amt zu jagen. Die Wetten stehen gegen ihn. Dies, bitteschön, die Reaktion einer angeblich europäisch angehauchten Ostküsten-Intelligenzia, Bewohner jener „blauen“ Staaten, die in Deutschland immer wieder als Beispiel dafür herhalten müssen, dass nicht alle Amerikaner weltfremde Ignoranten, Rechtsextreme und christliche Fundamentalisten sind. Aber was unterscheidet diese Form der linksfemininstischen Meinungszensur, so fragt sich nicht nur Shlapentokh, von dem Komplott der „neocons“ in Amerika, die Darwins Evolutionslehre von den Stundenplänen der Schulen verbannen wollen? Mit Erfolg, denn selbst engagierte, „liberale“ Biologielehrer wagen es heute kaum noch, öffentlich über die Abstammung des Menschen vom Affen im Unterricht zu reden. Strenggläubige Eltern müssen dazu nicht einmal zu Todesdrohungen greifen. Es genügt schon, wenn sie ihre Kinder von der betreffenden Schule nehmen. Damit üben sie in dem dezentral finanzierten Schulsystem Amerikas immensen wirtschaftlichen Druck aus. Doch das ist noch das Wenigste. Ihnen geht es darum, den Teufelsglauben selbst auszurotten. Sie bedienen sich dazu einer Art Pseudowissenschaft, „intelligent design“ (ID) genannt, den sie als seriöse Alternative zu Darwins „Theorie“ hinstellen. ID ist nichts anderes als biblischer Kreativismus im Schafspelz, ein als akademische Disziplin getarnte Glaubenslehre aufgrund der in der US-Verfassung verankerten Trennung von Kirche und Staat nichts in einer öffentlichen Schule zu suchen hat. Verfassung hin, Verfassung her: ID ist heute in mehreren US-Bundesstaaten Pflichtfach. Lehrer müssen sie von Gesetzeswegen als gleichrangige neben der Evolutionslehre unterrichten. Die Entscheidung darüber, welche „Theorie“ die stichhaltigere sei, sollen vermutlich die Kids selbst fällen. Wer sich als Lehrkörper gegen solchen Unfug wehrt, fliegt raus. Die meisten gehen deshalb heute den Weg des geringsten Widerstandes und klammern das Thema Menschenheitsentstehung einfach aus. Mit wem wollen die Europäer also in Zukunft über soziale Fragen diskutieren, wenn der amerikanische Lehrplan die systematische Verdummung ihrer Kinder sogar zwingend vorschreibt? Schon sind 45 Prozent der Amerikaner laut Umfragen überzeugt, die biblische Schöpfungsgeschichte sei Wort für Wort wahr. Nur ein Drittel hält es noch mit Darwin. Ist das alles lediglich ein Kuriosum unter vielen in der US-Geschichte – oder sollten wir uns in Europa nicht langsam Sorgen machen. Müssen wir vielleicht sogar Angst haben? Eines belegen diese Beispiele ohne Zweifel: Die Geistesentwicklung ist auf der anderen Seite des Atlantik vielfach ganz anders verlaufen als in Europa. Sie ist in Teilen auch einfach stehen geblieben. Damit rechtfertig nichts mehr die krampfhaft aufrecht erhaltene Fiktion einer besonderen transatlantischen Beziehung, einer Völkerfamilie, die sich zwar gelegentlich zankt, im Ernstfall aber gegen den Rest der Welt zusammenstehen wird. Amerika steht Westeuropa heute geistig kaum näher als Osteuropa, Russland, dem Mittleren Osten oder den Ländern Asiens. Diese Erkenntnis ist bitter, sie ist unbequem, sie ist politisch inopportun. Aber leider ist sie Fakt. Amerika ist heute immer noch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Nur sind es heute schreckliche Zerrbilder jener Ideale, die Amerika einst definiert haben. Toleranz? Gleichheit? Meinungs- und Glaubensfreiheit? Was wir erleben ist statt dessen religiöser und rassistischer Fanatismus, das Aushebeln der Bürgerrechte unter der Blankovollmacht der „nationalen Sicherheit“, das rücksichtslose Ausspielen der eigenen Macht unter dem Deckmantel der weltweiten Terrorismusbekämpfung. Und es ist eine von der Mehrheit praktizierte oder zumindest akzeptierte Form von sexueller Prüderie, die zumindest in Zentraleuropa nicht nur nicht mehr denkbar ist – sie wirkt auf uns sogar obszön. Amerika denkt und handelt heute aus europäischer Sicht anrüchig und unmoralisch. Und umgekehrt ist es genauso: Europa ist für den Durchschnittsamerikaner nicht nur ganz weit weg ist. Es ist für ihn eine andere, eine verkommene, ungläubige, schwache, verachtenswerte Welt. Die Kluft zwischen den USA und Europa ist heute breiter als je zuvor in der gemeinsamen Geschichte. Das hat nicht nur mit dem augenblicklichen Regime zu tun, sondern ist das Ergebnis einer langen Entwicklung – einer Entwicklung, die diesseits des Atlantik aber offiziell nicht zur Kenntnis genommen wird. Im Gegenteil: Sie wird verleugnet. Noch immer tun wir in Europa so, als sei eigentlich nichts geschehen am im vergangenen Novermber. Bush habe bei der Wahl im schließlich „nur“ 51 Prozent der Stimmen erhalten. 49 Prozent sind also ganz vernünftige Leute, oder? Wer sich solchen Zahlenspielchen hingibt, verkennt die Realität. Erinnern wir uns: Bei den Reichstagswahlen im März 1933 kamen Hitlers Nazis „nur“ auf 43,9 Prozent. Ein Europäer, der so tut, als sei die transatlantische Welt noch in Ordnung und die momentane Klimaverstimmung nichts als ein Familienkrach, begeht den gleichen Fehler wie jene unglückseligen Appeasement-Politiker angesichts der Machtergreifungen in Berlin, Rom und Madrid. Und er macht sich womöglich mitschuldig an einer katastrophalen Entwicklung, indem er sich gefügig jener Koalition der Gutgläubigen anschließen, die sich der scheinbaren Macht des Faktischen beugen und sich am Ende lammfromm hinter Amerika einreihen. In Wirklichkeit ist im Amerika wie Anfang der 30er in Deutschland ein Wendepunkt überschritten worden. Ja, es gibt in dort immer noch Menschen, die das alles furchtbar finden und in ihren Herzen das Bild eines edlen, freiheitsliebenden und selbstlosen Amerikas hegen. Sie sind aber nicht nur in der Minderzahl – sie sind auf dem Weg in die innere Emigration. Oder nach Kanada, wo sich die Zahl der Einwanderungsanträge von US-Bürgern mittlerweile verdreifacht hat. Die Erkenntnis, dass es dies- und jenseits des Atlantik keinen ausreichenden Konsens mehr in den elementaren ethischen Grundsatzfragen gibt, wirft gravierende Konsequenzen für Politik und Wirtschaft in Europa auf. Vielleicht ist sich der Intuitionsmensch Gerhard Schröder nicht wirklich über die Tiefe des Grabens im Klaren, der ihn von einem George W. Bush trennt (er ist ihm einfach unsympathisch). Schröder liegt aber gefühlsmäßig richtig: Amerika trennen heute nicht nur ein Weltmeer von Europa, sondern Welten. Es liegt im ureigenen politischen Interesse Deutschlands und Europas, ein echtes Gegengewicht zu den USA zu bilden. Und dabei notfalls sogar auf Konfrontationskurs zu gehen. Das hat nichts mit Jacques Chiracs Gaulisten-Träume einer um Resteuropa erweiterten Grande Nation zu tun. Europa muss sich vielmehr selbst als die letzte verbleibende Bastion verstehen, von der aus sich der aufgeklärte, liberaldemokratische Geist frei entfalten darf. Es wird deshalb für Europa immer einsamer werden in einer Welt, die nur noch aus mehr oder weniger autokratischen, mehr oder weniger offen faschistoiden Machtblöcken besteht. Sie heißen zwar nicht Eurasia und Oceania, sondern Amerika, Russland und China – aber Orwell hätte sie dennoch gleich wiedererkannt. Europa muss aktiv gegensteuern. Sich bei einem dieser Gesinnungsdiktaturen anzubiedern, heißt sich am europäischen Erbe zu versündigen. Die Illusion einer transatlantische Familie sollte schnell und leidenschaftslos ebendort versenkt werden. Europa braucht ein neues Selbstverständnis, ein neues Selbstbewusstsein. Politisch, wirtschaftlich und militärisch muss Europa die Banden lösen, die sie viel zu eng an den ehemaligen Verbündeten zweier Weltkriege und eines kalten Krieges fesseln. Es muss die Courage aufbringen, den Gegnern der Aufklärung überall auf der Welt Widerstand zu leisten – auch und vielleicht gerade in den USA. Als in Deutschland lebender Amerikaner, der den verlorenen Gründungsidealen Amerikas noch immer nachtrauert, sage ich es nur ungern, aber irgendeiner muss es sagen: Amerika und Europa trennt heute mehr, als sie vereint. |