Baltimore ist überall

Foto: Patrick Semansky/Associated Press

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Baltimore brennt. Tausende von jungen Schwarzen lassen ihre Wut freien Lauf und reißen alles nieder, was ihnen in die Quere kommt, weil sie es satt haben, von weißen Cops schikaniert, verprügelt, gefoltert und getötet zu werden.

Das sind keine Gräuelmärchen, sondern ein lange bekanntes Phänomen nicht nur in Baltimore, wo die Lokalzeitung Baltimore Sun mehr als 100 Fälle dokumentiert hat, in denen Bürger Baltimores erfolgreich gegen Polizisten auf Schadensersatz geklagt haben, drunter eine 26jährige Schwangere, ein 15jähriger Fahrradfahrer, und eine 87jährige Großmutter, die ihrem Enkelsohn zu Hilfe kommen wollte.

Was ist, wenn die Polizei nicht mehr dein Helfer, sondern dein Feind ist? Wie geht man als Gesellschaft damit um? Und, was für uns hier in Deutschland viel wichtiger ist: Kann das auch bei uns passieren?

Vergessen wir nicht: Es sind nur 70 Jahr her, dass in diesem Land (ich lebe zwar in Österreich, aber das war ja damals ein Teil von Großdeutschland) der Staats sich gegen seine Bürger wandte. Mein Großvater wurde abgeholt, weil meine Mutter als vorlautes junges Gör in der Schule einen Hitlerwitz wiederholte, den sie von ihrem Vater aufgeschnappt hatte. Als ihn die Gestapo wieder laufen ließ, war er kahlgeschoren und um 20 Jahre gealtert, wie meine Großmutter immer erzählte.

Ich selbst habe als junger Student friedlich gegen die Preiserhöhungen der Heidelberger Straßenbahn demonstriert und wurde deshalb von drei vermummten Polizisten verprügelt, bis mich meine Mitschüler mit Gewalt befreiten und wegzerrten, bevor die Wasserwerfer kamen.

Und ich habe als gesetzter älterer Mann mitten in einem Polizeikreisel gestanden, weil ich mir mit einigen Gleichgesinnten vor dem Bayerischen Landtagsgebäude eine Zigarre angezündet habe aus stillem Protest gegen das drohende Total-Rauchverbot des inzwischen geschassten Innenministers „Schüttel-Schorch“ Schmidt. Eine Demonstration, und sei sie noch so friedlich, ist in Bayern innerhalb der Bannmeile verboten – auch wenn keiner der Polizisten uns sagen konnte, wo überhaupt die Bannmeile um das Maximlianeum verläuft. Der Richter, der uns alle später freisprach, fragte im Gerichtssaal ganz öffentlich, ob das Ganze denn eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für unterbeschäftigte Amtsrichter sei, woraufhin der Vertreter der Staatsgewalt, das Münchner Ordnungsamt, betreten wegschaute.

Baltimore ist überall – überall nämlich, wo die Staatsgewalt außer Kontrolle gerät. Zum Beispiel, indem das BND offenbar illegal Daten im Rahmen der Amtshilfe an das amerikanische NSA weiterleitet. Oder in Österreich das Recht auf freie Meinungsäußerung zugunsten eines verschärften „Verhetzungsparagrafen“ geopfert wird, um die Befindlichkeiten von Menschen zu schützen, die Religion als Entschuldigung für Intoleranz und Unterdrückung vorschieben.

Ja, es gibt anständige Polizisten. Es gibt Menschen, die dem Staat aus ganzem Herzen dienen. Aber es gibt auch andere. Und selbst die Anständigen sind in ständiger Gefahr, die Ihnen von uns Bürgern an sie abgegebene Macht zu missbrauchen. „Power tends to corrupt, and absolute power corrupts absolutely“, schrieb der Historiker und Moralist Lord Acton im Jahr 1887: Macht korrumpiert absolut.

Es ist deshalb unsere Aufgabe als Bürger, höchst misstrauisch zu sein unserer Staatsmacht gegenüber. Wer sich wegduckt, nimmt in Kauf, dass die Macht gegen das eigene Volk gewendet wird. Baltimore kann überall sein – auch bei uns!

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