Pathos („Leiden“, rsp. „Leidenschaft“ gehört, wie schon der alte Aristoteles wusste, neben Ethos („Authorität“, „Glaubwürdigkeit“) und Logos („Rede“, „Aussagegehalt“) zu den drei Kardinaltugenden des Rhetorikers. Selten sind sie in ein und derselben Person gleichmäßig verteilt. Hitler riss die Massen mit seiner vorgelebten (vorgeschwindelten?) Leidenschaft von den Stühlen des Reichsparteitags, Rainer Barzel dürfte wohl etwas zu viel Logos abbekommen haben – jedenfalls hieß es von ihm damals, er brauche jedes Mal nach 50.000 Wörtern einen Ölwechsel. Für mich verkörpert Helmut Schmidt den Idealtypus des Charakterdarstellers, denn dass er uns natürlich auch etwas vormacht mit seiner staatsmännischen Abgelöstheit von den Niederungen des Alltags ist doch klar – er ist natürlich ein ganz schlauer, alter Fuchs. Trotzdem gibt es niemanden in der politischen Arena, dem ich lieber zuhöre.
Die Kunst der Rhetorik hat ihre Höhen und Tiefen erlebt im Laufe ihrer Geschichte. Plato hielt sie für üble Scharlatanerie (er warf sie mit der Poesie in einen Topf und hielt sie für das Gegenteil von Philosophie). Die Sophisten übten sich in der Kunst der Überredung, unabhängig vom Wahrheitsgehalt des Gesagten: wahr ist, was ich mein Publikum glauben machen kann. Vermutlich dreht er sich heute jedes Mal wie ein Kinderkreisel im Grab, wenn Frau Merkel und Herr Sarkozy vor die Kameras treten und die jüngste Lösung der Euro-Krise verkünden.
Cicero führte die Rhetorik zu ihrer wohl höchsten Blüte, hinterließ Standardwerke wie „Rhetorica ad Herennium“ (falls er sie wirklich selbst geschrieben hat, was zweifelhaft ist) und beschrieb den Idealtypus des universalgebildeten Redners, den später Petrarchus wieder ausgrub und damit den Startschuss gab für die Renaissance in Europa.
Ich weiß das alles so genau, weil ich gestern sehr viel Zeit hatte beim Lauf über 10 Kilometer verschneite niederbayerische Pampa, also habe ich mir die entsprechende Folge von „In Our Time“ auf den iPad geladen, die wunderbare Sendereihe von Melvyn Bragg im vierten Radioprogramm des BBC, in dem er mit Wissenschaftlern, Forschern und anderen Experten über Themen der Philosophie, der Kultur- und der Weltgeschichte diskutiert, und das in der süffisanten, wohlgeformten Sprache eines Briten, der bereits als Gymnasiast die Kunst von Rede und Gegenrede eingebläut bekommt. Ein solcher Podcast dauert eine Stunde, und genauso lange war ich unterwegs auf den eisigen Straßen und Feldwegen Niederbayerns, und die Zeit verging im Fluge, während Bragg mit seinen Studiogästen Angie Hobbs, Thomas Healy und Ceri Sullivan durch die Jahrhunderte schlenderte und das Auf und Ab der Rhetorik bis tief in die Neuzeit hinein Revue passieren ließ. (weiterlesen …)









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