Das Märchen vom Marathonsterben

Ganz Berlin ist eine Endorphin-Wolke!

Golf ist, wie man weiß, keine Sache von Leben und Tod – es ist viel wichtiger als das. Ähnliches könnte man auch vom Marathonlaufen sagen: Fast immer, wenn ich Leuten erzähle, dass ich Marathons laufe, kommt früher oder später die Frage, ob ich denn keine Angst habe, dabei zu sterben.

Meine Standard-Antwort darauf ist, dass wir damit ja nur unserem großen historischen Vorbild folgen würden. Der Athener Pheidippides soll nach der Schlacht gegen die Perser im Jahr 490 vor Christus die Siegesbotschaft im Laufschritt und unter voller Rüstung bis zur Akropolis gebracht haben, wo er mit dem Ausruf „Wir haben gesiegt!“ tot zusammenbrach.

Die Angst vor dem plötzlichen Herztod beim Langstreckenlauf ist vor allem unter Nichtläufern weit verbreitet. Politiker und Sportfunktionäre, die vermutlich schon nach 500 Metern reif wären für den Notarzt, fordern immer wieder verpflichtende Gesundheitschecks für die Teilnehmer an großen Lauf-Events. Als ich mich vor ein paar Jahren online für den Rom-Marathon anmelden wollte, verlangte man von mir ein Attest meines Hausarztes, das ich gefälligste auf dem Postweg einzusenden hätte. War mir zu kompliziert, also lief ich lieber anderswo, was schade ist, denn gerade der Lauf ums Kapitol soll besonders interessant sein.

Vor ein paar Tagen ging die Meldung über den Ticker, dass der amerikanische Ultra-Marathoni Micah True bei einem Trainingslauf in New Mexico offenbar an Herzversagen gestorben sei. Micah lief jeden Tag mindestens einen Marathon und schrieb darüber ein äußerst erfolgreiches Buch, „Born to Run“, das für manche Läufer eine Art von Marathon-Bibel geworden ist. Sein Lebensmotto lautete  „Ándale!“  („Na, los!“), und er hat damit so manchen dazu gebracht, sich  vom Fernsehsofa zu erheben und loszulaufen in eine – hoffentlich – bessere und gesündere Zukunft. Dass ausgerechnet so einer vom Herzkasperl hingerafft wird, dient den Kommentarschreibern und anderen Couchkartoffeln nun als willkommenen Anlass, moralinsauer über Selbstüberschätzung und übersteigerten Leistungswahn zu fabulieren.

Da kommt es gerade günstig, dass in der aktuellen Ausgabe der angesehenen American Journal of Sports Medicine ein Beitrag publiziert worden ist, in dem Wissenschaftler um Dr. Julius Cuong Pham von der John Hopkins School of Medicine in Baltimore alle offiziell organisierten Marathonläufe in den USA zwischen 2000 und 2009 ausgewertet haben um herauszufinden, wie hoch das Risiko tatsächlich ist, dabei am plötzlichen Herztod zu verenden.

Nun ist es ja nicht ganz einfach, an belastbare Zahlen zu kommen, denn es gibt keine Meldepflicht für Herzversagen beim Dauerlauf. Dr. Pham und Konsorten haben deshalb in den Zeitungsarchiven recherchiert, weil sie ganz richtig erkannt haben, dass Herzversagen beim Marathon natürlich immer gut ist für eine Schlagzeile in der Lokalzeitung. Und siehe da: Während sich die Zahl der Marathonläufer über das letzte Jahrzehnt hinweg  mehr als verdoppelt hat (Marathon ist bekanntlich die neue Form des Volkslaufs geworden), ist die Todesrate fast unverändert geblieben. 2009 liefen mehr als 473.000 Läufer bei einem Marathon in Amerika über die Ziellinie. Insgesamt starben über den Untersuchungszeitraum hinweg 28 Menschen während oder unmittelbar nach einem Marathonlauf. Umgerechnet ist das ein Todesfall pro 100.000 Starter. Ich nehme an, das Risiko, durch Hagelkörner erschlagen zu werden, ist größer.

Übrigens sind im Januar die Autoren einer ähnlichen Studie, die im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde, zu ähnlichen Resulttaten gekommen. Hier kamen die Forscher auf insgesamt 59 Fällen von Herzversagen bei Halb- oder Vollmarathons in Amerika, 51 davon bei Männern und 42 davon mit tödlichem Ausgang. Die meisten von ihnen sind mehr oder weniger kurz vor der Ziellinie umgekippt, nämlich weniger als 10 Kilometer vor dem Finish. „Das Risiko, während eines Marathons einen Herzinfarkt zu erleiden, ist etwas höher als beim Sitzen oder beim Spazierengehen“, schrieb Dr. Paul Thompson, Chef der Kardiologie am Hartford-Krankenhaus in Connecticut. Insgesamt aber sei bei Läufern das Risiko, an Herzversagen zu sterben, viel geringer als beim Rest der Bevölkerung. Außerdem spielen seiner Ansicht nach ganz andere Faktoren bei Marathonläufern eine Rolle, zum Beispiel genetische Veranlagung, verschleppte Infekte oder die Sünden früherer Tage, bevor man überhaupt mit dem Laufen angefangen habe.

Thompson brachte das Ganze auf den Punkt, indem er laut einem Bericht der New York Times kürzlich sagte: „Meiner Meinung nach ist es sehr unwahrscheinlich, dass selbst nach Jahrzehnten durch das Laufen Herzschäden auftreten. Andererseits würde ich niemandem raten, um ihrer Gesundheit Willen Dutzende von Marathons zu laufen. Sie können mit viel weniger Aktivität etwas für Ihre Gesundheit tun.“

Mag ja sein, dass er Recht hat. Aber wahrscheinlich ist er auch noch nie im vollen Endorphinrausch über die Ziellinie eines Marathonlaufs geflogen. Ich freue mich jedenfalls auf meinen nächsten „Runner’s High“!

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