Der wildgewordene Algorithmiker

Frank Schirrmacher ist ein Sensibelchen, aber er wird es mir sicher nicht übel nehmen wenn ich sage, dass er kein Informatiker ist (eher das Gegenteil). Er verwendet den Begriff „Algorithmus“ deshalb nicht wie ein Computertheoretiker, also im Sinne einer Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems, sondern im philosophischen Sinn (das hat er schließlich gelernt) als ein Wortverwandter des Determinismus.

Der Mensch ist in seiner Vorstellungswelt ein fremdgesteuertes Wesen, das sich mehr oder weniger beliebig durch Außeneinflüsse manipulieren lässt. Dies ist eine zutiefst menschenverachtende Sichtweise, eine elitäre Überheblichkeit, die er in der Frankfurter Schule aufgeschnappt hat („durch rationales Handeln die Kontrolle über Gesellschaft und Geschichte zurückzugewinnen“). Aber er hätte bei Habermas genauer hinhören sollen, der dem Einzelnen durchaus eine verantwortliche Urheberschaft für mentale Verursachung zuordnete.

Der größte Vorwurf, den man ihm machen kann, ist das er offenbar die Evolution nicht verstanden hat. Der Mensch hat sich von Anfang an stets einer sich verändernden Kommunikations- und Informationsumgebung anpassen müssen. Das gelingt ihm auch immer wieder erstaunlich gut. Schirrmachers Vorstellung von einer durch Informationsüberflutung ausgelösten Rückbildung des Gehirns. Je nachdem, vor welchem Publikum er gerade spricht, drückt er das mehr oder weniger vornehm aus, spricht wahlweise von der „kognitiven Krise“ oder sagt: „unsere Gehirne werden zermanscht“.

Das ist blanker Unsinn! Das Gehirn bildet sich nicht zurück, es bildet sich weiter. Die Evolution kennt kein Ziel, also kennt es weder Fort- noch Rückschritt. Die Mythen, die Schirrmacher bedient, wie dass Multitasking Körperverletzung sei oder der Computer kein Medium, sondern ein Akteur, gebiert sich anders als Adorno und Horkheimer nicht als Apostel der Aufklärung, sondern als ihr Totengräber, wie mein Freund Michael Kausch (ebenfalls ein Produkt der Frankfurter Schule) auf czyslansky.net so treffend formulierte.

Ich selbst halte es eher mit David Gelernter, auf den sich Schirrmacher fälschlicherweise beruft, der sagte:  „Everything is up for grabs. Everything will change. There is a magnificent sweep of intellectual landscape right in front of us.“ Gelernter ist Optimist (obwohl ihm eine Briefbombe die Hand zerfetzte) und er ist ein kluger Mann, auch wenn ich mit seiner „lifestream of cyberspace“-Vorstellung auch so meine Probleme habe.

Schirrmacher dagegen bohrt, an ihm gemessen, nur dünne Bretter.

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