Der Computer und ich

Der Computer ist ein „ausgelagerter Teil des Körpers“, sagt Verfassungsrichter Winfried Hassemer. Fragt sich nur: welcher?

Richter haben oft den Ruf, etwas altmodisch und realitätsfern zu sein. Jedenfalls gelten sie nicht gerade als technologische Trendsetter. Zu unrecht, wie sich herausstellt: In Wirklichkeit sind sie ihrer Zeit sogar voraus. Winfried Hassemer, zum Beispiel, der bisherige Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts, der heute in einem Interview der „Süddeutschen“ zum Thema Datenschutz und Schutz der Privatsphäre sagte: „Der Computer ist bei vielen ein ausgelagerter Teil des Körpers.“

Nun ist es zwar richtig, dass die amerikanische Lebensmittelüberwachungsbehörde schon 2004 die implantierte digitale Patientenakte „VeriChip“ freigegeben hat. Es handelt sich um einen so genannten RFID-Chip, der mittels eines kleinen Scanners durch die Haut hindurch ausgelesen werden kann. Das ist sehr hilfreich, wenn man etwa nach einem Autounfall bewusstlos daliegt und die Frage des Notarztes nach Blutgruppe, etwaige Medikamentenunverträglichkeiten oder den Namen der Krankenkasse nicht beantworten kann. Leider sind die Daten auch für Hacker relativ einfach zugänglich, was den Markterfolg des Systems selbst im Technik-Traumland Amerika etwas gebremst hat.

Dass allerdings umgekehrt Körperteile in den PC ausgelagert werden, zählte bislang eher zum Stoff für Science Fiction-Romane. Eigentlich schade, denn ich hätte ein paar Körperteile, die ich ganz gerne auslagern würde. Fangen wir mal bei der Leber an, die zumindest bei mir gut und gerne etwas Computerunterstützung vertragen könnte. Meine Nieren funktionieren noch ganz gut, aber da gibt es ja zum Glück schon die Möglichkeit, sich an ein Dialysegerät zu hängen, der auch nichts anderes ist als eine computergesteuerte Filteranlage.

Wie wäre es mit dem Bewegungsapparat? Ich träume schon lange von einem Gerät, das mir die Mühe des Fitnesstrainings abnimmt, etwa durch gezielte Stimulation von Muskelgruppen. Der Waschbrettbauch als Download, Fettverbrennung per Stapelverarbeitung, Bizeps per Mausklick – das wäre eine feine Sache!

Was die erogenen Zonen angeht, so hat die Computerrevolutiion dort längst begonnen. „Cyberdildonics“ nennt sich eine Unterdisziplin der Informationstechnologie, bei der es um die computerisierte Fernsteuerung des Lustempfindens mittels Sensoren und Stimulatoren an besonders empfindlichen Körperstellen, wird seit Jahren in gewissen Kreisen mit wachsender Begeisterung praktiziert. Ich kann mich noch gut an eine Cybersex-Messe in Frankfurt erinnern, auf der sich in Latex gehüllte und mit Drähten gespickte Paare fernliebten. Für Sadomacho-Freunde gab es damals schon die Variante mit spitzen Nadeln, um sich gegenseitig mittels Tastaturbefehle am Po (oder sonst wo) zu pieksen.

Ich denke nur fröstelnd an diesen Messebesuch zurück. Aber wenn wir schon beim Erinnerungsvermögen sind: Wie toll wäre es, wenn wir Teile unseres Denkapparats auslagern könnten. In meiner aktuellen Lebensphase beginnt bekanntlich das Langzeitgedächtnis an nachzulassen. Wie schön wäre es, wenn wir in regelmäßigen Abständen einfach eine Backup-Kopie machen könnten! Fehlt dann nur noch der Stirnschlitz für die Memorycard, und schon wissen wir wieder, wann Mama Geburtstag hat und wann es wieder Zeit wird, Blumen für die Gattin zum Hochzeitstag zu bestellen. Am besten jeden Morgen das Gehirn mit Outlook synchronisieren!

Auch in der täglichen Kommunikation wäre der Nutzen von Auslagerung immens. Dann könnten die Computer nämlich meine E-Mails gleich für mich lesen und dann auch noch beantworten! Der Ausdruck „Maschinenkommunikation“ bekommt dadurch eine völlig neue Qualität…

Ich hoffe, Herr Hassemer und das hohe Gericht werden mir diese despektierlichen Zeilen verzeihen, zumal er und seine Kollegen durch ihre kürzliche Entscheidung zugunsten eines Rechts auf eine unversehrte Festplatte – das so genannte Computer-Grundrecht – in meinen Augen höchste Anerkennung verdient haben. Und wer weiß, vielleicht ist seine Vision von der Vereinigung von Mensch und Maschine auch gar nicht so weit entfernt. Der Amerikaner Ray Kurzweil geht ja davon aus, dass es mit Hilfe der Nanotechnik in absehbarer Zeit möglich sein wird, menschliche Gehirnzellen zu bauen und damit Menschen nachzurüsten. Man wird sie, so sagt er, sogar vorprogrammieren können. Was, Sie können noch kein Französisch? Macht nichts: Langenscheidt & Co. werden’s schon richten. Und es tut überhaupt nicht weh!

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