Der Rumpelstilzchen-Effekt, oder warum ich einen Anonymizer verwende

Ach wie gut, dass niemand weiß…

Ach wie gut, dass niemand weiß…

Ich habe die Märchenfigur des Rumpelstilzchen immer sehr sympathisch gefunden. Für mich war er ein zwar etwas kauziger, aber schlaues Kerlchen, der wusste, wie man andere an der Nase herumführt, und ich fand es immer schade, dass am Ende der Geschichte die Königin seinen Namen rausfand und er vor lauter Ärger selber in tausend Stücke platzte.

Vielleicht bin ich auch deshalb ein so großer Freund vom anonymen Surfen. Ich bin einer von denen, die Fragebögen von Herstellern, die ich ausfüllen muss, bevor ich zu irgendwelchen Angeboten oder Informationen durchgereicht werde, grundsätzlich fälschen. Ich behaupte dreist, mein Name sei „Julius Caesar“ oder „Anne von Kleve“, dass ich am 30sten Februar 1866 geboren sei und rote Haare habe. Manchmal geht das schief, wenn der Programmierer nämlich eine vernünftige Plausibilitätsprüfung in sein System eingebaut hat, damit es erkennt, dass ich unmöglich 144 Jahr alt sein kann. Nur wenn  ich will, dass eine bestellte Ware bei mir ankommt oder eine Kreditkartenzahlung online durchgeht, gebe ich meinen richtigen Namen an – versuche aber auch da, mich auf das Allernötigste zu beschränken, also nur die Felder auszufüllen, die mit einem Sternchen als „unbedingt erforderlich“ gekennzeichnet sind. „Informationelle Selbstbestimmung“ nennt sich das.

Es kann nämlich manchmal ärgerlich sein, wenn die Gegenseite weiß, wo ich gerade bin. Neulich auf einer USA-Reise wollte ich mich wie gewohnt in das Game-Portal von Yahoo einloggen, um Majong zu spielen, weil es so schön entspannt und gleichzeitig mein langsam in die Jahre kommendes Gehirn trainiert. Ging nicht. Und zwar, weil die IP-Nummer meines Laptops mich als Mitteleuropäer entlarvte.

Noch schlimmer war es, als ich vor Kurzem das neue Buch eines von mir sehr geschätzten Historikers als Audiobook für meinen iPod kaufen wollte und es auch nach wenigen Minuten bei der Firma Audible in England entdeckte. Nur bekam ich jedes Mal, wenn ich  die Datei bezahlen und herunterladen wollte, die Meldung: „„Aufgrund von Urheberschutzbestimmungen sind Sie nicht berechtigt, dieses Buch in dem Land zu kaufen, in dem Sie sich gerade befinden.“ Bei der deutschen Audible-Filiale gabe es das Buch leider gar nicht. Und auch sonst nirgendwo, wie ich nach einer Stunde Google-Sucherei frustriert feststellen musste.

Ich bin daraufhin zum Piraten geworden: Wenn niemand mir das Buch legal verkaufen will, dann besorge ich es mir eben bei einer Tauschbörse. Für mich war das Mundraub.

Da ich aber keine Lust habe, Post von irgendeinem Abmahn-Anwalt zu bekommen, habe ich mir vorher  einen so genannten „Anonymizer“ aus dem Net heruntergeladen. Das ist eine kleine Software, mit der ich die IP-Adresse meines Rechners so verändern kann, dass mein Gegenüber glaubt , ich säße gerade in London, New York oder von mir aus in einem Internetcafe in Bangkok. In Finnland, wo die Firma sitzt, die den Anonymizer vertreibt, ist das übrigens erlaubt. Bei uns auch.

Im Internet werden immer mehr Grenzzäune errichtet, nicht nur in China mit seiner „Great Firewall“. Firmen wollen kontrollieren, was ihre Kunden tun dürfen und was nicht. Regierungen wollen uns vor Terroristen schützen und lesen deshalb unsere E-Mails. Und der Rumpelstilz in mir tanzt um das Feuer und singt: „Ach wie gut, dass niemand weiß…“

Bis er platzt.

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2 Antworten auf Der Rumpelstilzchen-Effekt, oder warum ich einen Anonymizer verwende

  1. TanteElfriede sagt:

    X Privacy macht das auch auf dem Handy!

  2. Michaela Merz sagt:

    Lieber Tim: Du kannst eine Ip-Adresse nicht wirklich ändern. Jedenfalls nicht, ohne einen Proxy zu verwenden oder einen VPN Tunnel aufzubauen (oder TOR zu verwenden). Wäre es technisch möglich, könnte Dein „Gesprächspartner“ ja gar keine Daten mehr an Dich senden – denn dazu braucht er ja Deine wirkliche Zieladresse. Wenn Du einen kostenlosen Proxy verwendest (das machen manche „Anonymizer“) – schießt Du Dir selber in’s Knie weil der Proxy-Anbieter dann Deinen Datenstrom ganz einfach mitlesen und aufzeichnen kann (typische „man in the middle“) Situation. Wenn Du ein öffentliches VPN (Virtual Private Network) nutzt, hilft das meist auch nicht besonders weil die professionellen Anbieter die IP-Adressen der VPN Betrieber kennen und oft sperren. Das hilft auch für TOR. Gibt es Alternativen? Kaum. Es sei denn, Du tust Dich mit ein paar Leuten zusammen, ihr mietet einen eigenen Server und betreibt ein eigenes kleines VPN. So mache ich das. Ich habe Server in den USA und in Europa und kann – je nach Bedarf, meine IP-Adresse in’s Ausland verlagern, ohne das jemand mitlesen kann.

    Liebe Grüsse

    Michaela

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