Die Braut, die sich nicht traute – ein Frühwerk

Bild: Bettina Schöbitz

Ich glaub es nicht: Heute bin ich seit genau einem halben Jahrhundert Journalist!

Im Mai 1968 habe ich meinen Dienst als Volontär bei der Rhein-Neckar-Zeitung angetreten, und zwar in der Außenredaktion Buchen im Odenwald , der Hauptstadt von badisch Sibirien.

Es waren aufregende Zeiten, wie man erkennt, wenn man einen der allerersten Artikel liest, die ich damals (noch mit der Hand!) geschrieben habe und den ich die ganze Zeit aufgehoben habe, um ihn einer staunenden Nachwelt heute zu 50sten Journalistenjubiläum präsentieren zu können – inklusive Korrekturen und der damals üblichen Rechtschreibung (man beachte vor allem die Verwendung des „ß“), sowie die Headline, die mir inzwischen irgend so ein Drehbuchschreiber geklaut hat! Aber da ich ein großer Fan von Julia Roberts bin, verzeihe ich ihm…

Die Braut, die sich nicht traute

Eine altbekannte Weisheit ist, daß auf die Hochzeit Trauung die Hochzeitsnacht folgt. Das ist auch in dem malerischen Dörfchen Hainstadt so, und keiner wagte es bisher, daran zu rütteln. Das Weltbewegende ist aber nun doch eingetreten. Unverfroren weigert sich eine hübsche, rundliche Jungfer mit niedlichen Schweinsöhrchen, dem alten Brauch zu folgen und sich dem ersehnten Bräutigam hinzugeben.

*

Die Geschichte begann an einem lauen Frühjahrsabend im Jahre 68. Ein wohlbeleibter und -bekannter Agronom des Dorfes hatte endlich für seine Jungfrau einen passenden Bräutigam gefunden, und nun sollte die Hochzeit mit anschließender Verlustierung in aller Form stattfinden. Nach alter Sitte führte er seine Schöne dem künftigen Gatten entgegen. Alles verlief so, wie es schon zu Groß- und Urgroßvaterszeiten verlaufen ist. Und jetzt geschah das Unfaßbare:Kurz vor der Behausung des Bräutigams nahm die wohlgeformte Schönheit Reißaus und entschwand.

Dabei benützte sie zur Flucht die stark befahrene Kreisstraße, was den Brautführer in arge Angst und Not versetzte. Was hätte ihm eine plattgefahrene Braut genutzt?

Um die Verfolger abzuschütteln, durchquerte die Widerständigespenstige den Hof des „Fertle“, schlug einen Haken, raste am Bräutigam vorbei in Richtung der Hofäcker. Mit Hilfe einiger Passanten gelang es dem Verfolger, die Ausgerißene zu stellen und ihr eine „Zehne“ über den Kopf zu stülpen.

Doch ach, der Boden war Korb war alt, der Boden schwach, und so gelang es der wild sich Sträubenden, den Kopf durch das Geflecht zu stoßen. Durch den unerwarteten Ruck verlor der Häscher die Balance, und fand sich plötzlich rittlings, jedoch in der falschen Richtung, auf dem schön gerundeten Rücken der Dame wieder.

Doch schien dieser dadurch einige Unbequemlichkeit zu entstehen, worauf sie den Reiter kurzentschlossen und mit Schwung wieder abwarf. Damit setzte sie ihre Flucht gen Hofäcker mit unvermindertem Elan fort. Unterwegs brachte sie es noch fertig, ihre vorderen „Füßchen“ samt dazugehörigen „Beinchen“ durch den lästigen Korb zu zwängen.

Nun trug sie einen Jungfernkranz, völlig gegen jede althergebrachte Tradition, um den jungfräulichen Leib statt um die Stirn; hinterher wie ein schnaubendes Streitroß unser verhinderter Brautführer.

Wieder gefangen, wurde unsere Schöne mit allen nur erdenklichen Mitteln, wie Ziehen und Schieben (es fehlte noch, daß sie gerollt wurde) nun doch endlich in das Haus des Bräutigams gebracht. Da jedoch eine müde Braut eine schlechte Braut ist, wurde sie erst in ein kleines Gemach geführt, wo sie sich ausruhen sollte.

Hier versetzte der um ihren Leib liegende Kranz ihr soviel Not, daß sie statt ruhiger immer aufgeregter wurde. Flugs holte einer der anwesenden Hochzeitsgäste eine Weidenschere, um die Jungfer von der Plage zu befreien.

Als das harte Stahl jedoch die empfindliche Haut berührte, wurde die künftige Braut vollends außer sich, und bäumte sich verzweifelt auf. Es bereitete den Helfern keine geringe Mühe, das Geflecht zu durchschneiden. Weide für Weide ging es da, und manche Minute verrann, bis das lästige  Korbwerk entfernt war.

Verständlich, wenn Braut wie Brautführer total erschöpft waren. Kurz Entschloßen vertagte der Zeremonienmeister die Trauung, und wankte nach Hause, derweil die Braut wie tot in ihrem Kämmerchen lag.

Der nächste Morgen brach warm und freundlich an, unserer Bräutigamführer machte sich früh auf den Weg, voller banger Ahnung, seine Jungfrau könnte infolge der Aufregung verschieden sein. Und die ganze Mühe sei umsonst gewesen.

Welche Freude empfand er doch, als er die Schöne fidel und lustig quietschend in ihrem Gemach vorfand! Ohne der Widerspenstigen Zeit für weitere Auflehnung zu lassen führte er sie geschwind in das Brautzimmer, wo in feierlicher Form der Hochzeitsritus vollzogen wurde. Mit Erfolg, wie die große Schar ihrer Kinder glaubhaft bekundet.

So endete der Versuch einer Jungfrau, sich gegen das Unabwendbare aufzulehnen. Das kann, wie man sieht, nicht einmal eine Sau.

 

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