Die nächste Blase platzt bestimmt!

 

„Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ An diesen berühmten Satz von George Santayana musste ich denken, als ich in den New York Times den Beitrag von Ruchir Sharma las der überschrieben war mit „When Will the Tech Bubble Burst?“ Nanu, dacht ich mir, war das nicht im 2000er Jahr, als plötzlich die Dotcom-Blase platzte? Nein, er meint die nächste Blase, nämlich die, die wir gerade an der Wall Street erleben.

„Today, tech mania is resurgent”, schreibt Sharma. Nur sind es heute nicht die vielen kleinen Startups mit einer Idee und ohne Business-Verstand, die uns in den Abgrund ziehen werden, sondern die Überlebenden von damals, die heute so groß sind, dass wir uns gar nicht vorstellen können, dass sie irgendwann einmal an die Wand fahren werden: Die GAFAs, die Ubers, die AirBuBs, die Teslas. Im Gegensatz zu den Dotcoms von einst machen die richtig satte Gewinne – und trotzdem?

Um seine Sorgen zu verstehen, muss man ein bisschen Geschichte studieren. Blasen hat es immer schon gegeben, von Hollands Tulpen-Blase des Jahres 1637 über Englands Südsee-Blase von 1720 bis den Eisenbahnblasen Amerikas in den 1830er und 1840er Jahren (jawohl, eine einzelne Branche kann auch zweimal Opfer einer Blase werden!). An den Folgen der Immobilien-Blase Ende des letzten Jahrzehnts leiden wir heute noch.

Während der ersten Tech-Blase waren es zunächst die Firmen, die das Internet gebaut haben, die für die Manie verantwortlich waren, die Ciscos, Dells, Intels und Microsofts. Ich vergesse nie, wie ich zu meiner Frau sagte, „alle kaufen Sun Microsystems. Ich denke, ich kaufe auch welche.“ Das war im März 2000 – und eine Woche später fiel uns allen der Himmel auf den Kopf. Ich hatte $75 bezahlt, und das war auch so ziemlich der Höchststand. Ein paar Tage später lag die Aktie bei $16.

Und dann waren da die vielen kleinen Startups, von denen keiner genau wusste, was sie überhaupt machen, denen man aber trotzdem das Geld hinten und vorne reinschob. Auf Bankenseminaren, bei denen ich häufig als Moderator gebucht war, machten sich richtig ernsthafte Finanzprofis Gedanken darüber, ob man die „Burn Rate“, also die Rate, mit der ein Startup in der Lage war, Geld zu verbrennen, als Kriterium bei der Firmenbewertung heranziehen sollte. Gut, Gewinn machten sie nicht, aber schau mal, wie schnell sie die Kohle verfeuern! Das müssen schlaue Kerlchen sein, die machen irgendwas richtig – so dachten alle jedenfalls.

Ich selbst saß im Aufsichtsrat einer kleinen Internet AG in München, die es schaffte, von einem Treuhandfond eine Finanzspritze von 4,5 Millionen D-Mark (erinnert Ihr Euch noch?) zu ergattern. Man zog sofort in ein wunderschönes altes Haus in Schwabing und kaufte vier knallgelbe Mercedes SLK als Vorstandswagen. Neben den vier Vorständen bestand das Unternehmen aus einem Programmierer und einer Sekretärin. Ein fertiges Produkt gab es auch nicht. Dafür ließ man sich jeden Morgen ein Frühstückbüffet von Käfer bringen. Das Firmenklima war super, aber leider war das Geld nach knapp zwei Jahren futsch. Das war vielleicht eine Burn Rate, die hätte jeden Banker überzeugen müssen…

Die Stimmung an den Börsen wechselt immer dann ins Manische, wenn die Börsenkurse schneller wachsen als die Wirtschaft insgesamt“, schreibt Scharma. Seit der Wirtschaftskrise von 2008 ist die US-Wirtschaft im Durchschnitt um 2 Prozent pro Jahr gewachsen, was so ziemlich „par for the course“ der letzten 100 Jahre ist. Die großen Tech-Firmen haben alleine in den vergangenen 10 Jahren um 350% zugelegt!

Und das ist nur der Börsenwert. Anders als bei der ersten Tech-Blase sind die Geldströme heute wesentlich weniger transparent, weil viele Privatfinanciers mitmischen, Risikokapitalisten haben nach Scharmas Berechnung Jahr für Jahr mehr als 60 Milliarden in die Tech-Branche fließen lassen im Zuge von privaten Finanzierungsrunden – viel mehr als damals während der Dotcom-Blase. Sie sind es auch, die zum Aufkommen der Einhörner geführt haben: „unicorns“, also Startups mit einer Börsenkapitalisierung von mehr als einer Milliarde Dollar. Vor 1999 gab es so gut wie keine davon, heute sind es über 260 Stück. Sie sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit alle heftigst überbewertet, und wenn es da mal anfängt zu krachen, wird sich die Panik schnell auf die öffentlich gehandelten Unternehmen ausbereiten – die Blase platzt, wieder einmal!

Scharma beschreibt drei Warnsignale, auf die wir alle achten sollten, weil sie gute Indikatoren sind für den kommenden rapiden Preisverfall an der Börse. Was, wenn die Regulatoren endlich aufwachen und anfangen, GAFA und Konsorten an die Kette zu legen? Die Monopolhüter in Europa und Amerika geben immer mehr zu erkennen, dass sie dem ungezügelten Wachstum der Online-Riesen demnächst einen Riegel vorzuschieben gedenken, und auch in China haben hohe Regierungsbeamte kürzlich Online Gaming als „elektronisches Heroin“ kritisiert. Da kommt bestimmt noch was…

Zweitens werden bald die Zinsen steigen, und das heißt nichts Gutes für Investoren, die ihre Aktienkäufe häufig auf Pump finanziert haben. Die Dotcom-Blase erreichte 2000 ihren Höhepunkt genau in dem Moment, als die US-Notenbank kräftig auf die Inflationsbremse trat und die Leitzinsen erhöhte. Ähnliches ist in nächster Zeit so sicher wie das Amen in der Kirche zu erwarten, denn von da, wo wir heute sind, können die Zinsen nur nach oben, und zwar wahrscheinlich schneller, als die meisten heute glauben.

Dritten und Letztens, so Scharma, sollten wir auf der Hut sein vor allzu optimistischen Gewinnprognosen, wie sie Analysten vorzugsweise bei den ganz großen Tech-Companies gerne absondern. Die Dotcom-Blase platze in dem Augenblick, als das Delta zwischen Gewinnvorhersagen und tatsächlichen Ergebnissen so groß wurde, dass sie nicht mehr zu übersehen war (wenn es überhaupt Gewinne gab!). Sollten demnächst die großen Internetkonzerne wie Apple, Google, Facebook oder Amazon auf einmal zu schwächeln anfangen, dann gute Nacht!

Während der ersten Tech-Blase waren viele davon überzeugt, dass die Gesetze der Schwerkraft aufgehoben seien und es immer nur nach oben gehen würde. Sie haben dafür zur Strafe eine harte Bruchlandung hinlegen müssen. Letzte Woche hat der DOW die magische Marke von $22.000 geknackt. Schuld daran war vor allem Apple, von dem einige Analysten jetzt schon behaupten, das werde die erste „Trillion Dollar Company“ der Geschichte werden.

Und Ihr fragt mich, warum mir trotz hochsommerlichen Hitzegraden fröstelt?

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