Die schreckliche deutsche Right-Write Reform

Schafft zwei, drei, viele Rechtschreiberegeln!

Im Jahr 1996 beschloss der Deutsche Bundestag in seinem unerforschlichen Ratschluß, die deutsche Rechtschreibung rechtskräftig zu verändern, oder zu „reformieren“, wie sie es damals nannten. Daran erinnerte mich jetzt eine Frage auf Quora, nämlich „Was sind Regeln der deutschen Sprache, die unlogisch sind„. Ich habe damals für das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung ein Essay geschrieben, das viel Beachtung fand und mir unter anderem eine Einladung zu einer Diskussion im Bayerischen Rundfunk mit Deutschlands oberster Deutschlehrerin, der Chefin des Philologenverbands, einbrachte. Ich denke, es ist auch heute noch wert, gelesen zu werden.

Als in Deutschland lebender Amerikaner frage ich mich ja schon ob es nötig ist, dass alle recht schreiben? Der amerikanische Autor Mark Twain beschrieb seinen Lesern einmal die deutsche Sprache als ein linguistisches Schreckgespenst, nämlich als „the awful German language“. Würde er heute noch im Zeitalter der Rechtschreibreform leben, dann würde er sicher ebenso lustvoll über „the awful German right-write rform“ lästern.

Aus Sicht eines Mitglieds der angelsächsischen Sprachfamilie kann man ja auch nur den Kopf schütteln über das, was sich die Deutschen heute an Diskussion über ein Thema leisten, das im Grunde gar keines ist. Rechtschreibung ist keine staatliche Hoheitsaufgabe, sondern ein evolutorischen Prozess. Er lässt sich nicht vorschreiben, und der Versuch es dennoch zu tun entbehrt nicht einer gewissen Tragikomik.

Warum müssen überhaupt alle gleich schreiben? Sollen vielleicht alle gleich sprechen? Wieso feiern die Deutschen einerseits die Vielfalt ihrer regionalen Sprachfärbungen, mühen sich um aussterbende Dialekte, versuchen sich aber andererseits krampfhaft in ein Korsett einheitlicher Schreibweisen zu zwingen?

Haben die Deutschen denn keine anderen Sorgen? Werden die Systeme der deutschen Wirtschaft, Politik oder Bildung deshalb reibungsloser funktionieren, weil alle gleich recht-schreiben? Wird das Nettoeinkommen um einen Tick ansteigen, nur weil alle im Chor „Nessessär“ buchstabieren? Was für einen Standortvorteil soll die gräuliche, Verzeihung, die gräuliche (greuliche?) Schreibweise „Geografie“ bringen? Verschaffen wir der deutschen Exportwirtschaft mit drei gleichen Konsonanten in Folge wie in „Sauerstoffflasche“ mehr Luft zum Atmen? Ist die Schreibung von „existenziell“ wirklich existentiell?

Der größte und mit Abstand mächtigste Wirtschaftsraum der Welt macht es vor, wie man sich trotz verschiedener Schreibweisen immer noch bestens verstehen und miteinander umgehen kann. Der Brite schreibt „colour“ oder flavour“ und trägt es mit „humour“, dass sein amerikanischer Kollege bei solchen Begriffen das „u“ weglässt. Der Kanadier hingegen steckt irgendwo dazwischen und schreibt einfach so, wie ihm der Schnabel, respektive die Feder gewachsen ist. Nicht umsonst kennt die Rechtschreibekorrektur des populären Textprogramms „Word“ nicht weniger als 14 verschiedene Einstellungen für regionale Ausprägungen des Englischen von „Australien“ bis „Zimbabwe“.

Angelsächsische Stilführer raten, sich für die eine oder die andere Form zu entscheiden und dabei zu bleiben: „Be consistent!“, sagt die Englischlehrerin zu ihren Schülern – nicht „be right!“ Dazu empfiehlt sie unter Umständen ein ganz bestimmtes Wörterbuch (wenn es an der betreffenden Schule nicht ohnehin vorgeschrieben ist).

Auswahl gibt es ja bei uns genug. In Großbritannien behält sich das „Oxford Dictionary“ das letzte Wort in Sachen britischer Rechtschreibung. In den USA hingegen buhlen gleich drei Bewerber mit im Detail durchaus unterschiedlichen Versionen orthodoxer Orthografie um die Gunst des Publikums: Neben dem ehrwürdigen, 1806 erstmals erschienenen „Webster’s Dictionary“ gelten die gedruckten Wälzer von Random House und American Heritage als stilprägend. Computerfans dagegen schwören immer häufiger auf einen Newcomer, die volldigitale „Encarta World English Dictionary“, die 1999 ausgerechnet von den häufig als Halbautisten verschrienen Softwareschreibern von Microsoft neu auf den Markt geworfen wurde. Man stelle sich vor, SAP würde plötzlich dem Dudenverlag Konkurrenz machen…

Ähnlich vielfältig geht es in der angelsächsischen Medienwelt zu. In Großbritannien und den USA hat jede bessere Tageszeitung ihren nur nach innen verbindlichen „Style Guide“. Am Stilführer der „New York Times“ richten sich in den USA allerdings nur eine Minderheit der Gazetten, die meisten orientieren sich an den orthografischen und grammatischen Vorgaben des „Associated Press Style Guide“. Daneben gibt es spezielle Stil- und Rechtschreibeführer für einzelne Sparten und akademische Vereinigungen und sogar ganz neue, medienspezifische Nachschlagewerke wie das „Web Content Style Guide“ ganz zu schweigen.

Wenn also „Süddeutsche“, Springer-Verlag und „Spiegel“ zur alten Rechtschreibung zurückkehren, während „Focus“ und „taz“ auf die neue beharren. Dann ist das keine orthografische Anarchie, sondern gut so! Warum nicht eine Rechtschreibung für die „Süddeutsche“, eine andere für den „Südkurier“? Wer angesichts solcher scheinbar chaotischen Schreibverhältnisse immer noch auf eine inhärente Überlegenheit der zur Einheit strebenden deutschen Rechthaber/schreiber pocht, verkennt die Realität. Ja, sei diese These gewagt: Gerade die Flexibilität der englischen Rechtschreibung trägt zur kreativen Vitalität dieses Sprachraums auf anderen Gebieten bei. Wirtschaftskraft und Kulturleistung haben also nichts mit einheitlicher Rechtschreibung zu tun. Im Gegenteil:

Die engstirnige Forderung nach Vereinheitlichung, nach von oben durch Kultusministererlass verordnetem Zwang zur Richtigschreibung ist leider eine typisch deutsche Untugend. Weg damit! Lasst die Leute schreiben, was sie für richtig halten. Reduziert die Zahl der Regeln auf ein Minimum. Handhabt sie mit Gefühl und Großzügigkeit. Beschränkt die vereinheitliche Rechtschreibung auf Biotope wie Behörden, und schafft viele, viele Rechtschreibungen, die in sich nur konsistent sein müssen, nicht richtig.

Deutsche haben der Welt einige der größten Zeugnisse von schriftlicher Sprachkultur gegeben, und sie haben es meist ohne eine besonders einheitliche Orthografie geschafft. Ob Goethe oder Grass – die deutsche Sprache ist am schönsten, wenn sie kreativ und frei gehandhabt wird. Überreguliert ist sie ein Gräuel (oder meinetwegen auch ein Greuel).

 

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