Die Welt, von Wien aus gesehen

Das Wichtigste des Tages: siehe rechts oben!

Das Wichtigste steht rechts oben!

Ich mache mir ernsthaft Sorgen über den sg „Qualitätsjournalismus“ im Allgemeinen und die bislang von mir geschätzte Wiener Tageszeitung „Die Presse“ im Besonderen.

Rechts oben auf Seite eins, also an der exponiertesten Stelle überhaupt, wo man ja die absolut wichtigste Meldung des Tages vermuten würde, bringen die heute folgende Meldung: „Oper in Lyon: Mozart mit Mühe“. Es geht um den Flop irgendeiner Idomeneo-Inszenierung.

Und ich frage mich nun: Lyon? Die Hälfte der Leser weiß nicht, wo das liegt. Idomeneo? Eine der unbekannteren Mozart-Opern. Und das ist die wichtigste Meldung des Tages? Uns fliegt er Euro um die Ohren, in der Ukraine bahnt sich Weltkrieg III an, die Selbstmordrate in Europa liegt auf Rekordniveau dank Krise, Sparpolitik und Gierkapitalismus.

Was für ein Journalist beschließt da, eine Meldung über eine misslungene Opernpremiere in Zentralfrankreich rechts oben hinzustellen? „Die Presse“ ist jedenfalls erst mal bei mir unten durch.

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4 Antworten auf Die Welt, von Wien aus gesehen

  1. Frank Kemper sagt:

    Gegenfrage: Was sollte eine Tageszeitung über die Ukraine-Krise, Griechenland oder ISIS an News melden, was der geneigte Leser nicht bereits am Vortag in den Nachrichten oder im Web gelesen hat? Und, mir stehen unsere Freunde aus dem Südosten kulturell ja nicht so nahe, aber kann es sein, dass eine Meldung über Fidelio den news-Leser mehr interessiert als den SZ-Leser? Was meinen Sie, was auf der Titelseite der „Walsroder Zeitung“ (Niedersachsen) so alles gecovert wird;-)

  2. Tim Cole sagt:

    Walsroder ZeitungKreisjägermeister Jürgen Brammer über Wildunfälle. Das ist Qualitätsjournalismus: menschennah, nutzwertig, authentisch und aktuell (gerade im Winter wechselt das Wild besonders häufig auf der Suche nach zunehmend knapper Nahrung)!

  3. Frank Kemper sagt:

    Kolportiert ist der Spruch von Axel Springer aus den späten 50ern, dass, während sich die Titelseiten darum drehen, ob China einen Sitz im UN-Sicherheitsrat bekommt, die alte Oma gesehen hat, dass gestern ein Auto mit Blaulicht unter ihrem Fenster lang gefahren ist. Und die will dann in der Zeitung lesen, was da los war.

    Dieses Bedürfnis wird nach meiner Wahrnehmung vom Internet schlechter denn je bedient. Als wir am Samstag vom Ikea nach Hause kamen, war bei uns um die Ecke die Straße gesperrt, weil da irgendein Großeinsatz war. ich habe schließlich Infos darüber online aus einem Polizeibericht geklaubt, was vermutlich 9 von 10 Internet-Nutzer einfach nicht schaffen würden. So was kann eine Lokalzeitung vom gesamten Informationsangebot unterscheiden, das sonst noch so auf den Leser einprasselt.

  4. Tim Cole sagt:

    Als alter Lokalreporter (Rhein-Neckar-Zeitung, Stuttgarter Nachrichten) kann ich dir nur wärmstesn beipflichen!

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