Die Zukunft des Handels: Point & Click & Buy

Gekauft wie gesehen! (Foto: The Verge)

Darf’s vielleicht ein bisschen mehr sein? (Foto: The Verge)

Man muss es dem alten Fuchs Jeff Bezos lassen: Er und seine Firma Amazon verstehen es immer wieder, dem etablierten Einzelhandel den Nachtschlaf zu rauben. Nicht nur den Buchhändlern: Die haben seit Jahren kein Auge mehr zu gemacht, wenn sie in an Amazon denken in der Nacht. Aber Jeff und seine Leute haben ja kein Geheimnis daraus gemacht, dass sie nicht damit zufrieden sein würden, den größten Buchladen der Welt zu erbauen: Sie wollen der größte Händler der Welt sein – Punkt! Und diesem Ziel sind sie jetzt einen großen Schritt näher gekommen mit dem „Fire Phone“, das neue Mobiltelefon von Amazon, von dem Jeff selbst zugibt, dass Telefonieren so ziemlich das langweiligste ist, was man damit tun kann.

Der Fire Phone besitzt nämlich ein Feature namens „Firefly“, das jeden Einzelhändler vor Neid erblassen lassen muss: Mache mit der eingebauten Kamera ein Bild eines Produkts – sagen wir mal eine Dose Nutella, eine Packung Kinderwindeln, eine DVD oder die neueste Spiegelreflexkamera von Sony – und drücke dann auf einen Knopf. Das Telefon sagt dir sofort, was es kann, was es kostet und fragt dich, ob du es gleich bestellen willst. Der Smartphone wird auf diese Weise zum verlängerten Ladentresen von Amazon, so nach dem Motto: „Point & click & buy“.

Ich finde das einfach genial. Vor allem gibt es dem Begriff „Kundenbindung“ eine völlig neue Dimension: Amazon fesselt seine Kunden sozusagen digital und drahtlos an sich, denn natürlich sieht man auf seinem Fire Phone nur Sachen, die Amazon im Angebot hat.

Im zugegeben recht stolzen Preis (der Fire Phone kostet in etwa so viel wie ein iPhone oder ein Spitzen-Smartphone von Samsung) ist außerdem eine Mitgliedschaft in Amazon Prime inkludiert, dem Spezialprogramm für Amazon-Kunden, das ihnen gegen einen einmaligen Jahresbeitrag von 49 Euro einen besonders schnellen, kostenlosen oder ermäßigten Versand ermöglicht und ihnen darüber hinaus kostenlosen Zugang zur Kindle-Leihbücherei gibt. Und drittens gibt es „Mayday“, eine Art Notruftaste, mit der sich der Besitzer eines Fira Phone augenblicklich mit einem Amazon-Kundenberater per Videochat verbinden lassen kann. Nix mehr mit in der Warteschlage verhungern oder sich mühsam durch die Kundendienst-Website quälen: Amazon ist immer für dich da, rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr. Wie klingt das denn als Werbeslogan, lieber klassischer Einzelhändler?

Wieder einmal zeigt Amazon also, wo die Reise hingeht in der Handelslandschaft. Ich denke, das Beispiel wird recht bald schon Schule machen. Nichts hindert Kaufhof, Quelle, Aldi, Lidl oder Mediamarkt daran, ihre eigenen Apps mit einer ähnlichen Funktionalität zu entwickeln und anzubieten. Am besten wird es sein, wenn sie sich mit einem großen Handyhersteller zusammentun und ihre eigene Version von Firefly als Bundle anbieten.

Noch interessanter wird es, wenn die großen Carrier wie T-Mobile oder Vodafone in den Ring steigen und ihren Werbekunden ein solches System anbieten. Aus Sicht des Kunden hätte das sogar einen reizvollen Vorteil: Man wäre nicht mehr, wie bei Amazon, an einen einzigen Anbieter gebunden, sondern könnte aus vielen konkurrierenden Angeboten wählen. Das Smartphone als Shopping Mall – so könnte die Zukunft im Handel aussehen!

Ob allerdings der kleine Händler am Eck davon etwas hat, ist eher zweifelhaft, denn die Betreiber solcher mobilen Shop-Portale werden sich ihren Dienst vermutlich fürstlich entlohnen lassen. Und so könnte sich Firefly als ein weiterer Nagel im Sarg des etablierten Einzelhandels entpuppen. Als ob der nicht schon genug Kummer hätte..

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