Digitaler Jungbrunnen

Eine Uni zum Abheben

Der Mensch lebt schon immer in Symbiose mit seinen Werkzeugen. Indem er immer intelligentere Werkzeuge ersinnt und einsetzt, verändert er sich. Das ist ein natürlicher Vorgang, und er ist wertfrei. Der Fehler, den auch Schirrmacher begeht, besteht darin, diesem Vorgang ein Attribut zu geben. Ein typisches Beispiel ist die Vorstellung von “Fortschritt” (als ob der Mensch seit Anbeginn seiner Geschichte auf dem Weg zu einem klar definierten Endziel voran schreitet). Ein anderes ist die von durch Technik induzierte Degeneration, Frank Schirrmachers “vermanschtes” Gehirn.

Der Amerikaner Ray Kurzweil gehört zu den Vordenkern der digitalen Zukunft. Er ist erfolgreicher Serien-Firmengründer und hat deshalb genug Geld um sich leisten zu können, hauptberuflich darüber nachzudenken, wohin die Reise geht.

Kurzweil gehört zu den Begründer der so genannten Singularity-Bewegung. Die will nicht mehr und nicht weniger als den uralten Menschheitstraum vom Jungbrunnen Wirklichkeit werden lassen. Singularity beschreibt eine Welt, in der die Verschmelzung des Menschen mit seiner Technik eine überlegene Form von Intelligenz schafft, die unser Leben dominieren wird.
Kurzweil spielt ungefähr seit 1980 mit dem Gedanken an Singularität, seitdem er erstmals mit dem Moore‘schen Gesetz konfrontiert wurde. Der Mitbegründer von Intel, Gordon Moore, postulierte schon in den 60ern, dass sich die Komplexität integrierter Schaltkreise, also so genannter Computer-Chips, etwa alle zwei Jahre verdoppelt.
Verdopplung, wie jeder Roulettspieler weiß, führt zu einer ungeheuren Beschleunigung. Bei linearem Wachstum haben Sie nach 30 Stufen 30 Mal mehr als am Anfang. Bei so genanntem exponentiellen Wachstum, also 30 Verdopplungsstufen, haben Sie eine Milliarde Mal mehr als am Anfang.

Kurzweil und die Anhänger der Singularität gehen davon aus, dass wir etwa um das Jahr 2030 so weit sein werden, den Inhalt unserer Gehirne auf computerartigen Geräten speichern zu können, also sozusagen ein Backup unseres Geistes zu machen, womit wir de facto unsterblich würden. Künstliche Zellen im Nanoformat werden Reparaturen an abgenutzten Körperteilen vornehmen können, so dass der Alterungsprozess gestoppt werden kann. Kurzweil schreibt: „Wenn die nichtbiologische Intelligenz erst einmal Eingang in unsere Gehirne gefunden hat (was sich heute schon durch neuronale Implantate abzeichnet), wird die künstliche Intelligenz unsere natürliche Intelligenz zu exponentiellem Wachstum verhelfen. Unsere Denkfähigkeit wird sich dann jedes Jahr mindestens verdoppeln.“

Wenn Ihnen das alles wie pures Science Fiction vorkommt, empfehle ich einen besuch im Ames Hanger, der von der Nasa erbaut wurde, und in dem heute unter anderem die Singularity University zu Hause ist.

Singularity ist ein Forschungsgebiet, dass sich mit den Folgen exponentiellen Wachstums auf die menschliche Intelligenz beschäftigt. Sie geht von der Annahme aus, dass die Vorstellungen von Kurzweil und anderen in den nächsten Jahren Realität werden, und dass die so entstehende überlegene Form von Intelligenz unser Leben dominieren wird. Die Anhänger der Singularität glauben also, dass Menschen und Maschinen eines Tages sich völlig mühe- und nahtlos vereinigen werden, und dass damit Dinge wie Krankheit, Altern und Tod der Vergangenheit angehören werden.

Die Singularity University wurde von Larry Page ins Leben gerufen, einem der Begründer von Google und durch haufenweise Spenden namhafter erfolgreicher Unternehmer und Investoren aus dem Silicon Valley finanziert. Die Hochschule nimmt nur 80 Studenten auf, und die Plätze sind heiß begehrt. Für 25.000 Dollar können Manager an so genannten Executive Programs teilnehmen, bei denen sie Vorträge von führenden Wissenschaftlern aus den Bereichen der Nanotechnik, der Biotechnik, der Künstlichen Intelligenz, von Robotik und IT lauschen und an Workshops teilnehmen können.

Sie erhoffen sich davon Hinweise darauf, was das „next big thing“, also die nächste Raketenstufe, die das Leben der Menschen und natürlich auch die Wirtschaft zu neuen Höhenflügen antreiben wird. Der russische Ökonom Nikolai Kondratieff, der 1938 auf Geheiß von Stalin ermordet wurde, gilt als der Erfinder der zyklischen Konjunkturtheorie, die deshalb auch „Kondratjew-Zyklen“ heissen. Die Wirtschaft, so Kondratieff, entwickelt sich in so genannten „Langwellen“ von ungefähr 40 bis 60 Jahren Dauer, die jeweils von einer „Basisinnovation“ angetrieben werden, zum Beispiel die Dampfmaschine, die zu Beginn des 19ten Jahrhunderts zum Aufstieg der Textilindustrie führte, oder das Auto, dem wir die individuelle Mobilität verdanken.

Gegenwärtig befinden wir uns nach dieser Theorie am Ende des „Fünften Kondratieff“, die von der Informationstechnik angetrieben wurde, der aber jetzt sozusagen langsam der Dampf ausgeht. Ganze Heerscharen von Kondratieff-Anhängern beschäftigen sich heute mit der spannenden Frage: Was wird die Basisinnovation für den „Sechsten Kondratieff“ sein? Heißer Kandidat ist die Biotechnik, die uns eine Ära von Gesundheit und Wohlbefinden bescheren soll.

Wenn das stimmt, dann liegt Kurzweil mit seiner Singularität, die einen technologischen Jungbrunnen verspricht, ja vielleicht gar nicht so daneben.
Des einen Utopia ist natürlich des anderen Albtraum. Theodore J. Kaczyinksi, der als „Unabomber“ ganz Amerika mit Briefbomben in Atem hielt und dabei drei Menschen tötete, forderte in seinem „Manifest“ die Menschen auf, die Technisierung unserer Gesellschaft zu überwinden, bevor wir zu Sklaven unserer Maschinen werden. Womit er eigentlich nur die uralten Ängste wiederspiegelte, die schon Mary Shelley 1818 in ihrem Roman „Frankenstein“ beschwor, in dem sie die Geschichte des jungen Schweizers Viktor Frankenstein erzählte, der an der Universität Ingolstadt, also ganz hier in der Nähe, einen künstlichen Menschen – aber leider auch einen Monster – erschafft.

Und in den USA ist die Fersehserie „Fringe“ äußerst polpulär, in der es um verrückte Wissenschaftler geht, die Computerprogramme schreiben, die Gehirne zum Schmelzen bringen können, und Roboter bauen, die ganze Mordserien verüben.

Wie weit wir tatsächlich schon auf dem Weg in die Singularität sind, demonstriert Dr. Christopher deCharmes, Chef der Firma Omneuron in Menlo Park, Kalifornien, die sich auf Maschinen zum Auslesen von neuralen Impulsen spezialisiert hat. Gedankenlesen heißt das in der Volkssprache. Seine Geräte werden zur Bekämpfung von Depressionen verwendet sowie zum Messen von Schmerzpegel, aber sie zeigen deutlich, wohin die Reise geht. „Wir sind heute schon in der Lage, Informationen aus dem menschlichen Gehirn auszulesen“, sagt deCharmes. Womöglich wird er eines Tages in der Lage sein, umgekehrt das Gehirn zu programmieren. Für Optimisten eröffnen sich damit Vorstellungen von einer Art computerisiertem Nürnberger Trichter. Pessimisten sehen schon Legionen von roboterhaft ferngesteuerten Arbeitssklaven, die blind dem Willen der Computer oder ihren menschlichen Beherrschern folgen.

Kurzweil und Konsorten sehen das natürlich nicht so dramatisch. „Technologische Evolution ist die Fortsetzung der biologischen Evolution“, sagt er. Ein natürlicher Prozess, also.
Letzten Monat haben Forscher um Craig Venter, dem Pionier des menschlichen Genom-Projekts, erstmals Leben im Labor geschaffen. Experten gehen davon aus, dass in ein paar Jahren Studenten künstliche Bakterien mal eben im Biologieunterricht produzieren werden

Wir brauchen ganz offensichtlich schleunigst eine Diskussion um Regeln und Moral, denn es ist klar, welch ungeheures zerstörerisches Potenzial in einer solchen Entwicklung steckt, wenn jeder Terrorist mit einem Laborkasten Horror-Viren züchten und auf die Menschheit loslassen könnte.

Wenn wir es soweit kommen lassen, dann sind wir wirklich die digitalen Deppen, keine Frage. Ich selbst bin Berufsoptimist, und ich hoffe, dass die Menschheit weiterhin die Fähigkeit beweisen wird, sich selbst vor dem endgültigen Sturz in den Abgrund zu bewahren.

Dieser Beitrag wurde unter Das digitale Ich, Global Economy, Internet & Co. abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen