Drehbuch für Raubkopierer

Dass der Katastrophenfilmer Roland Emmerich auf einmal ein Experte für Shakespeare sein soll, ist erstaunlich genug. Dass er die uralte Kamelle wieder ausgegraben hat, wonach nicht der Barde von Stratford, sondern der Herzog von Oxford der wahre Verfasser der Werke von Shakespeare sein soll, macht seinen neuen Film „Anonymous“ auch nicht besser.  Dafür bin ich aber beim Googeln zum Thema „Wer schrieb Shakespeares Stücke wirklich?“ auf eine wichtige Erkenntnis gestoßen: Auch im Zeitalter Königin Elisabeths I gab es schon Ärger mit Raubkopierern!

Und Sie dachten, das Digitalzeitalter sei schuld an dem Problem? Von wegen: Schon im 17ten Jahrhundert wurde Geisteseigentum geklaut, was das Zeugs hielt:  Windige Verleger setzten Schreiber ins Publikum, die mehr oder weniger genau mitschrieben, was da auf der Bühne abging. Kurz darauf erschienen dann billige „Quarto“-Ausgaben von Welthits wie „Romeo und Julia“, „Macbeth“ oder „Hamlet“ auf dem Markt, von deren Erlös der Autor – mag er nun Shakespeare oder Oxford geheißen haben – keinen Penny zu sehen bekamen.

Heute setzen sich Copyright-Diebe mit einer Handycam ins Kino oder lassen beim Rockkonzert ein Aufnahmegerät mitlaufen, wobei inzwischen ja schon ein gewöhnlicher iPhone schon so gute Aufnahmen liefert, dass sich davon mühelos DVD-Kopien ziehen lassen. Die Kunst besteht darin, sich nicht vom Platzanweiser erwischen zu lassen, aber wenn der ein ausreichend großzügiges Trinkgeld bekommt (oder wenn der Raubkopierer womöglich der Kinobesitzer selber ist), dann ist das weiter kein Problem.

Mein Freund Dr. Gunter Denk, der mit seiner kleinen Firma Sanet in Bangkok sitzt und deutsche Mittelständler bei ihrem Gang nach Asien begleitet,  muss sich jeden Tag mit Fällen der Produktpiraterie und der Copyright-Verletzung herumschlagen, und er ist da schon ziemlich abgebrüht. „In Asien vor Gericht zu gehen ist sowieso fast aussichtslos“, rät er seinen Klienten. „Das beste Mittel ist immer noch strikte Geheimhaltung und eine Portion gesunden Menschenverstand.“ Wer sein geistiges Eigentum wie Konstruktionspläne oder Rezepturen unbekümmert nach Südostasien exportiert und es dort im Betrieb ungeschützt herumliegen lässt, sei ja im Grunde selber schuld.

Zumal es gerade für digitale Vermögenswerte  durchaus geeignete Schutzmittel gibt, um sensible Informationen vor Produktpiraten und Industriespione zu schützen: digitale Wasserzeichen, zum Beispiel, oder wirksame Verschlüsselung von E-Mails und Datenbanken. Wenn sie doch nur jemand verwenden würde! „Es ist unglaublich, wie sorglos deutsche Unternehmen mit ihren intimsten Firmengeheimnissen und ihrem geistigen Eigentum umgehen“, sagt Gunter mit einem leichten Unterton von Resignation in der Stimme.

Vielleicht war Shakespeare auch hier seiner Zeit voraus, denn er hat zeitlebens keines seiner Stücke in Buchform herausgebracht (die „First Folio Editon“ seiner gesammelten Werke erschien erst sieben Jahre nach seinem Tod), sondern er ließ sie aufführen und lebte offenbar recht gut von den Einnahmen an der Abendkasse. Der Text seiner Schauspiele war für ihn im Grunde nur das Rohmaterial, aus dem er unvergessliche Theatermomente schuf. Womit sich der Kreis zu Roland Emmerich und seinen Filmen schließt: Wer interessiert sich schon für das Drehbuch? Wir wollen Action sehen, einstürzende Hochhäuser und riesige Raumschiffe am Himmel! Davon versteht der gute Mann nämlich wirklich was – von englischer Literaturgeschichte dagegen etwas weniger.

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