Ein anderes Bild von Kambodscha

Immer lächeln – auch wenn’s schwer fällt

Ein paar Tage in Phnom Penh genügen, um dem Kambodscha-Besucher die letzten Illusionen zu verhageln. Schuld sind die Hilfsorganisationen, von denen es angeblich über 2.000 hier gibt, und die zusammen ungefähr so viel zum Bruttosozialprodukt des Landes beitragen wie der Rest der Wirtschaft. Anders ausgedrückt: Kambodscha hängt am Tropf der „NGOs“, der non-government organizations“, deren westlichen Mitarbeiter von morgens bis abends die vielen Cafes und Bars entlang des Mekong zu bevölkern scheinen, wo sie den Neulingen ihre immer gleichen Geschichten erzählen von Korruption, Zwangsenteignung und Landvertreibung, von Militäreinheiten im Sold von Konzernen und krummen Politikern, von Menschen- und vor allem Mädchenhandel und von einem verstarrten System der Vetternwirtschaft. Nein, in Kambodscha bewegt sich nichts, sagen sie, und bestellen sich noch einen Latte.

Sok Siphana erzählt eine ganz andere Geschichte. Zum Beispiel diese: „We don’t need another economist, we need business people.“ Seitdem das Pol Pot-Regime die Elite des Landes in den 70er Jahren in die Killing Fields getrieben und damit das Land mehr oder weniger führungslos zurückgelassen hat, streiten nämlich Volkswirtschaftler und Unternehmensberater darüber, wie der Übergang von einer kaputten Planwirtschaft zu einer funktionierenden sozialen Marktwirtschaft zu bewerkstelligen sei. Sie kommen damit nicht weiter, weil sie regelmäßig an den Eigeninteressen der mächtigen Familienclans scheitern, die alle Schaltstellen von Politik, Bürokratie und Wirtschaft unter sich aufgeteilt haben.

Auch Sok Siphana gehört zu einem solchen Familienverbund. Seine Frau ist die Schwester eines Ministers, er selbst war eine Zeitlang Regierungsmitglied, verhandelte erfolgreich den Beitritt des Landes zur Welthandelsorganisation WTO. Aber dann stieg er aus und ging nach Genf zum Internationalen Handelszentrum der UNO, ging noch einmal zurück an die Uni in Neuseeland und schrieb seine zweite Doktorarbeit zum Thema „Role of Law and Legal Institutions in Cambodia Economic Development: Opportunities to Skip the Learning Curve”, in dem er argumentierte, dass Kambodscha eine Abkürzung nehmen soll auf dem Weg zu einem stabilen Rechtsstaat, indem es auf den Lehren anderer aufbauen soll statt erst mal selbst alle typischen Anfängerfehler zu machen – ein ehrgeiziges Ziel in einer Region, die von mehr oder weniger „benevolent autocracies“ – wohlmeinende Alleinherrschaften – umgeben ist.

Als er die Abhandlung fertig hatte, ging er zurück nach Phnom Penh und gründete eine kleine Anwaltsfirma, um seine Theorie in die Praxis umzusetzen. Heute hilft er Firmen, ihre Rechtsansprüche in dem undurchsichtigen Geflecht von Abhängigkeiten und Beziehungen zwischen Richtern und Politikern durchzusetzen. Aber anders als die abgebrühten NGO-Typen in den Cafes strahlt Sol Siphana Optimismus und Aufbruchstimmung aus. „Let’s face it, we have a lot of crooks“, sagt er: Ja, es gibt bei uns einen Haufen Ganoven, aber die Zeiten seien vorbei, wo es genügte, einen Minister zu kennen und schon lief alles wie geschmiert. In den letzten Jahren seien eine Menge talentierter junger Menschen von den Unis gekommen, hätten Firmen gegründet und Geld verdient. „The time of opportunistic growth is over“, sagt er: Vorbei die Zeiten des Zusammenraffens und Schiebens, jetzt seien gezielte und langfristige Investitionen gefragt, echte Partnerschaften. Der Schwerpunkt verschiebe sich weg von Landbesitz und Immobilien hin zu richtiger Produktion. Die neuen Wirtschaftszonen, die an allen Ecken und Enden des Landes eingerichtet worden sind, seien ein deutlicher Fingerzeig, wohin die Reise geht. „Cambodia ist he most capitalistic country in the world after the United States“, sagt er, und strahlt dabei übers ganze Gesicht.

Sol Siphana sieht Kamboschas Zukunft darin, wieder als Drehkreuz Südostasiens zu fungieren, so wie es in den 50ern und 60ern war, als man hier noch Schwerindustrie hatte und sogar Automobilbau. „We are caught between two ideologies, but we’re also nicely caught between two huge markets“, sagt er – auf der einen Seite die aufstrebenden „small tigers“ wie Malaysia, Thailand, Indonesien und Vietnam, auf der anderen der riesige postkommunistische Moloch China mit seinen unersättlichen Märkten. Kambodscha könnte die Zwischenstation sein, der Service Provider, ein wichtiges Glied in der Wertschöpfungskette und das Logistikzentrum der ganzen Region. Gut, der Tiefseehafen in Sianoukville hängt seit Jahren im Projektstadium fest, aber es gibt Straßen in alle Nachbarstaaten, die Transportkosten sind gering, die Mobilität hoch.

Das Haupthindernis ist, das weiß auch er, das Fehlen eines stabilen, verlässlichen Rechtssystems. Die Kambodschaner sind Buddhisten, für sie sind Familienstrukturen wichtig. Sie bilden die eigentlichen Beziehungsnetzwerke des Landes. Die Richter des Landes verstehen sich als verlängerter Arm der Regierung, eine Firma bekommt nur dann ihr Recht, wenn sie die richtigen Minister oder Staatssekretäre kennt. Es hat also keinen Sinn, vor Gericht zu gehen. „Okay, dann gehen Sie eben nicht vor Gericht. Es gibt andere Wege für mich, meine Anwaltsgebühren zu verdienen, nämlich durch direktes Verhandeln, oder indem ich mit den richtigen Leuten rede.“

Und das seien zunehmend nicht mehr die alten Männer an der Machtspitze, sondern die jungen Menschen, die inzwischen massenweise nachrücken. „Die Revolutions-Generation ist inzwschen über 70, die machen es nicht mehr lange“, sagt er. Ein paar Jahre noch, und dann werden sich viele Probleme des Landes von alleine lösen. Inzwischen mache der Wirtschaftswachstum, der sogar in den Krisenjahren angehalten hat, den Alten an der Spitze Mut zum Wandel: „Sie fühlen sich sicher und trauen sich deshalb, die Zügel ein wenig nachzulassen. Diese Entwicklung ist nicht mehr zu stoppen, und das ist gut so.“

Das Gespräch mit Sol Siphana dauert zwei Stunden. Danach hat man ein ganz anderes Bild von Kambodscha. Ja, es wird einen Generationenwechsel brauchen bis sich wirklich etwas bewegt in diesem Land, das dabei ist, das Trauma der Killing Fields abzuschütteln und sein riesiges Potenzial endlich auszuleben. Nur kann das schneller gehen, als viele NGO-Vertreter sich in den Bars und Cafes in düsterem Ton zuraunen. Wie sagte er zum Abschied? „Kamboscha ist auf dem Weg, der nächste Tiger zu werden!“

 

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