Ende der Klima-Debatte

Das Ende naht. „Klima lässt nur noch 15 Jahre Zeit für Umkehr“, titelte jüngst die „Ärzte-Zeitung“. Laut „Hamburger Abendblatt“ ist die Zeit noch knapper: „Klima-Katastrophe: Der Mensch hat nur noch 13 Jahre zur Umkehr“, schrieb das Blatt in seiner Online-Ausgabe.

Solche Headlines hinbterlassen beim flüchtigen Leser – und das sind die meisten von uns – den Eindruck, als hätte die Menschheit eine Wahl. Wenn wir nur alle brav den Thermostat zurückdrehen, auf Stromsparbirnen und Hybridautos umsteigen und auf Flugurlaub verzichten, wird das Wetter wieder so sein wie früher. Aber welches „Früher“ ist da gemeint? Etwa die eisigen Schneewinter meiner Kindheit, als 1963 der Bodensee zum letzten Mal zufror? Oder vielleicht das Jahr 1934, das neuerdings als der heißeste Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichung in den USA gilt (und nicht 1988, wie die NASA bislang immer behauptet hat; leider hat man sich bei der Weltraumagentur aber schlicht und einfach verrechte…).

Die Begriffe „Klimawandel“ und „globale Erwärmung“ scheinen inzwischen austauschbar geworden zu sein und werden politisch bis an die Belastungsgrenze strapaziert. Das ist natürlich Unsinn: Die anthropogene, also die durch Menschen verursachte Klimaveränderung, ließe sich ja womöglich irgendwie steuern. Gegen die langfristigen Zyklen des globalen Klimawandels sind wir Menschen selbstverständlich machtlos.

Es steckt in der Vorstellung, das Erdklima ließe sich irgendwie „einfrieren“, steckt etwas rührend Naives. „In dem Gluaben, jede Form von Klimaveränderung sei schlecht, steckt die Annahme, das heutige Erdklima sei das beste, das wir haben könnten“, schrieb der NASA-Forscher Michael Griffin. Dabei verdankt die Menschheit seine Existenz vermutlich einem historischen Klima-Ausrutscher. „Über den Großteil seiner Geschichte bis vor relativ kurzer Zeit war es auf der Erde üblicherweise sehr heiß“, schrieb Bill Bryson in seinem Bestseller „Eine kurze Geschichte von fast allem“. Die Eiszeit, in der wir gerade leben – Bryson spricht von einer „Eis-Epoche“ – begann vor etwa 40 Millionen Jahren und dauert noch an. Durch das Aufhäufen des Himalaya-Gebirges und der Schließung des Isthmus von Panama seien die globalen Wettermuster in dieser Zeit gründlich durcheinander gewirbelt worden. „Das Wetter hat in dieser Zeit von mörderisch schlecht bis gar nicht so schlecht gereicht“, schreibt Bryson. Heute würden wir zufällig in einem der letzteren Perioden leben. Die Zukunft sieht für ihn dagegen kalt und düster aus: „Es sind in Zukunft noch ungefähr 50 Gletscher-Episoden zu erwarten, jede von ihnen mit einer Dauer von mindestens 100.000 Jahren, bis wir endlich auf eine wirklich lange Tauwetterperiode hoffen können.“

Von wegen globaler Erwärmung! Zumindest langfristig muss sich die Menschheit ganz schön warm anziehen.

Was nicht heißt, dass es nicht kurzfristig zur Katastrophe kommen könnte. Das ist sogar mehr als wahrscheinlich. Glauben die Forscher, jedenfalls. Wissen tun sie es aber auch nicht ganz genau. Das liegt daran, dass Klimavorhersage eine noch viel ungenauere Wissenaschaft ist als ihre Cousine, die Wettervorhersage. Die Analysen des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change – Zwischenstaatliche Sachverständigengruppe über Klimaänderungen der Vereinten Nationen), deren Vierter Sachstandsbericht im Februar 2007 vorgelegt wurde, hat den im Vorgängerbericht von 2001 prognostizierten Anstieg der Meeresspiegel im nächsten Jahrhundert von ungefähr einem Meter auf 43 Zentimeter mehr als halbiert. Das liegt nicht etwa daran, dass die globale Erwärmung sich verlangsamt hätte, sondern daran, dass es heute genauere Methoden und viel mehr Information als früher gibt.

„Klimaforscher versuchen immer noch, die Grundlagen zu verstehen“, schreibt Jeff Jacoby in der „Boston Globe“.  Anders ausgedrückt: Klimaforschung steckt noch in den Kinderschuhen. Zu behaupten, wie es der US-Präsidentschaftskanditat Al Gore in seinem Buch „Eine unbequeme Wahrheit. Die drohende Klimakatastrophe und was wir dagegen tun können“ tut, dass „es keine Debatte mehr gibt“, ist unwahr. Debatteiert wird unter Facheluten noch lange. Die eigentliche Frage lautet nicht, was wir dagegen, sondern was wir überhaupt tun können.

Dass der Klimawandel ebensowenig zu stoppen ist wie die gie vom Menschen verursachte – vorübergehende – Erwärmung, sollte eigentlich jedem einleuchten. Um es klar zu sagen: Hamburg ist nicht mehr zu retten. Holland wahrscheinlich auch nicht. Statt unsere Zeit mit fructlosen Diskussionen über Ursache und Wirkung zu vergeuden, sollten wir längst darüber reden, wie wir die Folgen abmildern können. Auf den Tuvalu-Inseln östlich von Papua-Neuguinea leben rund 11.000 Menschen, deren Heimat demnächst im Pazifik versinken wird. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche – weniger sicher ist, ob diese Menschen irgendwo Aufnahme finden werden. Und das sind nur 11.000. Was ist mit den Millionen von  Bangladesi im Indusdelta, den Vietnamesen am Mekong oder den Chinesen am Gelben Fluss? Und ach ja: ciao Venezia!

Mit heißer Luft ist diesen Leuten nicht geholfen.

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