Facebook – der angezählte Riese des Social Web

Facebook – ein Altersheim für Digisaurier?

Es lässt sich trefflich darüber streiten, ob Facebook ein Fluch oder ein Segen für die Menschheit bedeutet. Unstrittig ist, dass es die Menschen verbindet. Wäre Facebook ein Land, dann wäre es das drittgrößte der Erde nach China und Indien, denn es wird von mindestens zwei Milliarden Menschen aktiv, also mindestens einmal im Monat benutzt.

Um die Tragweite des Unternehmens zu erkennen, das 2004 von Mark Zuckerberg, einem abgebrochenen Informatikstudenten an der Cambridge-Universität im US-Bundesstaat Massachusetts gegründet wurde, „um den Menschen in deinem Leben zu ermöglichen, in Verbindung zu treten und Inhalte mit diesen zu teilen“, so das Firmenmotto, muss man gleich eine ganze Reihe von Vergleichen bemühen, die zusammen zum Entstehen des ersten Sozialen Netzwerks der USA führten: die Fertigstellung der ersten transkontinentalen Telegraphenverbindung, und die Erfindung des Telefons.

Im Wilden Westen war es ziemlich einsam: Die Siedler lebten irgendwo draußen auf ihren Farmen und fuhren vielleicht einmal in der Woche zum Gottesdienst oder zum Einkaufen in die nächste Kleinstadt, wo sie auf andere Menschen trafen und sich mit ihnen austauschen konnten. Während des Goldrauschs von 1848 brauchte ein Brief von New York nach San Francisco auf dem Seeweg um Kap Horn mindestens 90 Tage.

Am 27. Januar 2006 ging, wie die Autoren der Website American Legends schrieben, ein Stück des „Old West“ verloren. An diesem Tag sandte Western Union das letzte Telegramm über die Drähte – 145 Jahre, nachdem die erste durchgehende Telegraphenleitung Ost- und Westküste verband.

Der Telegraph veränderte Amerika: Das Land rückte zusammen. Nachrichten konnten in wenigen Stunden von einem Ende des riesigen Landes ans andere geschickt werden. Möglich gemacht hatte das der Tüftler Samuel Morse. Eigentlich war Morse Maler, und als Student verdiente er sein Geld noch mit Miniaturportraits, die er für fünf Dollar das Stück verkaufte. Ende 1811 wurde er sogar an die Royal Academy in London aufgenommen, und nichts deutete darauf hin, dass er seine größten Erfolge in der Telekommunikationstechnik feiern würde. In seiner Freizeit tüftelte er mit primitiven Batterien und Magneten, und seinen ersten funktionierenden Telegraphen konstruierte er, wie es sich für einen Maler gehört, an seiner Staffelei. Am Rahmen war ein elektrisch betriebener Pendel mit Stift angebracht, der einen Strich auf einem Papierstreifen zog, wenn der Stromkreis geschlossen wurde. Er entwickelte den nach ihm benannten „Morse Code“ (ein Alphabet aus Strichen und Punkten), mit dem es möglich war, Nachrichten über die Leitung zu senden. Am 24. Mai 1844 schickte Samuel Morse zum ersten Mal einen Nachricht als Telegramm über eine Distanz von etwa 100 Kilometern von Washington nach Baltimore. Den Text, „What Hath God Wrought!“ („Was hat Gott erschaffen?“), holte sich der tiefgläubige Morse aus dem vierten Buch Mose.

2007 schrieb Daniel Walker Howe ein Buch mit dem Titel Hath God Wrought – the Transformation of America, für das er den Pulitzerpreis bekam. Für Menschen, die im Zeitalter von Digitaler Transformation leben, muss der Titel seltsam aktuell klingen…

Die zweite Stufe in der sich anbahnenden Telekommunikations-Revolution in Amerika war die Erfindung – oder besser gesagt: die Verbesserung – des Telefons durch Alexander Graham Bell. Als der in Schottland geborene Taubstummenlehrer Bell im Februar 1876 an seiner Patentschrift für den Fernsprechapparat schreib, hatte er vor sich auf dem Tisch ein Exemplar des bereits 1858 vom hessischen Physiklehrer Johann Philipp Reis entwickelten Gerätes zur Übertragung von Tönen über elektrische Leitungen stehen, das dieser „Telephon“ genannt hatte in Anlehnung an den Telegraphen.

Bell war vor allem schneller als die Konkurrenz: Der gelernte Schmied Elisha Gray aus Ohio, der als Lehrer am Oberlin College arbeitete, versuchte am selben Tag ebenfalls ein Patent für einen von ihm entwickelten Fernsprecher anzumelden – vier Stunden nach Bell. US-Gerichte sollten in der Folgezeit über 600 Klagen gegen Bells Patent abweisen, was diesem ermöglichte, ein Monopol für das Telefongeschäft in Nordamerika aufzubauen. Dazu gründete er eine Firma, die er Bell Telephone Company nannte und die 1885 in der American Telephone & Telegraph Company aufging – AT&T, die größte Telefongesellschaft der Welt.

Bell veränderte Amerika noch gründlicher, als es Morse und der Telegraphendienst es getan hatte. Von seinem Hauptquartier in New York aus breiteten sich die dünnen Drähte von Bells Telefondienst wie ein riesiges Spinnennetz (englisch: web) über das Land aus, erreichten 1892 Chicago und 1915 San Francisco. Bald hatte fast jeder Farmer im Westen einen solchen Apparat an der Wand hängen, der ihn mit dem Rest des Landes verband – vor allem aber mit seinen Nachbarn, denn Leitungen waren teuer, und die meisten Netzteilnehmer mussten eine gemeinsame „Party Line“ mit den Kunden in seiner Nähe teilen. Das hatte zur Folge, dass jeder selbst die vertraulichsten Gespräche mithören konnte, was sich beim Abheben meist mit einem deutlichen Knacksen bemerkbar machte. Wer mit seiner Geliebten am Telefon turteln wollte, musste vorher die Nachbarn bitten aufzulegen…

2013 folgte die amerikanische Regierung dem Argument des damaligen AT&T-Vorsitzende Theodore Vail, der behauptet hatte, dass ein Monopol leistungsfähiger sei als ein Wirrwarr gegenseitig konkurrierender Kleinfirmen, und gaben ihm ab 1913 das alleinige Recht auf Ferngespräche in den USA. Die regionalen Märkte kontrollierte AT&T bereits über 22 so genannte Bell Operating Companies. Da der Mutterkonzern oft liebevoll „Ma Bell“ genannt wurde, hießen die Töchter im Volksmund bald „Baby Bells“. Als sich die Regierung 1974 umbesann und die Zerschlagung von AT&T anordnete, wurden sieben von ihnen in die Selbständigkeit entlassen; AT&T behielt allerdings sein Monopol bei Ferngesprächen.

Inzwischen hat sich AT&T durch Fusionen und Zukäufen, unter anderem von Time Warner im Oktober 2016, wobei der Kaufpreis 85 Milliarden Dollar betrug. Die Übernahme von T-Mobile USA von der Deutschen Telekom für 39 Mrd. Dollar scheiterte dagegen 2011 am Widerstand der US-Kartellwächter.

Telegramm und Telefon haben die Welt ähnlich grundlegend verändert wie die Sozialen Medien unserer Zeit. Sie haben die Welt schrumpfen lassen und die Menschen in Verbindung gebracht, das Kommunikationsverhalten verändert und das Leben ihrer Benutzer bereichert.

Aber das Bessere ist bekanntlich der Feind des Guten, und das Telegramm musste dem Telefon weichen

Das war 100 Jahre später wieder genauso, als das Bessere – Facebook – das Gute verdrängte, nämlich einen heute völlig unbedeutenden Social Media-Pionier namens MySpace. 2003, also ein Jahr vor Facebook gegründet, erreichte MySpace im Juni 2004 die magische Grenze von einer Million Nutzer pro Monat und schien auf dem Weg zu sein, sich an die Spitze der sozialen Medienplattformen zu setzen. Im Juli 2005 kaufte Rupert Murdoch , der mächtige Chef des Medienkonzerns NewsCorp, MySpace für $580 Millionen und kündigte an, den Dienst auf 200 Millionen Nutzer und einen Börsenwert von neun Milliarden Dollar ausbauen zu wollen.

Doch mit dem Verkauf schien die Luft aus MySpace raus zu sein: Leitende Mitarbeiter verließen im März 2009 plötzlich das Unternehme und gründeten eigene Startups. Der CEO und Mitbegründer Chris DeWolfe warf im April das Handtuch, und im Juni entließ MySpace einen Drittel seiner Mitarbeiter. In einer zweiten Entlassungswelle im Januar 2011 mussten weitere 50 Prozent der Mitarbeiter ihre Schreibtische räumen.

Was war passiert? Zum einen legte Facebook nach einem langsamen Start plötzlich massiv zu und überholte im Juni 2008 MySpace in der Zahl der Nutzer. 2007 machte MySpace dann Schlagzeilen als „Anlaufstelle für Sextäter“, wie die Tageszeitung Die Welt schrieb. Vor allem aber war die NewsCorp-Übernahme wohl der Todesstoß für die junge Firma. Sean Percival, der von 2009 bis 2011 als Marketingchef für MySpace arbeitete, beschrieb es in einer Rede auf der Konferenz By:Larm in Oslo im März 2015 so: „Mit der Zeit hat sich eine Konzernmentalität ausgebreitet. Es kamen die Anwälte, es kamen die Buchhalter. Anstelle dieses wendigen, schnellen Sportwagens wurde das Ganze zu einem behäbigen Dienstwagen mit Chauffeur. Wir hatten plötzlich 40 oder 50 Anwälte an Bord und haben daneben noch 800.000 Dollar im Monat für externen Rechtsbeistand ausgegeben. Das Justizministerium war hinter uns her wegen dieses ganzen Pädophilen-Zeugs. Es war das reine Chaos!“

Heute ist MySpace ein Schatten seiner Selbst. Von dem Höchststand von 76 Millionen im Jahr 2008 ist die Zahl der regelmäßigen Nutzer auf unter 15 Millionen gesunken. Murdoch, der inzwischen öffentlich zugegeben hat dass die Übernahme  eine „Fehlentscheidung“ war, verkaufte den Portal für 35 Millionen an das Werbenetzwerk Specific Media, und im Februar 2018 fragte Elise Moreau in Lifewire: „Ist MySpace tot?“

Warum ist die Geschichte vom Niedergang von MySpace heute so lehrreich? Weil es zeigt, wie vergänglich auch im Internet-Zeitalter die scheinbare Übermacht der GAFA-Unternehmen ist. Eine falsche Entscheidung, einmal zu lange zugewartet, einmal dein Auge vom Ball genommen – und du bist selbst Geschichte!

Facebook wurde ursprünglich als eine digitale Version der an amerikanischen Hochschulen beliebten „Yearbooks“ konzipiert – Jahrbücher, in denen die Höhepunkte des Schuljahrs sowie Fotos aller Kommilitonen abgedruckt werden. Die Legende besagt, dass Zuckerberg es den männlichen Studenten auf diese Weise einfacher machen wollte, Kontakt mit hübschen Mitstudentinnen zu knüpfen. Das ursprünglich auf eine Handvoll von Hochschulen konzentrierte Dienst machte sich rasch selbständig und wuchs explosionsartig.

Noch bis vor Kurzem schien Mark Zuckerberg obenauf zu schwimmen. Im Herbst 2017 kam das Gerücht auf, dass er 2020 für das Amt des US-Präsidenten kandidieren werde. Davon spricht heute niemand mehr, seitdem herauskam, dass Cambridge Analytics, ein Marktforschungsunternehmen, , die Daten von mehr als 50 Millionen Nutzern vermutlich illegal abgezweigt und an die Wahlkampfmanager von Donald Trump weitergeleitet hatte, die damit versucht hätten, die Wähler in Amerika massiv zu beeinflussen. Zuvor hatte es schon Kritik gehagelt wegen so genannter „Fake News“ – manipulierte oder gefälschte Nachrichten, die von politischen Fraktionen aller Art über Facebook verbreitet worden sind. So kam heraus, dass fundamentalistische Abtreibungsgegner in den USA per Facebook versucht hatten, den Ausgang der Volksabstimmung in Irland im Mai 2018 in letzter Minute umzudrehen (was aber nicht gelang). Das Wirtschaftsmagazin The Economist nannte Facebook in einer Headline „The Antisocial Network“.

Um Facebook ziehen sich ja gerade dunkle Wolken zusammen, und niemand vermag zu sagen, ob das nur ein vorübergehendes PR-Problem von Mark Zuckerberg ist, oder ob das Fundament, auf dem Facebook steht, tatsächlich wackelt.

Klar ist, dass die Tage des ungebremsten Wachstums bei Facebook erst mal vorbei sind. Im vierten Quartal des Geschäftsjahrs 2017 stieg die Zahl der MAUs (Monthly Active Users, also Nutzer, die nur einmal im Monat reinschauen) langsamer als je zuvor in der Firmengeschichte, nämlich nur um 2,18 Prozent. Aber das bedeutet immerhin, dass Facebook erstmals mehr als 2,1 Milliarden Nutzer hat. In Nordamerika ging die Zahl der DAUs (Daily Active Users) aber um 700.000 zurück – kein gutes Zeichen! Noch besorgniserregender muss für die Facebook-Oberen die Tatsache sein, dass die Zeit, die der Durchschnittsuser auf der Plattform verbringt, abnimmt.

Historisch, so schreibt mein Freund Matthias Schrader in seinem einsichtsvollen Buch Transformative Produkte,  ist der Newsfeed „der Klebstoff zwischen Facebook und seinen Nutzern.“ Das waren früher noch fast ausschließlich persönliche Nachrichten von echten oder von Facebook-Freunden – eine Art „Party Line“ wie in den Frühtagen des Telefons, wo jeder mitbekam, was einem so am Herzen lag. Doch das hat sich mit der Zeit radikal gewandelt. Heute werden die Newsfeed von wirkmächtigen Algorithmen aus einem personalisierten Strom von Nachrichten und Werbung zusammengestellt. Laut Pew Research, einer unabhängigen Meinungsforschungsunternehmen, gaben 2017 zwei Drittel (67%) aller Amerikaner an, ihren Nachrichtenbedarf zumindest teilweise bei Facebook abzudecken. Nur Twitter, der bevorzugte Kommunikationskanal von Präsident Trump, kann ähnliche Werte aufweisen:  dort waren es 2017 mehr als 74 Prozent, die dort ihre News abholen. Das Reuters Institut für Journalismus berichtete bereits ein Jahr zuvor, dass diese Entwicklung zu Lasten der etablierten Medien und insbesondere des Fernsehens geht. In einer Reuters-Studie gaben erstmals mehr Jugendliche an, Facebook als ihre Hauptquelle von News zu nutzen als Nachrichtensendungen.

Das Dumme ist nur, dass es relativ leicht ist, manipulierte Nachrichten in die Social Media-Kanäle einzuschmuggeln. Da sich Facebook nicht als Medienunternehmen, sondern als Unterhaltungskanal sieht, nimmt sie es auch mit der journalistischen Qualität nicht so genau. Zeitungen und TV-Sender müssen sich in den meisten Industrieländern irgendeine Form der Aufsicht – in Deutschland sind sie beispielsweise dem Kodex des Deutschen Presserats verpflichtet – beugen, die versucht, gewisse Mindeststandards durchzusetzen. Würde Facebook ähnlich behandelt werden, müsste sie Heerscharen von „Redakteuren“ – diese heißen heute im Websprech „Content Moderators“ – einstellen, die jeden Tag Stundenlohn die Drecksarbeit verrichten müssten, sich tonnenweise Schweinkram anzuschauen und den Wahrheitsgehalt von Fake News zu überprüfen. Über diese bedauerlichen Gestalten werden wir im nächsten Kapitel noch ausführlich reden unter dem Stichwort „Digitale Sündenfresser“.

Bislang zögern Regulatoren auf beiden Seiten des Atlantik noch, Facebook an die gleichen festen Zügel zu nehmen wie andere Nachrichtenverbreiter. Dafür hat der Mediengigant selber ein paar, allerdings eher halbherzige Maßnahmen eingeleitet, um die schlimmsten Auswüchse zu verhindern. Zum einen haben sie die Liste der Kriterien veröffentlicht, nach denen ihre Content-Moderatoren heute Beiträge sperren, zum Beispiel wenn sie „grafische Gewalt“, „Hassparolen“ oder „Kinderausbeutung“ thematisieren. Es wurde auch eine Art digitalem Berufungsverfahren angekündigt für User, die gegen die scheinbar willkürliche Sperrung ihrer Beiträge vorgehen wollen. Bislang waren die Entscheidungen von Facebook endgültig und unanfechtbar. Kritiker fordern Facebook auf, diesen Prozess transparent zu machen und den Usern selbst ein Mitspracherecht darüber einzuräumen, welche Inhalte auf Facebook gehören – und welche nicht.

Kulturelle Unterschiede spielen in dieser Debatte eine Königsrolle. So fühlen sich Men scxhen in Europa in der Regel mehr durch Gewaltdarstellungen gestört als von Bildern oder Videos mit sexuellen Inhalten. In Amerika ist es umgekehrt. So gab es beispielsweise eine erhitzte transatlantische Debatte über das berühmte Bild des AP-Fotografen Nick Ut, auf dem ein nacktes Mädchen zu sehen ist, das nach einem Napalmangriff amerikanischer Streifkräfte in Vietnam aus ihrem brennenden Dorf flieht. Das Bild war 1972 Pressefoto des Jahres, scheiterte bei Facebook an den Bestimmungen, die „sexuell eindeutige“ Inhalte verbietet. Hingegen blieb das ebenso berühmte Bild, auf dem der Polizeichef von Saigon einen Mann in Zivil per Kopfschuss tötet, trotz Proteste monatelang zu sehen.

Facebook hat bislang lediglich durchblicken lassen, dass sie daran arbeiten „diesen Prozess zu erweitern, in dem wir weitere Formen von Verstößen definieren und den Usern die Möglichkeit geben, mehr Informationen zum Kontext zu geben, auf die wir unsere Entscheidung basieren lassen können.“

Die Frage, ob Facebook als Unterhaltungskanal oder als klassischen Medienvertreter behandelt werden soll, hat große Konsequenzen, vor allem in Amerika, wo das Recht auf freie Meinungsäußerung obersten Verfassungsrang hat. Im ersten Zusatz wird die Pressefreiheit unter besonderem Schutz gestellt. Es werden aber auch strenge Anforderungen an die Medien gestellt, was seitdem immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen führt bei der Frage, was fällt unter den Schutz der Meinungs- und Medienfreiheit. Wenn Facebook sich, ob freiwillig oder gezwungenermaßen, als Medienunternehmen einstufen lässt, wird also für die künftige Entwicklung der Plattform große Bedeutung haben.

Ein anderer Weg, der beispielgebend sein könnte für die ganze Branche und für die GAFA-Unternehmen im Besonderen, wäre die Berufung eines Ombudsmanns, eines Schiedsrichters, der im Zweifelsfall zwischen Unternehmen und Beschwerdeführer vermittelt. Der Economist schlug die Schaffung eines dezidierten Data Rights Board vor, der Regeln aufstellen und deren Einhaltung überwachen  kann. Die Mitglieder dieses Gremiums müssten besonders vertrauenswürdige Mitglieder der Online-Gemeinde sein, denen das Recht eingeräumt würde, Einblick in die Plattformen zu nehmen, ohne die Privatsphäre der Nutzer dadurch zu gefährden.

Klar ist, dass Menschen alleine mit dieser Aufgabe überfordert sein werden. Sie werden auf die Hilfe künstlich intelligenter Systeme angewiesen sein, deren Integrität aber überprüfbar sein muss. Forscher an der Northeastern University in den USA haben jüngst den Nachweis erbracht, dass die Algorithmen von Facebook vollautomatisch persönliche Daten wie Telefonnummern an Werbekunden weitergeleiten. Ihre Kollegen am MIT in Bosten wollen ein Schutzsystem gegen solche „undichten Algorithmen“ entwickeln und verwenden dazu etwas, das sie die „Turing Box“ nennen. Benannt nach dem legendären Informatikpionier Alan Turing, enthielte eine solche Kiste Software, die das Verhalten des Algorithmus in allen möglichen vorstellbaren Situationen untersuchen und ihm sozusagen einen digitalen Gütesiegel verpassen könnte. Der Output von Gesichtserkennungs-Algorithmen, beispielsweise, würden daraufhin untersucht, ob sie beispielsweise Mitglieder unterschiedlicher Rassen verschieden einstufen oder weitermelden. Die Software, die unter der Leitung des Harvard-Professors Alan Mislove entwickelt wird, soll an eine Nonprofit-Organisation übergeben werden, die als eine Art unabhängiger „TÜV für Algorithmen“ fungieren und das Vertrauen in Facebook & Co. wiederherstellen soll.

Ein solches System würde viele Fliegen mit einer Klappe schlagen, denn Facebook ist beileibe keine Einzelfirma mehr, sondern ein Konzernmoloch, der auf vielen digitalen Hochzeiten tanzt. Facebook selbst ist längst nur noch das Flaggschiff einer ganzen Flotte von Sozialen Medien, die der Moloch aus Menlo Park im Herzen der Silicon Valley inzwischen zusammengerafft hat. So gehört neben dem eigenen Messenger mit ca. 1,2 Milliarden Nutzern seit 2014 auch der rasend populäre Instant-Messaging-Dienst WhatsApp mit seinen schätzungsweise 1,2 Milliarden Nutzern ebenso zu Facebook wie der digitale Fotodienst Instagram, den Werbeserver Atlas Solutions – der den Löwenanteil der Facebook-Einnahmen generiert, weil es auch außerhalb des eigenen Netzwerks Werbeeinnahmen generiert – Oculus VR, ein Entwickler von Virtual Reality-Brillen, und Masquerade, der einen Selfie- und Video-Filter entwickelt hat, der ein wichtiges Verbindungsglied beispielsweise zwischen Messenger und Instagram bildet. Insgesamt sind alle diese Unternehmer zu einem dichten Datennetzwerk verbunden, die ständig die Daten der User untereinander austauschen – auch wenn Facebook das standhaft zu leugnen versucht.

Das beginnt sich zu rächen. Im May verdonnerte die EU-Kommission Facebook zur Zahlung einer Geldstrafe von €110 Millionen, weil sie bei der Übernahme von WhatsApp „irreführende“ Angaben über den Datenaustausch zwischen den beiden Diensten gemacht hatten. Angeblich, so Facebook damals, sei sowas technisch gar nicht möglich. Die Ermittler in Europa wiesen aber nach, dass WhatsApp seit spätestens Sommer 2016 regelmäßig Daten wie Telefonnummern an Facebook übertragen hat, wo sie für gezielte Online-Werbeversuche genutzt wurden. Facebook gab den Verstoß später kleinlaut zu, behauptete aber, es sei „nicht absichtlich“ passiert…

Facebook sei das Produkt des mobilen Zeitalters gewesen, schreibt Schrader. Auch wenn es anfangs noch so aussah, als würde Facebook das Mobilgeschäft verpennen – die Homepage sah jahrelang auf dem kleinen Bildschirm eines Smartphones grauslich aus, die Funktionalität war eingeschränkt – so hat man in Menlo Park irgendwann die Kurve gekriegt, und heute werden Newsfeed und Messenger fast ausschließlich mobil genutzt. Mark Zuckerberg setzte noch eins drauf, als er Firmen wie Instagram oder WhatsApp dazukaufte, die überhaupt nur mobil funktionieren. Und die mobile Werbung spülte Facebook weitere Milliarden in die ohnehin prallvollen Kassen.

Er hat also Übung darin, sich aus kniffeligen Situationen zu befreien. Aber am einer Nuss scheint er sich seit Jahren die Zähne auszubeißen: China!

Seit den so genannten Urumqi-Unruhen im Sommer 2009, als es bei Straßenschlachten zwischen chinesischen Polizei und einheimischen Uiguren kam, ist Facebook mitsamt seiner Töchter im Reich der Mitte von Amtswegen ausgesperrt. Zwar können technisch versierte Chinesen mittels VPN-Tunnelsoftware in der Regel auf den Dienst zugreifen, aber wenn sie erwischt werden, drohen Verhör und Haftstrafen.

Facebook brauchte acht Jahre, um die erste Milliarde Nutzer zu rekrutieren. Die zweite schafften sie in weniger als fünf Jahre. Die geschätzten 730 Millionen Internet-Nutzer in China sind also für Zuckerberg überlebenswichtig – aber unerreichbar.

Wenn seine Wachstumsstrategie langfristig aufgehen soll, wird er sich mit den Machthabern in Bejing arrangieren müssen, wie auch immer. Und ein Weg ist bereits vorgezeichnet: Facebook muss sich wieder zurück zu einem Freundes-Netzwerk entwickeln. Was die chinesischen Behörden stört sind die Nachrichten, also: keine News, kein Problem mehr! Und vor diesem Hintergrund wird klar, was hinter Facebooks Ankündigung vom Frühjahr 2018 steckt, die größte in der Firmengeschichte. Im Endeffekt bedeutet sie, dass News im Newsfeed zurückgedrängt und persönliche Nachrichten den Vorzug bekommen sollen. Zuckerberg rechtfertigt das damit, dass es nicht das Ziel von Facebook sei, wie eine Suchmaschine den Menschen zu helfen, für die relevanten Content zu finden. Das können andere besser, sagte er. Bei Facebook gehe es um persönliche Beziehungen, und er wolle seinen Usern vor allem relevante Interaktionen bieten, nicht mehr – aber auch nicht weniger.

Das hat profunde Folgen für die Nachrichtenindustrie, die sich in den letzten Jahren im Gefolge von Facebook aufgestellt hat und die mit ausgeklügelten Algorithmen versucht, Produkt- oder Markenwerbung, vor allem aber politisch gefärbte Nachrichten auf die Bildschirme der User umzuleiten. Das ist auch die Ursache für die vielen „Fake News“, die besonders während der US-Präsidentschaftswahl von 2016 für negative Schlagzeilen sorgten und das Image von Facebook in der Öffentlichkeit nachhaltig geschadet haben.

Was also zunächst als PR-Maßnahme Zuckerbergs rüberkam, könnte in Wahrheit der großangelegte und langfristig vorbereitete Versuch sein, Facebook für den chinesischen Markt hübsch zu machen: Schließlich gibt es ja in China bereits sehr erfolgreiche einheimische Social Media-Plattfirmen wie TenCent und WeChat, die beide bereits um die 900 Millionen User haben. Insbesondere von TenCents könnte Facebook eine Menge lernen darüber, wie man seine Geschäftsgrundlage in Richtung Online-Shopping, Spiele, Musik und digitale Bezahlsysteme ausweiten kann – Bereiche, in denen TenCent sehr und Facebook fast gar nicht erfolgreich ist. Der Preis, den Zuckerberg dafür bezahlen müsste, wäre Selbstkastration:  Kappt den Nachrichtenstrom auf Facebook und kehr zu den Wurzeln zurück: nette, politisch saubere Billettes zwischen Freunden – so wie die offenen Telefonate über die Party Lines im ausgehenden Wilden Westen.

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Als Western Union übrigens den Telegraphendienst 2006 einstellte, geschah das ohne großes Brimborium: keine Festreden, kein wehmütiger Rückblick. Es wurde einfach ein Schalter umgelegt. Ob es dem nächsten Kandidaten für die digitale Obsoleszenz auch so ergehen wird – dem Festnetztelefon? Und was wir aus Facebook? Alles ganz spannende Fragen…

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