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	<description>Tim Cole - Internet-Publizist</description>
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		<title>Die Gedanken sind frei. Noch, jedenfalls&#8230;</title>
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		<pubDate>Thu, 17 May 2012 12:27:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tim Cole</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Blockupy]]></category>
		<category><![CDATA[Grundgesetz]]></category>
		<category><![CDATA[Occupy]]></category>
		<category><![CDATA[Paulskirche]]></category>
		<category><![CDATA[Polizeistaat]]></category>
		<category><![CDATA[Versammlungsfreiheit]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein wunderbarer Sonnentag in Frankfurt. Die Kastanien stehen in voller Blüte. Am Mainkai stehen hastig aufgstellte Verkehrsschilder: „Innenstadt gesperrt“. Vor der Deutschen Bank parkt ein Dutzend Einsatzfahrzeuge der Polizei. Der Eingang ist mit Absperrungen verbarrikadiert. An jeder Straßenecke in Richtung Innenstadt stehen Beamte mit Schlagstöcken und Schutzhelme. Noch hängen sie lässig überm Arm. Im Schirn [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_2221" class="wp-caption alignnone" style="width: 602px"><a href="http://www.cole.de/wp-content/uploads/2012/05/blockupy-21.jpg"><img class="wp-image-2221 " title="blockupy 2" src="http://www.cole.de/wp-content/uploads/2012/05/blockupy-21.jpg" alt="" width="592" height="442" /></a><p class="wp-caption-text">Paulskirche Frankfurt im Mai 2012: ein Polzeiparkplatz</p></div>
<p>Ein wunderbarer Sonnentag in Frankfurt. Die Kastanien stehen in voller Blüte. Am Mainkai stehen hastig aufgstellte Verkehrsschilder: „Innenstadt gesperrt“. Vor der Deutschen Bank parkt ein Dutzend Einsatzfahrzeuge der Polizei. Der Eingang ist mit Absperrungen verbarrikadiert. An jeder Straßenecke in Richtung Innenstadt stehen Beamte mit Schlagstöcken und Schutzhelme. Noch hängen sie lässig überm Arm.</p>
<p>Im Schirn pilgern Passanten zu Eduar Munch. Ein paar Schritte weiter am Paulsplatz stehen ein paar Dutzend junge Menschen in kleinen Gruppen herum. Ein paar sitzen auf dem Boden. Sie haben Colaflaschen und Chipstüten dabei. Um sie herum stehen gefühlt ein paar Hundert Polizisten in voller Kampfmontur. Die „Blockupy“-Bewegung hat über Christ Himmelfahrt zu Aktionstagen gegen die Allmacht des Bankensystems und für mehr Demokratie aufgerufen. Die Staatsmacht will das offenbar unbedingt verhindern. Notfalls mit Gewalt. „Gehen Sie da lieber nicht hin, das könnte noch unangenehm werden“, rät mir ein junger Polizist. Er steht am Römer und kontrolliert die Taschen derjenigen, die Richtung Paulskirche wollen. Ich habe keine Tasche und darf so vorbeigehen.</p>
<p>Direkt vor der Paulskirche steht ein halbes Dutzend Polizeiwagen, um den Platz ist ein weiteres gutes Dutzend verteilt. Polizisten stehen herum oder gehen in Dreier- oder Vierergruppen langsam auf und ab. Ein Kolos von einem Polizisten mit hautengem T-Shirt und gestähltem Bizeps baut sich vor einer kleinen Passantin auf, die ihn fragt, warum er und seine Kollegen hier seien. „Wir wollen Gewalt verhindern“, sagt er. Sie schaut ihn mit angsterfüllten Augen an.<span id="more-2220"></span></p>
<div id="attachment_2223" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.cole.de/wp-content/uploads/2012/05/blockupy-12.jpg"><img class="size-medium wp-image-2223" title="blockupy 1" src="http://www.cole.de/wp-content/uploads/2012/05/blockupy-12-300x224.jpg" alt="" width="300" height="224" /></a><p class="wp-caption-text">Ihr könnt lange mit dem Grundgesetz winken - es hört euch doch keiner zu!</p></div>
<p>Auf dem Platz verteilen Aktivisten kleine weiß Bücher. „Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland steht auf der Vorderseite. Auf der Rückseite sind Text und Noten der Bundeshymne aufgedruckt. „Einigkeit und Recht und Freiheit“ heißt es dort. „Besorgen Sie sich eine Ausgabe des Grundgesetzes, so lange es noch geht“, sagt die rundliche Mittvierzigerin, die sie verteilt. Wer eines hat, hält es trotzig in die Höhe, winkt damit den umstehenden Beamten zu.</p>
<p>Aus dem Lautsprecher der Einsatzleitung eine Durchsage, die fast in einem Pfeifkonzert untergeht. „Die für heute beantragte Versammlung ist gerichtlich verboten worden. Dieses Verbot ist vom Bundesverfassungsgericht bestätigt worden. Verlassen Sie bitte umgehend den Paulsplatz.“ Bislang war es ruhig. Jetzt beginnen die menschen zu skandieren: „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Freiheit klaut.“ Ein paar ältere Spaziergänger sind stehengeblieben. Sie beginnen, mit zu rufen. „Jede weitere Veranstaltunbg, die Sie durchführen wollen, ist ebenfalls verboten“, sagt die Lautsprecherstimme.</p>
<p>Eine ältere Dame stellt sich vor einem wartenden Dutzend Einsatzkräfte auf und beginnt, mit lauter, fester aus dem weißen Büchlein  vorzulesen: „Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln.“ Keiner hört ihr zu. Die Polizisten nesteln an ihren Koppeln. Der Einsatzleiter steht ein paar Schritte entfernt. „Nehmen Sie die Gruppe zwei und fangen Sie an, sie hierher abzudrängen“, raunzt er einem Subalternen zu, der eilfertig verschwindet.</p>
<p>Auf dem Paulsplatz beginnen einige zu singen. „Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten?“ Ob es 1848 auch so geklungen hat, als man das schöne Lied von KOMPONIST an dieser Stelle sang, bevor man hineinging, um eine demokratische Verfassung für Deutschland zu bauen?</p>
<p>Im Hintergrund ragt die stolze Pauluskirche in den sommerblauen Himmel. Mich fröstelt es trotzdem. „Hat es vielleicht auch so angefangen?“, fährt es mir durch den Kopf. Nee, die Braunhemden haben gleich losgeschlagen. Die Polizei hat damals bloß zugeschaut. Tragen die Braunhemden heute vielleicht blau und grün? Welcher Geist steckt in den Köpfen der jungen Frauen und Männer in den Kampfanzügen? Was verteidigen Sie? Die Ruhe, die Ordnung, das Establishment, die Banker? Was glauben sie, wie ihre Präsenz auf die Bürger wirkt? Ich fühle mich jedenfalls nicht von ihnen beschützt, sondern bedroht. Und so wie mir geht es offenbar vielen. „Wir leben doch nicht in einem Polizeistaat“, sagt eine entrüstete Rentnerin. Noch nicht. Aber heute in Frankfurt könnte man es schon glauben.</p>
<p>Ich denke, es wird in Deutschland einen ziemlich heißen Frühling geben.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Leben mit Le Corbusier</title>
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		<pubDate>Mon, 14 May 2012 07:50:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tim Cole</dc:creator>
				<category><![CDATA[Das Leben an sich]]></category>
		<category><![CDATA[Genf]]></category>
		<category><![CDATA[Le Corbusier]]></category>
		<category><![CDATA[Maison Clarté]]></category>
		<category><![CDATA[Pinterest]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Architekt ist ein eigenartiger Mensch: halb Künstler, halb Handwerksmeister, oft exzentrisch, manchmal genial. Manchmal wirken sie im  Verborgenen oder sind in Vergessenheit geraten. Wer entwarf die Pyramiden von Gizeh? Welcher babylonische Baumeister schuf die Hängenden Gärten der Semiramis? Andererseits ist die Geschichte der Baukunst zumindest in der Neuzeit untrennbar mit oft kantigen Charakterköpfen verbunden; [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_2192" class="wp-caption alignnone" style="width: 605px"><a href="http://www.cole.de/wp-content/uploads/2012/05/IMG_0257.jpg"><img class=" wp-image-2192" title="IMG_0257" src="http://www.cole.de/wp-content/uploads/2012/05/IMG_0257-1024x764.jpg" alt="" width="595" height="443" /></a><p class="wp-caption-text">Vor dem Büro des Architekten im Maison Clarté steht eine Art &quot;Schrein&quot;, der dem großen Architekten Le Corbusier geweiht ist.</p></div>
<p>Der Architekt ist ein eigenartiger Mensch: halb Künstler, halb Handwerksmeister, oft exzentrisch, manchmal genial. Manchmal wirken sie im  Verborgenen oder sind in Vergessenheit geraten. Wer entwarf die Pyramiden von Gizeh? Welcher babylonische Baumeister schuf die Hängenden Gärten der Semiramis? Andererseits ist die Geschichte der Baukunst zumindest in der Neuzeit untrennbar mit oft kantigen Charakterköpfen verbunden; Typen wie <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Norman_Foster">Sir Norman Foster</a>, <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ieoh_Ming_Pei">Ieoh Ming Pei</a> oder <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Frank_Gehry">Frank Gehry</a> verbunden. <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Louis_Sullivan">Louis Sullivan</a> (1856 – 1924) wird bis heute als der „Vater der modernen Architektur“ verehrt, weil er nach dem Großen Feuer von Chicago 1871 begann, Gebäude mit selbsttragenden Stahlgitterrahmen zu bauen, die man zu Wolkenkratzern stapeln konnte. In den USA wird <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Frank_Lloyd_Wright">Frank Lloyd Wright</a> (1867 – 1959) immer noch wie ein Heiliger verehrt, weil er dem Land  mit seiner Vision von „Usonia“ ein Gesicht gab und es ihm den „amerikanische Traum“ vom suburbanen Leben in den Vororten verdanken.</p>
<p>Das Schöne an den Häusern von Frank Lloyd Wright ist, dass sie nicht nur sehr schön sind (schöner, jedenfalls als die Millionen vorgestanzter Fertigvillas, die ihm gefolgt sind), sondern dass man bis heute in den meisten von ihnen noch wohnen kann, zumindest wenn man das nötige Kleingeld hat, denn die meisten der über 400 Einfamilienhäuser, die aus seiner Feder stammen, sind noch in Privatbesitz und bewohnt. Für rund 100 Dollar können Sie sogar im <a href="http://arnoldjacksonhouse.com/">Arnold Jackson House</a> in Beaver Dam (Wisconsin) übernachten: Es ist heute ein Bed &amp; Breakfast. Sein dreieckiges <a href="http://flwpalmerhouse.com/">Palmer House</a> in Ann Arbor (Michigan) kann man für rund 2500 Dollar die Woche mieten.</p>
<p>Was Wright für Amerika war, ist für Europa Charles-Édouard Janneret (1887 &#8211; 1965), der sich später „<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Le_Corbusier">Le Corbusier</a>“ nannte. Der Schweizer, der meistens ins Frankreich lebte, hat nicht nur höchst umstrittene Bauwerke geschaffen, sondern auch eine Lebensphilosophie begründet, deren Ästhetik sich an der „neuen Realität“ der postindustriellen Formsprache orientiert. Seine Entwürfe sind zweckmäßig, funktional und vor allem wirtschaftlich. Er orientierte sich dabei an den reinen Zweckbauten der Technik und Industrie, und viele seiner Wohngebäude sehen auch fast aus wie Fabriken. Die von ihm 1927 zusammen mit Mies van der Rohe und anderen erbaute <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Wei%C3%9Fenhofsiedlung">Weißenhofsiedlung</a>, die ich aus meinen Jahren in Stuttgart kenne, erregt heute noch die Gemüter, vor allem dann, wenn der Besitzer eines solchen „Häusle“  es wagt, nachträglich Hand anzulegen.</p>
<p>Die Bauten Le Corbusiers gefallen also nicht jedem, aber wer sie liebt, der ist ihnen schnell verfallen. <img title="Weiterlesen …" src="http://www.czyslansky.net/wp-includes/js/tinymce/plugins/wordpress/img/trans.gif" alt="" /><span id="more-2191"></span>So wie meine Freundin Danielle, eine zärtliche, ebenso feingliedrige wie feingeistige Französin, die früher mit ihrem Mann Michel in München lebte. Als sie vor ein paar Jahren nach Genf zogen, entdeckte sie am Rande der Innenstadt ein ziemlich heruntergekommenes Bauwerk aus Stahl und Glas, das sie immer mehr zu faszinieren begann. Sie recherchierte und fand heraus, dass Le Corbusier das Wohnhaus zwischen 1930 und 1932, als er auf der Höhe seines Ruhmes stand, für den Schweizer Industriellen Edmond Wanner gebaut hatte. Es umfasst 45 Duplex-Wohnungen, die weitgehend aus vorgefertigten Bauteilen entstanden und in deren lichtdurchströmtem Design er seine berühmten „Fünf Punkten der Neuen Architektur“ (Betonstützen, Dachgärten, Langfenster, völlig freie Grundriss- und Fassadengestaltung) schon fast beispielhaft umsetzen konnte.</p>
<div id="attachment_2193" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.cole.de/wp-content/uploads/2012/05/IMG_0256.jpg"><img class="size-medium wp-image-2193" title="IMG_0256" src="http://www.cole.de/wp-content/uploads/2012/05/IMG_0256-300x224.jpg" alt="" width="300" height="224" /></a><p class="wp-caption-text">Ein Schlachtschiff aus Glas und Beton</p></div>
<p>Le Corbusier nannte das Haus „<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Maison_Clart%C3%A9">Maison Clarté</a>“, was so viel bedeutet wie „Haus der Klarheit“, und am Anfang muss das Gebäude wirklich eine klare, transparente Wirkung entfaltet haben, die zumindest viele zeitgenössische Architekten begeisterte. Der Volksmund scheint weniger überzeugt gewesen sein. Jedenfalls hieß das Gebäude bald bei den Einheimischen „das Schlachtschiff“, vor allem später, als der Eisenbeton und die von Le Corbusier entworfenen Beschläge Rostflecke anzusetzen begannen. Kaum ein Passant würdigte jahrelang dem hässlichen Glasklotz eines zweiten Blickes, außer Danielle, die sich fast augenblicklich in das Haus verliebte und jahrelang davon träumte, wie es wäre, in Räumen aus Licht und Glas zu leben, umgeben und beseelt vom Geist des großen Architektur-Revoluzzers.</p>
<p>Als sie hörte, dass ein Bauträger dabei war, Pläne für eine Renovierung zu entwickeln, stand für sie jedenfalls fest: „Da ziehen wir hin!“ Ihren Mann Michel, ein lebensfroher frankophoner Filou, den man sich eher als Chateaubesitzer irgendwo in der Provence vorstellen kann, ließ sich breitschlagen, und so konnte sich Danielle zusammen mit ihren Innenarchitekten und ein paar grundsoliden Handwerkern ans Werk machen. Nach mehr als einem Jahr konnten die beiden in die lichtdurchflutete Dreizimmerwohnung einziehen. Und nach mehr als einem Jahr haben wir es endlich mal geschafft, sie in Genf zu besuchen und das Ergebnis ihrer rastlosen Bemühungen zu erleben.</p>
<div id="attachment_2205" class="wp-caption alignleft" style="width: 138px"><a href="http://www.cole.de/wp-content/uploads/2012/05/IMG_0219.jpg"><img class=" wp-image-2205" title="IMG_0219" src="http://www.cole.de/wp-content/uploads/2012/05/IMG_0219-224x300.jpg" alt="" width="128" height="172" /></a><p class="wp-caption-text">Ein Hauch von Zen</p></div>
<p>Es ist auf jeden Fall erstaunlich, was sie geschaffen hat. Ob es jedermanns Sache ist, bleibt mal dahingestellt. Sagen wir es so: Ein Zen-Buddhist hätte sicher seine helle Freude an dem konsequenten Minimalismus der Wohnung, der völligen Transparenz und Leere, hier und da durch willkürlich gesetzte Einrichtungsnoten eher betont als unterbrochen: eine alte Malerleiter dient gleichzeitig als Raumteiler und Blickfang, Bilder sind gegen die Wand gelehnt statt aufgehängt, im Bad bilden ein paar Kieselsteine am Boden ein meditatives, völlig zweckfreies Kunstwerk, das eigenartigerweise perfekt zur puren Zweckform der Architektur passt und diese sogar noch unterstreicht.</p>
<div id="attachment_2194" class="wp-caption alignright" style="width: 277px"><a href="http://www.cole.de/wp-content/uploads/2012/05/Stereo.jpg"><img class=" wp-image-2194" title="Stereo" src="http://www.cole.de/wp-content/uploads/2012/05/Stereo-300x179.jpg" alt="" width="267" height="160" /></a><p class="wp-caption-text">Eine alte Malerleiter als Blickfang und Zweckmöbel</p></div>
<p>Ja, es ist schon ein bisschen wie in einem Aquarium zu leben, gibt Danielle zu. Der Nachbar gegenüber sitzt manchmal im Dunkeln seines Schlafzimmers und schaut ihr stundenlang zu, wie sie in ihrer gläsernen Wohnung herumläuft. Beim Duschen darf sie nicht vergessen, die rotbraunen hölzernen Jalousien herab zu lassen. Es ist ein Leben auf dem Präsentierteller, aber irgendwie gewöhnt man sich daran, und nach einigen Tagen denkt man nicht mehr darüber nach, sagt sie. Die Betondecken und Wände übertragen die Schritte der Nachbarn recht deutlich, zumal ein Teppichboden in einem solchen Ambiente schon fast ein ästhetisches Sakrileg wäre.</p>
<p>Man kann Danielles Wohnung eigentlich nicht beschreiben, man muss es gesehen haben. Und langsam fange ich an, den Reiz des neuen Senkrechtstarters unter den Social Media-Plattformen, Pinterest, besser zu verstehen. Es ist eine reine Pinwand im Cyberspace, nichts weiter: Man lädt ein paar Bilder hoch, schreibt ein paar Worte dazu und lädt seine Freunde ein, davor zu stehen und den Blick schweifen zu lassen. Probieren Sie es mal aus: Meine neueste Pinwand heißt „<a href="http://pinterest.com/tc1066/maison-clarte-in-gevena-a-long-forgotten-masterpie/">Maison Clarté in Gevena, a long-forgotten masterpiece by Le Corbusier</a>“  und ist eine respektvolle Verbeugung vor einem großen Geist und vor einer kleinen Frau, die diesen Geist verstanden und verinnerlicht hat. Vielen Dank, Danielle. Und natürlich auch Ihnen, Le Corbusier!</p>
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		<title>Die Hälfte wäre geschafft!</title>
		<link>http://www.cole.de/die-halfte-ware-geschafft/</link>
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		<pubDate>Sun, 06 May 2012 08:17:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tim Cole</dc:creator>
				<category><![CDATA[Die Einsamkeit des Langstreckenläufers]]></category>
		<category><![CDATA[Ablation]]></category>
		<category><![CDATA[Berlin-Marathon]]></category>
		<category><![CDATA[Halbmarathon]]></category>
		<category><![CDATA[Herz-OP]]></category>
		<category><![CDATA[Laser-Ablation]]></category>
		<category><![CDATA[Marathon]]></category>
		<category><![CDATA[Vorhofflimmern]]></category>

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		<description><![CDATA[Langsam, aber sicher All denjenigen, die Anteil genommen haben an meinen Gesundheitsproblemen (Vorhofflimmern, Ablation) und die mir Glück beim Comeback als Läufer gewünscht haben, denen sei gesagt, dass ich mein Zwischenziel erreicht habe: Gestern bin ich zum ersten Mal nach der Herz-OP wieder 21,2 Kilometer gerannt, also die klassische Halbmarathon-Distanz. War ein Test um zu [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.cole.de/wp-content/uploads/2012/05/Halbmarathon-Protokoll.bmp"><img class="alignnone  wp-image-2177" title="Halbmarathon Protokoll" src="http://www.cole.de/wp-content/uploads/2012/05/Halbmarathon-Protokoll.bmp" alt="" width="626" height="473" /></a></p>
<p><em><strong>Langsam, aber sicher</strong></em></p>
<p>All denjenigen, die Anteil genommen haben an meinen Gesundheitsproblemen (Vorhofflimmern, <a href="http://www.cole.de/mit-dem-laser-nach-berlin/">Ablation</a>) und die mir Glück beim Comeback als Läufer gewünscht haben, denen sei gesagt, dass ich mein Zwischenziel erreicht habe: Gestern bin ich zum ersten Mal nach der Herz-OP wieder 21,2 Kilometer gerannt, also die klassische Halbmarathon-Distanz. War ein Test um zu sehen, ob ich es a) überhaupt kann und b) in welcher Zeit.</p>
<p>Frage a) ist zufriedenstellend beantwortet, und so kann ich jetzt halbwegs erleichtert dem <a href="http://mein.sportscheck.com/sport/laufsport/events/stadtlauf_muenchen">Stadtlauf </a>am 24. Juni entgegensehen. Aber wenn ich auf die Zeit blicke, wird mir ganz anders: Mehr als zweieinhalb Stunden &#8211; das ist ja eine halbe Ewigkeit. Dabei hatte ich mal den Ehrgeiz, den &#8220;Halben&#8221; unter zwei Stunden zu laufen. Da werde ich noch viele Trabkilometer zurücklegen müssen, und vielleicht sollte ich auch öfter mal ins Kraftstudio gehen.</p>
<p>Denn noch immer ist ja das große Ziel der <a href="http://www.cole.de/twitter-marathon-ein-feldversuch/">Berlin-Marathon</a> im September. Wenn ich so laufe wie gestern, brauche ich ja fünf Stunden oder sogar noch länger. Das ist kein Marathonlaufen, das ist Marathongehen!</p>
<p>Aber vielleicht sollte ich mich lieber mit der Erkenntnis trösten, dass der Weg das Ziel ist, und es nur darauf ankommt, anzukommen. Vor allem nach dem, was mir letztes Jahr alles passiert ist. Wenn Ihr Zeit habt, könnt Ihr mir ja den Daumen drücken!</p>
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		<title>Warum Inflation gut ist für Deutschland – und Europa</title>
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		<pubDate>Sat, 05 May 2012 08:35:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tim Cole</dc:creator>
				<category><![CDATA[Global Economy]]></category>

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		<description><![CDATA[Ham Sie mal 500 Milliarden Mark für mich? Für alle, die nicht das Glück haben, Abonnent des besten Wirtschaftsmagazins der Welt, den „Economist“, zu sein und die sich immer noch Sorgen machen, wie man das Problem der stagnierenden Volkswirtschaften Südeuropas auf die Sprünge helfen kann, sei dieses Sakrileg ins Ohr geflüstert: „Wir brauchen Inflation in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.cole.de/wp-content/uploads/2012/05/inflation.jpg"><img class="size-full wp-image-2167 alignnone" title="inflation" src="http://www.cole.de/wp-content/uploads/2012/05/inflation.jpg" alt="" width="475" height="356" /></a></p>
<p><em><strong>Ham Sie mal 500 Milliarden Mark für mich?</strong></em></p>
<p>Für alle, die nicht das Glück haben, Abonnent des besten Wirtschaftsmagazins der Welt, den „<a href="http://www.economist.com/node/21554198">Economist</a>“, zu sein und die sich immer noch Sorgen machen, wie man das Problem der stagnierenden Volkswirtschaften Südeuropas auf die Sprünge helfen kann, sei dieses Sakrileg ins Ohr geflüstert: „Wir brauchen Inflation in Deutschland!</p>
<p>Ich weiß, jetzt zucken zusammen alle in kollektiver Erinnerung an die Geschichten unserer Großväter über Geldscheine in Milliardenhöhe, mit denen man ein Brötchen kaufen konnte (oder die man lieber und profitabler als Heizmaterial verwendete). Aber es ist wirklich etwas dran: Die teutonische Urangst vor Inflation ist gerade dabei, die Europäische Union und die Eurozone auseinander zu reißen. Inflation ist nötig, damit sich die Europäische Einigung nicht nachträglich als Chimäre entpuppt.</p>
<p><span id="more-2164"></span>Die Situation ist diese: Südeuropa, namentlich Griechenland, Spanien, Portugal und ein bisschen auch Italien, sind am Boden. Das knallharte Spardiktat  von Merkel  &amp; Co. hat dort zu einer rasenden Deflation und zu Arbeitslosenzahl geführt, die allenfalls noch von den USA während der „Great Depression“ der 20er und 30er Jahre übertroffen wird. Die Preise in diesen Ländern sinken, weil niemand das Geld hat, um etwas zu kaufen. Die Deutschen leben hingegen auf einer Insel der Seligen, in der die Inflationsrate mit gegenwärtig 2,1% zwar leicht über dem von der Europäischen Zentralbank ECB gesteckten Marke von 2%, aber deutlich unter dem Europa-Durchschnitt von 2,6% liegt. Und diese Zahl ist nicht wirklich belastbar, weil in ihr solche Faktoren versteckt sind wie die Ölpreissteigerungen und die in den Krisenländern eingeführt oder erhöhte Mehrwertsteuer, die als Sparmaßnahme zu greifen beginnt und kräftig Kaufkraft abschöpft.</p>
<p>Was wir jetzt haben ähnelt den Gezeiten am Atlantik: Wenn das Wasser sinkt, liegen alle Boote im Trockenen, steigt sie, schwimmen sie wieder. Wenn Deutschland an seinem krankhaften Anti-Inflations-Wahn festhält, müssen die anderen Länder Deflation, also sinkende Preise, hinnehmen, um wettbewerbsfähig zu sein. Die Alternative, die Landeswährung abzuwerten, haben zumindest die Euro-Länder ja nicht. Anders ausgedrückt: Wenn Deutschland inflationstechnisch noch Wasser unterm Kiel hat, liegen die anderen auf dem Trockenen und können ihre Boote nicht herausschicken zum Fischen. Sie haben nichts zu verkaufen und sinken deshalb immer tiefer.</p>
<p>Würde Deutschland vorübergehend eine etwas höhere Inflationsrate hinnehmen, sagen wir: 3%, dann könnten die Länder Südeuropas, in denen die Preise sinken oder wenigsten stabil geblieben sind, aufholen: Ihre Waren und Dienstleistungen würden in den wichtigen Märkten Nordeuropas wettbewerbsfähiger, ihre Volkswirtschaft hätte Atemluft, um sich langsam zu erholen.</p>
<p>Bleibt Deutschland dabei, dass Inflation des Teufels ist und mit allen Mittel zu bekämpfen, dann schneiden sie den Krisenländern buchstäblich das Wasser ab. Und was dann passiert, ist klar: Ohne Auslandsmärkte ist der „Export-Weltmeister Deutschland“ selbst zum Untergang verdonnert.</p>
<p>Inflation ist der Preis, den wir dafür bezahlen müssen, dass wir weiterhin obenauf schwimmen dürfen. Zahlen wir ihn nicht, gehen wir mit den anderen unter. Ich halte inzwischen Ausschau nach einem Rettungsring.</p>
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		<title>Social Baking auf der Alb</title>
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		<pubDate>Fri, 04 May 2012 05:45:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tim Cole</dc:creator>
				<category><![CDATA[Das Leben an sich]]></category>
		<category><![CDATA[Anhausen]]></category>
		<category><![CDATA[Backhaus]]></category>
		<category><![CDATA[Social Baking]]></category>

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		<description><![CDATA[In Anhausen, einem kleinen Weiler auf der Schwäbischen Alb, in der ich das erste Maiwochenende mit meinen Freunden Fritz und Flaxi verbringen und drei Tage lang Dauerskat spielen durfte, kommen die Frauen jeden Montag im Backhaus zusammen und backen für ihre Familien das Brot. Wäre schön, wenn ich jetzt schreiben könnte, dass es sich um [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_2150" class="wp-caption alignleft" style="width: 261px"><a href="http://www.cole.de/wp-content/uploads/2012/05/18Annemarie-mit-Brot.jpg"><img class="wp-image-2150 " title="18Annemarie mit Brot" src="http://www.cole.de/wp-content/uploads/2012/05/18Annemarie-mit-Brot.jpg" alt="" width="251" height="336" /></a><p class="wp-caption-text">Annemarie hat die Knautze bekommen!</p></div>
<p>In Anhausen, einem kleinen Weiler auf der Schwäbischen Alb, in der ich das erste Maiwochenende mit meinen Freunden Fritz und Flaxi verbringen und drei Tage lang Dauerskat spielen durfte, kommen die Frauen jeden Montag im Backhaus zusammen und backen für ihre Familien das Brot. Wäre schön, wenn ich jetzt schreiben könnte, dass es sich um eine jahrhundertealte Tradition handelt, aber das wäre nicht ganz richtig. Das Backhaus wurde zwar schon vor 1900 mitten im Dorfkern erbaut, aber die beiden massiv gemauerten Öfen mit den schweren Eisentüren blieben jahrelang kalt, nachdem die letzte Dorfbäckerin gestorben war.</p>
<p>Dass sie wieder angefeuert werden, ist das Verdienst von Erika Schwegler, einer strammen, resoluten, aber auch etwas kurz geratene Dame, die heute die Teiglaibe mit einem zwei Meter langen spatenförmigen Schieber in die dunkle Höhle des Holzofen befördert. „Eigentlich bin ich zu klein dafür“, sagt sie, und in ihren Augen blitzt der schwäbische Schalk. Sie komme beim Putzen nicht bis in den hintersten Winkel, aber dafür sei ja zum Glück ihr Mann da. Gerhard Schwegler steht daneben mit einer langen Holzstange in der Hand, um deren Spitze ein nasser Putzlappen gewickelt ist, an dem noch der schwarze Ruß hängt.</p>
<p>„Klar konnten wir früher das Brot in der Bäckerei in Hayingen kaufen“, sagt Erika, „aber wer will das schon essen?“ Eigentlich sagt sie: „Wer will des scho essa?“, aber ich werde meinen geneigten Lesern im Weiteren die Gehirnakrobatik der Simultanübersetzung sparen. Schwaben können bekanntlich alles außer Hochdeutsch.<span id="more-2149"></span></p>
<p class="size-medium wp-image-2152" title="12abbuersten">Erika Schwegler hat im Turnverein mit anderen Frauen aus dem Ort im Turnverein abgesprochen und ist dann zum Bürgermeister gegangen um zu fragen, ob sie nicht die alte Backstube reaktivieren könnten. Der war gleich sozusagen Feuer und Flamme für die Idee, denn er witterte gleich eine Touristenattraktion. Also wurde das Häuschen wieder hergerichtet und die verrostete Ofenanlage herausgeputzt. Ein „Schopf“ (Schuppen) gegenüber von der Backstube dient als Lager für die langen Buchenscheite sowie für den Reißig, den Gerhard Schwegler zum Anfeuern verwendet. Um sieben Uhr früh schließt er die Backstube auf und heizt an. Zwei Stunden lang brennt das Feuer zuerst lichterloh, dann als Glut, der den Innenraum des Ofens auf mehrere hundert Grad erhitzt. Wenn um neun Uhr die erste Frau aus dem Ort mit ihrem Leiterwagen voller Teigschüsseln erscheint, beginnt er, die Glut durch die Löcher im Ofenboden in den Aschekasten darunter zu rechen. Wenn der Ofen leer ist, wird er mit dem nassen Putzlappen ausgewischt. Im Ofen staut sich die Hitze in den dicken Backsteinwänden und kühlt ganz langsam ab. Ist er zu heiß, verkohlt das Brot. Ist er zu kalt, backen sie nicht ganz durch und bleiben innen feucht und klebrig. Wie er denn den richtigen Zeitpunkt ermittelt, um mit dem Backen zu beginnen? „Das halt man halt so im Gefühl“, sagt er mit typisch schwäbischem Understatement.</p>
<div id="attachment_2154" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.cole.de/wp-content/uploads/2012/05/3teigtoepfe.jpg"><img class="size-medium wp-image-2154" title="3teigtoepfe" src="http://www.cole.de/wp-content/uploads/2012/05/3teigtoepfe-300x224.jpg" alt="" width="300" height="224" /></a><p class="wp-caption-text">Der wartende Teig wirft schon ungeduldig Blasen</p></div>
<p>Jede Frau hat ihr ganz eigenes Rezept, nach dem sie den Teig anrührt. Die größten Schüsseln fassen genügend Teig für ein halbes Dutzend runde Laibe. Die Arbeitsteilung ist gut einstudiert und funktioniert perfekt. Eine Frau fasst mit beiden Händen in die Schüssel und entnimmt zwei Handvoll Teig, die sie mit zwei, drei geschickten Handgriffen zu einer Kugel formt. Erika Schwegler hat inzwischen Mehl auf den Holzschieber gestreut. Darauf kommt der Teigklumpen. Eine dritte Frau klebt noch schnell einen kleinen Papierfetzen auf den Laib, auf dem der Name der Familie geschrieben steht, die den Teig gemacht hat. Erika Schwegler schiebt ihn in den Ofen, zieht dann den Schieber mit einer kurzen, kräftigen Bewegung raus, so dass der Laib im Ofeninneren verbleibt. Und schon wartet die Kollegin mit der nächsten Kugel. Zwischendurch wird ein kleineres Teigstück auf den Schieber gesetzt und mit dem Nudelholz plattwalzt. Das wird dann ein „Wes“, eine Art schwäbisches Fladenbrot, das entweder pur oder mit einer Masse aus Quark und Zwiebeln beschichtet wird. Woher das Wort „Wes“ kommt? Alle zucken mit den Schultern. „Das heißt halt so bei uns“, sagt jemand. Alle nicken.</p>
<p>Heute sind beide Öfen in Betrieb und füllen sich nach und nach, während sich ein herrlich warmer Duft im Backhaus ausbreitet. Manchmal, vor allem in der Urlaubszeit, muss nur ein Ofen angefeuert werden. Es kommt aber auch mal vor, dass zweimal am Tag gebacken wird, wenn zum Beispiel an Weihnachten die ganzen Familien da sind und die Kinder, von denen viele schon weggezogen sind, ein paar Laibe mit nach Hause nehmen wollen, damit sie ein paar Tage lang den Geschmack der Heimat in der Großstadt genießen können.</p>
<div class="wp-caption alignright" style="width: 234px"><a href="http://www.cole.de/wp-content/uploads/2012/05/12abbuersten.jpg"><img title="12abbuersten" src="http://www.cole.de/wp-content/uploads/2012/05/12abbuersten-224x300.jpg" alt="" width="224" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Erika Schwegler beim Brotbürsten</p></div>
<p>&nbsp;</p>
<p>Nach zwei Stunden beginnt Erika Schwegler, die Laibe einzeln aus dem Ofen zu holen. Sie nimmt sie einzeln in die Hand, dreht sie um und brüstet die Unterseite ab, an der manchmal noch Aschereste kleben. Dann ergreift sie eine große Bürste, die in einem Wassertopf steckt, und wischt das frische Brot feucht ab. Das Wasser verdampft sofort. „Das gibt den Glanz“, sagt sie. Eine andere Frau nimmt ihr den Laib ab und legt ihn in die entsprechende Schüssel. „Wir wissen ganz genau, was zu wem gehört“, sagt sie.</p>
<p>Beim Backen dehnt sich der Teig aus, und manchmal quillt ein Teil davon an der Seite aus und ergibt eine unförmige Ausbuchtung, die so genannte „Knautze“. Manchmal fließen zwei solcher Wurmfortsätze ineinander, so dass zwei oder drei Laibe zu einem Stück verwachsen. Erikas Aufgabe ist es, sie mit einem langen Brotmesser möglichst gerecht zu verteilen, denn die Knautze ist begehrt. Manchmal kommt auch ein Dorfkind vorbei und bettelt so lange, bis es ein Stück heiße Knautze bekommt, das es beim Heimweg genüsslich aufisst. Eine gute Idee: Ich fange auch an zu betteln, und Erika erbarmt sich am Ende meiner, sagt dazu aber in strengem Ton: „Warte nur ein wenig!“ (Eigentlich sagt sie: „Wart nua a weng“, aber ich wollte ja das Dolmetschen sein lassen…) Wer heißes Brot isst, bekommt davon Bauchweh, behauptet sie. Ich beschließe, diese These zu testen. Mir bekommt der warme Bissen ganz hervorragend, und erst der Geschmack! So hat wohl früher mal Brot geschmeckt, aber früher, das ist lange her…</p>
<p>Nach und nach kommen die Dorffrauen vorbei und holen ihr Brot ab. Vorher wird noch abgewogen. Für jedes Kilo sind 50 Eurocent zu zahlen. Mit dem Geld wird der Unterhalt des Backhauses und das Brennholz bezahlt. Auch Erika Schwegler bekommt etwas, „aber mehr eine Anerkennung“, wie sie behauptet. Ihr Mann arbeite gratis pro deo, aber „der ist ja auch schon Rentner, der freut sich, wenn er was zum Tun hat“, sagt sie. Ihr Mann steht daneben und lächelt still.</p>
<p>Vor dem Backhaus wird noch ein wenig „geratscht“, dann zieht eine jede ihren Leiterwagen hinter sich her, auf dem sich die dunkelbraunen Brotlaibe in den Backschüsseln stapeln. Eine Woche lang wird es in Anhausen in jedem Haus wieder gutes Brot zu Essen geben.</p>
<p>Annemarie, die Nachbarin meines Freundes Fritz, bringt uns Skatspielern noch ein dampfendwarmes Wes, über das wir wie Schiffbrüchige heißhungernd herfallen. Wir unterhalten uns darüber, wie in einer kleinen Gemeinde solche Zusammenarbeit noch funktioniert, und wie dadurch auch eine Form von Gemeinsinn entsteht, auf die jeder im Dorf stolz verweisen kann. Annemarie ist nicht gerade in dem Alter, wo man als digitaler Eingeborene durchgehen kann, aber die Enkelkinder haben Computer, und sie hat auch schon mal was von Facebook gehört. Ob man vielleicht den Begriff des „Social Baking“ erfinden und solche Backtage online organisieren sollte, frage ich. Annemarie lächelt knitz: „Bei uns funktioniert das alles noch ganz ohne Internet“, sagt sie.</p>
<p>PS: Wenigstens kann man ein solches Gemeinschaftserlebnis online festhalten. Ich empfehle deshalb einen Besuch meiner Bildergallerie auf <a href="http://pinterest.com/tc1066/social-baking-in-swabia/">Pinterest</a>, wo man die Backfrauen von Anhausen in voller Aktion erleben kann.</p>
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		<title>Jetzt bin ich eine Marke!</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Apr 2012 07:04:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tim Cole</dc:creator>
				<category><![CDATA[Das digitale Ich]]></category>
		<category><![CDATA[Internet & Co.]]></category>

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		<description><![CDATA[Das ich das noch erleben durfte! Wenn mein Freund Fritz besonders zufrieden ist mit sich und der Welt, dann entfährt ihm manchmal dieser Spruch: „Sie werden eines Tages Straßen und Plätze nach uns benennen!“  Er ist so nett, mich bei solchen Gelegenheiten mit in sein rosiges Bild der Zukunft einzubeziehen, und ich stelle mir deshalb [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><em><a href="http://www.cole.de/wp-content/uploads/2012/04/ColeMarke.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-2140" title="ColeMarke" src="http://www.cole.de/wp-content/uploads/2012/04/ColeMarke.jpg" alt="" width="691" height="548" /></a></em></strong></p>
<p><strong><em>Das ich das noch erleben durfte!</em></strong></p>
<p>Wenn mein Freund Fritz besonders zufrieden ist mit sich und der Welt, dann entfährt ihm manchmal dieser Spruch: „Sie werden eines Tages Straßen und Plätze nach uns benennen!“  Er ist so nett, mich bei solchen Gelegenheiten mit in sein rosiges Bild der Zukunft einzubeziehen, und ich stelle mir deshalb tatsächlich manchmal vor wie es wäre, wenn es, sagen wir mal, in München-Haidhausen eines Tages einen „Tim-Cole-Platz“ geben würde. Na ja, vielleicht täte es auch ein &#8220;Cole-Weg&#8221;. Der könnte zum Beispiel vom Isarshochufer hinunter führen in den Herzogpark und hinüber in den Englischen Garten, wo ich meine tägliche Joggingrunde laufe.</p>
<p>Das Problem mit solchen Ehrenbezeugungen ist aber leider, dass sie in aller Regel nur posthum erfolgen. Ich würde also nicht selber durch eine „Cole-Straße“ schlendern können: Meine Nachfahren müssten das für mich tun. Und so hält sich meine Begeisterung über derartige Zukunftsaussichten, anders als bei Freund Fritz, doch meist in recht enge Grenzen.</p>
<p>Das Gleiche gilt auch für Gedenkmarken, mit denen die Post manchmal mehr oder weniger verdiente Menschen ehrt: Auch sie kann der Ausgezeichnete ja nicht selber auf einen Brief kleben und ins Postkasterl werfen. Dazu muss er erst die letzte große Lebensleistung vollbringen, nämlich möglichst würdevoll zu sterben. Wenn ich ein gläubiger Mensch wäre, könnte ich mich ja wenigstens mit der Vorstellung trösten, ich säße eines Tages wie weiland Aloisius auf meiner Wolke und würde hinunterschauen und sehen, wie mich Leute von hinten belecken. Das heißt, man muss ja heutzutage die Marke nicht mehr befeuchten, damit sie haftet: Sie sind ja selbstklebend. Aber Sie wissen schon, was ich meine.<span id="more-2139"></span></p>
<p>Womit wir bei der Post wären. Ich habe in den letzten Wochen viel mit ihr zu tun, namentlich zu den von ihr in 28 verschiedenen Städten betriebenen „Direct Marketing Centern“. Die haben mich für eine Serie von Vorträgen gebucht, und ich komme deshalb viel herum und entdecke nebendabei viele neue Orte und Gegenden, die mir in den letzten 50 Jahren, die ich als Amerikaner in Deutschland verbracht habe, verborgen geblieben sind. Ich war zum Beispiel noch nie auf der Wartburg, durchfuhr noch nie das majestätisch-breite Tal der Mittelelbe und spazierte niemals durch die verwinkelten Gassen des Bremer Schnoorviertels. Was ist es doch für ein schönes Land, dieses Deutschland!</p>
<p>Und auch die gute alte Post ist nicht ohne, wie ich auf meinen Reisen lernen durfte. Von wegen behäbiger Gelbe Riese! Von Schneckenpost auch keine Spur. Die Leute vom Direct Marketing Center sind voll auf Ballhöhe in Sachen Internet &amp; Co., bauen Homepages und Online-Shops für Mittelstandskunden, setzen Adwords-Kampagnen bei Google auf, setzen hochmodernes Blickfeld-Tracking ein, um die Werbewirkung von Websites zu überprüfen und setzen so genanntes „SiRanking“ ein, um den Social Media-Koöffizienten von Online-Kunden zu messen und entsprechende Response-Strategien zu entwerfen. „Wir sind in der Welt der Online-Werbung ebenso zu Hause wie in der alten Offlinewelt“, behauptete neulich stolz ein Niederlassungsleiter, und man sah ihm an, wie stolz er auf seine neue alte Firma ist.</p>
<p>Das Angebot der Online-Post ist ein bunter Strauß aus vielen verschiedenen Werbeformen und Arbeitsmitteln, aber mein Favorit ist eigentlich eines der Altmodischsten: Die Briefmarke. Man kann sie schon längst per Internet kaufen und gleich daheim ausdrucken, ohne in der Postfiliale anstehen zu müssen. Was ich aber vorher nicht wusste ist, dass ich auch meine ganz eigene Briefmarke haben kann, und das bereits zu Lebzeiten!</p>
<p>„Marke Individuell“ heißt dieses Angebot. Die Post nennt sie „die Briefmarke für mehr Aufmerksamkeit“. Man kann sie in wenigen Minuten selbst gestalten mit Hilfe eines einfachen Online-Tools, den die Post auf ihrer <a href="http://www.deutschepost.de/dpag?tab=1&amp;skin=hi&amp;check=yes&amp;lang=de_DE&amp;xmlFile=link1021429_1021424">Website</a> bereitstellt. Nach ein paar Tagen bringt der Briefträger den Bogen mit lauter selbstgestalteten Briefmarken nach Hause, und man kann sie wie eine ganz normale Briefmarke verwenden, sie also auf Briefumschläge oder Päckchen kleben, und sie werden tatsächlich dem Adressaten zugestellt.</p>
<p>Ich habe mir jetzt einen Bogen mit Eigenmarken kommen lassen. Sie sind nicht so ganz billig: Neben dem Porto, in meinem Fall also 55 Cents, sind bei Abnahme der Mindestmenge von 20 Stück stolze €1,21 fällig (bei großen Mengen geht der Preis schnell runter auf 13 Cents das Stück). Aber was ist das schon – gemessen an dem wunderbaren Gefühl, sozusagen dem Sensenmann ein Schnippchen geschlagen zu haben und die eigene Gedenkmarke gesehen zu haben: Das ich das noch erleben durfte! Danke, Ihr lieben Leute von der Post.</p>
<p>Mein Freund Fritz wird demnächst einen „runden“ feiern, wenn er sich dranhält und nicht vergißt, seine Blutdruckpillen zu nehmen. Und ich weiß auch schon, was ich ihm schenken werde: Die eigene Briefmarke, natürlich.</p>
<p>Jetzt muss ich mir nur noch überlegen, wie ich es schaffe, einen Platz oder eine Straße nach ihm benennen zu lassen. Ich kann ja mal die Post fragen.</p>
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		<title>Die nette Frau Friedrich und der Pranger</title>
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		<pubDate>Mon, 23 Apr 2012 15:03:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tim Cole</dc:creator>
				<category><![CDATA[Das digitale Ich]]></category>
		<category><![CDATA[Allendorf]]></category>
		<category><![CDATA[Ariane Friedrich]]></category>
		<category><![CDATA[Denunziantentum]]></category>
		<category><![CDATA[Pranger]]></category>
		<category><![CDATA[Thorsten Dersch]]></category>
		<category><![CDATA[Unschuldsvermutung]]></category>

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		<description><![CDATA[Frau Richterin im Höhenflug (Foto: A. Friedrich/T. Cole ) Ariane Friedrich ist eine hübsche junge Frau. Sie hat blondes, modisch kurzgeschnittenes Haar und eine reizvolle schlanke Figur. Die braucht man als Hochspringerin, was Ariane Friedrich recht erfolgreich tut. Schließlich gewann sie unter anderem auch mal die Bronzemedaille bei der WM 2009 in Berlin. Im Hauptberuf [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.czyslansky.net/wp-content/uploads/2012/04/friedrichpranger.jpg"><img title="friedrichpranger" src="http://www.czyslansky.net/wp-content/uploads/2012/04/friedrichpranger.jpg" alt="" width="316" height="381" /></a></p>
<p><em><strong>Frau Richterin im Höhenflug</strong></em> (Foto: A. Friedrich/T. Cole )<em><strong><br />
</strong></em></p>
<p><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ariane_Friedrich">Ariane Friedrich<img id="snap_com_shot_link_icon" src="http://www.previewshots.com/images/v1.3/t.gif" alt="" /></a> ist eine hübsche junge Frau. Sie hat blondes, modisch kurzgeschnittenes Haar und eine reizvolle schlanke Figur. Die braucht man als Hochspringerin, was Ariane Friedrich recht erfolgreich tut. Schließlich gewann sie unter anderem auch mal die Bronzemedaille bei der WM 2009 in Berlin.</p>
<p>Im Hauptberuf ist Ariane Friedrich Polizeikommissarin mit abgeschlossenem Studium an der Verwaltungsfachhochschule Hessen. Sie ist also offenbar ebenso klug wie schön. Für den einen oder anderen jungen Mann mag sie sogar die Traumfrau sein. Jedenfalls bekommt sie viel Fanpost auf ihre <a href="https://www.facebook.com/pages/Ariane-Friedrich/129310533816411">Facebookseite</a>. Und in einer dieser Nachrichten stand neulich dieser Satz:</p>
<blockquote><p>„Willst du mal einen schönen Schwanz sehen, gerade geduscht und frisch rasiert?“</p></blockquote>
<p>Das ist offenbar nicht das erste Mal, dass die schöne Ariane solchen Schweinkram bekommt, aber dieses Mal ist ihr der Geduldsfaden gerissen. Sie setzte sich hin und tippte eine Nachricht auf Facebook, die neben dem anzüglichen Satz auch Namen und Wohnort des Absenders enthielt.</p>
<p><span id="more-2123"></span>Er heißt angeblich Thorsten Dersch und ist im schönen <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Allendorf_%28Eder%29">Allendorf <img id="snap_com_shot_link_icon" src="http://www.previewshots.com/images/v1.3/t.gif" alt="" /></a>ansässig. Ich kenne Allendorf an der Eder, ein mittelhessisches Städtchen, dass vor allem für seinen Flugtag und als Firmensitz der Kesselschmiedrei Viessmann bekannt ist. Es gibt aber auch ein Allendorf am Hohenfels. Die Fußballer des SSV Allendorf Hohenfels kämpfen bei den Amateuren um den Klassenerhalt, und ein gewisser Thorsten Dersch hat gerade ein ganz wichtiges <a href="http://www.yasni.de/ext.php?url=http%3A%2F%2Fwww.mittelhessen.de%2Fsport%2Flokalsport%2Fmarburg_hinterland%2F276384_Hoerler_feiern_30_bei_FC_Angelburg.html%3Fem_index_page%3D2&amp;name=Thorsten+Dersch&amp;cat=filter&amp;showads=1">Tor <img id="snap_com_shot_link_icon" src="http://www.previewshots.com/images/v1.3/t.gif" alt="" /></a>in der Partie gegen den TSG Mandeln erzielt, und zwar per Foulelfmeter. In der Ortsgruppe der DLRG ist Thorsten Dersch ebenfalls sehr fleißig, bekam dafür vor kurzem sogar die Ehrenurkunde für 25jährige Mitgliedschaft. Auf dem <a href="http://www.allendorf-hohenfels.de/vereine/dlrg/bilder/aktuell/jhv2005.jpg">Foto <img id="snap_com_shot_link_icon" src="http://www.previewshots.com/images/v1.3/t.gif" alt="" /></a>von der Vereinsfeier ist ein bullig wirkender Mann mit etwas abstehenden Ohren zu erkennen. Die übrigen Körperteile sind nicht zu sehen, da er zur Vereinssitzung ordentlich gekleidet erschienen ist, mit Jeans und braunem Pullover.</p>
<p>Ach ja, und dann gibt es noch einen Thorsten Dersch, der dem jungen Mann bei der DLRG-Feier sehr ähnlich sieht und sich auf seiner <a href="http://webcache.googleusercontent.com/search?hl=de&amp;client=safari&amp;tbo=d&amp;nota=1&amp;biw=1024&amp;bih=644&amp;q=cache%3ASXLaT-fPOLkJ%3Ahttp%3A%2F%2Fde-de.facebook.com%2Fpeople%2FThorsten-Dersch%2F100001169281712+thorsten+dersch&amp;ct=clnk">Facebookseite <img id="snap_com_shot_link_icon" src="http://www.previewshots.com/images/v1.3/t.gif" alt="" /></a>als Fußballfan bezeichnet, unter „Interessen“ auch „Allendorf am Hohenfels“ angibt und außerdem unter „Lieblingssportler“ einen Link zu Ariane Friedrich gesetzt hat.</p>
<p>Das heißt: Die Facebookseite gibt es nicht mehr. Jedenfalls bekommt man, wenn man darauf klicken will, die Nachricht: „The page you requested was not found.“</p>
<p>Woher ich das alles weiß? Nun, fünf Minuten auf Google, das genügt. Und so wie ich kann natürlich jeder ins Netz gehen und recherchieren. Und er könnte er zur nächsten Versammlung des DLRG Allendorf gehen und verlangen, dass man Thorsten Dersch die Urkunde wieder aberkennt. Er könnte zum nächsten Spiel des SSV gehen und dort laut „buuh!“ rufen, wenn Thorsten Dersch an den Ball kommt. Oder er könnte ins Telefonbuch schauen und herausfinden, dass es zwei Thorsten Dersche in Allendorf gibt. Einer ist verheiratet, der andere offenbar nicht. Je nachdem, für welchen Kandidaten er sich entscheidet und wie sehr er sich über dessen Schweinemail aufgeregt hat, könnte er ihm dort auflauern und zum Krüppel schlagen oder tot.</p>
<p>Nun könnte man sagen, dass der Kerl ja selber schuld ist. Wie dämlich kann ein Mensch sein, dass er einen solchen Schwachsinn unter eigenem Namen und Angabe der Adresse schreibt?</p>
<p>Aber was ist, wenn er es gar nicht gewesen ist? Was, wenn jemand anderer in seinem Namen die Facebookseite angelegt hat und sich einen Spaß daraus macht, den armen Thorsten fertig zu machen? Und was ist mit den anderen Leuten, die „Thorsten Dersch“ heißen, aber vermutlich nichts mit der ganzen Sache zu tun haben? Einer von ihnen nennt sich auf Facebook „<a href="https://www.facebook.com/profile.php?id=100002220305442">DerSchwatte Thorsten</a>“ und behauptet von sich, männlich zu sein, single, verrückt, nachdenklich, offen, hilfsbereit und vor allem „chronisch unter “Vögelt”. Das möchte man natürlich alles gar nicht wissen, sondern nur, ob er vielleicht das Schwein ist, der… Ist er aber offenbar nicht, denn auf seiner Seite gibt es keinen Hinweis auf Allendorf, sondern nur das Foto eines jungen Mannes mit rötlichem Kurzbart und Piratenkopftuch.</p>
<p>Dann ist da noch der <a href="http://www.imdb.com/name/nm0220636/">Thorsten Dersch<img id="snap_com_shot_link_icon" src="http://www.previewshots.com/images/v1.3/t.gif" alt="" /></a>, der mal den Dorfpolizisten in der Fernsehserie „Der Fahnder“ gespielt hat, also sozusagen ein Berufskollege von Frau Friedrich. Der ist Jahrgang 73 und arbeitet heute als Journalist, was beides natürlich nicht heißt, dass er nicht auch mal gerne hübschen jungen Frauen anstößige Mails schreibt, aber es macht es vielleicht eher unwahrscheinlich.</p>
<p>Das mit dem digitalen Denunziantentum ist eine zweischneidige Sache. Einerseits versteht man ja Frau Friedrich, dass ihr der Kragen mal geplatzt ist und sie es dem Typen mal so richtig gezeigt hat. Hunderte von Fans geben ihr ja auch in ihren Kommentaren auf der Facebookseite Recht. „Super reagiert Frau Friedrich“, schreibt dort zum Beispiel <a href="https://www.facebook.com/profile.php?id=100002518033654">Jörg Boucsein</a>. Und <a href="https://www.facebook.com/profile.php?id=100002098862049">Ramona Schmidt</a> findet es“ vollkommen richtig solche Leute öffentlich auszuschreiben!“</p>
<p>Andererseits mischen sich in den Empörungschor auch mahnende Stimmen, wie beispielsweise die von <a href="https://www.facebook.com/tuengerthal">Jens Tuengerthal</a>, der schreibt: „Der Pranger wurde abgeschafft, weil er die Menschenwürde verletzte und das ist auch gut so.“ Und <a href="https://www.facebook.com/engmann1">Jörg Engmann</a> findet: „So geht es sicher nicht, auch wenn natürlich die “Fans” eifrig Beifall klatschen. Finde ich sehr unüberlegt.“</p>
<p>Ich selbst denke eher, dass eine studierte und ausgebildete Polizistin andere Mittel und Wege finden können müsste, um einen solchen Fall von verbaler Körperverletzung zu ahnden. Gut, der Dienstweg dauert länger, und vielleicht ist der Adrenalinschub nicht so groß, wie wenn man mit Schmackes auf die „Enter“-Taste drückt und das Posting in den Cyberraum abschießt. Eine Polizistin ist aber keine Richterin. Das sollte sie eigentlich wissen. Und auf der Fachhochschule hat man ihr sicher auch etwas von der Unschuldsvermutung erzählt.</p>
<p>Ihr Urteil wird aber bereits vollstreckt. Das geht bekanntlich blitzschnell im Internet-Zeitalter, wie alles andere auch. Die Kollegen von der Bild-Zeitung („<a href="http://www.bild.de/sport/mehr-sport/ariane-friedrich/sex-attacke-auf-ariane-friedrich-23793910.bild.html">Sex-Attacke bei Facebook<img id="snap_com_shot_link_icon" src="http://www.previewshots.com/images/v1.3/t.gif" alt="" /></a>“) haben natürlich gleich bei einem Thorsten Dersch in Allendorf angerufen. War ja auch nicht schwer, ihn zu finden – quod erat demonstradum. Ob er der “richtige” Thorsten Dersch ist, werden wir vielleicht nie erfahren. Dieser Thorsten Dersch behauptet jedenfalls, seine Facebookseite sei gehackt worden und er habe sie deshalb vom Netz genommen. Mit der Schweinerei habe er nichts zu tun. Im Gegenteil: Er sei Fan von Friedrich und wünsche ihr alles Gute für die Olympiade in London. Da möchte sie ja hoch hinaus.</p>
<p>In Allendorf wird man ihr vermutlich die Daumen drücken. Ob es Thorsten Dersch auch tun wird, ist eher zweifelhaft. Der wird andere Sorgen haben – denn eines ist wohl klar: Auch ohne die angekündigte Strafanzeige von Frau Friedrich ist er bereits rechtskräftig verurteilt. Er wird es zu spüren bekommen, jeden Tag, im Verein, bei der DLRG, auf der Straße, in der Stammkneipe – überall.</p>
<p>Ob er es verdient hat? Welche Rolle spielt das schon…</p>
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		<title>In Memoriam RMS Titantic (2011-2012)</title>
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		<pubDate>Sun, 15 Apr 2012 10:12:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tim Cole</dc:creator>
				<category><![CDATA[Das Leben an sich]]></category>

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		<description><![CDATA[&#160;]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.cole.de/wp-content/uploads/2012/04/TitanticWreath1.jpg"><img class="wp-image-2081 alignleft" title="TitanticWreath" src="http://www.cole.de/wp-content/uploads/2012/04/TitanticWreath1.jpg" alt="" width="469" height="418" /></a></p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Gleichgeschaltete Demokratie</title>
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		<pubDate>Sat, 14 Apr 2012 05:55:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tim Cole</dc:creator>
				<category><![CDATA[Das Leben an sich]]></category>
		<category><![CDATA[Cato der Jüngere]]></category>
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		<category><![CDATA[Gleichschaltung]]></category>
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		<description><![CDATA[Das ist es, was wir im Bundestag brauchen: Erwachsenenwindeln! Im amerikanischen Senat darf jeder Abgeordnete so lange reden, wie er will – und wie er kann. Das Thema bestimmt er selbst: Er steht einfach auf und redet los. Wenn er fertig ist, setzt er sich wieder hin. Strom Thurmond, ein stramm konservativer Republikaner aus South [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.google.de/imgres?hl=de&amp;biw=1606&amp;bih=927&amp;gbv=2&amp;tbm=isch&amp;tbnid=ATlhpeAMVsfXVM:&amp;imgrefurl=http://arbroath.blogspot.com/2008/09/japan-holds-diaper-fashion-show-for.html&amp;docid=70VwU9WCFEhf3M&amp;imgurl=http://1.bp.blogspot.com/_f98opUNuVXc/SNyhHcBd0BI/AAAAAAAACkI/0QLge9wFCgs/s400/Adult%252Bnappies.jpg&amp;w=400&amp;h=261&amp;ei=nBaJT4OKLYvWsgbkg7z9Cw&amp;zoom=1&amp;iact=rc&amp;dur=2&amp;sig=103230089108239365088&amp;page=1&amp;tbnh=131&amp;tbnw=175&amp;start=0&amp;ndsp=44&amp;ved=1t:429,r:3,s:0,i:72&amp;tx=87&amp;ty=64"><img class="alignnone size-full wp-image-2060" title="JAPAN-SENIOR-FASHION-HEALTH" src="http://www.cole.de/wp-content/uploads/2012/04/adult_nappies.jpg" alt="" width="520" height="359" /></a></p>
<p><em><strong>Das ist es, was wir im Bundestag brauchen: Erwachsenenwindeln!</strong></em></p>
<p>Im amerikanischen Senat darf jeder Abgeordnete so lange reden, wie er will – und wie er kann. Das Thema bestimmt er selbst: Er steht einfach auf und redet los. Wenn er fertig ist, setzt er sich wieder hin. <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Strom_Thurmond">Strom Thurmond</a>, ein stramm konservativer Republikaner aus South Carolina, hat den bis heute gültigen Rekord aufgestellt: Er blieb genau 24 Stunden und 18 Minuten vor dem Rednerpult stehen – die Regeln des Hohen Hauses verbieten, dass sich ein Redner daran klammert und sich damit Erleichterung verschafft. Auch andere Formen der menschlichen Erleichterung sind verboten, weshalb Thurmond während seiner Dauer-Ansprache eine Windel trug. Mit seinem verbalen Marathon wollte der knorrige Alte 1957 eine Abstimmung über die Bürgerrechtsgesetze verhindern, die er für verfassungswidrig hielt.</p>
<p>„<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Filibuster">Filibuster</a>“ heißt diese Art des politischen Diskurses, und sie ist die wirksamste Waffe einer Minderheit, ihr unliebsame Gesetzgebungsverfahren, wenn nicht aufzuhalten, so doch wenigstens so lange in die Länge zu ziehen, bis die Mehrheit entweder einlenkt, oder bis drei Fünftel (also bei vollem Haus 60 der 100 Senatoren) dafür stimmen, ihm das Rederecht abzuschneiden.</p>
<p>Diese Form der taktischen Ermüdungsrederei ist nicht neu: <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Marcus_Porcius_Cato_der_J%C3%BCngere">Cato der Jüngere</a> setzte sie erfolgreich gegen Caesar ein, um diesem im Jahre 60 vor Christus den  Triumphzug zu verhageln: Als siegreicher Feldherr stand ihm diese zu, aber dazu hätte er bis zum angesetzten Tag vor den Toren Roms verharren müssen. Da der ehrgezige Julius aber vorhatte, für das freigewordene Amt des Consuls zu kandidieren, war er verpflichtet, sich umgehend nach Rom zu begeben. Da er nicht gleichzeitig an zwei Orten sein konnte, und Cato durch seine Langatmigkeit eine Abstimmung des Senats über eine Ausnahmereglung blockierte, blieb ihm am Ende nichts anderes übrig, als auf seinen Umzug zu verzichten.</p>
<p>In Deutschland wäre so was undenkbar. Und in Zukunft soll es sogar unmöglich werden. <span id="more-2059"></span></p>
<p>Wenn CDU, SPD und FDP ihren Willen durchsetzen, sollen künftig die Fraktionsvorsitzenden der Parteien alleine entscheiden, wer worüber im Bundestag reden darf. Das neue <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,827499,00.html">Rederecht<img id="snap_com_shot_link_icon" src="http://www.previewshots.com/images/v1.3/t.gif" alt="" /></a>, gegen das sich nur Grüne und Linke ausgesprochen haben und das wohl deshalb auch ohne große Diskussion durchgewinkt werden, soll den Parlamentspräsidenten dazu verpflichten, das Wort nur noch an die von der Fraktion eingeteilten Redner zu erteilen. So ein Fall wie bei der Debatte um den Euro-Rettungsschirm, als Frank Schäffler (FDP) und Klaus-Peter Willsch (CDU) gegen den Beschluss ihrer eigenen Parteien aussprachen, soll es so nicht mehr geben dürfen</p>
<p>Das ist ein handfester Skandal, und ein besonders krasses Beispiel für das kaputte Politikverständnis in Deutschland, das bekanntlich keine richtige Demokratie, sondern eine „Parteiendemokratie“ ist. Ja, der Begriff hat etwas von einem Oxymoron, denn Parteien sind von ihrem Wesen her zunächst einmal einzig und alleine den Interessen ihrer eigenen Wähler, im Zweifel also einer Minderheit des Volkes verpflichtet. In Wahrheit sind sie natürlich auf die Interessen einer Handvoll Männer und Frauen an der Parteispitze eingeschworen, für die Franktionszwang und Rederecht handfeste Machmittel zur Erhaltung des eigenen Status quo sind.</p>
<p>Ein Abgeordneter dagegen ist laut <a href="http://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_38.html">Artikel 38</a> des Grundgesetzes ein Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur seinem Gewissen unterworfen. Dass die Gründungsväter der Republik den Parteien überhaupt eine Rolle im politischen Prozess zugedacht haben, ist historisch nachvollziehbar: Man hat ja so seine Erfahrungen gemacht in der Vergangenheit mit Weimarer Republik, Hitler und so. Das kommt davon, wenn man dem Volk allzuviel Mitbestimmung lässt, haben sie sich gedacht, also setzten sie im <a href="http://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_21.html">Artikel 21 </a>vorsichtshalber eine Aufsichtsinstanz ein, nämlich die Parteien, die am Prozess politischen Willensbildung „mitzuwirken“ haben – mehr allerdings nicht.</p>
<p>Dass sich nun die Fraktionsvorsitzenden der großen Parteien selbst das Recht geben zu bestimmen, wer worüber im Parlament reden darf, ist nichts weniger als ein stiller Staatsstreich! Mit Demokratie hat es jedenfalls nichts mehr zu tun. Ein solcher Schritt erinnert fatal an das Gesetz zur  „<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Gleichschaltung">Gleichschaltung von Partei und Staat</a>“, mit der die NSDAP sich am 1. August 1934 zur alleinigen Staatspartei erklärte und alle anderen auflösen ließ.</p>
<p>Wenn, wie die <a href="http://www.tagesschau.de/inland/deutschlandtrend1516.html">ARD </a>berichtet, die Piratenpartei inzwischen mit elf Prozent in der Wählergunst vor dem sicheren Einzug in den Bundestag steht und damit das Parlament noch mehr zum Flickerlteppich widerstreitender und zunehmend einflussloser Einzelparteien verkommt, dann darf sich niemand wundern – am allerwenigsten die Fraktionsbosse von CDU, SPD und FDP. Sie haben mit ihrem selbstherrlichen Machtgehabe die politische Kultur in Deutschland endgültig vergiftet und damit der Demokratie in Deutschland einen Bärendienst erwiesen. Der Begriff „Politikverdrossenheit“, eine Maläse, an der inzwischen mindestens jeder Dritte in diesem Land leidet, wie die Wahlquoten beweisen, ist noch eine harmlose Verschönerung der wahren Situation: In Wirklichkeit kotzt das politische Gehabe in Berlin die meisten Menschen in diesem Land nur noch an.</p>
<p>Ich sag’s ja ungern, weil er ein widerlicher alter Rassist war, aber was wir in Deutschland brauchen, sind Leute wie Strom Thurmond – nämlich Abgeordnete, die sich das Mikrofon nur noch aus der klammen, toten Hand winden lassen. Gebt den Abgeordneten im Bundestag gefälligst eine Windel &#8211; oder lasst sie reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist!</p>
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		<title>Ein Internet-Verbrecher an der Spitze</title>
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		<pubDate>Fri, 13 Apr 2012 08:44:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tim Cole</dc:creator>
				<category><![CDATA[Internet & Co.]]></category>
		<category><![CDATA[Al Capone]]></category>
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		<category><![CDATA[Ton Ten]]></category>
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		<description><![CDATA[Er hat es geschafft! Das war längst überfällig: Nachdem das Internet unseren Alltag und unsere Konversationen, die Geschäftsmodelle ganzer Branchen und die Wahrnehmung unserer Selbst durchdrungen und verändert hat, wurde es höchste Zeit, dass auch die Kriminalistik die Zeichen der Zeit erkannt und einen Internet-Gangster an die Spitze der Liste der meistgesuchten Verbrecher setze. Eric [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.fbi.gov/wanted/topten/eric-justin-toth"><img title="eric justin toth" src="http://www.czyslansky.net/wp-content/uploads/2012/04/eric-justin-toth-781x1024.jpg" alt="" width="500" height="655" /></a></p>
<p><em><strong>Er hat es geschafft!</strong></em></p>
<p>Das war längst überfällig: Nachdem das Internet unseren Alltag und unsere Konversationen, die Geschäftsmodelle ganzer Branchen und die Wahrnehmung unserer Selbst durchdrungen und verändert hat, wurde es höchste Zeit, dass auch die Kriminalistik die Zeichen der Zeit erkannt und einen Internet-Gangster an die Spitze der Liste der meistgesuchten Verbrecher setze. Eric Justin Toth, ein Lehrer aus meinem Heimatstaat Washington, hat es geschafft. In der Liste der &#8220;<a href="http://www.fbi.gov/wanted/topten">Top Ten Most Wanted Fugitives</a>&#8221; ist er an die Spitze gelangt. Dazu war es allerdings erst nötig, dass US-Marinesoldaten den flüchtigen Terrorchef Osama bin Laden aus Putativnotwehr erschossen, aber jetzt war Platz eins frei, und den hat das FBI nun an Toth vergeben.</p>
<p>Nicht, dass er ein mordlüsterner Bankräuber im Stile Al Capones wäre (der es übrigens, entgegen landläufiger Meinung, nie auf den ersten Platz der Liste brachte). Nein, Eric ist Päderast. Zumindest ist er entsprechend veranlagt: Er schaut sich gerne Bilder von kleinen Mädchen und Buben an. Belästigt hat er, soweit man weiß, zwar noch keines davon. <img title="Weiterlesen …" src="http://www.czyslansky.net/wp-includes/js/tinymce/plugins/wordpress/img/trans.gif" alt="" /><span id="more-2053"></span>Er wurde 2008 lediglich deshalb verhaftet, weil man auf seiner Festplatte Kinderpornos entdeckt hatte. Das ist sicher verwerflich, aber ob das wirklich für einen Platz unter Amerikas Topverbrecher langt, darüber darf man zumindest Zweifel anmelden. Jedenfalls ist er untergetaucht, und das FBI ist frohen Mutes, ihn bald fassen zu können dank Internet und Online-Fahndung. Immerhin hat er eine auffällige Warze am Auge, das müsste ihn früher oder später verraten.</p>
<p>Man fragt sich bei dieser Gelegenheit, wie es überhaupt einer schafft, unter die Top Ten zu kommen. Die berühmte Liste war eine Erfindung des äußerst publicitygeilen FBI-Chefs G. Edgar Hoover, der den Serienbankräuber John Dillinger in den 30ern offiziell zum &#8220;Public Enemy Number One&#8221; erklären lies. Die Liste der zehn Meistgesuchten wurde aber erst 1950 eingeführt. Der erste, der Platz eins besetzte, war William Holden, der seine Frau und seine beiden Schwager tötete und sich anschließend ein Jahr lang erfolgreich verstecken konnte, bevor er gefasst, verurteile und nach Alcatraz verschickt wurde. Seitdem haben 494 Namen die Liste geziert, wovon 464 dingfest gemacht werden konnten; einer von ihnen, der Kleinkriminelle Victor Manuel Gerna, befindet sich seit 1983 immer noch auf freiem Fuß.</p>
<p>Von Zeit zu Zeit wird die Liste auch dafür verwendet, politisch Unliebsame zu Staatsfeinden zu erklären, wie beispielsweise die Aktivistin <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Angela_Davis">Angela Davis</a>, die bei Herbert Marcus studierte und später zu den Kommunisten stieß. Man warf ihr vor, die Tatwaffe besorgt zu haben, mit der 1970 versucht wurde, <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/George_Jackson">George Jackson</a>, ein Mitglied der Black Pathers, zu befreien. Sie wurde gefasst und vor Gericht gestellt, jedoch in allen Punkten freigesprochen, und kandidierte später für die Kommunistische Partei der USA für das Amt des Vizepräsidenten.</p>
<p>Der gute &#8211; nein: der böse &#8211; Toth ist also in durchaus gemischter Gesellschaft mit seinem Listenplatz. Vor allem aber markiert seine Aufnahme in den Verbrecher-Olymp das erste Mal, dass es das Internet unter die Top Ten geschafft hat. Das ist auch irgendwie ein Meilenstein in der Online-Geschichte, oder nicht?<em><strong></strong></em></p>
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