Foursquare und der angekündigte Tod

Bald ausgesummt?

Bald ausgesummt?

Das Social Web ist voll von Tausenden von mehr oder weniger sinnvollen Diensten, aber mein erklärter Liebling war seit Jahren Foursquare, eine App fürs Smartphones, mit dem man „einchecken“ und damit seinen Freunden und Followern signalisieren konnte, wo es sich lohnt zu essen, zu wohnen oder sich umzusehen. Man bekam für jedes Checkin Punkte und Abzeichen, so genannte „Badges“, und wurde, wenn man nur oft genug eine Lokalität empfohlen hatte, irgendwann einmal „Mayor“, was einem ein gewissen Status gerade bei Restaurantbesitzern verlieh.

Tja, sic transit gloria mundi, kann ich nur sagen. Foursquare hat sich von seinem alten Geschäftsmodell verabschiedet und will in Zukunft nur noch ein geolokaler Empfehlungsportal sein. Da mein Smartphone immer weiß, wo ich gerade bin (egal ob es gerade ausgeschaltet ist oder nicht), können smarte Werber diese Information nutzen, um mich mit Angeboten aus der nächsten Umgebung zu ködern.

„Zumüllen“ wäre vielleicht ein passenderes Wort. Da aber steckt das große Geld drin, während sich ein Checkin für die Firma nur schlecht monetarisieren ließ. Die ganze Spielerei mit den Punkten und Badges war für sie eher brotlose Kunst, und das hat CEO Dennis Crowley schlaflose Nächte gekostet. Und wenn er da so wach lag, kreisten seine Gedanken immer mehr um die Konkurrenz von Yelp!, die zwischen 2005 und 2010 eine Kapitalausstattung von 130 Millionen US-Dollar eingefahren und 2012 an die US-Börse gegangen waren. Foursquare hingegen musste zusehen, wie die Bewertung des Unternehmens wert bei den Anlegern ständig sank: Im Frühjahr 2012 lag der Preis der Firma bei einer Kapitalrunde bei umgerechnet 760 Millionen Dollar, im Juli war den neuen Investoren DFJ Growth und Capital Group, die ein Anteilpaket über 35 Millionen gezeichnet hatten, der Laden nur noch 650 Millionen wert.

Damit aber steckten Crowley & Co. mitten in einer gefürchteten „Down Round“, eine Art Todesspirale, bei der die Bewertung mit jeder neuen Finanzierungsrunde sinkt – für Investmentprofis ein Warnsignal, das nichts Gutes für einen Milliarden-Exit der Firmengründer verheißt. Das sah Crowleys Kollege und Mitbegründer Naveen Selvadurai offenbar auch so; er verließ die Firma jedenfalls noch vor dem Börsengang, um mit seinem Freund, dem Uber-Gründer Garrett Camp, ein Startup-Studio namens „Expa“ zu betreiben.

Auf sich allein gestellt, fiel Crowley nun nichts Besseres ein, als Foursquare auseinander zu brechen. Das ganze ungeliebte Checkin-Gedöns wurde ausgelagert in eine eigene App namens „Swarm“, allerdings ohne solchen überflüssigen Schnickschnack wie Punkte, Badges oder Bürgermeister. Foursquare selbst wurde kräftig geliftet und soll in Zukunft nur noch als Yelp!-Killer dienen, weil da das große Geld drinsteckt. In Insiderkreisen wird gemunkelt, dass Foursuqrae 2012 gerade mal zwei Millionen Dollar Werbeumsatz gemacht hat. Dieses Jahr sollen es 40 bis 50 Millionen werden.

Wenn ihnen da die User nicht einen Strich durch die Rechnung machen. Auf der Facebook-Seite von Swarmapp tobt jedenfalls seit Wochen ein veritabler Shitstorm: Alte Foursquare-Fans sind stinksauer, weil sie erstens keiner gefragt hat und man sie zweitens zwingt, Swarm zu installieren – sonst funktioniert Foursquare gar nicht mehr. „Swarm sucks. Bring back our foursquare. Listen to your users”, schrieb ein enttäuschter Ex-Anhänger. Der Autor dieser Zeilen hat eine Facebook-Gruppe namens „Kill Swarm“ gegründet, auf der gewarnt wird: „Force them to uncouple the two apps -or die!”

Viel Hoffnung besteht aber nicht: Dazu hat Foursquare vermutlich schon zu viel in Swarm investiert, und außerdem gilt Dennis Crowley als ein zäher Hund. Den frustrierten Usern bleibt wohl nur die Flucht in eine andere App. Zum Beispiel „Nearby“, eine neue Funktion von Facebook, die aus der Übernahme von „Gowalla“ entstand. Facebook hat sich zwar mit dem desaströsen und deshalb inzwischen eingestellten „Places“ die Finger im Geolokations-Markt verbrannt, ist aber guter Hoffnung, dass ihnen Foursquare eine Steilvorlage geliefert hat – und sich selbst damit ins Aus gestellt. Mal sehen, wer am Ende Recht hat.

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