Fahne ohne Freude

Deutschland zeigt wieder Flagge. Aber warum kann ich mich nicht darüber freuen?

Neulich war unsere Nachbarin bei uns. Sie ist Deutsche, der Österreicher. Er trägt jetzt ein T-Shirt mit der Aufschrift „Cordoba 1978“ in Gedenken an das 3:2 gegen die Alpenrepublikaner. Seine Frau hat das gleiche Hemd, nur steht darunter „nie wieder!“. Und auf dem Balkon haben sie eine deutsche Nationalflagge gehisst.

Die Dinger flattern ja neuerdings aus jedem zweiten Fenster, und ein findiger Anbieter wird gerade reich mit der Idee, kleine Fahnen zum Einklemmen am Autofenster zu verkaufen. Jetzt fahren lauter Diplomatenfahrzeuge durch München. Fehlen nur noch die Motorrad-Eskorten…

Ja, die Deutschen zeigen wieder Flagge, was angesichts der vertrackten Nationalhistorie leider keineswegs selbstverständlich ist. Wären sie Italiener oder Spanier, kein Mensch würde sich auch nur einen Gedanken darüber machen. Sind sie aber nicht. Und es hilft auch nichts, wenn unsere Nachbarin zur Verteidigung sagt, sie finde es gut, wenn man als Deutscher wieder ein bisschen Stolz auf seine Heimat zur Schau tragen dürfe.

Klar, Fahnenschwenken nach einem Sieg der Nationalmannschaft wirkt wie ein harmloses Vergnügen. Aber die gleichen Fahnen schwingen hierzulande Leute, die damit etwas ganz anderes zum Ausdruck bringen wollen als harmlose Siegeslaune.

Und es gibt einfach Schreckensbilder, die sich unauslöschbar in die kollektive Erinnerung gebrannt haben, in denen ebenfalls schwarzrotgoldene Fahnen zu sehen sind. Es tut mir leid, aber ich schaffe es nicht, diese Bilder auszublenden, wenn ich jetzt die neuen sehe. Vielleicht ist es, weil ich fahneschwenkenden Menschen grundsätzlich als Gefahr betrachte. Eine Fahne ist ein Symbol. Und die Grenze zwischen harmlosem Patriotismus und menschenverachtendem Nationalismus ist viel schmaler, als viele offenbar denken.

Wer das nicht glaubt, muss nur hinüber schauen in meine Heimat. Die Amerikaner sind die größten Fahnenschwenker überhaupt, und sie tun es aus Stolz darüber, in einem freien Land zu leben, einem Land, das auf liberale Prinzipien aufgebaut ist: Demokratie, Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Toleranz.

Und was ist in wenigen Jahren unter einem Menschen wie George W. Bush geworden? Ein Land, das die Menschenrechte anderer nach Gutdünken außer Kraft setzt, sie in Guantanamo in Käfigen hält oder sie in Haditha abschlachtet. Ein Land, das seine Bürger abhört und dessen Führer sie mit Lügen in einen Aggressionskrieg führen. Ein Land, das laut internationaler Meinungsumfragen inzwischen von einem Drittel der Menschheit als größte Gefahr für den Weltfrieden eingestuft wird, noch vor Iran oder Nordkorea.

Die Amerikaner schenken nach wie vor ihre Fahnen, aber das, wofür diese Fahne steht, ist zu einem Albtraum geworden. Und nun schwenken Deutsche wieder Fahnen, und sie sagen, das sei doch alles ganz harmlos. Ja, das stimmt vielleicht, zumindest hier und heute. Aber wer garantiert uns, dass das, wofür diese Fahne steht, auch in Zukunft noch etwas sein wird, auf das sie stolz sein können? Menschen mit Fahnen sind nun mal Manipulationsmasse.

Zumindest das sollte uns die deutsche Geschichte gelehrt haben. Mir war jedenfalls wohler, als keine Flagge auf Nachbars Balkon und auf den Autos vor unserer Haustür wehten.

Dieser Beitrag wurde unter Der Amerikaner in mir abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen