Geisterläufer

Es ist mir egal, dass wir in einem Land mit Rechtsverkehr leben: Laufen tut man links!

Meine tägliche Laufstrecke in den Maximiliananlagen rechts der Isar ist wunderbar, grün so weit das Auge reicht, gepflegte Kieswege, keine Autos.  Einen Nachteil hat sie aber schon: Mir kommen dauernd Geisterläufer entgegen. Hunderte!

Zur Erklärung: Ein Geisterläufer ist einer, der rechts läuft. Und das tun fast alle. Nun kommen Sie mir jetzt mit dem Argument: Leute, esst Scheiße – hundert Millionen Fliegen können sich nicht irren! Denken Sie vielmehr zurück an Ihre Schulzeit. Da kam doch der nette Polizist in die Klasse und hat mit Ihnen Verkehrsunterricht gemacht. Gut, das ist ewig lange her, aber erinnern Sie sich zurück. Wo läuft ein braves Kind auf einer Straße ohne Gehweg? Richtig! Auf der linken Seite – damit es die entgegenkommenden Autos sehen und notfalls ausweichen kann.

Genauso ist das an der Isar, nur sind nicht Autos, sondern die vielen Radfahrer die Gefahr. Offenbar schauen die alle zu viel Tour de France, jedenfalls rasen sie gerade in den letzten Tagen besonders wild und rücksichtslos auf die Fußgänger und Dauerläufer zu, weichen im allerletzten Moment aus und pfeifen nur ein paar Millimeter neben mir vorbei, den stieren Blick nach vorn gerichtet, als müssten sie den Armstrong einholen.

So einen will ich sehen, und zwar lange vorher. Wenn er erst mal an mir vorbei ist, nützt mir diese Information überhaupt nichts mehr.

Jeder halbwegs intelligente Mensch begreift das. Sind Läufer also alle dämlich? Denken sie nicht nach? Oder ist das Rechtsfahrgebot derart tief in ihr Subcortikales verankert, dass sie gar nicht anders können?

Am schlimmsten sind die Typen, die MICH beschimpfen, weil ICH angeblich auf der falschen Seite laufe. An Hubris ist das kaum zu überbieten. Heute hatte so ein hirnlos joggender Mensch Pech: Er sah mich kommen, bekam diesen verkniffen Gesichtsausdruck von einem, der notfalls mit dem Kopf durch die Wand geht, und blieb stur auf der rechten Außenspur. Ich merkte im letzten Moment: Der lässt es jetzt drauf ankommen, und ich tat, was jeder vernünftige Mensch in einer solchen Situation tut – ich blieb stehen. Leider direkt neben einem der schönen, grünen Alleebäume, für die unsere Maximilananlagen so berühmt sind.  Mein Geisterläufer lief weiter, versuchte noch, sich zwischen mir und den Baum zu quetschen  – und prallte gegen den Stamm.

Er war anschließend stinksauer und hatte eine Beule am Kopf. Macht nichts. Es hat bei ihm keinen wichtigen Körperteil getroffen.

Dieser Beitrag wurde unter Die Einsamkeit des Langstreckenläufers abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen