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Demenz-Erfahrung Drucken
Sonntag, 14. Februar 2010
Der nächste wird ein runder, und es wird eine „6“ davor stehen. Vielleicht liegt es daran, dass meine Gedanken immer wieder um meine Gedanken kreisen, beziehungsweise um meine Fähigkeit, sie zu speichern. Altersdemenz ist wie ein Damoklesschwert, der eigentlich schon lange über einem hängt, nur ist es einem nicht so bewusst gewesen. Der Bruder meines Freundes Fritz ist 51 und ein Pflegefall: Alzheimer im fortgeschrittenen Stadium.  Und was ist mit mir? Diese bange Frage stelle ich mir in letzte Zeit immer häufiger. Es hilft auch nicht, dass meine Frau jede kleinste Nachlässigkeit, jeden vergessenen Handschuh oder überkochenden Topf mit Bemerkungen kommentiert wie: „Also Schatz, du wirst wirklich langsam alt.“ Alt = dement, natürlich.

Und dann Tage wie dieser. Bin in Eile, muss um 16 Uhr nach Barcelona auf die GSMA Mobile World fliegen, muss aber vorher in der Flugwerft in Oberschließheim vorbeischauen, weil dort in der Luftfahrtabteilung des Deutschen Museums ein Kongress der Flugsimulatoren-Fans aus ganz Deutschland stattfindet. Ich soll darüber für die „Süddeutsche“ schreiben, aber es wird eng, fliegermäßig. Meine Frau ist so lieb und fährt mich raus. Wir verabschieden uns, sie fährt heim, ich ziehe den schweren Koffer durch den Schnee zum Haupteingang – und wundere mich schon, denn es ist alles so ruhig hier.

Die Dame an der Kasse schaut mich auch ganz erstaunt an, als sie nach den Simulatorenfliegern frage. „Nee, wir haben hier nur richtige Flugzeuge“, sagt sie. Ein zweiter Museumsangestellter kommt vorbei, rätselt ebenfalls ein bisschen, holt dann einen Leitzordner raus und blättert darin. „Sie sind einen Monat zu früh, junger Mann, das ist am 13. März!“ Für den „jungen Mann“ könnte ich ihn küssen, denn ich fühle mich auf einmal sehr, sehr alt…

Also: Handy raus, meine Frau anrufen. Sie ist zum Glück noch nicht sehr weit gekommen, kehrt um, holt mich am Museum ab, wir fahren Richtung Airport. „Ich hätte Hunger“, sagt sie, „lass uns doch zu dem netten Asiaten im Flughafen essen. Du weißt doch, der mit den komischen Telefonen, die klingeln, wenn das Essen fertig ist.“ Ich schweige, denke nach. Asiate? Flughafen? Telefon? Bahnhof! „Es gibt keinen Asiaten im Flughafen“, sage ich, „höchstens das Mandarin in Terminal 2, aber da waren wir noch nie.“ „Doch“, sagt sie, „da waren wir mit unserer Maus, und es hat ganz toll geschmeckt.“

In meinem Kopf ist es auf einmal wie in einer alten leergeräumten Scheune. Es ist still und staubig, ein paar Spinnweben tanzen im Wind. Schemenhaft huschen an den Wänden Bilder entlang von Restaurants, die ich mal kannte, Asiaten, Inder, Griechen, bayrische Bierkneipen, französische Gourmettempel, eine Garküche in Kanton, Stayspieße, die  neben einem Tempel auf Bali über Holzkohle grillen. Aber ein Asiate am Münchner Flughafen? Im hintersten Winkel meines Bewusstseins scheint der Schatten einer Erinnerung vergeblich zu versuchen, sich nach vorn zu drängen und wahrgenommen zu werden. Und dann dränt sich immer stärker die dumpfe, depressive Ahnung in den Vordergrund: Ja, es fängt schon an. Du denkst, dass du denkst, dass du weißt, dass du was weißt, aber es ist weg, weg, weg! Und wie weiter? Wirst du dieses Gefühl der Hilflosigkeit bald dauern haben. Der Bruder von Fritz kann noch eine Uhr lesen, aber er weiß nichts mehr mit Uhrzeiten anzufangen.

Inzwischen sind wir im Flughafen. Wir irren durch die Haupthalle, weit und breit kein Asiat-Restaurant. Eine junge Dame in blauer Uniformjacke geht vorbei. Ich halte sie an: „Sagen Sie, kennen Sie hier irgendwo einen Asiaten“.

„Oh ja“, sagt sie, und strahlt mich an. „Drüben am Flugsteig C. Der ist ganz toll. Ich hole mir da auch ab und zu was.“

„Du wirst sehen, wir waren da schon“, sagt meine Lebensgefährtin. In meinem Kopf sieht es noch immer aus wie in einem Freibad im Februar: Endlose, eisige Leere. Wir laufen los, kommen die Treppe hoch. „Da ist er“ flötet meine Holde fröhlich. Wir stehen vor einem Asia-Imbiss, an den Wänden bunte Bilder aus Bangkok, Bündel mit Reisnudeln und Südfrüchten auf dem Tresen, kleine, dunkeläugige Thai-Schönheiten, die in der Küche umeinander wuseln. „Na, serkennst du's wieder?“, fragt sie.

Und bei mir breitet sich unendlich Erleichterung aus. Ich bin doch nicht völlig dement! Ich war nämlich in meinem ganzen Leben nie in diesem Laden. Da bin ich mir ganz, ganz sicher. „Ach, dann war ich vielleicht mit der Maus alleine hier, als sie damals nach Arizona geflogen ist“, meint die Meine. Bestellt, isst, trink und genießt, als ob es kein Morgen gäbe.

Ich aber werde weiter auf der Hut sein und mich fragen: Weißt du wirklich, dass noch weißt, was du weißt – und so weiter.

Kommentare
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Eva-Maria Franke   | 90.134.13.xxx | 2010-02-16 10:07:45
Ich würde mal sagen, keine Panik auf der Titanik. Selbstverständlich besteht immer die Möglichkeit. Aber sich deswegen jetzt schon verrückt machen. Ich denke, unser Leben ist so hektisch geworden, dass wir uns einfach unmöglich alle Termine, Restaurants etc. etc. immer perfekt merken können. Und geht uns dann mal was durch, ist das auch kein Weltuntergang. Besser man ist gut zu sich selbst und steigert sich nicht gar so sehr rein. Auch mein Vater hatte Altersdemenz und sein Bruder starb an Alzheimer. Man kann das nur mit Humor ertragen und in dem Zusammenhang fällt mir immer folgender Witz ein:
Sagt ein Arzt zu seinem Patienten: "Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie, welche möchten Sie zuerst hören" Meint der Patient: "Erst die schlechte" Sagt der Arzt:" Sie haben Alzheimer" Meint der Patient: Und was ist dann bitteschön die gute Nachricht?"
"Bis Sie zu Hause sind, wissen Sie es schon nicht mehr"
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Letzte Aktualisierung ( Mittwoch, 24. Februar 2010 )
 
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