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Die nackte Wahrheit Drucken
Sonntag, 3. Januar 2010
Als Pubertierender haben mich immer die  Anzeigen in den amerikanischen Comic-Heftchen fasziniert, in denen “X-Ray”-Brillen beworben wurden.

Der Werbetexter war natürlich sehr vorsichtig (wir lebten schließlich im prüden Amerika!) und hat nicht wirklich behauptet, dass man damit durch Kleider hindurch sehen konnte. Aber jedem war klar, was er meinte, als er schrieb: “Wenn du deine Freunde anschaust,  wirst du die erstaunlichsten (und peinlich komischsten) Dinge sehen.” Von wegen Freunde: Er meinte natürlich Freundinnen! Endlich würde man aufhören können, Vaters alte “Playboy”-Heftchen aus der Nachttischkommode zu klauen. Was für eine wunderbare Erfindung!

Eines Tages war der Hormonstau dann so groß, dass ich mein Taschengeld zusammenklaubt, den Coupon ausgefüllt und so lange jeden Tag auf den Postboten gewartet habe, bis endlich das ersehnte Päckchen ankam. Die Enttäuschung war aber riesig als ich merkte, dass ich (wie vermutlich Millionen anderer Halbstarker) auf einen Betrüger reingefallen war. Die “Brille” bestand aus Pappdeckel und hatte zwei winzige Löcher, die mit einem Stück Vogelfeder zugeklebt waren. Wenn man durch sie hindurch schaute und die Hand gegens Licht hielt, sah es aus tatsächlich ein bisschen aus wie ein altes, unscharfes Schwarzweiß-Röntgenbild - eine dunkle Hand mit einem hellen Umriss. Von wegen nacktes Fleisch! Ich habe das Ding umgehend in den Papierkorb befördert und mich schwarz geärgert.

 

Ich musste in den letzten Tagen, wo die Zeitungen und Blogs alle prall sind von Beiträgen zur geplanten Einführung von Nacktscannern an Flughäfen, an die olle Kamelle von damals denken.Tatsächlich ist es ja seit ein paar Jahren möglich, mit Hilfe von so genannten Terahertz-Wellen (sie liegen im Funkspektrum irgendwo zwischen Mikrowellen und dem Infrarotbereich) Gegenstände zu erkennen, die in Pakete eingepackt oder unter der Bekleidung verborgen sind. Mein Jugendtraum einer Röntgenbrille ist also in greifbare Nähe gerückt!

Ich bin inzwischen aber etwas älter geworden, und dank Internet kann ich bei Bedarf so viele Bilder von unbekleideten Damen abrufen wie ich will. Es geht heute bei der Diskussion um Nacktscannern am Flughafen ja auch um etwas ganz anderes, nämlich um die Persönlichkeitsrechte von Passagiere auf der einen Seite, um die Flugsicherheit auf der anderen.

Als Vielflieger neige ich, wenn ich ehrlich bin, eher dem Lager der Befürworter der neuen Technik zu. Nicht nur, weil mich damit sozusagen eine langjährige Beziehung verbindet (siehe oben), sondern weil ich als alter Saunagänger im Grunde nichts dagegen habe, wenn mich jemand nackt sieht. Ich empfinde das Abtasten durch einen schlechtgelaunten Angestellten der Sicherheitsfirma als viel größeren Eingriff in meine Persönlichkeitsrechte. Und die Vorstellung, der Kerl im Sitz neben mir könnte eine Plastiktüte mit hochexplosivem Inhalt am Körper tragen, finde ich schlimmer als die, eine womöglich junge und hübsche Flughafenangestellte könnte sich am Anblick meiner Adonisgestalt auf ihrem Bildschirm ergötzen.

Außerdem ist es ja so wie mit meiner alten Röntgenbrille: Die Wirklichkeit sieht eben anders aus, als man es sich in seiner Spannerfantasie vorstellt. Die Bilder, die von den Terawellen geliefert werden, sind blass und unscharf, die Intimteile sind nur umrissartig zu erkennen. Aber von mir aus, wenn es die Leute stört: Was ist so schwierig daran, die Software so umzubauen, dass nur noch ein Avatar zu sehen ist? Das macht uns doch ein 16jährige Codeschreiber in einer halben Stunde.

Also: Schluß mit dieser Scheindiskussion. Führt die blöden Scanner endlich ein, und Ruhe ist! Es gibt wirklich wichtigere Themen, über dies es sich aufzuregen lohnt. Irreführende Werbung in Comic-Heftchen, zum Beispiel.

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