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Eine Träne für den 9. November Drucken
Montag, 9. November 2009
Der größte Tag in der deutschen Geschichte hat mehr als eine Party verdient.

Der große Talkmaster Dick Cavet trat einmal im ZDF in einer Talkshow auf, und die Peinlichkeit war mit Händen zu greifen. Der völlig überforderte deutsche Moderator versuchte mühsam witzig zu sein, währned  Big Dick ihn mit ein paar Brocken Schuldeutsch völlig mühelos in die Ecke stellte. Es war eine Lektion über die Mittelmäßigkeit des deutschen TV-Entertainments, und eine Sternstunde für die Professionalität ihrer US-Kollegen, aber das nur mal am Rande. Die Schlüsselszene kam gegen Schluss. Cavet hatte gerade verraten, was  er gemacht hat, wenn ihm beim Interview die Fragen ausgingen. "Ich habe die Leute einfach gefragt: Wo warst du am 7ten Dezember 1941?" Das war natürlich der Tag, an dem die Japaner Pearl Harbor bombardiert haben, und der für eine ganze Generation von Amerikanern der denkwürdigste Tag ihres Lebens blieb.

Das peinliche Gespräch im deutschen Fernsehen ging weiter, der Moderator stotterte noch ein paar dümmliche Fragen, dann ging auch bei ihm offensichtlich der Saft aus und er rettete sich mit der Frage: "Sagen Sie mal, Dick, wo waren Sie am 7ten Dezember 1941"

Nun, ich war 1941 noch nicht auf der Welt, aber würde mich heute jemand fragen, was der geschichtsträchtigste Tag in meinem Leben war, dann hätte ich sofort die Antwort parat: Es war der 9te November 1989.

Ich habe das allerdings erst am nächsten Tag gemerkt (so wie die meisten Amerikaner auch erst am 8ten Dezember in der Zeitung von dem Angriff auf Pearl Harbor erfahren haben). Und ich werde nie vergessen, wie ich morgens auf der Autobahn von Stuttgart Richtung München fuhr und im Autoradio hörte, die Mauer sei offen und die Menschen würden in den Westen strömen. Ich gebe zu: Ich hielt das Ganze zuerst für einen Witz. Der Südwestfunk, wie er damals hieß, war für seine Parodiesendungen bekannt, und ich dachte an Orson Welles und seine gefakte Live-Reportage von der Invasion der Marsmenschen, die 1938 an der Ostküste der USA eine Massenpanik auslöste.

Ich wollte das Radio eigentlich gerade ausschalten - da kam mir auf einmal, es war kurz vor Ulm, auf der leeren Gegenfahrbahn ein Trabi entgegen. Der Fahrer blinkte mit den Scheinwerfern und winkte heftig durchs Fenster. Ein paar Kilometer weiter kamen dann zwei, drei Trabis im Pulk daher, und auch sie verhielten sich recht auffällig, hupten und gestikulierten. Und ganz langsam dämmerte mir: Es ist wahr! Das sind ja Ossis, und die müssen schnurstracks von Berlin hierher gefahren sein. Gott weiß, was sie da wollten, vielleicht Verwandte besuchen, denn die Schwäbische Alb, so schön wie sie ist, wäre zumindest nicht meine erste Wahl wenn ich zum ersten Mal in meinem Leben in den Westen reisen dürfte.

Und so langsam dämmerte mir, was da passiert war. Mein ganzes Leben habe ich unter einem Damoklesschwert gelebt, nämlich die drohende atomare Vernichtung der Welt durch Russen und Amerikaner, die sich wenige Kilometer östlich von dort, wo ich wohnte, unversöhnlich gegenüber standen, und wo ein einziger Funken genügt hätte, um die Apokalypse einzuläuten. Ich bin als Amerikaner zwei oder dreimal über den Checkpoint Charlie nach Ostberlin gewechselt, und ich werde niemals die grauen Betonklötze, die grimmigen Gesichter der Soldaten und die galgenartigen Wachtürme der Sowjets vergessen - die ganze menschenverachtende Atmosphäre, die Martin Ritt 1965 so unvergesslich in "Der Spion, der aus der Kälte kam" im Film festgehalten hat.

Klar war ds Leben bei uns im Westen schön. Wir lebten im Überfluss, konnten fahren, wohin wir wollten (außer in den Osten, aber wer wollte da schon hin?) Aber wir haben einen Preis dafür bezahlt, der in einem ständigen Gefühl der Unsicherheit und der Bedrohung bestand. Wir haben diese Angst ganz gut verdrängt, aber sie war immer da, jedenfalls bei denjenigen, die sich so ihre Gedanken gemacht haben über den Wahnsinn, in das wir durch eine verkorkste Weltpolitik hineingeraten waren.

Und dann kamen die Trabis, und von mir ist eine Last gewichen, von der ich gar nicht mehr spürte, dass sie mich bedrückte. Ich habe plötzlich angefangen, zurück zu hupen, immer lauter und immer schneller. Und ich habe geweint, ganz dicke Tränen des Glücks und der Erleichterung. Die Mauer war offen, und die Angst war weg. Und ich konnte zumindest für ein paar Stunden mich der Illusion hingeben, dass jetzt alles besser wird und wir in Ost und West  endlich wie vernünftige  Menschen miteinander auskommen würden . Leben und leben lassen.

Gut, ich bin, wie wir alle, in den folgenden Wochen, Monaten und Jahren wieder auf den Boden zurück gekommen. Ein paar Probleme sind verschwunden, dafür gibt es andere. Der Osten hat sich nicht über Nacht in einen blühenden Garten verwandelt, Ossis und Besserwessis blieben nach ein paar euphorischen Tagen in herzlicher Abneigung verbunden, Russland ist immer noch ein dumpfer, waffenstarrender Moloch und der apokalyptische Albtraum ist geblieben, nur dass sich nicht mehr halbwegs disziplinierte Generäle gegenüber sitzen und den Daumen auf den Abschussknopf halten, sondern ein Haufen Halb- und Ganzverrückte, denen es egal ist, ob sie sich selbst auch gleich mit in die Luft pusten, wenn sie nur das Werk Gottes ausführen oder Rache für irgendein jahrhundertaltes Unrecht nehmen können.

Und trotzdem sage ich: Der 9te November war der größte Tag in meinem Leben. Wir haben gezeigt, dass der Mensch durchaus in der Lage ist, sich über sich selbst zu erheben und wie ein vernunftbegabtes Wesen zu handeln. Wir sind am 9ten November alle einen Schritt weiter gekommen, ohne dass ich sagen kann, wohin die Reise geht und was wir tun würden, wenn wir einmal ankämen. Der weg ist nun mal das Ziel, aber das ist es ja, was für mich das Leben so spannend macht.

Verzeihen Sie mir deshalb, wenn ich beim Anblick der Fernsehbilder, die heute nonstopp über den Bildschirm flimmern und die mich wieder ein bisschen mit den deutschen Fernsehmachern versöhnen, ein kleines Tränchen weine. Mir ist einfach danach.

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Letzte Aktualisierung ( Montag, 9. November 2009 )
 
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