| Haiti braucht andere Hilfe |
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| Montag, 25. Januar 2010 | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Das weltweite Mitgefühl für die Erdbebenopfer in Haiti sprengt alle Rekorde. George Clooney und seine Promifreunde haben mit ihrer TV-spendengala "Hope for Haiti" mehr als 57 Millionen Dollar zusammengesungen. Thomas Gottschalk brachte es auf annähernd 18 Millionen. Ben Becker, Bündchen, Anne Will: Die Liste lässt sich beliebig fortschreiben. Die Menschen greifen gerührt zum Telefonhörer oder klicken auf Spendenlinks, und warum? Weil die Not in Haiti, nonstop von den Fernsehkameras in Szene gesetzt, so offensichtlich, so jenseits unserer mitteleuropäischen Vorstellungen ist, dass wir gar nicht anders können. Und was bringt's?
Wenn die Erfahrungen der Vergangenheit ein Gradmesser sind: Gar nichts! Jedenfalls nicht mittel- und langfristig. Es ist halt wieder eine dieser spontanen Einmal-Aktionen, deren Wirkung verpufft, sobald die Kamerateams abgezogen sind und in Haiti die ärgsten Trümmer einmal weggeräumt sind. Was Haiti wirklich braucht, ist eine Dauerlösung des Armutsproblems. Warum wirkt die benachbarte Dominikanische Republik fast wie die Schweiz der Karibik? Warum bekommen die Menschen in der ersten von überwiegend dunkelhäutigen Menschen errichteten demokratischen Republik - 1804 sagte sich das frühere Saint-Domingue nach einem blutigen Volksaufstand von seinen französischen Kolonialherren los - seitdeem keinen Bein auf den Boden? Erklärungen dafür sind in diesen Tagen wohlfeil. Weil die Franzosen mit ihren Reparationsforderungen das Land auf Jahrhunderte hinaus verarmt haben. Weil die Amerikaner, einen ähnlichen Aufstand in ihren Sklavenstaaten befürchteten und deswegen jede aufbauhilfe verweigerten, was sich bis heute in den Köpfen der US-Regierungen fortgewirkt hat, beispielsweise in der Einwanderungspolitik. Weil eine Serie von skrupellosen Diktatoren, vom Westen aus politischer Opportunität gestützt, das Volk immer wieder ausgesaugt haben. Und dann noch der Grund, den keiner auszusprechen wagt: Weil die Schwarzen eben dumm sind und es deshalb auch nicht besser verdient haben. Was immer der Grund sein mag: Haiti braucht Hilfe - aber sie braucht andere, nachhaltige Hilfe. Haiti braucht beispielseise Hilfe für die Tourismusindustrie. Warum gibt es keine vernünftigen Hotels, keine Baderessort wie nebenan in dem "Domrep", einem der beliebtesten Feriendestinationen der Deutschen? Weil den Urlaubsgästen der Anblick vonA rmut und Verzweiflung nicht zumtbar ist? Warum fahren sie dann scharenweise nach Kenia, Nummer 147 in der Armutsliste der Vereinten Natienen (Haiti: 149) oder Tansania (151)? Ein Last-Minute-Urlaub im "Sunset Beach" bei Serekunda in Gambia (168) kostet bei Expedia gerade mal 1033 Euro. Haiti braucht Hilfe für die Wirtschaft. Warum lassen amerikanische und europäische Firmen Turnschuhe und T-Shirts in Vietnam oder Indonesien fertigen? Ja, Sweatshops sind unmoralisch und unmenschlich. Aber auf die Gefahr hin, zynisch zu klingen: Für einen Menschen in Haiti wäre ein Job in einem Swatshop im Zweifel besser als überhaupt keine Arbeit. Und wie die Proteste gegen Nike und andere gezeigt haben kann man daran auch etwas ändern - guten Willen vorausgesetzt. Haiti braucht Hilfe, aber keine Almosen. Es braucht echte Aufbauhilfe. Meine Frau und ich sind Paten eines entzückenden kleinen Mädchens namens Naika in Gonaives, einer Küstenstadt nördlich von Port au Prince, das zum Glück von den Erschütterungen verschont geblieben ist. Von den 50 Euro, die wir jeden Monat überweisen, kann sich nicht nur das Schulgeld bezahlen, sondern ihre ganze Familie mit ernähren. Sie wird ihren Abschluß machen und es vielleicht etwas weiterbringen als ihre Mutter, die Streichhölzer verkaufen muss. Oder vielleicht auch nicht, wenn sich ihr Umfeld nicht ändert. Haiti bekommt seit jahrzehnten Almosen. Was es wirklich braucht, sind Investitionen. Haiti ist ein wundervolles Land, aber leider hat es sich seit meinem Besuch vor mehr als 20 Jahren überhaupt nicht verändert. Vielleicht lässt sich diesesmal etwas daran ändern. Aber nicht durch Spendengalas. Die Wirtschaft ist gefragt: Helft Haiti, indem Ihr dort Geschäfte macht. Sonst ist den Menschen dort auf Dauer nicht zu helfen.
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| Letzte Aktualisierung ( Dienstag, 26. Januar 2010 ) | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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