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Was und der Nicht-Wahlkampf erspart hat Drucken
Dienstag, 1. September 2009
Nur das Fehlen eines echten Wahlkampfs hat uns in Deutschland bislang vor einem Aufflammen der Diskussion um einen Verbot des Burka bewahrt, wie er gerade in Frankreich tobt.


burqaniqab

Bilderrätsel für Schleier-Gegner: Burka (links) und Niqab (rechts).

Nicolas „Sarko“ Sarkosy, der kleinste französische Staatschef seit Napoleon, macht sich dafür groß und sagt: „Die Burka ist auf dem Gebiet der französischen Republik nicht willkommen.“  Der konservative dänische Politiker Naser Khader, selbst syrisch-palästinensischer Herkunft, stößt ins gleiche Horn und will das Tragen einer Burka in der Öffentlichkeit verbieten lassen. In der Schweiz, in Holland, und in Großbritannien schwelt der Streit seit Jahren, wobei es interessanterweise einen „Channel Gap“ zu geben scheint, wie Frans Timmermans, der niederländische Sozialdemokrat und Europaminister, unlängst konstatierte: In Frankreich gelte es als “links”, für ein Burkaverbot einzutreten, während dies in Großbritannien als “rechts” bewertet werde. Diesseits des Ärmelkanals gehe es darum, in republikanischer Tradition die Religion aus der Öffentlichkeit herauszuhalten, Jenseits davon, werde der Religionsfreiheit und der individuellen Entscheidung der Vorrang eingeräumt.

Bis auf ein leises Grummeln aus Wiesbaden, wo Roland Koch vor zwei Jahren eine Geisterdebatte um den Ganzkörperschleier vom Zaum brach, ist es bislang in Deutschland still geblieben zu diesem Thema. Das könnte sich vielleicht ändern, wenn Angela Merkel und die CDU angesichts der multiplen Wahlschlappen vom Sonntag plötzlich beschließen sollten, vor dem 27. September doch noch Wahlkampf machen zu wollen (statt zuzuschauen, wie die SPD sich selbst ein Messer nach dem anderen in die Brust rammt). Deshalb wollen wir an dieser Stelle vorsorglich darauf hinweisen, dass es zumindest in Frankreich beim Burka-Verbot gar nicht um die Burka (laut Wikipedia eigentlich Burqu, aus arabisch ‏برقع‎; in Pakistan auch als Barq) geht, sondern um den Niqab, der auf Türkisch peçe heisst und meist in Verbindung mit einem Tschador, dem Çarşaf oder einem anderen, zumeist schwarzen Gewand getragen wird. Im Gegensatz zum Burka lässt der Niqab einen Sehschlitz frei, durch den die Augen der Trägerin zu erkennen sind, während beim meist blauen Burka das Sichtfenster durch eine Art Gitter aus Stoff oder Rosshaar verdeckt ist.

Beide Kleidungsstücke sind keineswegs traditionelle islamische Gewänder. Der Niqab kam erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts zur Regierungszeit des reaktionären Sultan Abdülhamid II. (1876-1908) in der Hauptstadt Konstantinopel auf, um westliche Einflüsse abzuwehren, und setzte sich von dort vor allem in entlegenen Landesteilen des damaligen Osmanischen Reiches wie etwa dem Jemen durch. Der Burka wurde von Frauen in Afghanistan ursprünglich nur in der Stadt getragen, im Dorf gingen sie dagegen unverschleiert. Erst die Taliban machten das Tragen der Burka Mitte der 90er Jahre zur Pflicht.

Im Übrigen sollte die Auseinandersetzung um den Ganzkörperschleier nicht mit dem ähnlich gelagerten Streit um ein etwaiges Kopftuchverbot verwechselt werden. Als Frau den Kopf zu bedecken, ist nämlich keineswegs eine Erfindung des Islams. Noch heute bedecken orthodox-jüdische Frauen ihr Haupthaar durch ein Tuch oder eine Perücke, ihre Männer tragen eine Kipa oder einen Hut. Auch in Deutschland tragen viele ältere Frauen auf dem Land bis heute eine Kopftuch. Und bei einer Papstaudienz werden Frauen grundsätzlich nur mit Kopfbedeckung oder Schleier empfangen.

Burka, Niqab und Kopftuch werden hierzulande von Islamkritikern gerne als Mittel zur Unterdrückung beschrieben. Von manchen Frauen dagegen heißt es, sie hätten gar nichts dagegen, verhüllt herumzulaufen; ja, sie empfänden die Tuchbarriere sogar als Schutz ihrer Persönlichkeit. Andere sehen darin sogar einen „Fashion Statement“. Na ja, über Modegeschmack lässt sich ebenso wenig streiten wie über irgendeinen anderen. Und ich erinnere mich an eine Dame aus meiner Bekanntschaft, die  mal die Anonymität des Internet als den „digitalen Burka“ bezeichnete. Sie empfand das durchaus als Erleichterung und Befreiung im Umgang mit Mitgliedern des anderen Geschlechts. Konkret meinte sie: „Wenn der Kerl beim Chatten anfängt, unangenehm zu werden, dann kann ich ihn wegklicken.“

Zum Glück ist uns der Stich ins dieses ganze Wespennest zumindest im aktuellen (Nicht-)Wahlkampf erspart geblieben. Sollte er aber doch noch aufflammen, dann wäre es hilfreich, wenn wir wenigstens alle über das Gleiche reden würden, wenn wir über einen Verbot von diesem oder jenem Kleidungsstück streiten.

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Letzte Aktualisierung ( Dienstag, 1. September 2009 )
 
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