| Der Mythos vom friedliebenden Inder |
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| Sonntag, 5. Oktober 2008 | |
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Inder sind ein Volk von Pazifisten und im chaotischen indischen Straßenverkehr geht es bam Ende ziemlich gesittet zu. Von wegen…
Irgendwie ist unser Indienbild von den vergilbten Fotos des Mahatma geprägt. War meines auch – bis heute, als ich unseren Fahrer Culdeep, einen drahtigen Bantamgewichtler, mehrere Runden lang gegen einen Verkehrsidoten in Jaipur erleben durfte. Und ich fühlte mich auf einmal ganz daheim in Indien. Es begann ganz harmlos im üblichen Stop-and-go, aus dem Strassenverkehr in den indischen Städten hauptsächlich zu bestehen scheint. Culdeep lenkt unseren bulligen Toyota-Van seit einigen Tage geradezu majestätisch gelassen durch das unbeschreibliche Chaos aus Fahrradrikschas, Motorrollern, „Tuk-Tuk“ genannte Dreirad-Taxis, offenbar in Suizidabsicht über die Straßen laufende Passanten sowie Autos jeder Form, Farbe, Größe und Provenienz, lebensgefährlich überladenen Lastwagen und Omnibussen, auf deren Dach mindestens genauso viele Passagiere wie im Fahrgastraum sitzen. Man stelle sich deshalb unser Erstaunen vor, als ein kleiner, silberfarbener Tata-Flitzer plötzlich von rechts an uns vorbei schießt und dann plötzlich im 90 Grad-Winkel nach links abbiegt, direkt vor unsere Schnauze – und Culdeep plötzlich komplett ausrastet. Er steigt voll auf die Bremse, reißt die Tür aus, rennt zu dem anderen Auto rüber, reißt die Tür auf, zerrt den Fahrer, einen jungen Inder von ähnlich schmächtiger Statur, hinterm Steuer vor und fängt an, auf ihn einzuprügeln. Der andere, auch kein Kind von Traurigkeit, prügelt zurück. Innerhalb von Sekunden hat sich eine Menschentraube um die beiden gebildet, die Anfeuerungsrufe brüllen und teilweise Anstalten machen, selbst einzugreifen. Irgendwann bahnt sich der Beifahrer des Tatas, ein älterer Herr, durch die Menge einen Weg und fängt seinerseits an, unserer Fahrer zu bedrängen. Worauf ich gesitteter Mitteleuropäer es auch nicht mehr auf meinem Zuschauersitz aushalte und aussteige. Mine Frau versucht noch, mich in den Wagen zurück zu ziehen, aber das Blut der Cole kocht jetzt, denn zwei gegen einen, das ist zu viel. Ich versuche, dazwischen zu gehen, die Kampfhähne zu trennen, was eigentlich ziemlich einfach sein müsste, denn ich wiege so viel wie beide zusammen und überrage sie um anderthalb Häupter. Aber sie haben sich richtig ineinander verkrallt, und Culdeep scheint den Kürzeren zu ziehen. Also greife ich mir den jungen Fahrer, denke an lange vergangene Judostunden zurück und lege ihn mit einem Beinwurf gekonnt auf den Boden, wo er erst einmal völlig erstaunt liegen bleibt. Aber jetzt beginnt sich die Sache zu drehen. Die anderen Inder sehen es nicht gerne, wenn so ein Fremder Hand an einen der Ihren legt. Die Stimmung wird immer feindseliger, der Ring beginnt sich um mich zuzuziehen. Doch dann ertönt genau im richtigen Augenblick eine Sirene, ein Polizei-Jeep schiebt sich mit Blaulicht durch die Menge, sechs oder sieben Beamte mit Schlagstöcken steigen aus, greifen sich die beiden Kampfhähne und ziehen sie zu ihren Fahrzeugen. Einer geht auf mich zu, und ich weiß im ersten Augenblick nicht, ob ich jetztgleich eins mit dem Stock übergebraten bekommen. Statt dessen werde ich höflich, aber bestimmt, aufgefordert, in den Dienstagen zu steigen, der uns zur nahegelegenen Wache bringt. Dort schreien sieh Culdeep und sein Gegner noch eine Weile an, bis endlich ein Polizist mit mehreren Sternen auf der Schulter aus dem Wachtraum kommt und sie sich einzeln vornimmt. Alles beginnt sich wieder abzuregen, irgendwann verschwindet der Tata-Fahrer, und Culdeep darf ebenfalls wieder zu unserem Wagen. Der Ober-Polizist schüttelt mich lächelnd die Hand und meint: „Nothing happened. You can go…“ Von wegen nichts passiert: Mir ist gerade ein Weltbild abhanden gekommen. Was würde der Mahathma dazu sagen? Indien hat gerade ein ganz neues Gesicht offenbart. Ich weiß nicht, ob ich es sonderlich sympathisch finde… |
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