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Ehre wem Ehre gebühret Drucken
Donnerstag, 14. Mai 2009
Gerade in der Krise könnte das traditionelle Selbstverständnis des Ehrbaren Kaufmanns ein Leitbild sein – nicht nur in Deutschland.


In seinem 1901 erschienenen Schlüsselroman „Die Buddenbrooks“ von Thomas Mann gibt der Gründer des Familienunternehmens seinem Sohn eine einfache Grundregel mit auf den Lebensweg: „Mein Sohn, sei mit Lust bei den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, dass wir bei Nacht ruhig schlafen können.“

Wenn es so wäre, dann müssten nach landläufiger Meinung die Manager des Krisenjahres 2009 alle an kollektiver Schlaflosigkeit leiden. Selten zuvor in der Geschichte wurden sie so gnadenlos an den Pranger gestellt wie von Bundespräsident Horst Köhler, der im Oktober 2008 in Berlin deren „hemmungslose Gier“ geißelte und einen überfälligen „Selbstreinigungsprozess an der Spitze“ forderte. Köhler, der selbst einmal Managing Director des Internationalen Währungsfonds war, mahnte unter anderem mehr gesellschaftliches Bewusstsein und Verantwortungsgefühl an, das seiner Meinung nach in den letzten Jahren verloren gegangen sei.

Doch um etwas wie Verantwortungsgefühl überhaupt verlieren zu können, muss man es ja vorher irgendwann einmal besessen haben. Es muss also einmal eine Wertestruktur gegeben haben, die solche Auswüchse verhindert hätte, wäre sie nur nicht in den Chefetagen irgendwie verlegt worden.
Doch was meinte Köhler damit, fragten sich nicht nur die Anwesenden in Berlin.

Eine Antwort könnte in einem uralten Leitbild liegen, das lange als ein Museumsstück der Wirtschaftsgeschichte galt, inzwischen aber immer häufiger beschworen wird und das auch schon die Lehrpläne der Hochschulen und die Seminarprogramme der Führungsinstitute bereichert: Das Bild vom ehrbaren Kaufmann.

Auch in der politischen Diskussion hat der Begriff inzwischen einen Stammplatz gesichert. So sah der Vorsitzende der Regierungskommission für Corporate Governance, Gerhard Cromme, die Aufgabe seines Gremiums darin, „die Regeln des Ehrbaren Kaufmanns an den globalen Wettbewerb anzupassen.“  Der Wirtschaftsrat der CDU widmete sein Jahrestagung dem Thema „Leitbild: Der Ehrbare Kaufmann“.  Und Bundesjustizministerin Brigitte Zypries forderte zu Beginn des Jahres ebenfalls mehr soziale Verantwortung und trauerte dem „Vorbild des ehrbaren Kaufmanns“ nach.

Lange galt der Ehrbare Kaufmann eher als mythische Symbolfigur, als veraltete Wortmarke wie „deutsche Eiche“ oder „braver Bürger“. Modern waren Begriffe wie „Shareholder Value“, bei dem einzig der Aktienwert des Unternehmens als Richtschnur für wirtschaftliches Haneln galt. Was gut ist für die Kapitalgeber, so die aus dem angelsächsischen Kulturraum übernommene Theorie, sei auch gut für die Gesellschaft.

Ein völlig anderes Leitbild vermittelt die seit 1517 in Hamburg tagende „Versammlung eines Ehrbare Kaufmanns “. Einst als die älteste kaufmännische Selbstverwaltung nördlich der Alpen gefeiert, galt der eingetragene Verein vielen lange als verstaubter Historikertruppe. Egbert Diehl, pensionierter Banker und heutige Vorsitzender des eingetragenen Vereins, sieht das ganz anders: „Der Begriff des Ehrbaren Kaufmanns ist heute aktueller denn je!“ Immerhin sei er ist der jahrhundertealten Erfahrung hanseatischer Kaufleute im internationalen Geschäft heraus entstanden. Der ehrbare Kaufmann ist laut Diehl „zuverlässig und nüchtern in seinem Geschäftsgebaren, er respektiert die Interessen seines Geschäftspartners und strebt eine nachhaltige und langfristige Geschäftsbeziehung an – das, was man heute neudeutsch als Win-Win-Situation beschreibt.“

Historisch geht die Vorstellung der „Ehrbarkeit“ auf die Renaissance in den norditalienischen Stadtstaaten wie Florenz, Genua und Venedig zurück. Im berühmten Handbuch „Practica della Mercatura“ aus dem Jahr 1340 zählte Francesco Balducci bereits solche Händlertugenden auf wie „Integrität“, „Weitsicht“ und „Ehrlichkeit“. Dabei unterschied er säuberlich zwischen „innerer“ und „äußerer“ Ehre – letztere die durch Auftritt und Verhalten demonstrierte „Ehrbarkeit“, also eine Art Vorbildfunktion, die er als Ergänzung  zur eigentlichen Aufrichtigkeit im Sinne von „er sagt die Wahrheit“ verstand.

„Im Mittelalter erlebten die Menschen in Europa genau wie heute eine Zeit radikalen Wandels“, glaubt Daniel Klink, Wirtschaftswissenschaftler an der Berliner Humboldt-Universität, der mit der Website www.der-ehrbare-kaufmann.de eine eindrucksvolle Sammlung von einschlägigen Forschungsarbeiten und Literaturquellen aufgebaut hat.  Die kommerzielle Revolution habe im Hochmittelalter die bis dahin gültige Wirtschaftsordnung der Schenkungswirtschaft verdrängt. Der Kaufmann habe durch sein Handeln eine neue Realität geschafft. „Diese Realität war eine internationale“, behauptet Klink, „und hier ist auch der wahre Beginn der Globalisierung zu sehen.“

Neben den Italienern, die vor allem durch den Gewürzhandel mit dem Orient erstmals im globalen Maßstab zu wirtschaften begannen, bildete sich im Norden Europas und vor allem in den Hafenstädten der norddeutschen Hanse ein ebenfalls auf internationale Handelbeziehungen beruhendes Wertesystem. Die Hanse-Kaufleute hatten mit Wucherzinsen, zahlungsunwillige Geschäftspartner im Ausland, Lug und Betrug im Geschäftsleben, Ehrlosigkeit und fehlende Achtung vor dem Gesetz zu kämpfen. Die Hamburger Handelsunternehmer wollten mit ihrem Verein „Der Ehrbare Kaufmann“ vor allem ein Regelwerk schaffen, ein geistiges Geländer, an dem sich nicht nur die eigenen Mitglieder aufrichten und ihr Leben und Handeln ausrichten sollten. Es ging ihnen vor allem darum, den Begriff der „Kaufmannsehre“ zu definieren und mit Leben zu füllen.

So waren mit dem Begriff ganz bestimmte Fähigkeiten verknüpft, von denen man annahm, dass ein „ehrbarer“ Kaufmann (im Gegensatz zu einem ehrlosen) sie besitzen sollte. Er sollte über Sprachkenntnisse verfügen, sich in der Warenkunde auskennen, im Recht, in der Geografie und bei den verschiedenen Währungen der Länder, mit denen die Kaufleute seiner Stadt Handel führten. Er sollte über ein gepflegtes Äußeres verfügen, sein Hausstand sollte ordentlich und sauber sein. Sein natürlicher Hang zu Gewinnstreben sollte als Gegengewicht um die Sorge um das Wohlergehen anderer ergänzt sein. Überhaupt wurde vorausgesetzt, dass sein Erfolg mit einer Reihe von Charaktertugenden verknüpft zu sein hatte, wie Vertrauenswürdigkeit, Toleranz, Friedensliebe, Höflichkeit, Klugheit und Ordnung. Und da zu diesem Zeitpunkt die Religion tief mit der Sozialstruktur verwoben war, betrachtete der ehrbare Kaufmann Gott selbstverständlich als stillen Teiulhaber seiner Firma, dem am Jahresende ein Gewinnanteil zustand, der an die Armen zu verteilen war. Wer grob gegen dieses Leitbild verstieß, dem drohte der Ausstoß aus dem Kreis der Ehrbaren Kaufleute, was in der Regel den finanziellen und gesellschaftlichen Ruin bedeutete.

Vereine wie „Der Ehrbare Kaufmann“, aber auch neuere Gründungen wie „Der Club zu Bremen (1783), der „Industrie-Club Düsseldorf (1912), die „Frankfurter Gesellschaft “ (1919) oder der Hamburger Übersee-Club (1922) dienten und dienen bis heute im Grunde alle dem gleichen Zweck: „Sozial und gesellschaftlich verantwortetes Unternehmertum fördern sowie Brückenbauer sein, der immer wieder deutlich macht, dass Unternehmertum und Freiheit zusammengehören.“, so Klaus von der Heyde, Präsident des 1879 gegründeten  „Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller “.

„Nach einem positiven Wertekodex zu handeln und sich in gesellschaftliche Belange einzumischen, ist nicht nur eine Frage der Moral, sondern auch der ökonomischen Klugheit“, behauptet auch Dr. Arend Oetker , Chef der Oetker Holding in Bad Schwartau. Er sieht sich wie viele deutsche Unternehmer in der Gründertradition des 19ten und frühen 20ten Jahrhunderts und damit im Gegensatz zu dem vor allem in den 70er und 80er Jahren von dem aus dem angelsächsischen Kulturraum übernommenen Dominanz des „Shareholder Value“, deren oberstes Ziel die Maximierung des Firmenwerts, also eine möglichst hohe Rendite für die Kapitaleigner ist.

„Genau betrachtet ist Shareholder-Value die blödeste Idee der Welt,“, sagte im März 2009 ausgerechnet Jack Welch, langjähriger Chef des amerikanischen Konzerns General Electric. Nur den Börsenwert des Unternehmens zu steigern, motiviere doch niemanden, die tägliche Arbeit zu verrichten. Dabei sei wichtig, sowohl auf kurzfristig als auch auf langfristig wirkende Strategien zu setzen: „Nur wenn man beides beherrscht und berücksichtigt, profitierten das Unternehmen, seine Kunden, die Gesellschaft und letztlich auch die Anteilseigner.“

In einer von Shareholder Value regierten Welt setzt der Kapitalmarkt die Unternehmensziele. Die Investoren orientieren sich an den weltweit rentabelsten Unternehmen. Wer weniger Rendite bringt, verliert. Die Folge: Was unterdurchschnittlich ist, wird abgewickelt oder mit Kostensenkungsprogrammen fit gemacht. Doch leider bildet das Dogma vom Primat des Eigennutzes nach wie vor die vorherrschende Lehrmeinung an den meisten Wirtschaftsunis nicht nur in Deutschland.

Das könnte sich allerdings bald ändern. Der Ehrbare Kaufmann könnte sogar den Stoff zum Exportschlager hergeben. Schließlich ist das Leitbild des tugendhaften Händlers auch in anderen Ländern seit Jahrhunderten bekannt. Daniel Defoe, der Autor von „Robinson Crusoe“, schrieb bereits 1724 seine Abhandlung über „The Complete English Trademan “, das 1675 erschienene Buch „Le parfait négociant “ von Jacques Savary ist heute noch ein Standardwerk. „Der Ehrbare Kaufmann ist ein Europäer und deshalb bestens geeignet, um grenzüberschreitende Normen und Regeln zu definieren“, glaubt der Berliner Daniel Klink. In sofern hätten Handelpartner auf der ganzen Welt eine ethische Leitlinie, an der sie sich in ihrem Tagesgeschäft orientieren könnten.“

Allerdings müsse der Ehrbaren Kaufmann von heute etwas weniger bescheiden auftreten, so Klink. „Man spürt förmlich, dass sich diejenigen, die sich heute schon nach den Regeln eines Ehrbaren Kaufmanns richten, irgendwie in der Defensive fühlen, weil sie ungern anderen vorschreiben wollen, wie sie ihr Leben leben sollen.“ Doch mit der Wirtschaftskrise und der aufkommenden Kritik am Managertum insgesamt glaubt er, werde eine Gegenbewegung einsetzen: „Nicht alle Wirtschaftsführer sind schlechte Menschen, aber alle werden gerade über einen Kamm geschert. Damit muss Schluss sein!“

Ein Anfang könnte darin bestehen, dem Ehrbaren Kaufmann wieder seinen angestammten Platz einzuräumen in den Chefetagen, wo er Manager und Unternehmer daran erinnern kann, dass Wirtschaftlichkeit und Moral keine Gegensätze sein müssen. Tugend, das wusste nicht nur Thomas Mann, ist ein gutes Ruhekissen.

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