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Von den Indern lernen Drucken
Mittwoch, 2. Mai 2007
Deutschland braucht dringend Fachkräfte, notfalls aus Indien. Sie sollten lieber lernen, die Leute zu halten, die sie haben. Es ist schwer, nicht von Indien fasziniert zu sein: die Farben, die Düfte, die Menschen, der Verkehr. In Hyderabad, neben Bangalore die zweite IT-Hauptstadt des Landes mit sechs Millionen Einwohnern, ist von morgens bis abends Stau wie bei uns nur zu Ferienbeginn in NRW. Besonders groß ist der Andrang vor den gläsernenen Hochhäusern der Hitech-Konzerne zur Mittagzeit – denn da sind vor allem hungrige Headhunter unterwegs.

Für Venkatesch Roddam, Chef einer Tochter des IT-Serviceriesen Satyam, auf deren Einladung ich das indische Gegenstück zu Silicon Valley bereisen durfte, sind sie eine Landplage, schlimmer als Fliegen oder Ratten. „Wenn einer meiner Leute mittags das Haus verlässt, um sich etwas zum Essen zu holen, kommt er mit vier Job-Angeboten wieder“, klagt er. Besonders schlimm ist es bei den Call Centern, die Roddam inzwischen auch für deutsche Kundenunternehmen betreibt. Bis zu 140 Prozent „attrition“ – Mitarbeiterschwund – registrieren indische Dienstleister im Jahr, vor allem bei jungen Karriereiensteigern, die ihr Gehalt innerhalb von zwei Jahren durch “Job Hopping“ durchaus vervierfachen können. Das heißt: Für jeden Mitarbeiter, den er verliert, muss Roddam 1,4 neue einstellen, nur um auf dem gleichen Stand zu bleiben. Um zu wachsen, müssen es noch mehr sein.

Fast ist man geneigt, dies als ein typisch indisches Problem abzutun. Aber das täuscht gewaltig: Laut einer Studie des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) kann jedes sechste Unternehmen trotz der hohen Arbeitslosigkeit in Deutschland freie Stellen nicht besetzen. Der IT-Bundesverband BITKOM regisitrierte bei seinen Mitgliedsunternehmen zur letzten CeBIT über 20.000 fehlende Fachkräfte. Harald von Heynitz, Partner bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, sagte neulich: "Der Mangel an qualifiziertem Personal in Westeuropa wird zunehmend zum Problem. Denn für Industrieunternehmen sind kontinuierliche Innovationen unverzichtbar, um gegen die wachsende Konkurrenz in China oder Indien bestehen zu können.

Wie gut also zu hören, dass es den Indern auch nicht anders geht. Und interessant zu sehen, wie sie darauf reagieren. „Ja, wir müssen im Gehaltsniveau mitziehen“, bestätigt Roddam, „aber Geld ist nicht alles.“ Seine jungen Leute verdienen ungefähr ein Viertel dessen, was ein vergleichbar qualifizierter Fachmann in Deutschland nach Hause bringt, aber dafür kommt sein indischer Kollege mit dem Geld viel weiter, weil die Lebenshaltungskosten sehr viel niedriger sind. Das sei übrigens auch der Grund, weshalb die von der damaligen Bundesregierung angekurbelte Aktion „red green card“ ein Schlag ins Wasser wurde: Welcher Inder will schon das warme Klima und das scharfe Essen aufgeben und ins kalte Land von Eisbein und Sauerkraut ziehen?

Nipuna zieht jedenfalls alle Register wenn es darum geht, Leute zu halten. Da die Mitarbeiter im Call Center wegen des Zeitunterschieds in der Regel nachts arbeiten müssen, fährt sie der Firmenbus oder ein Dreirad-Taxi nach Dienstschluss heim. Auf dem Satyam-Campus gibt es Tischtennisplatten, ein Schwimmbad, ein Tierpark und sogar eine kleine Golfanlage. Jeder Mitarbeiter kann Sprach- oder Qualifizierungskurse buchen und sich laufend fortbilden – in einem so bildungshungrigen Land wie Indien ein wichtiges Plus.

Aber Roddam hat eine Geheimwaffe, die er oft und gerne einsetzt: die Familie. „Wenn ein junger Ingenieur von der Uni zu uns kommt, schreibe ich einen Brief an seine Eltern und beglückwünsche sie dazu, dass ihr Sohn sich dafür entschieden hat, bei einer so starken und zukunftsorientierten Firma wie uns zu arbeiten. Wenn der junge Mann ein halbes Jahr später nach Hause kommt uns sagt, er möchte den Job wechseln, nimmt ihn in der Regel sein Vater dann beiseite und redet ihm ins Gewissen. So überzeugend ist nicht einmal unser Personalchef…“ Auch Ehefrauen und Studienkollegen erhalten gelegentlich Post von ihm.

Merke: Wenn es um gute Leute geht, werden wir uns alle in Zukunft etwas einfallen lassen müssen. Vielleicht können uns die Inder da sogar etwas beibringen.
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