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You Got ID? Drucken
Montag, 27. Juni 2005
Europäer wollen es oft nicht glauben, aber es stimmt: US-Amerikaner kennen keinen Personalausweis. Da die Gründungsväter die Freizügigkeit als Bürgerrecht definiert haben, verlaufen seit über 200 Jahre sämtliche Versuche, eine Registrierungspflicht analog der deutschen polizeilichen Meldepflicht einzuführen, im Sande. Diese aber wäre Grundlage eines lückenlosen Ausweissystems. In USA wird statt dessen gefragt: „You got some ID?“ Der Amerikaner kramt dann meistens seinen Führerschein hervor – schließlich besitzt den so gut wie jeder im Land der unbegrenztem Möglichkeiten schon ab seinem 16ten Geburtstag. Wer keinen hat, legte bislang seinen Sozialausweis (Social Security Card) oder im Extremfall eine Geburtsurkunde vor. Da es in den USA aufgrund einer sehr strengen Auslegung des Freizügigkeitsbegriffs nie eine polizeiliche Meldepflicht gegeben hat, wurde dem freien Bürger bislang auch nicht zugemutet, einen Ausweis mit sich zu führen. Nur, wer ins Ausland reiste, benötigte immer schon einen Reisepass – aber die meisten Amerikaner reisen ja bekanntlich nie ins Ausland. Also muss in der Tagespraxis die amtliche Fahrerlaubnis herhalten.

Als nationales Ausweissystem sind die bislang verwendeten Führerscheine allerdings nur bedingt geeignet, denn jeder Bundesstaat legt Format, Geltungsdauer und Material des Dokuments nach eigenem Gutdünken fest. Ergebnis: In Vermont, einem entlegenen Bundesstaat im äußersten Nordosten, tragen die Führerscheine nicht einmal ein Foto.

Und nun das: Im Zuge des Aufräumens nach dem Geheimdienst-Desaster des 11. September 2001 wird das Ministerium für Heimatschutz (Department of Homeland Security) in Zukunft zwingend vorschreiben, wie ein Führerschein in Amerika auszusehen hat. Und er wird „maschinenlesbar“ sein - was das auch immer heißen mag. In Washingtoner Regierungskreisen werden Magnetstreifen oder Barcodes derzeit am höchsten gehandelt.

Das ist für viele Amerikaner wahlweise eine Revolution oder der Super-GAU. Denn auch wenn es kein Verantwortlicher offen ausspricht: Amerika gibt sich damit zum ersten Mal in seiner Geschichte ein nationales ID-System. Außerdem muss jeder Führerschein in Zukunft auch über ein Digitalfoto verfügen, so dass erstmals landesweite Datenbankabfragen möglich sein werden.
Doch schon zieht Widerstand auf: Die Amercian Civil Liberties Union, die oberste Bürgerrechtsorganisation des Landes, meldet Zweifel über den Sinn der Maßnahme an. Führerscheinfälscher würden dadurch in ihrer Arbeit kaum behindert, meinte ACLU-Sprecher Greg Nojeim. Wozu also das Ganze?

Das wird am Ende Präsident George W. Bush entscheiden müssen, auf dessen Schreibtisch die neue Gesetzesinitiative landen wird – wenn sie den Spießrutenlauf durch beide Häuser des Congress übersteht. Wobei die Chancen besser stehen denn je. Denn auf Veranlassung der Republikaner wurde ein Passus aufgenommen, der die Gültigkeitsdauer von Führerscheine von Ausländern mit dem Ablaufdatum ihrer Aufenthaltsgenehmigung koppeln soll. Die Schurken von Al Qaida stünden also, so das Szenario, eines Tages ohne Personalausweis da. Und müssten dann ja wohl das Land verlassen. Denn was sollen sie tun, wenn sie einer fragt: „You got ID?“
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