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Die Schirrmacher-Story, oder: Von der Irrelevanz des Bloggens Drucken
Donnerstag, 4. März 2010

Wir Blogger müssen uns langsam echt die Frage stellen, ob wir relevant sind. Diese Frage drängte sich mir auf, als ich einen Beitrag von Florian Ranner auf dem von mir sehr geschätzten Blog "grenzposten.de "  las, der sich mit meinem Zwist mit Frank ("mein Kopf kommt nicht mehr mit") Schirrmacher befasste, dem ich ja vorwerfe, in seinem diversen Büchern und Zeitschriften eine an nationalsozialistische Propaganda erinnernde Argumentationsweise zu verwenden.

Notabene: Ich sage nicht, Schirrmacher sei ein Nazi. Ich sage nur, er verwendet die gleichen Techniken, die Nazi-Propagandamacher (und nicht nur die) in der Vergangenheit verwendet haben, nämlich: grobe Vereinfachung (Schwarzweiß-Malerei), fahrlässiger Umgang mit Fakten und Zitaten (wir Journalisten sagen dazu augenzwinkernde "Fakten schönen") und vor allem: Angstmacherei.

Die in der Regel in der Ich- oder Wir-Form geschriebenen Bücher und Artikel Schirrmachers enthalten zahllose Beispiele dieser populistischen Emotionalisierung. Schirrmacher stellt den Menschen als machtlos der Maschine gegenüber:
  • "Payback", Seite 15: „Aber ich bin unkonzentriert, vergesslich und mein Hirn gibt jeder Ablenkung nach. Ich lebe ständig mit dem Gefühl, eine Information zu versäumen oder zu vergessen, und es gibt kein Risiko-Management, das mir hilft. Und das Schlimmste: Ich weiß noch nicht einmal, ob das, was ich weiß, wichtig ist, oder das, was ich vergessen habe, unwichtig.“
  • Seite 18: „Das Gefühl von Vergesslichkeit und Vergeblichkeit steht nicht im Widerspruch zu den gigantischen Datenmengen, die täglich gespeichert werden, sondern ist deren Resultat.“
  • Seite 20: „Wir werden aufgefressen werden von der Angst, etwas zu verpassen, und von dem Zwang, jede Information zu konsumieren. Wir werden das selbstständige Denken verlernen, weil wir nicht mehr wissen, was wichtig ist und was nicht. Und wir werden uns in fast allen Bereichen der autoritären Herrschaft der Maschinen unterwerfen.“
  • Seite 27 unten: „Kurzum: Wir sind tatsächlich alle betroffen. Wir alle habe zunehmend Probleme, ein Buch zu lesen.“
  • Seite 36 Mitte: „Unser gesamtes Bildungswesen ist instabil geworden (...).“
  • Seite 39 Mitte: „Wieso fällt es uns auch zunehmend schwerer, einem Gespräch zu folgen oder eine Nachricht zu ignorieren? Wieso wächst bei der Mehrzahl der Bewohner der westlichen Welt das Gefühl, keine Kontrolle mehr über ihr Leben, ihre Zeit ihre Alltag zu haben? Was genau geschieht mit unserem Gehirn, unserer Auffassungsgabe, unserer Konzentration? Und wie kann man es schaffen, im Netz und in seinem eigenen Kopf zu Hause zu sein?
  • Seite 44 unten: „Aufmerksamkeitsverlust und Blackouts kennt mittlerweile jeder. Die nächste Verschärfungsstufe ist der Erinnerungsverlust.“

Gerade durch diese Art der Emotionalisierung gelingt es Schirrmacher gemeinsam mit dem Leser, das Feindbild „Informationszeitalter“ zu zeichnen und den Leser auf „seine Linie“ zu bringen. Schuld sind die Algorithmen - und damit in extensio diejenigen, die diese Algroithmen schreiben oder schreiben lassen. Fertig ist das Feindbild: So schnell geht das.

Feindbilder sind aber ein klassisches Mittel totalitärer Meinungsmanipulation und Propaganda. Der Historiker Wolfgang Benz, der das Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin leitet, und der auch Herausgeber der „Dachauer Hefte“ ist, schrieb in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 04.01.2010:

 „Bausteine des Feindbilds sind Verallgemeinerung und Reduktion von wirklichen oder vermeintlichen Sachverhalten auf Negativa. Gerüchte, Unterbewusstes, Hörensagen, literarische und volkstümliche Überlieferung erheben sich zu ‚Tatsachen’ – die jedoch nur vom Glauben leben.“

Besser kann man das „System Schirrmacher“ nicht beschreiben.

Die Argumentationsmuster Angstmacherei/Emotionalisierung, Vereinfachung und Desinformation/Verwirrung ziehen sich auch durch die Veröffentlichungen Frank Schirrmachers wie ein roter Faden, zum Beispiel in „Methusalem-Komplott“ und „Minimum“.

  • So behauptet Schirrmacher auf Seiten 108 f. des „Methusalem-Komplott“: „Wir sind die erste Generation mit der Erfahrung des kollektiven Alters.“. Diese Behauptung ist deshalb unrichtig, weil das durchschnittliche Alter und die Lebenserwartung seit Jahrzehnten kontinuierlich steigt, wie ein Blick auf die Übersicht über die durchschnittliche Lebenserwartung im Jahre 1950, 2003 (und 2030) des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales beweist.
  • Schirrmacher behauptet auf Seite 16 des „Methusalem-Komplott“, dass die „heute“ 12-Jährigen den stärksten Jahrgang der 60-Jährigen“ stellen werden. Das Buch erschien im Jahr 2004. Der Antragsteller meint also den Jahrgang 1992. Seit 1990 geht die Geburtenrate jedoch kontinuierlich zurück. Der Jahrgang 1992 wird also sicherlich nicht der stärkste Jahrgang der 60-Jährigen werden.
Die Aufarbeitung des statistischen Materials im Schirrmacher-Buch „Minimum“ ist ebenfalls auf erhebliche Kritik gestoßen.
  • Professor Dr. Gerd Bosbach vom Lehrstuhl für empirische Wirtschafts- und Sozialforschung der Fachhochschule Koblenz hat am 15.03.2006 ausführlich den „unsauberen Umgang mit Fakten “ durch Schirrmacher in „Minimum“ dargestellt und bezeichnet den Antragsteller sogar als „Fakten-Verdreher“.
  • Gert G. Wagner, Professor für Volkswirtschaft an der TU Berlin, geht ebenfalls schonungslos mit der offenbar wenig ausgeprägten Wahrheitsliebe Schirrmachers um. Professor Wagner schreibt am 11.03.2006 in www.taz.de : „Manchmal trickst Schirrmacher regelrecht, um sein Argument zu stärken. Er hat offensichtlich die neuere Diskussion um die völlig überhöhte Zahl von kinderlosen Akademikerinnen in seiner FAZ sorgfältig gelesen und schreibt: ‚Achtunddreißig Prozent der westdeutschen Akademikerinnen in der Alters-gruppe zwischen fünfunddreißig und neununddreißig Jahren leben ohne Kinder’ richtig, aber das heißt nicht, dass sie keine Kinder haben! Bei einigen sind sie schon aus dem Haus – und etliche bekommen ihr erstes Kind erst noch. In Wahrheit liegt der Anteil kinderloser Akademikerinnen heutzutage zwischen 25 und 30%. Immer noch eine Menge, die durch bessere Kinderbetreuung und Ganztagsschulen reduziert werden könnte, aber eben weit weniger als 40%.“

Das alles ist doch eine Story! Meine Journalisten-Nase sagt mir: Eigentlich müssten die Medien auf Frank Schirrmacher längst einprügeln. Jedenfalls dann, wenn sie ihre Arbeit gemacht und die unhaltbaren Behauptungen und populistischen Angstmacher-Thesen dieses „Boulevardjournalisten unter den Philosophen“ (so Andrian Kreye in der „Süddeutschen“) auf eine Weise unter die Lupe genommen hätten, wie es ihrem Selbstverständnis als „Qualitätsjournalisten“ entspricht.

Sie tun es nicht. „Wie kann das sein? Warum wurde daraus keine Story?“, fragt Florian Ranner mit Recht. Und weiter:

„Hat man der Quelle misstraut (Habe mit einem der Macher gesprochen, der versichert hat, das das echt ist)? War der Brief zu lang, so dass ihn niemand wirklich gelesen hat? Hat die Headline des Blogposts nicht genug dramatisiert? Hat das Blog zu wenige Leser, die die kritische Masse für eine kommunikationstechnische Kettenreaktion bilden? Ist das ein perfider Effekt sozialer Massenpsychologie, dass Menschen diese Story nicht weitertragen, weil Sie fürchten in eine gewisse Ecke gestellt zu werden? Oder funktionieren Nachrichtenfaktoren im Social-Web nicht mehr (und wenn das so ist, was ist dann an ihre Stelle getreten)?“

Richtige Fragen, auf die der Blogger keine echte Antwort findet. Nur so viel: „Vielleicht aber haben all die Kommunikationswissenschaftler den wichtigsten aller Nachrichtenfaktoren nicht berücksichtigt. Den Zufall. Ich für meinen Teil bin immer noch fassungslos, dass das keine Story geworden ist.“

Ich bin es auch, zumal die Richter am Landgericht Hamburg soeben ihre Entscheidung, mir einen Satz, mit dem ich den Vergleich Schirrmachers mit den Propagandamachern des schlimmsten Kapitals der deutschen Geschichte wage, zu verbieten, gerade bestätigt haben. Im Klartext: Schirrmacher hat gegen mich eine Einstweilige Verfügung erwirkt. Ich habe dagegen Einspruch erhoben, die gleichen Richter, die die EV erlassen haben, haben sich geweigert, diese zurück zu nehmen. Es wird also eine weitere völlig überflüssige Runde vor dem Oberlandesgericht Hamburg geben, ein paar Anwälte werden reicher werden, der Rechtsfindung und der geschichtlichen Aufarbeitung der Propagandamacherei wird vielleicht gedient, aber sonst niemandem. Und Frank Schirrmacher wird weiterhin Bücher schreiben, Kritiker desavouieren und Gegner bis an die Grenze des Rufmords verfolgen dürfen.

Im deutschen Blätterwald wird Schweigen herrschen. Und auf diesen und ähnlichen Blog-Einträgen werden eine Handvoll Kommentare kommen. Oder, wie Florian Ranner sagt: „Das ist doch ein Hammer, oder? Aber der noch viel größere Hammer ist, dass es offensichtlich kein Hammer ist, denn die Story wurde keine.“

Kommentare
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Rolf Schälike - www.buskeismus.de     | 93.104.32.xxx | 2010-03-06 18:04:07
Auseinadersetzungen im Blog können teuer werden.

Das Verfahren - Schirrmacher vs. Cole - bei Richter Schulz am 02. März 2010 in Hamburg habe ich beobachtet und darüber berichtet (http://tinyurl.com/yh84p5y)

Ich empfehle allen Betroffenen, die einstweiligen Verfügungen der Zensurkammern über sich ergehen zu lassen, und auf das Hauptsacheverfahren hinzuarbeiten: entweder dieses zu beantragen oder abzuwarten, bis der Kläger von sich aus klagt.

Damit wird der Weg zum BGH bzw. Bundesverfassungsgericht, falls man diesen vertraut, verkürzt. Das spart Nerven/Stress und Kosten.

Eile ist meist nicht geboten. Man gewinnt, beantragt man die Einleitung des Hauptsacheverfahrens nicht, Zeit für die Vorbereitung und die notwendige Sachkenntnis, der Zensur zu widerstehen.
Michael Kostic     | 88.72.221.xxx | 2010-03-16 22:53:50
Zu den Richtern im Norden fällt mir spontan die Feststellungsklage ein. Auffällig ist jedoch wie oft die "Täter" mit diesem für sie unangenehmen Vorgehen verschont werden.
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