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Im deutschen Internet gehen die Uhren anders Drucken
Samstag, 13. Februar 2010

Die endlose Sitcom, die sich „deutsche Medienpolitik“ nennt, wird gerade heimlich um eine wunderbar komische Episode bereichert. Heimlich deshalb, weil der bereits fertige Entwurf eines neuen Jugendschutzgesetzes dieser Tage von den Staatskanzleien der Länder ohne öffentliche Diskussion durch gewunken wird; der Segen der Landesparlamente gilt als ausgemachte Sache. Die »Novellierung des Staatsvertrages über den Schutz der Menschenwürde und den Jugendschutz in Rundfunk und Telemedien« enthält viele Änderungen, „gegen die die geplanten Stopp-Schilder mit geheimer BKA-Liste fast harmlos erscheinen“, wie der bloggende Jurist Georg Wieselsberger auf gamestar.de spöttelt.

Medienrecht ist nun mal Ländersache in unserer  Flickerlteppich-Republik, und es ist schon lange eine Lachnummer. Aber jetzt übertreffen sich die Akteure, Jürgen Rüttgers, CDU (Spitzname: „Robin Hood“), und Kurt Beck, SPD (Spitzname: „Mecki“), die zusammen das Papier ausgeheckt haben. Sie wollen – kein Witz! – „Sendezeiten“ für das Internet einführen. Vor 22 Uhr kein Schweinekram mehr im Netz!

So, wenn Sie sich jetzt bitte wieder beruhigen würden und weiterlesen: Es kommt noch dicker! Inhalte im Internet sollen ein „Label“ erhalten, aus dem ersichtlich wird, für welches Alter die Seiten geeignet sind. „Frei ab 12 Jahren“, zum Beispiel. Ach so, und bevor ich’s vergesse: Provider sollen auch für die erreichbaren in- und ausländische Seiten verantwortlich gemacht werden, was auch die Pflicht zur Sperrung von ausländischen Seiten beinhaltet, die nicht deutschen Gesetzen entsprechen.

Das Problem liegt auf der Hand: Wenn es bei uns 22 Uhr, wie viel Uhr ist es dann in, sagen wir, San Francisco? Oder Shanghai? Oder Novosibirsk? Irgendwo ist immer 22 Uhr, Gute Nacht, Deutschland!

Nun, im bierernsten Düsseldorf und in Mainz wie es singt und lacht ist immer gleichzeitig 22 Uhr, und zwar immer zur gleichen Zeit. Aber Komödiantenstadel ist dort eigentlich rund um die Uhr. Aber sei’s drum, spinnen wir die Idee doch weiter. Hier ein paar Verbesserungsvorschläge:

  • Nachrichten gibt’s im Internet künftig um 20 Uhr (das heißt, Mainz wird auch da wahrscheinlich wieder ausscheren und schon um 19 Uhr die Katzen aus den Säcken lassen.
  • Bundesligaergebnisse dürfen am Samstag erst ab 18:30 Uhr ins Netz gestellt werden. YouTube darf  nur Ausschnitte zeigen.
  • Deutsche Online-Läden müssen am Sonntag grundsätzlich geschlossen bleiben.

Soll ich weitermachen? Nee, lieber nicht. Ich schließe mich stattdessen Jörg Tauss an, dem einzigen Mann im deutschen Bundestag, der offenbar überhaupt eine Ahnung hat, wie das Internet funktioniert. Halt, ich muss mich korrigieren: Er sitzt ja leider nicht mehr im Bundestag, sondern zuhause und wartet auf seinen Prozess wegen Kinderpornobesitz. Noch s’n Treppenwitz der deutschen Politikgeschichte.

Dafür schreibt er fleißig in seinem Tauss-Blog, wo er daran erinnert, dass sich die Internet- Enquetekommission schon 1996 mit der Schnapsidee einer Sendezeitbegrenzung rumgeschlagen hat, bis es denen auffiel, dass es rund um die Welt versetzte Zeitzonen gibt.

Ich durfte übrigens seinerzeit auch mal als „Fachexperte“ vor der Enquetekommission aussagen. Leider war Jörg Tauss an dem Tag nicht da, warum auch immer. Entsprechend flach waren die Fragen der “Volksvertreter”, von denen offensichtilich keiner jemals online gewesen war. Ich weiß zwar nicht mehr, wie viel Uhr es war, aber ich hatte schon damals das Gefühl, die Uhren gingen dort irgendwie anders. Bis heute.

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Letzte Aktualisierung ( Mittwoch, 24. Februar 2010 )
 
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