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Es gibt so viele Geschichten über schottischen Whisky. Vielleicht sind einige davon sogar wahr.
Nach dem zweiten Glas wird Robin Laing immer etwas nachdenklich. „Es ist doch erstaunlich, wie oft in schottischen Whisky-Liedern der Teufel auftaucht“, sagt er, und nippt an seinem Dritten. „Das hat wahrscheinlich etwas mit unserer calvinistischen Vergangenheit zu tun. Das Whiskytrinken führt wahrscheinlich geradewegs zur Hölle. Aber andererseits ist es auch ein gutes Geschäft, und darin liegt ja nach dem calvinistischen Verständnis der Weg zum Seelenheil.“
Man kann es einem wie Robin nachsehen, dass er Whisky nicht nur trinkt, sondern darüber auch lange und intensiv nachdenkt. Er lebt ja schließlich auch davon. Nicht vom Whiskymachen, wie die vielen Schotten, die in einer Brennerei arbeiten oder Handel mit Fässern und Flaschen betreiben. Robin ist nämlich Sänger, und zwar der einzige offizielle „Whisky-Barde“ des Landes. Seine Lieder haben Dinge zum Thema wie „More Than Just A Dram“ (ein Dram ist ein in Schottland gebräuchliches Whisky-Trinkmaß, ein Gläschen in Ehren, eben) oder „The Angels’ Share, den Anteil der Engel, der beim jahrlangen Lagern aus jedem Holzfass entweicht und sich unwiederbringlich in Luft auflöst – sehr zum Leidwesen der Schotten, die am liebsten jeden Tropfen ihres Nationalgetränks in durstige Kehlen aufgehoben wissen würden.
Whisky ist für die Menschen im Norden der britischen Inselgruppe mehr als eine Spirituose, es ist ein wichtiges Stück ihres Lebens. Das sagt auch schon der alte keltische Name: „uisege beatha“, zu deutsch Lebenswasser. Jahrhunderte lang glaubte man tatsächlich, dass Whisky Leben retten kann, und verabreichte es als Universalmedizin gegen lebenbedrohende Leiden wie Darmkolik, Pocken und Tuberkulose. „Selbst wenn es nicht gewirkt hat, die Menschen starben wenigstens fröhlich“, glaubt Robin. „Und außerdem half es, die langen und kalten schottischen Nächte zu überleben, sozusagen als Zentralheizung in der Flasche...“
Der Whisky hat auch die nationale Volksseele mitgeformt, glaubt er. Den Schotten wird nicht nur Geiz, sondern auch ein Hang zur Gesetzlosigkeit nachgesagt, was aber seiner Meinung nach die Schuld der „Sassenach“, der Sachsen, wie die Engländer heute noch ein wenig abfällig von den Schotten genannt werden. Die hätten 1707 nach der Vereinigung der beiden Länder versucht, eine Steuer auf Whisky durchzusetzen. Das trieb die Whiskyfreunde in den Untergrund: Anfang des 19. Jahrhunderts wurden jedes Jahr bis zu 14.000 Schwarzbrennereien von den Zollfahndern seiner Majestät, den gehassten „excisemen“, aufgebracht und zerstört. Man schätzt, dass mehr als die Hälfte des in Schottland getrunkenen Whiskies damals illegal hergestellt wurde.
Das hat sich inzwischen sehr geändert, auch wenn man in manchen Kneipen in Edinburgh oder Glasgow immer noch „unter der Theke“ einen glasklaren Rachenputzer, den „Moonshine“, der so heißt, weil er angeblich nur bei mondklarer Nacht hergestellt wurde, weil man da die herannahenden Zöllner schon von weitem erblicken konnte.
Lässt man die Schwarzbrennereien außer Acht, so gibt es in Schottland heute etwa 125 Destillen, von denen allerdings einige nicht mehr aktiv sind. Keine zwei sind sich wirklich gleich. Das hat nicht nur mit der umgebenden Landschaft zu tun, auch wenn naturgemäß eine Highland-Brennerei einen völlig anderen Eindruck auf den Besucher hinterlässt als beispielsweise eine in den Lowlands oder auf den sturmgepeitschten Inseln vor der Westküste wie Islay oder Jura. Weniger bekannt, aber unter Kennern mindestens ebenso beliebt, sind die Brände aus dem „Speyside“, der „Whisky Country östlich von Inverness, beziehungsweise aus der kleinsten Whisky-Region, Campbeltown, im Südwesten.
Während die großen schottischen Markennamen wie Johnny Walker oder Ballentines heute auf der ganzen Welt ein Begriff sind, tragen die meisten der kleinen Brennereien seltsam klingende (und meist schwer auszusprechende) Namen wie „Laphroig“, Auchentoshan“, „Strathisla“, „Bunnahabhain“ oder „Caol Ila“. Die meisten von ihnen sind auf den Gästeempfang geeicht, bieten Führungen und Verkostungen wahlweise für Einzelbesucher oder Touristengruppen.
Die Guides erzählen dabei gerne Geschichten und zitieren Statistiken, die mit jedem Glas glaubhafter werden (oder vielleicht ist uisege beatha einfach ein gutes Serum gegen die Skepsis der Städter). So sollen angeblich die Franzosen in einem Monat mehr schottischen Whisky trunken als Cognac in einem Jahr. Scotch Whisky soll überhaupt die meistgetrunkene Spirituose der Welt sein, und wird angeblich in mehr als 200 Länder exportiert. Und dass in einem typischen „Dram“ nicht mehr als 50 Kalorien enthalten sein sollen, weniger also als in einem Glas Bier oder Wein, das soll erklären, warum es in Schottland so wenig dicke Menschen gibt.
„Es gibt so viele Geschichten über schottischen Whisky“, seufzt Robin Laing und hebt erneut sein Glas. „Wer weiß, vielleicht sind einige davon sogar wahr…“
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