| Der Berliner Twitter-Marathon |
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| Montag, 21. September 2009 | ||||||
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Laufen und gleichzeitig twittern - geht das überhaupt? Irgendwie schon - aber irgendwie auch wieder nicht... Über den Langstreckenlauf ist schon viel geschrieben worden, allerdings meistens erst nach dem Laufen. Beispiele für eine zeitgleiche schriftliche Aufarbeitung der Eindrücke und Empfindungen beim Absolvieren längerer Laufstrecken sind eher selten, und zwar aus naheliegenden praktischen Gründen. Das Hantieren mit Stift und Notizblock setzt in der Regel stationäre Bedingungen voraus, weil man das Gekraxel hinterher sonst nicht mehr entziffern kann. Die gängige Kompromisslösung besteht im Mitführen eines Tonbandgeräts, mit dessen Hilfe man seine ins Mikrofon gekeuchte Kommentare anschließend auf Papier oder in den Computer übertragen kann. Wir leben aber in einem neuen, dem Twitter-Zeitalter, und da sind neue Kommunikations- und Ausdrucksformen gefragt. Weshalb sich der Autor dieser Zeilen am gestrigen Sonntag zu einem ungewöhnlichen Selbstversuch entschloss, der sich am besten mit dem Begriff: „Twitter-Marathon“ umschreiben lässt. Nein, es ging nicht darum, einen Rekord im Absetzen möglichst vieler 140 Zeichen-Nachrichten innerhalb einer bestimmten Zeit aufzusetzen. Die Absicht war vielmehr, eine Art „Live Tweet-Feed“ von der 36ten Ausgabe des legendären Berlin-Marathons abzusetzen, ein neues Feld für die digitale Spontankommunikation zu eröffnen und damit meinen „Followers“ sozusagen die Gelegenheit zu einer digitalen Verfolgungsjagd zu geben. Um zu prüfen, ob es überhaupt möglich ist, beim Laufen zu twittern, habe ich während des Abschlusstrainings entlang der Isarauen versuchsweise meiner Frau ein SMS geschickt, was erstaunlich gut gelang. Ich verwendete dazu mein Standard-Handy, ein Palm Centro, das über eine Minaturtastatur (vulgo: „Mäuseklavier“) nach dem deutschen QWERTY-Schema verfügt. Als langjähriger Tastaturverwender bin ich in der Lage, Texte auf einem normalgroßen Tastenfeld weitgehend blind einzugeben. Beim Winzling dagegen ist eine ständige Sichtüberprüfung der Eingabe erforderlich, weil man häufig zwei oder sogar drei Tasten gleichzeitig erwischt, was zu oft interessanten, für den Empfänger aber kaum verständlichen Resultaten führt. Die ersten Testergebnisse waren durchwachsen, und ich dachte anfangs daran, das Problem der mobilen Dateneingabe sozusagen per Delegation zu umgehen, etwa die Texte per Telefon an meine mich nach Berlin begleitende Ehefrau durchzugeben, die sie dann per Laptop an Twitter absetzen könnte. Doch ein solcher Medienbruch, so meine Überlegung, würde die gewünschte Unmittelbarkeit des Kommunikationsvorgangs unterbrechen und wurde deshalb am Ende fallen gelassen. Ich beschloß also am Sonntag mit dem Handy in der Hand an den Start zu gehen, gemeinsam mit rund 40.000 anderen Menschen, alle mit dünnen Kurzarmhemden und Läufer-Shorts bekleidet und finster entschlossen, zu Fuß und im Laufschritt eine Strecke von 42,195 Kilometer durch die Straßen der Hauptstadt in möglichst kurzer Zeit zurück zu legen. Eigentlich begann mein Twitter-Marathon ja schon am Vortag, als ich auf dem Weg zum Münchner Flughafen folgende halbverschlafene Meldung absetzte:
Abends folgte die Meldung:
Das aber waren nur leichte Fingerübungen, die zudem unter normalen Umweltbedingungen (fester Untergrund) zustande kamen. Der erste Tweet am nächsten Morgen fand schon unter verschärfter Versuchsanordnung statt, nämlich aus dem wartenden Pulk der Mit-Läufer in Block „G“ am „Kleinen Stern“ zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule, wo ich tippte:
Als Leser könnten man sich hier gefragt haben, ob es beim Marathonstart womöglich schon Sekt zur Antriebsunterstützung gibt. In Wirklichkeit liegen eben die Buchstaben „l“ und „k“ nebeneinander, was zum ersten wirklich verständniserschwerenden Typo des Tages führte. Ihr folgte gleich nach dem Start die nächste, als ich nämlich schrieb:
Der Sinngehalt der Botschaft erschließt sich erst, wenn einem klar wird, dass beim Palm zum Umschalten zwischen Buchstaben und Zahlen eine spezielle Taste gedrückt werden muss, was in diesem Fall verabsäumt wurde, sonst hätte es „41,5 km“ geheißen. Es folgten mehr oder weniger gelungen abgesetzte Meldungen über Beobachtungen rechts und links der Strecke, wie beispielsweise:
Wieder das Zahlen-Problem: Eigentlich sollte es „6:48“ heißen. Und auch die Nachricht:
ist nur durch Ersetzen von „t“ durch „3“ vollinhaltlich nachvollziehbar. Ich bilde mir aber ein, dass der tifere Sinn des Getwitterten durchaus angekommen ist – nämlich dass sich bereits kurz nach dem Start Temperaturen abzeichneten, die eher dem Langstreckenlauf unzuträglich sind (was später dazu führen sollte, dass Berlin-Dauersieger Haile Gebrselassie den eigenen Weltrekord doch nicht, wie erwartet, unterbot, sondern „nur“ nach 2:06:08 ins Ziel kam). Es folgten mehr oder weniger erhellende – und entzifferbare – Momentaufnahmen wie:
Gelegentlich aber führte die Kombination von dauernder Erschütterung und der Notwendigkeit, den dichten Läuferverkehr um mich herum im Auge zu halten, zu echten Rätseltexten wie dieser;
Hier sei deshalb die Übersetzung nachgeliefert: „28:04 mir kommt ein ‚Geisterläufer‘ entgehen. Ich sag „da geht’s lang“. Er lacht und läuft weiter in die falsche Richtung.“ Die Tweets von den ersten Kilometern durch Alt-Moabit und durch das Regierungsviertel zeugen noch von einem unbeschwerten Läufervergnügen und der Fähigkeit, auch an andere Dinge als an den Zustand des eigenen Gehapparats zu denken, etwa:
Auch Texte wie:
zeugen noch von einer gewissen Leichtigkeit des Seins. Doch schon kurz darauf die erste Warnung:
Es sollte ein Dauerthema werden, denn ungefähr ab Kilometer 15 machten sich Beschwerden im rechten Knie bemerkbar, die mich bis ins Ziel begleiten und die sowohl den Spaß wie auch die Endzeit deutlich dämpfen sollten. Gut: Schmerzen sind der ständige Begleiter des Langstreckenläufers, und man hat mit den Jahren gelernt, die Zähne zusammen zu beißen. Aber es gibt solche Schmerzen und solche, und diese waren eindeutig diese. Aufgeben wäre vielleicht vernünftiger gewesen, aber Aufgeben ist für den echten Marathonläufer keine wirkliche Option… Gut, dass die Berliner so ein tolles Publikum sind. Mehr als eine Million von ihnen säumen ja jedes Jahr die Strecke und feuern die Läufer mit aufmunternden Zurufen („Gib‘ alles!“) und zahlreichen musikalischen Darbietungen an. Wie wichtig solche psychologische Unterstützung ist, zeigt folgender Tweet, der irgendwo vor Kilometer 20 abging:
Doch kurz darauf ist der Twitterer nur noch mit sich selbst, beziehungsweise mit seinem nunmehr wichtigsten Körperteil beschäftigt:
Aber immer wieder schaffen es die Zuschauer, den drohenden „Tunnelblick“ durch eine plötzlich aufblitzende Impression aufzuhellen, wie beispielsweise kurz danach, als ein hochgehaltendes Plakat meine Aufmerksamkeit auf sich zog und zu folgendem digitalen Kommentar führte:
Die inzwischen brütende Berliner Hitze begann sich langsam ernsthaft auf die Läuferschaft auszuwirken, aber das ist man in Berlin bereits gewohnt, und man hat entsprechende Gegenmaßnahmen ergriffen. Ich habe noch nie so viele Labestationen auf einer Marathonstrecke erlebt, und folgender Tweet zeugt von der Dankbarkeit, die wir Läufer für die Berliner Feuerwehren empfanden, die immer wieder ihre Schläuche auf die Vorbeilaufenden richteten und damit für vorübergehende Abkühlung sorgten:
Die Mischung aus Hitze und Schmerz begann sich offenbar auf meine Konzentration auszuwirken, denn kurz darauf folgende Schreckensnachricht:
Tatsächlich hat ein Läuferfeld beim Marathon große Ähnlichkeit mit einer durchgebrochenen Rinderherde in alten Westernfilmen (auch als “Stampede” bekannt), und gnade Gott demjenigen, der plötzlich und unvermittelt mitten im Pulk anhält. Nun, irgendwie habe ich das fallengelassene Gerät wieder ergattert, und der Twitter-Marathon konnte weitergehen. Allerdings unter zunehmender Pein: Ungefähr ab Kilometer 30 fühlte sich das Knie an, als ob es auf die Größe eines Basketballs angeschwollen wäre. An jeder Labestation kippte ich 2 bis 3 Becher kaltes Wasser drüber, und irgendwie ging es weiter. Die per Twitter geäußerten Gedanken allerdings werden ab diesem Zeitpunkt zum teil ziemlich wirr. Oder was soll das hier eigentlich heißen:
Keine Ahnung. Dafür müssen aber meine oleofaktorischen Funktionen noch in Ordnung gewesen sein, wie folgender Kommentar aus der Schlußphase des Laufs beweist:
Zunehmend aber wird die Doppelbelastung von Laufen und Twittern zur Qual, was schließlich zu der angsterregenden Meldung führt:
Danach herrscht 5 Kilometer lang Funkstille, die endlich unterbrochen wird von dem getwitterten Freudensschrei:
Und nun beginnt sich die von körpereigenen Rauschstoffen induzierte Euphorie, die der wahre Lohn des Langstreckenläufers sind, auch digital durchzuschlagen, zum Beispiel in:
Und am Ende gipfelt alles in einem hastig, aber dafür erstaunlich fehlerfreien Tweet:
Danach ist erst mal Schweigen, denn nach 42 Kilometern will der Marathonläufer nur eines: Sich an ein Gitter lehnen und schnaufen, schnaufen, schnaufen! Auf wackeligen Beinen geht’s dann Richtung Ausgang, wo man die Medaille um den Hals gehängt bekommt und wo die liebreizendste Gattin der Welt, wie es inzwischen unsere gute Marathon-Familientradition ist, mit einem randvollen Glas Weißbier steht und mich empfängt. Und hier, endlich, bricht sich die Gefühlsaufwallung wieder digitale Bahn in dem tiefempfundenen Abschieds-Tweet:
Einen grundsätzlichen Nachteil hat diese Form des Twitter-Marathons per Handy natürlich schon: Der Läufer ist zwar auf Sendung, kann aber nichts empfangen. So erklärt sich auch die von irgendwo unterwegs geäußerte bange Frage (”ob wohl jemand mitliest?”) mit der noch größeren Einsamkeit des Langstreckenläufers, sobald er die zusätzliche Dimension des Cyberraums betritt. Dass die Angst völlig unbegründet war, erschloss sich erst am Abend, als ich am Flughafen Tegel wieder wie gewohnt per Laptop online gehen und bei Twitter nachschauen konnte. Das Ergebnis war geradezu überwältigend: eine Flut von digitalen Anfeuerungsrufen, Durchhalteparolen und Gratulationen wie dieser von einem gewissen @Paniker:
Offenbar hatte sich das Twitter-Projekt wie ein Lauffeuer herumgesprochen, unter anderem angestoßen von Tweets wie diesen von @pundp:
Meine Twitter-Freundin @PickiHH, die offenbar ständig online ist, meldete sich gleich zu Beginn mit:
Vom fernen Rhein meldete sich chrisvollmert
heidischall “@TCole1066 Und der Münsteraner Michael Solder fasste das Resultat des Projekts auf unnachahmlich twitterhafte Art und Weise in weit weniger als die maximal zulässigen 140 Zeichen, nämlich: Und damit wäre eigentlich alles gesagt…
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| Letzte Aktualisierung ( Freitag, 2. Oktober 2009 ) | ||||||
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